Hanffasern – wie nachhaltig sind sie wirklich?

Nachhaltige Stoffe: Sind Hanffasern die Lösung?

„Hanffasern sind leicht herzustellen, langlebig, biologisch abbaubar und günstig.“

„Hanffasern: robust, günstig, wenig Wasserverbrauch und kein Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.“

„Hanf ist eine super Alternative.“

Das sind nur einige von unzähligen Aussagen, die ich online immer wieder lese, wenn es um natürliche Faseralternativen geht. Anlass genug für mich, über dieses Thema aufzuklären.

Die Frage nach der Nachhaltigkeit ist komplex

Hanf erfährt alle paar Jahre eine Renaissance. Es ist eines dieser Materialien, das auf der Suche nach einer einfachen Antwort auf die Komplexität der Nachhaltigkeit in der Textilindustrie, regelmäßig aus der Abstellkammer geholt wird und plötzlich für alles die Lösung sein soll. Pauschalisierungen und Glorifizierungen sind in diesem Bereich allerdings schwierig und die Frage der Nachhaltigkeit bei Hanf ist um einiges komplexer. Bereits in diesem Artikel habe ich schon einmal der Frage nach „der nachhaltigsten Faser” oder „dem nachhaltigsten Textil” genähert und die Komplexität dahinter gezeigt.

Annahmen wie „Wie wäre es mit Hanf? Leicht herzustellen, langlebig, biologisch abbaubar und günstig” zeigen, wie wenig und falsch Konsument*innen informiert sind. Auch mit Hanf ist es nicht so einfach ist, wie es zunächst klingt. Um besser zu verstehen, wieso das so ist, will ich die Eigenschaften, die Hanf zugeschrieben werden, nacheinander besprechen.

Gerücht 1: „Hanf ist leicht herzustellen”

Der Herstellungsprozess von Hanf kann nicht wirklich als „leicht“ bezeichnet werden. Bei einer Baumwollpflanze zum Beispiel, ist die Baumwolle in der Baumwollblüte schon verarbeitungsfertig, muss nur gepflückt werden und kann direkt in großen Ballen in die Garnspinnerei geliefert werden. Hanf hingegen gehört zur Gruppe der Bastfasern. Das sind unter anderem auch Brennnessel, Jute, Ramie oder Flachs. Bei Bastfasern liegen die Fasern in Faserbündeln in der Pflanze vor. An diese Faserbündel muss man zunächst herankommen und die Pflanze drumherum dabei entfernen.

So werden Hanffasern hergestellt

Das läuft folgendermaßen ab:

Die Hanffaser wird vom Feld geerntet, indem sie geschnitten wird. Der nächste Schritt besteht darin, die Fasern aus den geernteten Pflanzen zu lösen. Dafür werden die sogenannte Aufschlussverfahren eingesetzt. Das sind Verfahren, die die Fasern, die in Faserbündeln im Stängel der Pflanze vorliegen, vom Rest der Pflanze trennen. Dieser Aufschluss erfolgt chemisch, biologisch, mechanisch oder mit Dampf. Oft werden auch zwei der Verfahren kombiniert. Die Abläufe und Reihenfolge der Prozesse variiert je nach späterem Anwendungsgebiet der Faser.

Die Pflanze wird also so behandelt, dass die Faserbündel zunächst vom Rest der Pflanze getrennt werden können. Dann muss das Material ausgereinigt und voraufgelöst werden. Nun sind die Faserbündel vom Rest der Pflanze getrennt. Diese Faserbündel können aber nur für technische Anwendungen wie Autotüren, Dämmmaterial, Tiereinstreu oder dem Gartenbau verwendet werden.

Wenn aus dem Hanf dann Garn für ein Bekleidungstextil entstehen soll, müssen die Faserbündel noch verfeinert werden. Das erfordert noch einmal maschinellen Einsatz und oft Handarbeit. Wenn der Hanf vergleichsweise die Qualität einer Baumwollfaser haben soll, also weich und fein, dann müssen die verfeinerten Faserbündel noch einmal mechanisch und/oder chemisch behandelt werden. Das liegt daran, dass die Faserbündel über eine Klebesubstanz zusammengehalten werden, die bei diesem Prozess noch entfernt werden muss. Dieser Vorgang nennt sich Cottonisierung. 

Die Fasergewinnung ist aufwändig

Um den ganzen Prozess in Zahlen darzustellen: von einem Hektar Hanfpflanzen erhält man etwa 7-10 Tonnen Hanfpflanzen als Erntematerial. 7-10 Tonnen Erntematerial bringen etwa 25% Rohfasermaterial. Und wenn man jetzt feine Fasern für Bekleidungstextilien herstellen will, bekommt man am Ende aus 500 Kilogramm bis 1 Tonne Fasern raus.

Und die Verarbeitung hört hier nicht auf. Die Fasern werden dann in die Spinnerei geliefert und von speziellen Maschinen versponnen. Das Garn kann dann verwebt oder verstrickt werden, um das finale Kleidungsstück daraus herzustellen. Der Web- oder Strickprozess läuft hier langsamer als bei anderen Fasern, da Hanf in der Produktion sehr stark staubt.

Zusammengefasst heißt das:

Ich habe keine Ahnung, wo die weit verbreitete Annahme herkommt, dass Hanftextilien leicht herzustellen seien. Wir sprechen von einer Faser, die mit großem Aufwand erst aus dem Stängel einer Pflanze gewonnen werden muss und das mit enormen Verlusten in der Rohstoffverarbeitung, um überhaupt mit ihr arbeiten zu können. Einige Schritte sind noch Handarbeit oder erfordern viel Know-How und die richtigen Maschinen. Das Aufschlussverfahren ist sehr energieaufwendig.

Gerücht 2: „Hanf verbraucht wenig Wasser und braucht keine Pflanzenschutzmittel”

Hanf benötigt, biologisch gesehen, sogar noch mehr Wasser als Baumwolle. Hanf wird aber in niederschlags- und grundwasserreichen Gegenden angebaut, was zu dem Gerücht führt, er habe im Anbau einen geringen Wasserverbrauch. Im Übrigen ist das bei Fasern wie Baumwolle das gleiche Spiel. Wenn Baumwolle in der richtigen Klimazone angebaut wird, hat sie einen sehr niedrigen künstlichen Wasserverbrauch. Nur in der falschen Klimazone wird ihr Wasserfußabdruck so schlecht. Das Gerücht, Hanf könne überall angebaut werden, ist so also auch nicht richtig oder empfehlenswert.

Herbizide und Pestizide werden auch benötigt, gerade wenn Hanf im großen Stil angebaut wird. Die Mengen sind nicht mit denen zu vergleichen, die bei Baumwolle eingesetzt werden. Dennoch ist die obenstehende Aussage, dass gar keine Pestizide eingesetzt werden, so nicht richtig.

Gerücht 3: „Hanf ist günstig”

Diese Aussage ist beinahe ironisch, denn: Die Tatsache, dass es in Europa die Textilhanf-Industrie praktisch nicht mehr gibt, ist dem Thema Geld geschuldet.

Ein tiefgehender geschichtlicher Exkurs würde den Rahmen sprengen. Zusammenfassend kann man sagen, dass Hanf gerade im zweiten Weltkrieg als beliebte Faser und Alternative zur importierten Baumwolle für Militärausrüstung eingesetzt wurde. In der Nachkriegszeit wurde die Synthetikfaser-Industrie immer stärker und Hanf bekam ein „Drogenschmuggel“-Image, was zu Anbauverboten in vielen Teilen Europas führte.

In den 80er Jahren begann man sich wieder mehr auf natürliche Materialien zu besinnen und Flachs im großen Stil anzubauen. 1996 wurde das Hanfverbot aufgehoben und ein europäischer Standard von 0,3% zulässigem THC-Gehalt in den Nutzpflanzen entwickelt, um zu gewährleisten, dass der Hanf auch wirklich nur für industrielle Anwendungen und nicht als Droge kultiviert wird. So wurden also in den 90er Jahren erstmals wieder Hanffelder angebaut. Diese wurden vor allem vom Landwirtschaftsministerium subventioniert, um eine Alternative zur Viehzucht zu schaffen. Außerdem wurden viele Forschungseinrichtungen wie zum Beispiel auch die Hochschule Reutlingen gefördert, um Hanf für technische Anwendungen, wie sie in Autoteilen oder Dämmstoffen genutzt werden, anwendungstechnisch weiterzuentwickeln. Weiter wurden auch die Verfahren zur textilen Flächenherstellung genauer betrachtet.

Es gab also in den 90er Jahren Subventionen sowohl für die Landwirtschaft als auch Forschung, um Hanf als Faser in technischen und textilen Anwendungen wieder groß zu machen. Die heimische Nutzpflanze wurde verknüpft mit der Stärkung der lokalen Landwirtschaft und der deutschen Textilindustrie. Bis hier klingt alles gut. Jetzt kommt allerdings die Krux, warum man es nicht geschafft hat, die textile Hanfindustrie vollstufig in Europa zu etablieren.

Die Hanfindustrie konnte nicht in Europa etabliert werden

Zum einen ist der deutsche Föderalismus zu nennen. Man hätte damals eine Prozesslinie von Anfang bis Ende aufbauen und ausbauen müssen, anstatt an der einen Stelle in einem Bundesland ein bisschen Landwirtschaft und an einer anderen ein bisschen Forschung zu subventionieren. Der Landwirtschaft nützt es nichts, wenn die Maschinen zur Weiterverarbeitung nicht da sind und der Forschung und vor allem der Industrie bringt es nichts, wenn kein qualitativ hochwertiger Rohstoff vorhanden ist. Man hätte alle Schritte entlang der Prozesslinie unterstützen und Geld in die Entwicklung neuer Technologien stecken müssen.

Die stoffliche Nutzung der heimischen Fasern wie Flachs, Hanf und Brennnessel, wurde zwar stark subventioniert, jedoch gelang es nicht die Industrie in die Produktionskette mit einzubinden. Es fehlte zusätzlich ein Industriezweig, der aus einem landwirtschaftlichen Rohstoff ein für die Textilindustrie verarbeitbare Faserqualität erzeugt. Der Experte Kai Nebel, der sich mehr als 20 Jahre mit dem Thema beschäftigt hat, sagt, dass er gerade in Ostdeutschland und Osteuropa großes Potential gesehen hätte, aber eben nur mit der richtigen und angemessenen monetären Unterstützung und dem Engagement der Textilindustrie – und die blieb aus.

Hanf lohnt sich für viele Landwirte nicht

Ein weiteres Problem war und ist der Weltmarktpreis von Hanf. Bei 50 Cent auf das Kilo konnte Europa nicht mithalten. Es hätten mindestens 65 Cent pro Kilo sein müssen, damit sich das Ganze auch für die Landwirte lohnt. So haben viele Landwirte von Hanf wieder auf den lukrativeren Raps oder Mais umgestellt. Hinzu kommt, dass wenn man den Textilhanf für die Faserverarbeitung erntet, die Samen noch nicht erntereif sind. Das bedeutet, dass Landwirte zusätzliche Abstriche in der Wirtschaftlichkeit machen müssen, weil man eben auf ein Ernteprodukt verzichten muss. Das hat dazu geführt, dass Hanfspinnereien vor allem in Osteuropa Nähereien Platz gemacht haben, in denen einfach mehr Lohn bezahlt wurde. Die gesamte Produktionskette verschwand so also über die letzten Jahre.

Der Traum von der regionalen Wertschöpfung mit vollstufiger Produktion in Europa ist letztendlich gescheitert an Geld und der falschen Art und Weise der Subventionierung.

Wird es trotzdem irgendwann wieder Hanf in Europa geben?

Erst vor Kurzem habe ich erfahren, dass sich gerade langsam wieder etwas in Europa in Richtung Aufbau einer textilen Prozesslinie für Hanf tut. Es bleibt also spannend, ob wir es hier in Europa schaffen, die Hanfindustrie für Textilien wieder aufzubauen. Aktuell kommen die meisten Hanfprodukte aus China. Die Textilindustrie Chinas hat die letzten Jahre die speziellen Maschinen der Betriebe aufgekauft, die an der Hanfindustrie in Europa gescheitert sind und dominieren so den textilen Hanfmarkt. Wenn in Europa Hanf verarbeitet wird, dann zu technischen Anwendungen. Außerdem wird in Frankreich traditionell Hanf für Zigarettenpapier und Dokumentenpapier angebaut.

Fazit: Es kommt auf den Einsatz von Hanf an

Hanf ist keine schlechte Faser. Bastfasern wie Hanf oder Leinen haben tolle Eigenschaften, wie beispielsweise eine gute Stabilität und Strapazierfähigkeit und sind so für grobe Stoffe wie Jeans, Schuhe oder Jacken sehr gut einsetzbar. Außerdem nimmt Hanf viel Feuchtigkeit auf und gibt sie nur langsam ab, weswegen Hanf eine tolle Faser für kühlende Sommerstoffe ist. Es macht also Sinn, Hanf gerade in diesen Bereichen einem Baumwollstoff beizumischen, um von den Eigenschaften der Hanffaser zu profitieren. Außerdem ist die Hanfpflanze super in der Fruchtfolge in der Landwirtschaft geeignet und in unseren Klimazonen gut anbaubar.

Es macht allerdings keinen Sinn in Hanf einen regionalen Ersatz für Baumwolle zu suchen. Hanf wird nie von Natur aus die Elastizität und Feinheit von Baumwolle besitzen, außer man behandelt die Faser stark. Ein T-Shirt aus Hanf macht also aus textiltechnologischer Sicht wenig Sinn. Hanf kann für robuste Stoffe eine tolle und regionale Materialalternative sein, die aber eben auch entsprechend bezahlt und wertgeschätzt werden muss. Alleine der Rohstoffverlust in der Verarbeitung, die natürlichen Eigenschaften der Faser und der Energieaufwand in der Herstellung sprechen in meinen Augen dagegen, Hanf als regionale „Ersatzfaser” für Baumwolle und Co oder „Lösung” zu verstehen. Und solange die meiste Hanfverarbeitung in China stattfindet, sind Hanftextilien nichts weiter als ein textiles Importprodukt, bei dem wir nicht hundert Prozent sicherstellen können, wie viel toxische Stoffe im Anbau und der Herstellung verwendet wurden.

 

Quellen:

 

Titelbild: Unsplash/ Dimitry Arslanov

Franzi wünscht sich nichts Geringeres als Weltfrieden. Und Teil der „Generation Textilingenieure“ zu sein, die sich an dem David-gegen-Goliath-Spiel in der Textilindustrie versucht – in Grün natürlich. Dafür studiert sie auf der schwäbischen Alb Textiltechnologie und teilt ihr Expertinnenwissen auf ihrem Blog Un petit sourire slows down sowie im Radio und auf Vorträgen. Knowledge is Power – Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Konsument das Recht auf einen Blick hinter die Kulissen der Textilindustrie hat, um Kaufentscheidungen eigenständig und gewissenhaft treffen zu können. Ich glaube nicht an Perfektionismus, aber daran ,dass wenn ganz viele Menschen ganz viele kleine Schritte gehen, etwas Großes bewirken können.

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