Wie nachhaltig sind EcoVero und Cradle to Cradle wirklich?

Stimmt das? EcoVero, Textil-Fakten und Cradle to Cradle auf dem Prüfstand

Informationen verbreiten sich 2019 so schnell wie nie – auch Fehlinformationen. Das gilt ebenso für die Bereiche Nachhaltigkeit und Fair Fashion. Immer wieder lese ich Aussagen und vermeintliche Fakten, die bei genauerem Hinsehen gar nicht gestützt werden können. Dazu kommt, dass im Nachhaltigkeitsbereich auch ständig neue Materialien oder Verfahren auf den Markt kommen und man da schon mal den Überblick verlieren kann. Ist das denn nun wirklich nachhaltig?

Mit diesem Format „Stimmt das?“ will ich Aussagen oder Fragen aus der Community aufgreifen und aus meinem Blickwinkel als angehende Textilingenieurin beantworten und/oder richtig stellen.

1. „EcoVero ist total nachhaltig.“

EvoVero ist die Antwort der Firma Lenzing aus Österreich auf den Versuch die Herstellung der Viskose umweltbewusst zu gestalten.

Naturfasern Chemiefasern Unterschied

Welche Fasern gibt es? Schaubild: Franziska Uhl

Viskose gehört zu der Fasergruppe der regenerativen Cellulosefasern. Das bedeutet, dass wir von einer Chemiefaser auf der Basis eines natürlichen Rohstoffes sprechen. Meistens ist dieser Rohstoff Buche, Eukalyptus oder Bambus, also Holz. Das Holz wird dann in einem chemischen Verfahren gelöst, zu Fäden versponnen und verfestigt.

Genau dieses chemische Verfahren ist bei Viskose alles andere als umweltbewusst, wie ihr in folgendem Schaubild ganz gut erkennen könnt.

Schaubild Viskose Herstellung

Welche Chemikalien braucht es eigentlich, bis Viskose entstehen kann? Schaubild: Franziska Uhl

Die Herstellung von Viskose ist vor allem kritisch, wenn sie in einem Land mit nicht existenten Abwasserschutzgesetzen hergestellt wird. Mit EcoVero hat Lenzing ein Viskoseverfahren entwickelt, dass Holz aus lokalem, kontrolliert ökologischem Anbau verwendet. Es ist ein umweltbewussteres, chemisches Verfahren, dessen Abwasseraufbereitung optimiert wurde. Lenzing sagt, dass die Herstellung im Vergleich zur konventionellen Viskoseherstellung 50 Prozent weniger Emissionen und Wasserbelastung erzeugt.

Es ist also relativ komplex EcoVero bezüglich der Nachhaltigkeit zu beurteilen. Natürlich wurde der Herstellungsprozess optimiert. Verglichen aber mit dem Herstellungsprozess der Faser Lyocell, die auch auf Holz basiert, ist dieser immer noch sehr intensiv im Chemikalien- und Wasserverbrauch. Gehen wir jetzt weiter und vergleichen EcoVero beispielsweise mit Baumwolle, ist der Wasserverbrauch von EcoVero beziehungsweise Viskose allgemein mehr als 20-mal so gering. Das Spiel müsste man jetzt mit allen prozess- und ressourcentechnologischen Faktoren spielen und könnte am Ende nur schätzen, was am besten und grünsten ist. Denn wir haben aktuell nur den Herstellungsprozess betrachtet.

Was ist eigentlich mit den Eigenschaften des Materials an sich? Da muss man ganz klar sagen: Die Eigenschaften von Viskose sind nur mäßig. Vielleicht ist dem*der ein oder anderen schon einmal aufgefallen, wie schwer ein Viskose-Shirt wird, wenn man es wäscht oder dass Unterwäsche aus Viskose schnell die Form verliert. Wenn man Viskose häufig wäscht und Reibung aussetzt, neigt sie außerdem dazu, zu pillen (mit “pillen” ist das Entstehen von  kleinen Knötchen gemeint, die durch Reibung an der Stoffoberfläche entstehen).

Historisch ist es so, dass im Laufe der Jahre Fasern wie Modal und dann auch Lyocell entwickelt wurden, um Textilien mit besseren Eigenschaften als Viskose zu haben. Bezogen auf ihre Gebrauchseigenschaften, ist Viskose also nicht sehr nachhaltig, weil die eher mäßigen Eigenschaften die Nutzungsdauer verringern. Und eine kurze Nutzungsdauer ist alles andere als nachhaltig. Da liegt es natürlich auch an den Konsument*innen, ob sie das EcoVero gewissenhaft pflegen, um keinen schnellen Verschleiß des bereits nicht ganz so robusten Textils zu provozieren.

Ist Eco Vero wirklich nachhaltig?

Wenn neue Materialien und Verfahren auf den Markt kommen, sollten wir trotzdem kritisch bleiben und Expert*innen nach ihrer Meinung fragen. Foto: Tamara Bellis/ Unsplash

2. „Die Textilindustrie ist die zweitschmutzigste Industrie der Welt.“

Diese Aussage basiert auf einer Studie des Danish Fashion Institutes (heute Global Fashion Agenda) gemeinsam mit Deloitte aus dem Jahr 2013. Das Dokument ist momentan nicht mehr auffindbar.

Die Aussage an sich ist in meinen Augen unsinnig, denn allein die Benutzung des Wortes „Textilindustrie“ ist fragwürdig. Die Textilindustrie umfasst alles von Automobil-Innenverkleidung über Rotorblätter von Windkrafträdern bis zu klassischen Bekleidungstextilien. Das sind so viele unterschiedliche Bereiche, dass es größenwahnsinnig erscheint, so eine Aussage zu treffen.

Wenn man nur die Bekleidungsindustrie betrachtet, ist es kaum möglich ein industrieübergreifendes Ranking vorzunehmen, weil es unglaublich schwierig ist Daten zu erheben und viele Industriezweige fließend ineinander übergehen. Darüber hinaus ist es schwierig zu definieren, was genau noch „Textilindustrie“ ist und was nicht. Es sind Fragen zu klären wie: Wie ist die Transportindustrie von der Textilindustrie zu trennen oder die Chemieindustrie von der Textilindustrie?

Auch die Frage wie „Umweltverschmutzung“ definiert wird, ist mit so einer Aussage nicht geklärt. Bezieht sich diese Aussage jetzt nur auf die Verschmutzung oder auch auf den Verbrauch von Ressourcen? Werden also die Folgen von einem zu hohen Verbrauch von Ressourcen auch betrachtet oder eben nur ihre aktive Verschmutzung?

Letztendlich ist die Textilindustrie ohne Frage alles andere als eine umweltfreundliche Industrie und hat massive negative Auswirkungen auf die Umwelt. Diese Tatsache sollte – falsche Aussage hin oder her – weder verharmlost noch schön geredet werden.

3. „Cradle to Cradle ist die Zukunft”

Bei Cradle to Cradle ist es wichtig, dass man sich bewusst macht, ob man vom Siegel oder dem Konzept an sich spricht. Cradle to Cradle ist so komplex und beachtet so viele Details, dass es gar nicht möglich ist, in folgender Bewertung auf alle Aspekte einzugehen.

Cradle to Cradle – das Konzept

Cradle to Cradle als Konzept beschreibt ein Kreislauf-Prinzip, entwickelt durch Braungart und McDonough (vgl. Braungart/ McDonough 2005). Kern des Konzeptes ist es, Verbrauchsgüter in einen biologischen Nährstoffkreislauf und Gebrauchsgüter in einen technischen Kreislauf zu führen. Das heißt, dass sich Verbrauchsgüter durch Umweltverträglichkeit und/oder Kompostierbarkeit auszeichnen, weil sie eben in dem oben genannten biologischen Nährstoffkreislauf geführt werden sollen. Gebrauchsgüter sind Materialien, die als Primärrohstoff langfristig nur noch begrenzt zur Verfügung stehen werden, wie Kunststoffe oder Metalle. Diese sollen dann dem Konzept nach in dem oben genannten technischen Kreislauf verwertet werden. Die Produktionsprozesse, die den Rahmen bilden, sollen „öko-effizient“ sein.

Cradle to Cradle ist aber auch ein kommerzielles Siegel. Es zertifiziert Material, Kreislauffähigkeit, Energiequellen, Wasseraufbereitung und soziale Standards. Je nach Zertifizierungsstufe muss eine bestimmte Anzahl dieser Kriterien erfüllt sein.

Das Cradle to Cradle Siegel

Wie das mit allen Siegeln ist, kosten sie Geld und es braucht eine zusätzliche Stelle im Unternehmen, die sich mit der Koordination der Auditierung auseinandersetzt. Das muss sich ein Unternehmen leisten können. Außerdem läuft man, wie bei anderen Siegeln auch, Gefahr, Konsum „grün zu reden“, anstatt ihn zu hinterfragen. Eine weitere Gefahr sehe ich in der Übertragung der Verantwortung an den Produktionsbetrieb. Natürlich darf man diesen Vorwurf nicht verallgemeinern, aber mit einer Zertifizierung lässt man seinen Betrieb zertifizieren und wenn der Stempel drauf ist, muss man sich nicht weiter als Unternehmen kümmern. Wäre ein Gesetz zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht nicht weit sinnvoller, als ein weiteres kommerzielles Siegel?

Schwierigkeiten sehe ich in der Umsetzung des Cradle to Cradle Kreislaufes in der Bekleidungsindustrie. Cradle to Cradle Textilien sollen beispielsweise kompostierbar sein, aber das funktioniert natürlich nicht im normalen Bio-Müll, sondern in speziellen Verwertungsanlagen. Wie anwendbar ist das auf die enorm schnelllebige Industrie? Wird der Kunde wirklich zu Laden X zurückgehen, wenn sein Cradle to Cradle T-Shirt abgetragen ist, damit es Laden X dann in deren Verwertungsanlage zurück in den Kreislauf führt? Für mich aktuell ein romantischer, aber eben auch unrealistischer Gedanke. Dieser Kreislauf wäre nur mit einem massiven Rückgang des Konsumniveaus und Stärkung der Wertschätzung für Textilien implementierbar.

Cradle to Cradle Kritik

Was kann Cradle to Cradle leisten? Und wo liegen Probleme? Foto: Noah Buscher/ Unsplash

Es wird noch komplexer

Drehe ich mein Gedankenkarussell weiter, wird es textiltechnologisch gesehen noch komplexer. Cradle to Cradle setzt voraus, dass das Textil 100 Prozent in einen biologischen Nährstoffkreislauf geführt werden kann. Also wird beispielsweise auf Polyestergarne in den Nähten verzichtet. Ein einfaches Baumwollgarn wird aber kaum so strapazierfähig sein, wie ein Polyestergarn. Jetzt ist die Frage, wie nachhaltig es wirklich ist, ein T-Shirt herzustellen, bei dem das Nähgarn schneller reißt, weil es eben aus Baumwolle anstatt aus Polyester ist. Außerdem kann man noch weitergehen und sich überlegen, mit wie viel Chemie man ein Baumwollgarn behandeln muss, dass es vergleichsweise strapazierfähig ist wie ein Polyestergarn. Ist das prozesstechnologisch sinnvoll? Ist das dann noch im Sinne des Konzeptes?

Um Cradle to Cradle Platin zertifiziert zu werden, muss man zum Beispiel ein biologisch abbaubares Etiketten-Druckverfahren entwickeln. Man hat allerdings wahrscheinlich mehr Schadstoffe auf so einem T-Shirt, wenn man ein paar Mal an dem Auspuff eines PKW vorbeiläuft, als durch etwas Druckertinte. Hier verläuft sich das ursprüngliche Konzept für mich in Nichtigkeiten und Prozessen, die nicht effizient sind.

Ich halte Cradle to Cradle als Konzept für sehr sinnvoll. Und zwar aus dem Grund, dass es das Unternehmen dazu zwingt, sich schon während des Designprozesses Gedanken um die Entsorgung und Kreislauffähigkeit der verwendeten Materialien zu machen und Prozesstechnologien zu überdenken. Es ist wichtig, dass Unternehmen auf regenerative Energiequellen umstellen und ganzheitlich Produktionsprozesse und ihr Ressourcenmanagement neu denken.

Fazit Cradle to Cradle

Allgemein sollte in meinen Augen ein T-Shirt aber nicht konsumiert werden, weil es kompostierbar ist und ein grünes Siegel hat, sondern weil man es wirklich braucht. Ein T-Shirt sollte lange tragbar sein, und nicht als kompostierbares Wegwerfprodukt gesehen werden. Und da spricht der Ansatz, den Braungart und McDounough vertreten, dagegen: „Inmitten des vielen Geredes über die Verkleinerung des ökologischen Fußabdrucks bieten wir eine Vision. Was wäre, wenn die Menschen Produkte und Systeme entwerfen würden, denen die Fülle an menschlicher Kreativität, Kultur und Produktivität zum Ausdruck käme? Die so intelligent und sicher sind, dass unsere Spezies einen großen ökologischen Fußabdruck hinterlässt, an dem sich alle Lebewesen erfreuen, statt über in zu lamentieren“ (Braungart/McDonough, Cradle to Cradle, Februar 2014, S.33).

Das klingt toll und nach Weltrettung, aber es ist eben nur ein Konzept zur Weltrettung, das vor allem von seiner ganzheitlichen Umsetzung lebt. Ein Konzept für das Strukturen geschaffen werden müssen und Industrien dazu gezwungen sind komplett neu zu denken und agieren, um es irgendwie als “die Zukunft” bezeichnen zu können.

Solltet ihr euch intensiver mit der Cradle to Cradle Thematik befassen wollt, kann ich euch gerne das Buch von McDonough und Braungart „Cradle to Cradle“ empfehlen und eine Studie vom GIZ zum Thema „Kreislaufwirtschaft“ .

 

Von welchem Nachhaltigkeits-Mythos wolltet ihr schon immer mal wissen, ob er stimmt? Schreibt es gerne in die Kommentare und Franzi wird versuchen es für euch zu beantworten.


Titelbild: Jon Tyson / Unsplash

Franzi wünscht sich nichts Geringeres als Weltfrieden. Und Teil der „Generation Textilingenieure“ zu sein, die sich an dem David-gegen-Goliath-Spiel in der Textilindustrie versucht – in Grün natürlich. Dafür studiert sie auf der schwäbischen Alb Textiltechnologie und teilt ihr Expertinnenwissen auf ihrem Blog Un petit sourire slows down sowie im Radio und auf Vorträgen. Knowledge is Power – Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Konsument das Recht auf einen Blick hinter die Kulissen der Textilindustrie hat, um Kaufentscheidungen eigenständig und gewissenhaft treffen zu können. Ich glaube nicht an Perfektionismus, aber daran ,dass wenn ganz viele Menschen ganz viele kleine Schritte gehen, etwas Großes bewirken können.

4 Kommentare

  • Sabine
    03/05/2019
    reply

    “Ihr müsst nicht ganz genau verstehen WAS da zusammengemischt wird, sondern WIE VIEL Chemie benötigt wird, um aus Holz Viskose herzustellen” WAs? Geht’s noch ungenauer? Alles in unserem Leben ist Chemie, und wenn ihr die chemischen Begriffe nur benutzt, um die Dinge gefährlich und fremd erscheinen zu lassen, hat das für mich nichts mit Mehrwert für eure Leser zu tun, sondern grenzt schon an Polemik. Das Thema an sich ist wirklich spannend und es wäre hilfreich, mehr darüber zu erfahren. Aber Wenn ihr schon über so ein Thema schreibt, dann klärt wenigstens richtig auf, statt Ungewissheit und Angst zu schüren.

  • Helen
    31/07/2019
    reply

    Danke dir Franzi für deine Aufklärungsarbeit. In meinem Studium als Modedesignerin habe ich viel über die einzelnen verfahren gelernt, finde es aber wichtig das sie ‘jedermann’ verständlich gemacht werden. thumbs up – weiter so!

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