Liebe faire Mode, wir müssen reden! Ein Brief über Inklusion und Körperformen

Liebe faire Mode,

in manchen Köpfen hängt immer noch ein arg verstaubtes Müsli-Image von dir fest, das sich nur ganz langsam wandelt. Dabei sind die Klischees von Öko-Mode längst so veraltet wie eine Ausgabe der Vogue aus dem vergangenen Sommer. Jede Saison bekommen wir in Berlin und bei weiteren internationalen Modewochen aufs Neue zu sehen, wie weit du gekommen bist und wie sehr du dich in den letzten Jahren verändert hast.

Doch ich muss es einfach mal laut sagen: dieser Wandel ist noch nicht (gut) genug. Denn liebe faire Mode, du bist leider so gar nicht inklusiv.

Das Normativ der fairen Mode

Faire Mode scheint sich primär an eine Art Mensch zu richten: weiß, weiblich, gut verdienend, in einer Großstadt lebend, einigermaßen jung (älter als ein Teenager und vor den Wechseljahren) und idealerweise irgendwo zwischen den Kleidergrößen 36 bis 40.

Neben der notwendigen Ausstattung mit entsprechendem Budget und der passenden Körperform muss diese Person auch noch über ein gewisses Kontingent an Zeit verfügen, denn oftmals ist – auch bei der stetig wachsenden Anzahl von Labels – die Suche oder vielmehr das Finden eines passenden Kleidungsstücks mit Aufwand verbunden. Denn – und auch das muss mal gesagt werden – das Kaufen von fairer Mode ist häufig mit einem gewissen Commitment verknüpft (was wir oft auch gerne eingehen, denn schließlich ist Fairness und Nachhaltigkeit in der Mode sehr wichtig für uns).

Aber ein bestimmtes Kleidungsstück zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Größe für einen bestimmten Anlass zu finden, ist oftmals gar nicht so einfach – vor allem wenn nicht alle oben genannten Parameter vorhanden oder gegeben sind.

© Nora Dal Cero für Veggie Love

Drei Kleidergrößen reichen nicht aus

Laut dem Statistischen Bundesamt wiegt eine Frau in Deutschland durchschnittlich 68,7 Kilo (bei einer durchschnittlichen Körpergröße von 1,66 Meter) und hat einen Body-Mass-Index (BMI) von 25,1. Eine Erwachsene mit einem BMI über 25 stuft die Weltgesundheitsorganisation wiederum als übergewichtig ein. Meine Einschätzung ist also, dass die „Durchschnittsfrau“ hierzulande eher zu Kleidergröße 42/44 statt 36 bis 40 greift.

Womit wir beim Thema des heutigen Briefes sind: Liebe faire Mode, Kleidergrößen außerhalb deiner selbst geschaffenen Norm bietest du leider noch viel zu selten an. Was faire Mode zu einer Mode macht, die für viel zu viele Menschen allein aufgrund ihrer Körperform nicht tragbar ist. Dabei ist das Spektrum an Formen sowie Größen vielfältig und unterschiedlich, abgebildet wird dies allerdings nicht in deinen Kleidungsstücken. Schlimmer noch: Es wird weitestgehend ignoriert. Und das sowohl für Körpergrößen unterhalb, aber eben auch oberhalb der vermeintlichen Norm.

Faire Mode: lieber inklusiv statt exklusiv

Wie schon in meinem letzten Brief an dich geschrieben: Ich weiß, dass du viel leisten musst, um am Markt zu bestehen und wachsen zu können. Schnitte und Passformen für zusätzliche Größen außerhalb deines bisherigen Normativs zu entwerfen und zu entwickeln, kostet Ressourcen und Geld. Gerade für junge und kleine Labels eine Investition, die sicherlich eine Herausforderung darstellt. Dennoch macht die Entscheidung, nur einen bestimmten Ausschnitt an Kleidergrößen und damit Körperformen zu bedienen, die faire Mode zu etwas Elitärem sowie etwas Exklusivem im negativen Sinne.

Immer wieder sprechen wir davon, dass die faire Mode eine Revolution auf den Weg gebracht hat und diese eine gesamte Branche von innen heraus verändert. Eine Herausforderung, vor der die gesamte Modewelt steht: Die Zukunft von Mode muss nachhaltig, aber auch inklusiv sein. Denn wenn die faire Mode nur eine bestimmte Auswahl an Menschen adressiert, kann sie niemals die Mode für alle und damit zur Norm werden. Und darum geht es uns doch: Mode, zu der alle Zugang haben und die von allen getragen werden kann.

Körperform ist nur eine Facette von Inklusion

Faire Mode in einem breiteren Größenspektrum herzustellen und anzubieten, ist allerdings nur eine der vielen Facetten von Inklusion. Außer Acht gelassen werden bisher oft auch Herkunft, entsprechende Kulturen oder Religionen, Behinderungen, Alter, Gesellschaftsschicht und diverse Geschlechter.

In der gesamten Modebranche geht der Weg zur Inklusion nur langsam und schleppend vorwärts. Liebe faire Mode, bitte geh du doch mit deinem Weitblick und Willen, die Modewelt zu verändern voran und lass die Moderevolution eine richtig große und eine für wirklich alle Menschen werden.

Deine Franziska

P.S. Liebe faire Mode, hier kannst du dir Modelabels anschauen, die ihre Schritte bereits inklusiv gehen. Vielleicht ein Vorbild für die ein oder andere nächste Kollektion?

Beitragsbild: © Leighann Renee/unsplash.com

Fashion Changing News #2: ein Skandal in der Eco-Community und mehr Nachhaltigkeit bei Chloé?

Da war einiges los in der Fair Fashion-Szene im Februar! Hier lest ihr, wie jeden Monat, was man nicht verpasst haben sollte.

Alden Wicker tritt als Präsidentin der Ethical Writers Community zurück

Es wurde diskutiert im Februar. Und wie! Alden Wicker (auf Instagram bisher bekannt als @ecocult) ist als Präsidentin der Ethical Writers Community (@ethicalwriters) zurückgetreten. Nachdem sie bereits mehrfach zweifelhafte Aussagen über People Of Color in ihren Stories getroffen hatte, rief sie später auch dazu auf,  einzelne People Of Color zu blockieren, die sie namentlich nannte. Außerdem blockte sie verschiedene Accounts, die sich kritisch dazu äußerten. In den darauffolgenden Tagen wurde viel über die fehlende Sichtbarkeit von Women of Color (WoC) in der Fair Fashion-Szene diskutiert. Inzwischen ist Alden zurückgetreten und ihr persönlicher Account ist von Instagram verschwunden. Das Ethical Writers-Kollektiv hat nun vor sechs Tagen ein Statement veröffentlicht, in dem sie sich von Aldens Aussagen distanzieren und sich entschuldigen. Das Kollektiv nimmt sich nun einen Monat Auszeit, um sich zu restrukturieren. Wir sind gespannt, wie es weitergeht.

In diesem Instagrampost lässt sich in den Kommentaren einiges der Diskussion nachlesen:

Kommt bald das Gesetz zur menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht?

Diskussionen über die Veränderung der Modewelt kommen immer wieder an den Punkt, an dem gefragt wird: Wer ist verantwortlich? Und wer muss verantwortlich gemacht werden? Konsument*innen, Unternehmen, die Politik? In vielen Paneldiskussionen, die wir mit Fashion Changers organisiert haben, kamen wir immer wieder zu der Erkenntnis: Wir brauchen nicht nur bewusstere Konsument*innen, sondern vor allem auch endlich eine Sorgfaltspflicht für Unternehmen, die sicherstellt, dass Menschenrechte geachtet werden.

Die freiwilligen Verpflichtungen, die Unternehmen bisher eingehen, funktionieren nicht ausreichend. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) hat nun einen Gesetzesentwurf zur menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht für Unternehmen vorgelegt – endlich! Es geht um Großunternehmen, die in einem Hochrisikosektor tätig sind. Dazu zählt auch die Bekleidungsindustrie. Bei Verstößen soll es Freiheitsstrafen und Bußgelder geben. Aktuell wird die Umsetzung noch von der Bundesregierung evaluiert. Vereine wie Femnet e.V. begrüßen den Vorstoß.

+++ News aus der Politik +++ Viele deutsche Unternehmen profitieren von Gesetzeslücken, um ihre Waren billig im Ausland produzieren zu lassen. Nur freiwillig sind sie bislang dazu angehalten, gegen Menschenrechtsverletzungen bei ihren Zulieferern vorzugehen. Das soll sich künftig ändern: Nach Medien-Informationen hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (@bmz_bund) einen Entwurf für ein Wertschöpfungskettengesetz erarbeitet, der demnächst veröffentlicht werden soll. Bei Verstößen sollen Freiheitsstrafen und Bußgelder drohen. Das sagt unsere Vorstandsvorsitzende Dr. Gisela Burckhardt zum Entwurf „Wir begrüßen es sehr, dass Entwicklungsminister Müller einen solchen Gesetzesentwurf vorlegen will. Schon lange setzen wir uns für verbindliche Regelungen ein, denn mit nur freiwilligen Maßnahmen kommen wir mit der Umsetzung von Menschenrechten in der Lieferkette nicht weit. Ein Wertschöpfungskettengesetz würde auch das freiwillige Textilbündnis wirkungsvoll ergänzen. Dass die aktuellen Spielregeln des Marktes nachhaltig wirtschaftende Akteure benachteiligen muss endlich aufhören.“ 🌏✊💙 #verantwortung #fashrev #politics #arbeitsrechte #fairemode #westandwithgarmentworkers #supplychain

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Chefdesignerin von Chloé fordert mehr Nachhaltigkeit

In einem Interview mit dem Zeit Magazin vom 07. Februar 2019 fordert Natacha Ramsay-Levi, ihres Zeichens Chefdesignerin von Chloé, mehr Nachhaltigkeit in der Modebranche. Die Pariserin hatte bereits zum Antritt ihrer Position 2017 für Schlagzeilen gesorgt, nachdem sie nach 27 Jahren als erste weibliche Führungskraft die Chefdesignerin-Rolle annahm. Im nun erschienen Interview plädiert Ramsay-Levi für eine neue, bewusstere Art des Konsums und für weniger Kollektionen in der Modewelt. Sie wünscht sich mehr Zeit für die guten Dinge und damit allein durch den Verzicht auf immer neue Produkte mehr Nachhaltigkeit.

Besonders sympathisch dabei: Ramsay-Levi möchte kein Konsumverbot oder Modediktat, sondern Bewusstsein. Wenn es nach ihr ginge, sollte man auch als Modeliebhaber*in eher alle drei Monate als alle drei Wochen shoppen. Ob wir damit in Zukunft auf mehr Fairness oder Nachhaltigkeit bei Chloé hoffen dürfen?

Starting a Revolution: Business-Buch für Revolutionär*innen

Naomi Ryland (Co-Gründerin tbd) und Lisa Jaspers (Gründerin Folkdays) sind seit zehn Jahren befreundet und haben ihre Firmen beide vor fünf Jahren gestartet. Immer wieder kamen parallel die Fragen rund ums Business auf: Wie ist man eigentlich eine gute Chefin, wie wächst man? Mit der bisher vorhandenen Literatur zum Thema konnten sich die beiden nicht so recht identifizieren. Also starteten sie ein eigenes Buchprojekt, in dem sie mit vielen tollen Female Entrepreneurs gesprochen haben, die im Buch nicht nur vorgestellt werden, sondern vor allem Hands-On-Tipps geben, die man gebrauchen kann. Finanziert werden soll das Revolutions-Projekt mithilfe der Community. Das Crowdfunding läuft noch 20 Tage.

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Sad to let you go: Myrka Studios

Das vegane Fair Fashion-Label Myrka Studios von Lia Bernard und Lydia Hersberger wird es nicht mehr geben. In den letzten Jahren haben wir das Label von seinen Anfängen an aufmerksam verfolgt, oft mit Lydia und Lia zusammen gesessen und Ende 2017 auch ein gemeinsames Fashion Changers in Kooperation mit Myrka herausgebracht. Deshalb, und auch weil die Konsequenz und der Fokus auf die drei Säulen nachhaltig, fair und vegan so stark war, ist es natürlich sehr schade, dass es nicht mehr weitergeht. Wir sind uns aber sicher, dass Lia und Lydia großartige Wege gehen und wir wieder von ihnen hören werden.

Today, we have some pretty big news. Today, we came on here to thank you from the bottom of our hearts for the support you showed us throughout the last three years of MYRKA studios. Together we were able to make a real contribution to the fair fashion industry and we are beyond proud of the things we’ve learned and grateful for the people we’ve met along the way. Today, we came on here to inform you that this wonderful journey is coming to an end – at least for now. Like Marilyn Monroe already said: «Sometimes good things fall apart so better things can fall together.» Although it may be the end of MYRKA studios as you know it, it doesn’t mean that it failed. Not at all. Together we were able to do so much good and we see this step as an opportunity for something new. We absolutely loved to see this community grow throughout the last years and are grateful to have been a part of it. Always remember that our buying decisions can make a HUGE difference! We’re going out with a bang and ending this era with a huge storage sale, so if you had your eye on something, this is the LAST chance to get it! 🖤 Thank you again, from the bottom of our hearts. We couldn’t have done it without you. Love, Lia and Lydia

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Trust in Trash ist online

Von Jessica Könnecke hat man schon öfter mal gehört. Richtig, das ist diese coole Person, die den Shop und Store Mit Ecken und Kanten gegründet hat. Ihr Sortiment besteht aus unperfekten, ökologischen und fairen Produkten, die kleine „Fehler“ aufweisen und so nicht in regulären Stores verkauft werden können. Jetzt hat Jessica sich mit ihrer Freundin Pia Salzer für ein neues Projekt zusammen getan: Trust In Trash. Die Idee? Die Awareness rund um die Themen Plastik und Nachhaltigkeit steigern. Gestartet haben die beiden mit einem Poster, das Tipps zum Thema Zero Waste-Kosmetik gibt. Und weil Pia eine talentierte Illustratorin ist, sieht nicht nur das Poster, sondern auch die Webseite und alles drumherum wunderschön aus.

Das Poster ist ein A2 Wendeposter, gefaltet auf A6. © Trust In Trash

Modeaktivismus zum Weltfrauentag

Gemeinsam mit der Community möchten wir als Fashion Changers an der Demo zum Weltfrauentag am 08.03.2019 14 Uhr teilnehmen. Wir wollen laut und deutlich zeigen, dass Frauenrechte nicht an der Landesgrenze aufhören. Und die Textilindustrie endlich etwas tun muss, um die Rechte der Textilarbeiter*innen zu schützen und zu stärken. Wir wollen zeigen, dass Fast Fashion genau diese Rechte mit Füßen tritt und wir deswegen mit der Unterstützung von Fair Fashion auch ein feministisches Zeichen setzen. Natürlich sind auch alle anderen Einsätze für die Rechte von Frauen willkommen.

Wenn ihr Lust habt dieses Zeichen gemeinsam mit uns zu setzen, laden wir euch herzlich am 03.03. um 15 Uhr ein, um gemeinsam mit uns Plakate für den 08.03. vorzubereiten, die wir dann zusammen auf der Demo präsentieren und die Stimme für die sein können, die oftmals keine Stimme bekommen. Weitere Infos zur Bastel-Veranstaltung findet ihr über das Facebook-Event. Hier könnt ihr auch Fragen stellen.

Demo-Poster basteln | 03.03.2019 | 15 – 17 Uhr | Weiberwirtschaft, Anklamer Straße 38, Berlin
Demo zum Weltfrauentag | 08.03.2019 | 14 – 18 Uhr | Alexanderplatz, Berlin

Sind uns News entgangen? Habt ihr noch spannende Entdeckungen im Februar gemacht?

Warum Veränderung nicht immer laut sein muss

Wenn wir als Fashion Changers andere dazu mobilisieren, Themen zu verbreiten, fordern wir oft im gleichen Atemzug dazu auf, unbequem und laut zu sein. Klar, um gehört und gesehen zu werden, hilft es, laut(er) zu sein. Aber setzen diejenigen, die laut sind, deswegen ihre Anliegen erfolgreicher durch?

Als Jana Jenni vom Blog Mehr als Grünzeug beim Fashion Changers Community Talk zum Thema Scheitern interviewte, teilte Jenni sehr eindrücklich ihre eigenen Erfahrungen, wie man sich als introvertierter Mensch in einer Gesellschaft zurechtfindet, in der das Idealbild des Extrovertierten vorherrscht. Während Jenni sprach, musste ich immer wieder auf das Poster hinter ihr schauen, auf dem in Großbuchstaben stand: „Be Loud. Stay Loud. Change Is Not And Never Has Been A Thing That Is Quiet.“

https://www.instagram.com/p/BnGB0nlgOZB/

Können nur extrovertierte Menschen Veränderung herbeiführen?

Wir scheinen in einer Gesellschaft zu leben, in der angesichts der aus den Fugen geratenden Welt, wir alle dazu aufgefordert sind, für unsere Werte privat und öffentlich einzustehen. Wir gehen auf Demos und halten unsere Gesichter in die Handykamera. Und übersehen dabei diejenigen, die nicht so laut schreien wir wir, die nicht ununterbrochen reden, die nicht permanent von Veranstaltung zu Veranstaltung rennen, um zu netzwerken. Wir sprechen selbst immer wieder von Diversität, aber suggerieren unbewusst, dass nur extrovertierte Menschen Veränderung herbeiführen können. Susan Cain schreibt in ihrem Buch „Quiet. The Power of Introverts in a World That Can’t Stop Talking“ (danke für die Leseempfehlung, Jenni):

„We perceive talkers as smarter than quiet types. We […] see talkers as leaders.“ – Susan Cain, Quiet.

Susan Cain zeigt in ihrem Buch, wie sich die Ideale im Laufe der Jahrhunderte gewandelt haben – von Charakter zu Persönlichkeit. Während man sich einst mit Fleiß, Integrität und Verantwortung Respekt und Ansehen verschaffen konnte, wurde es Anfang des 20. Jahrhunderts immer wichtiger, eine Persönlichkeit zu entwickeln. Mit Grauen erinnere ich mich daran, als Heidi Klum in ihrer Casting-Show Mädchen dafür kritisierte, nicht genug „Personality“ zu haben. Doch was heißt das eigentlich? Laut Cain haben Menschen mit Persönlichkeit per Definition ein mitreißendes, charismatisches, dominantes Auftreten; von ihnen geht oftmals eine faszinierende Anziehungskraft aus. Es geht nicht mehr darum, was gesagt wird, sondern wie etwas gesagt wird. Sprich wie wir unsere Erfahrungen am wirkungsvollsten in Geschichten verpacken und letztlich an unser Publikum verkaufen.

Kein Platz mehr für introvertierte Menschen

Auch wenn der Fokus in „Quiet“ auf der US-amerikanischen Gesellschaft liegt, sind Susan Cains Beobachtungen mitunter auch auf andere Gesellschaftsgruppen anwendbar. Cain beschreibt, wie das US-amerikanische Schulsystem, Schüler*innen und Studierende gezielt zu extrovertierten Leadern ausbildet. Als wäre die Welt nicht schon konkurrenzbetont genug, wird unter der Annahme, dass Kreativität und Wissen nur in einem sozialen Umfeld gefördert werden können, mehrheitlich auf Gruppenarbeit gesetzt. Und auch in der Arbeitswelt steigt die Anzahl an Meetings und Teamarbeit – auch der Trend zu offen gestalteten Büroräumen, in denen es kaum noch Rückzugsorte gibt, ist ein Spiegel unserer extrovertierten Gesellschaft.
Aber nicht nur im Business gilt die Gleichung laut + sozial = Erfolg. Auch in der (amerikanischen) Evangelikalen Kirche (ähnlich einer Freikirche in Deutschland) wird der extrovertierte Archetyp angebetet, so Cain. Die Gottesdienste sind auf Partizipation ausgelegt, die Predigt gleicht einer Performance – und das obwohl Religion ja auch ein Angebot für Innensicht und Mediation ist. Cain besucht nicht nur Gottesdienste, sondern kauft sich auch ein Ticket für eine Tony Robbins-Convention – dem erfolgreichsten Guru für persönliche Weiterentwicklung. Cain kann es kaum glauben: In der Konzerthalle stehen alle Besucher*innen auf den Stühlen, klatschen und schreien wie in Trance. Nicht nur Tony Robbins genießt das Rampenlicht und inszeniert sich selbst, seine Anhänger*innen tun es ihm gleich. Ist persönliche Weiterentwicklung auch nur noch extrovertierten Menschen vorbehalten?

 

https://www.instagram.com/p/BtP6r9Unb9S/

Potential statt Anpassung

Unsere Werte sind sehr auf den extrovertierten Idealmensch ausgelegt, denn wir leben in einer extro-normativen Welt. So sprechen wir oft von Macher*innen, Power-Frauen, Leadern und verknüpfen damit bestimmte Assoziationen, wie diese Idealtypen auszusehen und sich zu verhalten haben.
Was wir dabei oft vergessen: Auch ruhige Menschen können Großes schaffen und unsere Gesellschaft nachhaltig prägen. Charles Darwin und Marie Curie haben bahnbrechende Theorien entwickelt, ohne die ganze Zeit von Teams umgeben zu sein. Virginia Woolf hat Weltliteratur geschrieben und am liebsten zurückgezogen an ihren Romanen gearbeitet. Rosa Parks hat mir ihrer stillen und gewaltfreien Protestaktion die Schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA ausgelöst. Und Greta Thunberg stellt sich mit einer klaren Sprache und Haltung gegen das Establishment und setzt sich für den Klimaschutz ein. Sie alle haben Dinge hervorgebracht, die bleiben, andere inspirieren und mitreißen. Sie alle haben nicht der gängigen Norm entsprochen, wie sich Wissenschaftler*innen, Künstler*innen, Bürgerrechtler*innen und Schüler*innen zu verhalten haben. Aber alle haben sich dazu entschlossen, ihr Potential für die Sache zu nutzen, statt sich in Anpassung zu verlieren.

Britta Moser von introversiert sagt im emotion-Podcast „Kasia trifft“, dass man als introvertierter Mensch nicht aus seiner vermeintlichen Schwäche („Du bist zu ruhig“, „Du bist zu empfindlich“, „Du bist zu unscheinbar“) eine Stärke machen soll, um sich anzupassen. Denn Introvertiertheit bringt viele Stärken mit sich, auf die man sich konzentrieren soll, wie Kreativität, Konzentrationsfähigkeit, Bedachtheit. Energie tanken Introvertierte, indem sie sich regelmäßig zurückziehen. Das bedeutet aber nicht, dass introvertierte Menschen Sozialphobien haben – sie können nur nicht permanent äußere Reize auf sich einprasseln lassen. Und trotzdem können laut Britta Moser auch introvertierte Menschen in der Öffentlichkeit stehen und leidenschaftlich Vorträge halten, nämlich besonders dann, wenn ein sogenanntes „Purpose Element“ vorliegt, also etwas, in das man Sinn erkennt. Wenn man also aus der eigenen Überzeugung heraus Dinge macht, dann können Introvertierte für einen bestimmten Anlass auch ihre Grenzen verschieben, so Moser.

Auch in unserer Community gibt es viele Menschen, die nicht in der ersten Reihe stehen wollen. Ohne Frage, kann es viel Druck aufbauen, sich in einer Filterblase zu bewegen, in der der Community-Gedanke so viel Gewicht hat und es dauernd Events gibt, auf denen man auf neue Menschen trifft. Interessanterweise stellt Susan Cain in ihrem Buch Studien vor, die zeigen, dass Introvertierte dazu tendieren, online mehr persönliche Einblicke zu geben als extrovertierte Menschen. Das Internet und insbesondere Social Media hat somit einen Raum geöffnet, in dem wir Gedanken mit anderen teilen können, ohne dabei sozialen Situationen ausgesetzt zu sein, die Energie ziehen statt geben.

Dass Alleinsein ein Katalysator für Kreativität und Innovation sein kann, wird häufig unterschätzt. Mich inspiriert der persönliche Austausch mit anderen Menschen zwar, aber Ideen bekomme ich in der Regel dann, wenn ich ganz für mich bin. Bei den Fashion Changers arbeiten wir in flachen Hierarchien, aber mit Verantwortungsbereichen, von denen viele regelmäßig wechseln. So kann jede auf ihre Weise den jeweiligen Bereich verantworten und sich da entfalten – und zwar in ihrem ganz eigenen Führungsstil. Auch das bedeutet Diversität.

Wir wollen nicht vorgeben, wie man zu sein hat, wenn man für Veränderung einsteht. Wir möchten, dass die Bewegung, die wir als Community vorantreiben wollen, eine Bewegung ist, die alle einschließt, die sich für das Thema Fair Fashion interessieren. Dabei ist es egal, ob man laut oder leise ist. Ob man offline auf Demos geht oder online eine Petition startet. Ob man Vorträge vor vielen Menschen hält oder das Einzelgespräch sucht. Denn wir alle können alle auf unsere Weise einen Unterschied machen. Wir müssen uns nur den Raum dafür geben.

 

Susan Cain: Quiet. The Power of Introverts in a World That Can’t Stop Talking. Penguin UK: 2012.

Titelbild: © Scott Umstattd/unsplash.com, Vorschaubild: © Jiang Xu Lei/unsplash.com

Warum müssen Jungs eigentlich hellblau tragen?

Obwohl wir heute in einer Welt leben, in der wir bereits über Geschlechterrollen diskutieren und sich gewisse Grenzen aufgehoben haben, merken wir doch bei den Kleinsten, dass zwei Welten existieren: die hellblaue für Jungs und eine in rosa für Mädchen. Wenn die Trennung bereits bei der Farbgebung anfängt und sich in andere Bereiche ausweitet, dann richtet das auch etwas in unseren Köpfen an. Was am Gender-Marketing so schwierig ist und wie wir als Eltern und Gesellschaft dagegen vorgehen können.

Gender-Marketing fängt bereits vor der Geburt an und hat Auswirkungen auf uns als Erwachsene.

Bereits vor der Geburt wird für werdende Eltern die Marketing-Maschinerie angeworfen. Es beginnt bei der Einrichtung des Kinderzimmers, der Auswahl der ersten Spielzeuge und der Farbgebung bei der sogenannten Babyshower: Mädchen sind rosa, Jungs hellblau. Das ist für viele so seit sie denken können. Und es wurde auch nie hinterfragt. Dieses Bewusstsein in unseren Köpfen macht sich eine ganze Industrie zu Nutze.

Besonders seitdem die Geburtenrate zurückgeht (Quelle), muss sich die Industrie etwas einfallen lassen: Die Kindermode profitiert besonders vom Gender-Marketing. Würden Farbgebungen und Motive geschlechtsneutral gewählt werden, könnte die Kleidung einfach an Geschwisterkinder oder Freund*innen weitervererbt werden. Hat eine Familie aber beide Geschlechter, wird Kleidung eben doppelt angeschafft. Somit ist gegenderte Kindermode an doppelten Gewinn für die Textilbranche gekoppelt.

Farbgebungen und Motive erhalten von der Industrie eine Geschlechter-Zuordnung.

Firmen machen es sich zur Aufgabe, komplett eigene Kollektionen für Mädchen und Jungen zu entwickeln. Das Angebot weist dabei nur wenig Kleidung auf, die geschlechtsneutral ist. Sollte die Farbgebung für den*die Konsument*in neutral sein, wird sie zumindest mit Motiven zugehörig gemacht. Die Eltern, die hierbei als „Gatekeeper“ funktionieren, werden dabei ganz einfach gesteuert: Roboter und Autos für Jungs, Feen und Prinzessinnen für die Mädchen.

Wir haben uns mal in den Fast Fashion-Shops umgeschaut. Und siehe da, lange mussten wir nicht suchen.

Besonders Fast-Fashion profitiert vom Gender-Marketing.

Während man oftmals bei nachhaltiger oder fairer Mode neutrale Farben und Muster entdeckt, ist auffällig, dass insbesondere Fast Fashion sich des unterschiedlichen Gender-Marketings bedient. Hier findet man krasse Farbtrennungen und deutliche Motive, die jeweils nur für das eine Geschlecht kreiert werden. Und das auch noch für so viele Altersgruppen wie möglich: Newborn, Toddler, Kids, Teens. Damit möglichst oft neue Kleidung angeschafft werden muss.

Für Eltern ist genderneutraler Konsum oftmals anstrengend und verunsichernd.

 Eltern fungieren hier als Konsum-Entscheidungsträger*innen für ihre Kinder. Wobei die Industrie Kindern lieber die Rolle kleiner Erwachsener zuordnen möchte, die ihre eigenen Kaufentscheidungen bereits treffen. So arbeitet die Branche mit findigen Begriffen wie Kids, Preteens oder Teens. Eltern wird dabei die Beschützerrolle, die sie für ihre Kinder tragen, abgesprochen.

Die Eltern haben in diesem Fall eine schwierige Rolle zugewiesen bekommen. Zum einen ist es mit wesentlich mehr Aufwand verbunden, geschlechtsneutrale Kleidung für Kinder bis ins Teenageralter zu finden. Und zum anderen sind Eltern oftmals durch Bezeichnungen wie „Helikopter-Eltern“ verunsichert und es fällt ihnen schwer für ihre Erziehung Stellung zu beziehen.

Da ist es einfacher, sich dem Gender-Diktat zu beugen und Jungs und Mädchen optisch stark voneinander zu trennen. Als Elternteil merkt man es bereits, wenn man sein Neugeborenes in blaue Kleidung steckt: ganz klar ein Junge. Wenn man seinem Mädchen in der Kita einen dunkelblauen Pullover anzieht, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit in das Fach eines Jungen gelegt. Noch verwirrender wäre es sicherlich für die meisten, wenn ein Junge im rosa T-Shirt mit Feen-Print in die Schule geschickt würde.

Was besonders auffällig ist, Jungen werden mit starken Begriffen, Berufen und Motiven in Verbindung gebracht. Mädchen eher mit Äußerlichkeiten, Konsumgütern oder guten Manieren.

Ist Gender-Marketing in der Textilindustrie eher auf weiblichen Konsum ausgelegt?

Gerade das wirft auch die Frage auf, ob Gender-Marketing noch mehr auf eine weibliche Zielgruppe ausgerichtet ist. Denn Frauen sind oftmals kaufkräftiger und das wird auch jungen Mädchen anerzogen. Unsere Töchter sollen sich direkt wie kleine Fashionistas fühlen.

Auch hier denkt die Industrie natürlich wieder an Profit, denn weibliche Kleidung – ob nun für Erwachsene oder Kinder – bietet einfach noch mehr Möglichkeiten, wenn es um die Vielfalt der Kleidungsstücke geht. Mädchen können (und sollen) sowohl Röcke und Kleider als auch Pullover und Hosen tragen. Für Jungen sieht es da schon eingeschränkter aus.

Wir sind uns bereits bei der Zuweisung der Kleidung so sicher, dass wir auch bestimmte Charaktermerkmale den Kindern zuweisen.

Was wir mit dieser klar definierten Zuweisung unseren Kindern aufzwängen, ist uns meist gar nicht bewusst. Denn damit werden auch bestimmte Verhaltensweisen und Charakterzüge klar zugeordnet: Jungs sind wild und kernig, Mädchen verspielt und romantisch. Das wiederum suggeriert den Kindern bereits im frühen Alter,  was sie sein können und was nicht.

Natürlich betrifft Gender-Marketing nicht nur die Textilindustrie, sondern ist auf weitere Konsumgüter ebenso übertragbar. Ob nun bei Spielzeug oder selbst in der Lebensmittelindustrie.

Weil Gender-Marketing auf so viele Bereiche übergeht, ist ein offener Diskurs mit unseren Kindern wichtig.

Wenn wir nicht wollen, dass unsere Kinder sich nicht zugehörig fühlen oder ihnen durch ihr Geschlecht falsch gesetzte Grenzen aufgezeigt werden, ist ein offener Diskurs mit ihnen wichtig. Interessen können absolut geschlechtsunabhängig ausfallen und sollten vorurteilsfrei akzeptiert werden. Warum nicht einen Jungen zum Ballettunterricht fahren, auch wenn er vielleicht der einzige Junge dort sein mag? Oder der Tochter den blauen Piraten-Pullover anziehen – obwohl auf dem Etikett „Boys only“ vermerkt ist.

Die Grenzen entstehen zuerst in unseren Köpfen. Die Industrie zieht daraus ihren Vorteil und eben auch mehr Kapital. Was nicht heißt, dass wir Gender-Marketing mitmachen müssen. Mode muss nicht einschränken, vielmehr könnte sie auch ermutigen und Grenzen überwinden.

Auch hier gilt wie so oft: Die Nachfrage bestimmt eben auch das Angebot. Beim nächsten Einkauf also mal drauf achten, ob man sich von den Gender-Marketing-Strategien der Firmen ködern lässt. Oder ob man selbstbewusst eigene Entscheidungen trifft.

Und wie schlägt sich die Fair Fashion-Branche? Hier zeigt sich, dass definitiv (in vielen Fällen) mehr Sensibilität an den Tag gelegt wird und Kategorisierungen nicht so stark verwendet werden.

Was haltet ihr von dem Gender-Marketing-Wahnsinn?

Titelbild: Bilder via © H&M, Zara, Kik, Hessnatur – Vorschaubilder: © H&M

Was ich in 6 Monaten Shopping-Ban gelernt habe

Sechs Monate keine neuen Klamotten! Für viele vielleicht keine große Sache, für mich damals vor sechs Jahren als Shopping-Süchtige aber eine große Herausforderung. Das Ergebnis: Ich wurde Schritt für Schritt zur Fair-Fashion- und Nachhaltigkeitsbloggerin und konnte so einige Learnings herausziehen, die auch für euch hilfreich sein könnten.

Meine Regeln damals:

  • 6 Monate lang durfte ich keine Kleidung und Accessoires kaufen, auch nicht Secondhand
  • Unterwäsche hätte ich kaufen dürfen, aber nur wenn es wirklich notwendig gewesen wäre, zum Beispiel wenn etwas Essentielles kaputt geht (kam nicht vor)
  • Kosmetik durfte ich nur kaufen, wenn etwas leer wurde und ich keinen Ersatz Zuhause hatte (zum Beispiel Zahnpasta)
  • Ich durfte meine alte Kleidung während dieser Zeit verkaufen, aber für das Geld keine neue Kleidung kaufen
  • Ich durfte aber Kleidung tauschen (was ich nicht gemacht habe und diesen Punkt würde ich im Nachhinein von der Liste streichen, je strenger desto besser, meiner Meinung nach)

Meine große Motivation: Ich stand vor meinem riesigen und prall gefüllten Kleiderschrank und einem immer weiter schrumpfenden Bankkonto. Trotzdem hatte ich “nichts zum Anziehen”. Außerdem befand ich mich immer noch auf der Suche nach meinem eigenen Stil. Ich habe damals einfach alles gekauft, was gerade im Trend war und mir irgendwie gefallen hat. Glücklich gemacht, hat mich diese Shopping-Sucht aber nicht, ganz im Gegenteil. 

Nach sechs Monaten Abstinenz hat sich mein Konsumverhalten aber um 180 Grad gedreht und ich konnte so sieben Learnings mitnehmen.

Mias Kleiderschrank vor dem Shopping-Ban. © privat

1.Learning: Weniger ist Mehr

Ich habe während dieser sechs Monate gelernt, dass wir viel weniger Kleidung brauchen, als wir denken. Ich habe für eine relativ lange Zeit nichts Neues gekauft, gleichzeitig meinen Kleiderschrank radikal ausgemistet und es trotzdem geschafft, fast jeden Tag ein anderes Outfit anzuziehen. Ich habe unbeachtete Kleidungsstücke wieder neuentdeckt und neue Kombinationen kreiert. Dafür brauchte ich aber einen freien Kopf und je weniger Kleidung ich hatte, desto einfacher fiel es mir, neue Looks zu stylen. Manchmal ist weniger einfach mehr, auch in der Mode.

2. Learning: Wir brauchen mehr Geduld

Es klingt banal, aber damals hatte ich noch nicht dieses Mindset, dass ich mir nicht sofort etwas Neues kaufen muss, nur weil ich etwas jetzt “will” oder vermeintlich brauche. Damals sah mein Konsumverhalten noch ganz anders aus und ich habe nicht so gerne gewartet, länger gesucht, getauscht oder über Wochen hinweg in Secondhandläden nach dem perfekten Teil gestöbert. Ich wollte alles sofort und es wurde mir auch einfach und günstig in den Fast Fashion-Ketten zugänglich gemacht, so dass ich trotz Studentenbudget regelmäßig meinen Kaufrausch ausleben konnte. Durch den Shopping-Ban wurde mir automatische mehr Zeit in der Kaufentscheidung auferlegt und nach den sechs Monaten habe ich gemerkt, dass ich die meisten Wunschobjekte einfach nicht brauche.

3. Learning: Alte Sachen verdienen mehr Liebe 

Laut einer Greenpeace-Umfrage wird ein Anteil von 40 Prozent unseres Kleiderschranks selten bis nie getragen. Laut verschiedener anderer Einschätzungen tragen wir bis zu 80 Prozent der Kleidung in unserem Kleiderschrank selten bis nie. Mir wurde das tatsächlich erst in diesen sechs Monaten der Challenge so richtig bewusst, wieviel Ware in meiner Garderobe sozusagen umsonst produziert wurde, da ich sie kaum anrührte. Einige Errungenschaften hatte ich vor dem selbst auferlegten Verbot tatsächlich maximal nur einmal an, obwohl ich beim Kauf dachte, ich würde sie ständig tragen und mit anderen Teilen vielfältig kombinieren. Ich hatte also endlich die Zeit und Möglichkeit, mich wirklich mit dem Inhalt meiner Garderobe zu beschäftigen, anstatt immer nach neuen Schnäppchen Ausschau zu halten.

Fashion-Bloggerin Mia vor ihrem Shopping-Ban als wahre Fashionista, die jeden Trend mitmachen wollte. © privat

4. Learning: Kreativität wird sehr geschätzt

Als Fashion Blogger dachte ich damals, dass ich meinen Leser*innen jeden Tag etwas Neues präsentieren muss und sich wiederholende Looks langweilig seien. Das Feedback meiner Follower während des Shopping-Bans war aber tatsächlich super positiv. Sie haben es sehr geschätzt, dass ich vermehrt realistische Outfits gezeigt habe, sowie verschiedene, kreative Kombinationsideen. Generell machen wir uns als “Content Creator” zu viel Druck, besondere und komplett neue Inhalte zu präsentieren. Auch in anderen Bereichen der Arbeitswelt streben wir immer nach Neuem, nach dem noch nie Dagewesenem. Wir suchen immer nach “mehr”, wir suchen die Perfektion, den neuen Weltrekord. Doch manchmal sollten wir uns zurückbesinnen und in dem, was wir bereits besitzen oder bereits gut können die “Erleuchtung” suchen. Das klingt sehr esoterisch und sehr weit hergeholt für einen Artikel über so etwas Banales wie einen Shopping-Ban. Aber eben solche Ausbrüche aus unserer Routine im Alltag öffnen uns manchmal die Augen.

5. Learning: Wir lügen uns oft selbst an

Viele von euch werden vielleicht sagen, dass ihr selbst gar nicht so viel kauft, nur das, was ihr wirklich angeblich braucht und die Statistiken von Greenpeace zum Beispiel nicht auf euch zutreffen. Ganz ehrlich, so habe ich auch gedacht und ich habe mich einfach nur selbst belogen. Genauso wie die Deutschen sich immer selbst belügen und sagen, sie kaufen alle nur Bio-Fleisch, obwohl in der Realität der Großteil zu Fleisch aus Massentierhaltung greift (Quelle), genauso geben die wenigsten zu, dass sie auf Marketingtricks und Fast Fashion-Trends reinfallen. In immer kürzeren Zeitabständen wirft die Fast Fashion-Industrie neue Kollektionen auf den Markt, hält die Preise dabei so niedrig, dass wir immer öfter einkaufen gehen und als Schlussfolgerung immer mehr Erfolgserlebnisse durch die Schnäppchenjadgd erfahren – Shoppen als Droge. 

6. Learning: Nachhaltigkeit im Alltag

Damals war Mode und Nachhaltigkeit noch nicht so ein großes Thema für mich und deshalb war ein besonders großes Learning: Weniger Shopping-Touren sind gut für unsere Umwelt. Die Modeindustrie ist eine der großen Umweltverschmutzer mit gleichzeitig unzähligen Problemen im Bereich Arbeitssicherheit, faire Löhne und Kinderarbeit, sowie im Bereich Tierschutz. Nach den sechs Monaten nie wieder etwas zu kaufen, war keine Option für mich, auch weil ich ab sofort nachhaltige Unternehmen unterstützen wollte. Stattdessen lautete meine Devise (auch heute noch): Qualität über Quantität! Nach und nach hat sich dieser Grundsatz auch auf alle anderen Bereiche meines Lebens ausgeweitet und ich beschäftige mich generell mehr und mehr mit dem Thema Nachhaltigkeit!

7. Learning: Herausforderungen machen Spaß

Damals habe ich dieses Projekt eigentlich hauptsächlich deshalb gestartet, weil ich eine Challenge in der Modewelt gesucht habe. Ich war gelangweilt von den ständig neuen Trends, die mir kein Glück, sondern eher Stress gebracht haben. Natürlich lässt sich dies auch noch auf andere Herausforderungen und Bereiche ausweiten: Wie wäre es zum Beispiel mal nur mit Handgepäck für drei Wochen zu verreisen? Oder jeden Tag bei der Arbeit das gleiche Outfit zu tragen (wie es zum Beispiel Matilda Kahl macht)? Oder mal einen Monat lang nur zehn Teile zu tragen und unterschiedlich zu kombinieren? So ein Projekt, gepaart mit der Reduktion des eigenen Kleiderschranks, bringt eine große Erleichterung im Alltag und mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Und falls ihr euch fragt, wie ich mich im Endeffekt damals geschlagen habe: Es gab tatsächlich einen Moment, in dem ich etwas kaufen “musste”. Für ein Bewerbungsgespräch brauchte ich eine schicke Tasche, da das Unternehmen etwas konservativer war. Im Nachhinein hätte ich mir natürlich auch eine Handtasche leihen oder Secondhand kaufen können, aber damals war ich noch nicht so weit. Stattdessen war mein Mindset noch zu sehr im Grundsatz “Ich muss das einfach kaufen” verankert. Es war aber kein privates Lifestyle-Produkt, sondern wirklich rein für die Arbeit. Ich bin also trotzdem stolz auf mich, wie ich das Kaufverbot als Ex-Shopping-Süchtige durchgezogen habe.

Habt ihr so einen Shopping-Ban bereits selbst einmal gestartet? 

Titelbild: © Anna Utochkina/unsplash.com

Ist Minimalismus nur was für Reiche?

Dass es befreiend sein kann seinen Besitz zu minimieren, ist spätestens nach der neuen Netflix-Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“bei vielen angekommen. Doch manche gehen noch einen Schritt weiter. Minimalismus nennt sich die etwas radikalere Einstellung, die auch ich seit zwei Jahren umsetze und lebe. Die Besitztümer sehen nicht nur verdammt gut und ordentlich in der Wohnung aus, sondern werden auf das Nötigste reduziert. Viele haben bei einem anstehenden Besuch meiner Wohnung zunächst eines im Kopf: einen weißen, leeren Raum, einen Stuhl und einen Tisch. Oder wie andere meinen, einen weißen Raum voller Designer-Möbel, die sich nur „konsumgelangweilte Gutverdiener*innen“ leisten können. Letztendlich sind wahrscheinlich beide Interpretationen ein Fehlschuss.

Es muss nicht alles schwarz und weiß sein, aber natürlich bringt die Reduktion auf das Wesentliche auch eine gewisse Ästhetik mit sich. © Elizabeth Lies/Unsplash.com

Minimalismus kurz erklärt

Minimalismus wird als Gegenbewegung zum Materialismus verstanden und soll dabei helfen, mehr Einfachheit, Klarheit und Freiheit ins Leben zu bringen. In der Nachhaltigkeitsszene etabliert sich der Minimalismus immer mehr, da viele nur noch bewusst das kaufen möchten, was sie wirklichen brauchen. Letztendlich auch eine logische Schlussfolgerung, denn wer massenhaft nachhaltige Produkte konsumiert, hat am Ende auch keinen nachhaltigen Fußabdruck.

Auch ich habe mich vor über zwei Jahren dazu entschlossen minimalistisch zu leben und verschenkte im Studentenwohnheim viele materielle Dinge, die ich nicht benötigte. Die Zahl an materiellen Dingen reduzierte sich enorm. Doch selbst nach mehreren Ausmistaktionen lebte ich nicht in einem völlig leeren, weißen Zimmer. Klar, dass Minimalist*innen, einschließlich mir, keine 10.000 Dinge besitzen, die Durchschnittseuropäer*innen heutzutage horten. (Quelle: Deutschlandfunk)

Aber nur, weil wir weniger Dinge besitzen, gönnen wir uns nicht unbedingt immer die teuersten Designer-Möbel, weil uns das Geld etwas lockerer sitzt. Erst recht nicht, wenn man Student*in ist. Meine Einrichtung ist bis heute wahrscheinlich für viele eher bescheiden. Zwei Schreibtische, ein Bett, ein Holzregal und eine Kleiderstange reichen meinem Mann und mir bis dato aus, um ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Eine Küche und ein kleines Badezimmer teilen wir uns in einer WG mit vier Jungs. Minimalismus braucht also keinen Prunk oder Designer-Möbel, wenn man sich auf das Wesentliche beschränkt. Aber natürlich können wir nicht alle Minimalist*innen in eine Schublade stecken. Jede*r lebt und interpretiert den Lebensstil etwas anders.

Meine Intention minimalistisch zu leben war und ist immer noch, nicht nur mehr Einfachheit, Klarheit und Freiheit ins Leben zu bringen, sondern auch Ressourcen wertzuschätzen und den CO2-Fußabdruck zu minimieren. Und dies kann ich eben nicht ermöglichen, indem ich aufgrund eines neuen Lifestyle-Trends alles neu einrichte und kaufe, sondern mich bewusst für wenig Dinge entscheide, die ich lange benutze.

Auch beim Kaufen von Lebensmitteln werden minimalistische Entscheidungen getroffen. So zum Beispiel der Verzicht auf Umverpackung. © Laura Mitulla

Die Vorurteile des Pinterest-Minimalismus

Tatsächlich entstand der Minimalismus, den wir jetzt von Blogger*innen und Influencer*innen kennen, größtenteils durch den Überfluss an materiellen Dingen. Die ständige Reizüberflutung durch Werbung, der tägliche Aufruf der Medien mehr zu kaufen, damit wir noch schöner und schneller werden, verleitet uns immer mehr Dinge zu kaufen. Und genau diesen Überfluss haben jetzt eben viele satt und lernen nach und nach wieder mit weniger Dingen glücklich zu sein. Weniger, dafür aber nachhaltige(re) Produkte lautet meine und die Devise vieler anderen Minimalist*innen.

Natürlich ist die Entscheidung so zu leben, wie man möchte, immer ein Privileg. Und so ist es auch ein Privileg selber entscheiden zu können, ob man nun minimalistisch leben möchte oder eben nicht. Das kann hier wahrscheinlich niemand bestreiten. Aber ich denke nicht, dass es verwerflich ist, wenn sich Minimalist*innen bewusst entscheiden ihr Geld lieber in verpackungsfreie Bio-Lebensmittel, Fairtrade-Produkte, faire Mode, mehr Gebrauchtes oder eben in ein kleines Tiny House investieren, um Ressourcen und Energie zu schonen und sichere und faire Arbeitsbedingungen zu garantieren. Wenn ich mir selbst als Student*in plötzlich mehr verpackungsfreie Bio-Lebensmittel leisten kann, kann auch bei anderen durch eine Umverteilung des Geldes der minimalistische Lebensstil eine nachhaltige Zukunft garantieren, der nicht nur uns, sondern auch der Umwelt gut tut.

Was mir oft zu kurz gedacht vorkommt, ist die Behauptung, dass Minimalist*innen Selbstdarsteller*innen sein müssen. Denn wie eben erwähnt, geht es vielen Minimalist*innen nicht nur um sich selbst, sondern vor allem um ihre Umwelt. Nicht umsonst verbringen die meisten Minimalist*innen lieber mehr Zeit mit Freund*innen und Familie als in das nächste Kaufhaus zu strömen, um wieder etwas Neues, aber nicht unbedingt Nötiges, zu ergattern.

Die Aussage „Mainstream-Minimalismus ist vor allem eines: Ein Hobby von konsumgelangweilten Gutverdiener*innen“ von Silvia Follmann bei Edition F kann ich daher leider so nicht unterschreiben, denn auch Studierende mit nahezu keinem Einkommen und wenig Möbeln können ein minimalistisches und glückliches Leben führen.

Lauras eigenes Zuhause strotzt nicht unbedingt vor Designermöbeln und durchgestyltem Lifestyle. Und doch fühlt man sich von der minimalistischen Ästhetik angezogen. © Laura Mitulla

Sind Minimalismus-Praktizierende also nun Besserverdienende?

In Berlin gibt es monatlich einen Minimalismus-Stammtisch, an dem jede*r teilnehmen kann. Bei diesem Stammtisch unterhalten sich Minimalist*innen oder Minimalismus-Interessierte über Konsum sowie Konsum-Alternativen. Letztes Jahr wollte ich Einblick in diesen Stammtisch erhalten und fühlte mich bestätigt. Der Wunsch eher einem Teilzeitjob als einer Vollzeitstelle nachzugehen, ist nicht nur mein, sondern auch der Wunsch vieler anderen Minimalist*innen. Das Thema Nachhaltigkeit stand oft im Mittelpunkt. Nicht nur der Besitz, sondern auch der ökologische Fußabdruck soll minimiert werden. Mit Tipps und Inspirationen tauschte man sich stundenlang aus. Was mir in Erinnerung bleibt, ist, dass es sich zwar um privilegierte Menschen handelt, die die Überflussgesellschaft satt haben, aber es sich keineswegs durchgängig um Besserverdiener*innen handelt. Und so fühlte ich mich auch an diesem Tag bestätigt, dass das Streben nach dem Wesentlichen nicht die Welt kosten muss.

Empfindet ihr Minimalismus als zu privilegiert für Besserverdienende oder haltet ihr das auch für Quatsch? Habt ihr euch schon mal an dem Lebensstil versucht?

Beitragsbild: © Henry & Co./Unsplash.com – Teaserbild: © Laura Mitulla – © Snap by Three MY/Unsplash.com

Oh My Valentine! – Das Geschäft mit der Liebe

Mein E-Mail-Postfach läuft über vor Liebe. Nicht etwa, weil mir alle zum Geburtstag gratulieren, sondern weil mir alle Valentinspost schicken. Schließlich sollte man den Liebsten an diesem besonderen Tag eine Freude machen – ob mit einfallslosen Geschenken wie Rosen und Pralinen (wie romantisch!), mit drei Hosen für den Preis von zwei (sharing is caring!) oder dem neuesten Amazon-Kindle-Angebot (keine Ahnung, was das mit Liebe zu tun hat!?): Irgendwas kann man immer verschenken.

Unter dem Deckmantel der Liebe

Ich bekomme mit jedem Jahr verstärkt das Gefühl, dass Valentinstag in der Liste der unnötigen Konsumtage sukzessive vorrückt. Vielleicht bin ich hier auch nicht ganz unvoreingenommen, weil ich am 14. Februar Geburtstag habe. Trotz dessen kann ich mich nicht daran erinnern, dass mir früher beim Diktieren meines Geburtstages ein begeistertes „Oh, ein Valentinskind!“ entgegenkam. Heute ist das anders. Egal wo, ob beim Telefonat mit meiner Krankenkasse, beim Bürgeramt oder beim Arzt, alle sind mit Blick auf meinen Geburtstag ganz aus dem Häuschen. Seit ein paar Jahren bekomme ich zudem verstärkt diese Absagen, wenn ich zu meinem Geburtstag einlade: „Nee, sorry, da habe ich schon ein Valentinsdate.“ Valentinstag ist auf einmal ein Ding. Als Kind habe ich übrigens nicht einen einzigen Gedanken an diesen Tag verschwendet – höchstens habe ich mich gelegentlich gefragt, was es mit diesem „Valendienstag“ auf sich hat und warum das wider Erwarten nicht immer an einem Dienstag ist. Nun gut, meine persönlichen Befindlichkeiten mal ausgeklammert, ist mir der Valentinstag vor allen Dingen deswegen suspekt, weil sich Unternehmen immer absurdere Valentinstagsaktionen einfallen lassen. Alles unter dem Deckmantel der Liebe. Laut Statista kauft nahezu jede*r zweite Deutsche dieses Jahr ein Valentinsgeschenk und jede*r Fünfte gibt dafür mehr als 50 Euro aus (Quelle).

Wie konnte es nur soweit kommen?

Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen? Kurz zusammengefasst: Der Valentinstag geht auf den heiligen Valentinus zurück, einem römischen Märtyrer, der verbotene Eheschließungen vorgenommen haben soll und dafür am 14. Februar 269 sein Leben lassen musste – eine nicht ganz unumstrittene Legende. Im 14. Jahrhundert tauchte der Valentinstag dann erstmals in Liebesgedichten auf – das bekannteste ist wohl das Gedicht „Parlement of Foules“ von Geoffrey Chaucer, das er anlässlich der Verlobung von König Richard II. von England und Anne von Böhmen verfasste, und in dem die Rede vom Valentinstag ist. Heute ist der Valentinstag nicht mehr nur Dichter*innen und dem Adel vorbehalten, sondern erfreut sich dank seiner Kommerzialisierung einer weltweiten Bekanntheit, von der insbesondere Schokoladenhersteller und der Blumenhandel profitieren.

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In Deutschland wurde der Valentinstag nach dem 2. Weltkrieg von in Westdeutschland stationierten US-amerikanischen Soldaten unter die Leute gebracht und so gab es 1950 in Nürnberg den ersten Valentinsball. Im Kirchenkalender ist der Heiligengedenktag aufgrund der ungeklärten Quellenangaben übrigens seit den 1970er Jahren nicht mehr zu finden. Aber zu diesem Zeitpunkt waren ohnehin schon alle im Valentinsfieber. Laut der U.S. Greeting Card Association (yup, die gibt es wirklich) werden in den USA jedes Jahr 190 Millionen Valentinsgrüße verschickt, was 1 Milliarde US Dollar entspricht. In Deutschland zählen laut Statista Parfüm und Kosmetik (30,0 Prozent), Schokolade (23,7 Prozent), Schmuck (23,2 Prozent), Mode (18,4 Prozent) und Blumen (15,1 Prozent) zu den beliebtesten Geschenken. Angeblich steigt zum Valentinstag auch die Anzahl der Heiratsanträge und der Registrierungen bei Online-Partnerbörsen.

Dass Unternehmen keine Kosten und Mühen für eine Marketingkampagne zum Valentinstag scheuen, verwundert eher weniger. Dass aber speziell hierfür Produkte hergestellt werden, die am nächsten Tag schon niemand mehr will oder vielleicht auch einfach sexistisch sind, ist einfach nur absurd, wie zum Beispiel diese Auswahl an Valentinsprodukten und -kampagnen bei Horizont zeigt. Statt uns gegenseitig Donuts in Herzform zu schenken (was ja irgendwie schon noch ganz sweet ist) oder Sushi aus Herzplastikschalen zu essen, wären wir besser damit beraten, einen Liebesbrief an Mutter Erde zu schreiben – gerne mit einem fetten „P.S. Sorry, for breaking your heart“. Vielleicht macht Hallmark ja sogar Karten dafür?

Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen:

https://www.instagram.com/p/Bts0PUPgPMU/

Endlich gibt es Sushi auch im Plastikherz:

https://www.instagram.com/p/BtvB5xaFH0C/

Was würdet ihr viel lieber statt herzlosem Ramsch zum Valentinstag verschenken?

 

Titel-Collage: © Bloomy Days, © Screenshot Amazon.de, © Wyron A/Unsplash.com, © Clem Onojeghuo/Unsplash.com

5 Picks: Mit einer weißen Bluse und einem Buch als politisches Statement

In dieser Kategorie wollen wir euch regelmäßig unsere Favoriten vorstellen – egal, ob Kleidungsstück, ein ganz bestimmtes Accessoires, ein Produkt aus einem ganz anderen Bereich oder vielleicht auch ein Buch. Einfach Dinge, die uns in den letzten Wochen über den Weg gelaufen sind und die wir für so schön/nützlich/kreativ/innovativ hielten, dass wir sie euch unbedingt zeigen wollen.

Hier kommen unsere 5 Picks des Monats Februar.

Bluse Lien von Jan ’n June

Ninas Pick – Es gibt viele unausgesprochene Regeln, wann man weiße Kleidung zu tragen hat und wann nicht. Von Rachel Greene aus Friends habe ich gelernt, dass der Labor Day am 2. September in den USA der letzte Tag ist, an dem man weiße Kleidung trägt. Danach wird zu Herbstfarben übergeleitet. Eine eigene Regel, die ich mir als Teenagerin auferlegt habe: Trage keine weiße Hose während der Periode. Diese Moderegeln habe ich im Februar allesamt ignoriert, nachdem viele der US-demokratischen Kongress-Abgeordneten anlässlich von Donald Trumps Rede zur Lage der Nation weiße Hosenanzüge und Kleider trugen – ein politisches Statement in Erinnerung an die Suffragetten-Bewegung im 20. Jahrhundert, das damals wie heute in einem Meer aus dunkelfarbenen Anzügen für viel (Medien-)Aufmerksamkeit sorgt. Am nächsten Tag habe ich aus Solidarität gleich mal zu meiner perfekt sitzenden, weißen Jan ’n June-Bluse gegriffen (Sorry, Rachel – aber deine Moderegeln sind auch so was von 1996). Abgesehen von der politischen Dimension, sieht man – um es mal im Vogue-Jargon zu sagen – mit einer weißen Bluse schließlich immer gut angezogen aus. #whatFashionChangerswear

 

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Walking into #SOTU like . . w/ @cpdaction

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Happy Brush

Janas Pick – Dass Zähneputzen glücklich machen kann, weiß ich dann auch spätestens seit Weihnachten. Da gab es nämlich endlich die heiß ersehnte Happy Brush, die auf jeden Fall ein Lieblings-Pick der letzten Wochen ist. Die Zahnbürste ist nämlich nicht nur wesentlich besser für meine Zähne, die mit einer manuellen Zahnbürste gefühlt nie so richtig sauber wurden. Nein, bei Happy Brush geht es am Ende auch ums große Ganze. Klar, das ist keine nachhaltige Bambuszahnbürste, wie es in unserer Community oftmals beschworen wird. Aber damit kam ich leider auch nie wirklich klar. Diese elektrische Zahnbürste ist dafür aber ein schöner Kompromiss. Bei der Verpackung achtet das Unternehmen darauf komplett plastikfrei zu sein. Die Zahnpasten, die es auch bei Happy Brush gibt, sind allesamt vegan, ohne Palmöl und made in Germany. Die Firma achtet auf einen nahen Bezug zu ihren Produzent*innen und ist dabei immer möglichst transparent. In ihrem CSR-Bericht kann man außerdem lesen, dass die beiden Gründer noch einiges vorhaben. So sollen zukünftig die Aufsteckbürsten aus nachwachsenden Rohstoffen kommen, die Akkus austauschbar werden und nur noch Bio-Farbe als Druckfarbe benutzt werden. Ihr soziales Engagement setzen sie aktuell mit Viva con Agua um. Von jedem verkauften Starterkit wird ein Teil an den Verein für sauberes Trinkwasser gespendet.

Chelsea-Boots von Balluta Shoes

Janas Pick – Zur Fashion Week wurden sie rauf und runter getragen – endlich vegane, wirklich schöne Treter, die mein Schuh-Herz deutlich höher schlagen lassen. Was mir mit dem Umstieg zu fairer Mode wirklich immer am schwersten fiel, waren die doch nicht so einfach zu bekommenen, schönen Schuhe, die dann auch noch vegan sein müssen. Klar, im Lederbereich gibt es da schon allerhand. Aber vegan hergestellte Schuhe unter fairen Bedingungen, die dann auch noch Umweltmäßig halbwegs vertretbar (haha, Wortwitz!) sind, sind immer noch eine Herausforderung. Balluta Shoes aus Portugal macht da schon einiges richtig. Und sie sind stetig dabei sich zu optimieren. Ihre Materialien stammen zu großen Teilen aus der EU und werden auch direkt dort produziert. Ihre Fabrik, in der die Schuhe gefertigt werden, ist ein Familienunternehmen aus Portugal, das sie persönlich kennen und faire Arbeitsbedingungen und Löhne garantieren. Und nicht nur das, sie wissen um ihre Verantwortung und auch, dass nicht alle synthetische Materialien unbedingt das Ende bei der Frage nach einem veganen, nachhaltigen Schuh sein können. Balluta Shoes setzt dabei auf Transparenz und Ehrlichkeit und versichert immer weiter und besser an den Materialien zu arbeiten. Denn eins ist klar, es gibt kaum ein kontroverseres Thema als Leder-Schuh vs. veganer Schuh.

 

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Colourful pointy beauties 🧡 #WorldOfBalluta #BallutaShoes #ConsciousAndStylish

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Shiny Haare mit Five

Vrenis Pick – Wenn es mir an irgendwas nicht mangelt, sind es Haare, ehrlich. Volles Haar klingt zwar nicht nach etwas, über das man sich beschwert und zu 80 Prozent der Zeit freue ich mich auch über die Mähne, aber immer wieder hebe ich meinen Kopf nach dem Föhnen gen Spiegel und bin mir nicht mehr sicher, wo genau unter diesen Haaren ich mich eigentlich befinde. Damit im Hinterkopf habe ich mich natürlich sehr gefreut, als dieses kleine, blaue Fläschchen bei mir gelandet ist. Was ich mehr oder weniger erfolgreich versuche zu verheimlichen, ist nämlich dass ich 1. Fläschchen mit integrierter Pipette großartig finde, weil alles viel leichter zu dosieren ist und man meiner Meinung nach weniger verschwendet und 2. ich bei Produkten, die meine Haare unter Kontrolle bringen und gleichzeitig natürlich sind, sowieso große Augen bekomme.

Five kommt aus der Schweiz und lässt in Bayern produzieren. Sie verstehen ihre Produkte als Naturkosmetik der nächsten Generation. Sie sollen nicht nur natürlich, sondern auch biologisch und vegan sein. Dabei gibt’s maximal fünf Inhaltsstoffe in jedem Produkt.

„Untenrum frei“ von Margarete Stokowski

Vrenis Pick: I know I am veeeery late to the party, aber: „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski ist ein Buch, das ich nicht erst in den letzten Wochen hätte lesen sollen, sondern besser schon Anfang 20. Ach, was rede ich, gleich besser schon mit 16 hätte ich dieses Buch über Sexualität, die Zwänge denen junge Frauen unterliegen und Selbstbestimmung sehr dringend gebraucht. Und weil ich davon überzeugt bin, dass es nicht nur mir so geht, empfehle ich es nun munter, wo ich kann, damit irgendwo jemand mit 16 oder Anfang 20 dieses Buch liest und danach ein Stück mehr weiß, dass vieles, was wir in jungen Jahren lernen und erfahren, hinterfragt werden muss. Immer und immer wieder!

Erschienen ist das Buch erstmalig 2016 im Rowohlt Verlag und mittlerweile in der fünften Auflage (!) verfügbar.

 

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Heute vor 2 Jahren hab ich die letzten Korrekturen von #untenrumfrei abgegeben. News heute: Es wird auf KOREANISCH übersetzt 🍻😍🌈

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Welche Dinge sind euch in den letzten Wochen besonders im Gedächtnis geblieben?

Aus Transparenz-Gründen: Einige der hier gezeigten Produkte haben wir kostenlos als PR-Sample erhalten. Davon bleibt unsere persönliche Meinung natürlich unbeeinflusst und wir stellen euch wirklich nur Dinge vor, die wir selbst zu 100 Prozent gut finden.

More or Less Mag

Neuer Monat, neuer Fashion Changer Of The Month.

Während der Fashion Week stolpern wir auf der Zeit Magazin Konferenz über Jaime Perlman, ihres Zeichens Kreativdirektorin, die ihre große Karriere in New York und mit der Zusammenarbeit mit Anna Wintour für die amerikanische Ausgabe der Vogue begann. Viele Jahre als Creative Director bei der British Vogue folgten. Außerdem ist Perlman begeisterte Fashion Film Enthusiastin und Gründerin der Plattform Test, auf der sie mit jungen, britischen Designer*innen zusammenarbeitet, um ihre Kollektionen audiovisuell vorzustellen. Sie hat weit verzweigte Kontakte in viele Bereiche der Modebranche und ist ein wahres Multitalent. Auf besagter Konferenz diskutiert sie gemeinsam mit Journalistin Claire Beermann und Stylist Dogukan Nesanir über die Zukunft der Modemagazine.

Während der Entstehung der ersten Ausgabe des More or Less Mags stellte sich heraus, dass wohl enge Beziehungen das Leitthema sind: So wurde zum Beispiel Kate Moss für das Shooting von ihrem besten Freund James Brown gestylt. © More or Less Mag

Ein Modemagazin der Zukunft

Jaime Perlman hat unlängst ihr eigenes Fashion-Magazin gegründet: das More or Less Mag. Ziemlich mutig in einer Zeit, in der Printmagazine überall ums Überleben kämpfen. Doch Perlman hat eine Mission: Sie möchte die Modewelt von ihrer Arroganz und dem unbedingten Luxusdenken befreien. Das Mantra des More or Less Mag ist daher:

„Excess is no longer in fashion. Creativity is the new luxury.“

Außerdem ist die Kreativdirektorin und Herausgeberin gelangweilt von den immer gleichen Looks und den stetigen Zyklen des Modezirkus. Das More or Less Mag soll deswegen nicht nur aktuelle Kollektionen featuren, sondern vor allem Mode in ihrer Gesamtheit zeigen. Und dazu gehören eben auch Vintage, überschüssige Armeekleidung, Sportklamotten, alte Schuluniformen, Handwerkskunst und vermeintlicher Müll. Die gesamte Bandbreite wird in dem Magazin aufgeführt und soll dabei echte Menschen zeigen, die echte Kleidung tragen. Es scheint fast so als wäre Perlman der Vogue ein wenig überdrüssig geworden und deswegen ein radikales Gegenkonzept entwickelt. Fragen konnten wir sie das leider nicht, denn bis heute ist noch kein Interview zustande gekommen.

Creative Producer Sylvia Farago wurde auf 26 Seiten in ihrer ausgiebigen Bandshirt-Sammlung abgelichtet. © More or Less Mag

The true cost

Die erste Idee für das More or Less Mag war noch eine andere. Jaime Perlman wollte anfangs nur Outfits zeigen, die nicht mehr als £500 gekostet haben. Sie fragte ihre Bekannte Livia Firth, wie sie die Idee fände. Und vielleicht könnt ihr die Antwort schon erahnen. „Why so cheap?“, gab Firth zu bedenken, „Du musst vorsichtig sein. Wenn du es zu günstig machst, bezahlst du nicht den Preis, den die Dinge eigentlich kosten. So unterstützt du unethische Arbeitsbedingungen in Fabriken auf der ganzen Welt.“ Das brachte Perlman ins Grübeln. Dank des kleinen, aber doch so wichtigen Hinweises dachte sie nicht nur über das Konzept der gezeigten Outfits nach, sondern wurde vor allem daran erinnert nachhaltige Mode zu stärken.

So präsentiert das More or Less Mag eine große Bandbreite von Mode und konzentriert sich insbesondere auf nachhaltige Aspekte, die sonst in Printmagazinen nicht allzu häufig einen Platz finden. Zudem fördert Jaime Perlman aktiv Nachwuchsdesigner*innen und Fotograf*innen und lässt immer mindestens ein*e Student*in an der jeweiligen Ausgabe mitarbeiten. Das More or Less Mag soll den Kleidungsstücken und den Menschen dahinter wieder einen Wert geben und ein wenig die Geschwindigkeit aus unserer wahnsinnig rasanten Welt herausnehmen. Wir finden, das ist eine großartige und beachtenswerte Idee und es bräuchte mehr dieser Konzepte in der Modewelt, damit ein immer größerer Teil von Menschen daran partizipieren kann.

Schauspielerin Chloë Sevigny sortierte ihren Kleiderschrank aus. Alles, was sie eigentlich loswerden wollte, wurde Teil des Shootings. © More or Less Mag

Das More or Less Mag gibt es auch in Deutschland in ausgewählten Zeitschriftenläden, wie sie zum Beispiel in Berlin des Öfteren zu finden sind. Eine Liste der Händler*innen findet ihr hier.

Warum wir einen kritischeren Blick auf Secondhandkleidung brauchen

„Secondhandkleidung ist das Nachhaltigste überhaupt!“ – das oder etwas Ähnliches haben wir schon hundertfach gehört und natürlich: Kleidung gebraucht zu kaufen oder seine eigene Kleidung weiterzugeben, hat viel Positives: Es fließt kein Geld an einen großen Fast-Fashion-Konzern, Kleidungsstücke werden wiederverwendet und niemand wird an der Nähmaschine ausgebeutet. Es scheint fast, als hätte Secondhandkleidung so viel auf der Pro-Seite, dass wir vergessen zu fragen: An wen fließt das Geld denn eigentlich stattdessen? Wer verwendet die Kleidung wieder? Und wer bereitet sie auf?

Das Geschäft mit der Secondhandmode

Mit dem globalen Anstieg der produzierten Bekleidungsmenge (Verdopplung zwischen 2000 und 2014 auf 100 Milliarden Kleidungsstücke, Quelle: Greenpeace), stieg auch die Menge der Secondhandkleidung. So weit, so logisch. Und wo Ressourcen liegen, liegt in der Regel auch Geld. Der An- und Verkauf von Secondhandmode ist längst ein lohnendes Geschäft. 2014 wurden 4,3 Millionen Tonnen Altkleider gehandelt (Quelle: Greenpeace). Diese Tatsache an sich klingt noch nicht unbedingt problematisch. Wenn wir aber weitergehen und uns mal Seondhandunternehmen, die wir aus der Fußgängerzone kennen, genauer anschauen, lassen sich erstaunlich wenig Informationen finden. Wo kommt die Kleidung denn eigentlich genau her und von wem wurde sie aufgewertet?

Ich habe einmal eine Mitarbeiterin von Picknweight, die nach eigenen Angaben zu den größten Secondhandmode-Anbietern in Deutschland gehören, gefragt, woher sie ihre Kleidung beziehen. Alles, was ich zurückbekommen habe, war ein Schulterzucken. Keine Ahnung also. Secondhandkleidung ist nachhaltig, was muss man da noch hinterfragen? Inzwischen habe ich gelernt, dass Picknweight den Großteil von der Soex Group kauft. Das ist praktischerweise auch gleich die Muttergesellschaft der Picknweight GmbH. Die Soex Group gehört zu den größten Altkleiderverwertern weltweit und steht immer wieder in der Kritik.

Warum? Weil sie Geschäfte mit „Kleiderspenden“ macht. Denn ein Teil der Kleidung kommt zum Beispiel aus den Altkleidercontainern des Deutschen Roten Kreuzes. „Irgendjemand muss sich schließlich um die riesigen Abfall-Berge kümmern“, sagt Soex-Chef Alex Buchholz in einem Interview mit dem Stern. Klar, stimmt ja auch. Aber war da nicht noch was? Richtig, Altkleiderverwerter-Unternehmen stehen oftmals nicht nur in der Kritik, weil sie mit Spenden ein Business betreiben, sondern auch, weil sie einen großen Teil der Kleidung in diverse afrikanische Länder exportieren und dort die eigenen Textilmärkte zerstören (Quelle: Die Altkleider-Lüge). Inzwischen haben 42 Nationen (hauptsächlich in Afrika, Südamerika und Asien) den Import von gebrauchter Kleidung beschränkt oder verboten (Quelle: Otexa).

Natürlich sind es nicht nur große Unternehmen, die ein paar Euro mit den Kleidern aus zweiter Hand verdienen wollen. Auf Plattformen wie Kleiderkreisel, Mädchenflohmarkt, Etsy und Ebay (Kleinanzeigen) verkaufen oder verschenken auch viele Privatpersonen ihre Kleidungsstücke. Auch der lokale, kleine Secondhandladen um die Ecke verkauft möglicherweise Kleidung von Privatpersonen gegen eine Provision. Zum Anteil dieser privaten Verkäufe am Gesamt-Secondhand-Markt gibt es allerdings keine Zahlen. Allzu hoch dürfte er nicht sein.

Kleidung wegwerfen – wohin denn eigentlich?

Durchschnittlich besitzen die Deutschen 92 Kleidungsstücke (Quelle: Greenpeace). Also weit mehr als wir brauchen – und wollen. Der aufgeräumte Kleiderschrank ist spätestens seit der kürzlich angelaufenen Netflix-Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“ hoch im Kurs. Die aussortierten Stücke wandern in große Plastiksäcke. Und dann? Was in der Serie nicht thematisiert wird, sieht in der Realität oft so aus: ein paar wenige Dinge verkaufen, mehrere Säcke zur Kleiderspende und den Rest in den Müll. Das Zuhause ist aufgeräumt und etwas Gutes hat man vermeintlich auch getan, denn mit der Spende kann die Kleidung wenigstens noch von jemandem genutzt werden, der sie womöglich braucht.

Abgesehen davon, dass es gut sein kann, dass das aussortierte Teil nicht bei „jemandem“ sondern beim großen Altkleider-Verwerter landet, fragt man sich auch, ob die Teile, die da in den Container geworfen werden, überhaupt zweckmäßig weitergegeben werden können. Auf Nachfrage erklärt das Deutsche Rote Kreuz, dass der größte Teil der gespendeten Kleidung aus Damenbekleidung besteht, während es an genügend Spenden für Männer fehlt: „In der Wintersaison benötigen wir Kleidung für die Klienten unseres Wärmebusses (Winterjacken, Pullover, Schals und so weiter für Obdachlose), ganzjährig fehlt es an gut erhaltener Herrenbekleidung in kleineren Größen (für geflüchtete junge Männer).“

Wenn Kleidung nicht mehr getragen werden kann, kann sie aber immer noch recycelt werden, oder? Naja. Alte Fasern werden aktuell so gut wie gar nicht zu brauchbaren Garnen und Stoffen für neue Kleidung recycelt. Viel häufiger werden Stoffe zerkleinert und zu Putzlappen oder Füllstoffen weiterverarbeitet. Und landen auch dann früher oder später wieder auf dem Müll. (Quelle: Greenpeace)

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Like you, we’ve been enjoying following the #10yearchallenge, but it’s got us thinking about the everyday challenge of discarded garments that are piling into landfills and the lifespan of our clothing. In Zine 2, Loved Clothes Last, we published a guide looking at how long it takes different garments and textiles to decompose in landfill. Sadly, most of the garments discarded in 2009 have probably yet to decompose or biodegrade. Considering that around 350,000 tonnes of UK clothing are sent to landfill each year, maybe the real challenge of 2019 should be demanding clothing made from biodegradable materials and closing the loop! #FashionRevolution #LovedClothesLast 🎨 @liedirkx

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Auch der Secondhandmarkt beutet aus

All das soll natürlich nicht bedeuten, dass Secondhandmode schlecht ist oder Verbraucher*innen nicht den Anspruch haben sollten ihre getragene Kleidung weiterzugeben. Bereits bestehende Konsumgüter zu nutzen, erscheint in einer Gesellschaft, die jetzt schon genug Textilien für die nächsten Jahrzehnte produziert hat, mehr als sinnvoll. Wir haben aber trotzdem ein Problem, denn die positiven Aspekte der Secondhandmode ändern nichts daran, dass es auch Schattenseiten gibt über die bisher kaum gesprochen wird. Zeit Online hat kürzlich in einem Artikel („Der Hinterhof der Fast Fashion“) die ausbeuterischen Zustände der Secondhandbranche recherchiert: In Bulgarien entwickelt sich aktuell ein ganz neuer Markt für Kleideraufbereitung. In großen Fabrikhallen sitzen zumeist Frauen, die Kleidung sortieren und nicht nur von Feinstaub belastet sind, sondern auch keine Gewerkschaft haben, die sie vertritt. Ungefähr 1,7 Tonnen soll ein*e Arbeiter*in in einer Sortierfabrik am Tag schaffen. Zustände, die an Fast-Fashion-Fabriken erinnern.

Ansonsten finden sich aktuell noch wenig Recherchen zum Thema. Bezeichnend? Ja. Es scheint wirklich als wäre der Umgang mit den Textilmassen ein blinder Fleck. Fast so, als hätten wir gar nicht bemerkt, dass wir jedes Jahr 100 Milliarden Kleidungsstücke produzieren und schlicht noch nie so richtig darüber nachgedacht haben, was eigentlich nach dem Tragen passiert.

Und jetzt?

Über all das sollten wir uns überlegen, ob wir in Zukunft nicht nur fragen sollten, wer unsere Kleidung gemacht hat, sondern auch wer sie aufgearbeitet hat. Wir sollten Privatverkäufe größeren Secondhandketten vorziehen, kritisch bleiben und vor allem auch bei der Secondhandkleidung nicht aufhören zu fragen: Wo kommt das eigentlich her? Eine schnelle Lösung gibt es aktuell für die Schattenseiten der Secondhandkleidung wohl nicht. Ein Ansatz sind sicherlich neue Geschäftsmodelle, die langlebige, reparier- und kreislauffähige Kleidungsstücke hervorbringen, wie es einige Fair Fashion Labels bereits tun.

Wie steht ihr zum Thema? Waren euch die Problematiken rund um Secondhandmode schon bewusst?

Titelbild: Emilie Elizabeth