Moonsisters right from the 50s – Warum der Astro-Hype alles andere als feministisch ist

Der Mars im achten Haus: Das weckt deine geheime Superpower. Du kennst deinen Feind und bist bereit, deine innere Stärke einzusetzen. Jetzt kannst du einen entscheidenden Durchbruch in einer Angelegenheit feiern, die dich schon lange beschäftigt hat und bist in der Lage, laut das Wort zu ergreifen. Auf der Arbeit kannst du dich endlich durchsetzen und dein Team zum gewünschten Projektergebnis führen. Außerdem wird deine Ausstrahlung mit extrem viel Sexappeal gesegnet sein und das andere Geschlecht so bezaubern, dass man noch Jahrhunderte später davon sprechen wird.

Kein Witz, das habe ich so ähnlich im Internet gefunden, ich musste nicht einmal lange suchen.

Astrologie als harmloser Zeitvertreib der Popkultur

Astrologie und Horoskope sind faszinierend, seit gefühlt schon immer. Das Nachdenken und Interpretieren von Sternbildern war lange eng an die Astronomie gebunden und sogar Newton soll nicht nur sehr fasziniert von der Alchemie gewesen sein (sich aber später derart dafür geschämt haben, dass er fast alle Schriften aus seinem Besitz, die auf dieses Interesse hindeuteten, verbrennen ließ), sondern seine berühmte Gravitationstheorie unter anderem auch auf Denkmuster, die aus der astrologischen Tradition stammen, begründet haben. (Unter anderem ging er davon aus, es gäbe eine „anima muni“, also eine Weltseele  – eine geheime Kraft, die astrologische und im Allgemeinen unerklärliche Vorgänge im Universum erklären könne.)

Dass die Astrologie nach ein paar Jahrhunderten Sendepause mittlerweile in der Popkultur angekommen ist, dürfte niemandem, der*die sich mit offenen Augen im Internet bewegt, entgangen sein. Refinery29 teilt in schöner Regelmäßigkeit ausführliche (Sex-)Horoskope und es gibt unzählige Memes, die die Charakterzüge unterschiedlicher Sternzeichen (die nicht korrekt den jeweiligen Monaten zugeordnet sind) im wahrsten Wortsinne illustrieren. Virgos be like, Taurus and Cancer on a date, Geminini’s two personalities…

Ich mag sie ebenfalls, finde mich beim Durchscrollen der entsprechenden Hashtags wieder und muss öfter als mir lieb ist, dem Drang widerstehen, sie mit „So true!“ in meiner Story zu teilen. Außerdem habe ich ein Tarot-Deck zuhause (ein besonders schön illustriertes), das ich manchmal benutze, ohne wirklich daran zu glauben, finde diese Mondphasenketten an Schlafzimmerwänden ziemlich ästhetisch und in einer tiefen Ecke meiner Persönlichkeit bin ich felsenfest davon überzeugt, dass alle Eigenschaften, die man einer Waage zuschreibt, perfekt auf mich zutreffen.

 

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Das ist alles ein einigermaßen harmloser Zeitvertreib, möchte man meinen – und zudem wunderbar befreiend. Vor allem in unruhigen Zeiten (innerlich oder äußerlich oder beides) ist es schön, wenn einem Karten oder ein Horoskop sagen, was gerade los ist und wie man sich verhalten bzw. womit man als nächstes rechnen sollte. Unberechenbarkeiten machen Angst – und von denen gibt es gerade ziemlich viele. Kein Wunder, dass viele Menschen (vor allem Millenials) Astro-Content lieben, auch wenn die meisten ihn mit einer mehr oder weniger ironisch distanzierten Haltung konsumieren. Nur mal schnell die Kristalle aufladen! Und das Gefühl haben, wenigstens ein bisschen was in diesem Chaos namens Leben kontrollieren zu können. So weit, so trivial.

 

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#moonsisters und heilige Schwangerschaften

Vor allem empowernder Astro-Content, der den weiblichen Körper mit seinen bisher (und immer noch) tabuisierten Funktionen ins Zentrum rückt und feiert, hat Hochkonjunktur: Die Menstruation – nicht nur etwas Normales, sondern eine heilige Kraft, die allen Frauen innewohnt.

Wir entdecken, dass die Frau die Macht über den Fortbestand der menschlichen Spezies hat: Ohne Menstruation keine Schwangerschaft, keine Geburt, kein neues Leben. Der weibliche Körper – ein Tempel, den man schützen und nähren sollte, damit er genau dieser Aufgabe nachkommen kann. Nach dem Mond richtet sich der weibliche Menstruationszyklus, so eng sind Frauen mit den Mechanismen von Himmel und Erde verbunden, eine einzigartige und magische Beziehung. Das so lange verkannte Weibliche, eine Urkraft der Natur.

 

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Viele Frauen kultivieren diese Urkraft besonders bei Vollmond, an dem sie nach eigenen Angaben ihre Weiblichkeit besonders stark spüren und rufen ihre #moonsisters dazu auf, sich zu starken Female Communities zu vernetzen. Embrace the freedom, take back your power and rise up and shine.

Moment mal.

Die 50er sind am Telefon: Sie hätten gerne ihre Rollenbilder zurück

Abgesehen von der Freude am Spiel und der Erleichterung, die eine Euphemisierung und/oder Verlagerung von potenziell konfliktreichen Auseinandersetzungen auf das unproblematische Feld der Astrologie mit sich bringen kann, lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten, und sich zu fragen, was da eigentlich genau gerade passiert im Zuge dieses Astro-Revivals.

The power of description can be great. Couching characteristics in the language of astrology seems to make it easier for many people to hear, or admit, unpleasant things about their personalities—and to accept those traits in others. (The friend who comes over and never leaves? She can’t help it. She’s a Taurus.) Most astrologers say that it’s important not to use your sign to excuse bad behavior. Still, as the AstroTwins have written, “astrology is kind of like the peanut butter that you slip the heartworm pill in before giving it to your Golden Retriever. You can tell someone, ‘You’re such a spotlight hog!’ and they kind of want to slap you. But if you say, ‘You’re a Leo. You need to be the center of attention,’ they’re like, ‘Yeah baby, that’s me.’ ” (New Yorker)

 Was bedeutet es, wenn Schwangerschaften als mystische Ereignisse purer Energie auf Instagram verklärt und mit den entsprechenden wirkmächtigen Bildern geteilt werden?

„She was referring to the glow of the life force that courses through a birthing woman when she is peace and wild power all at once, deeply in her birth. Everything material falls away as those around her can’t help but be in awe of the energy. Pure goddess.“ – motherearthed


Was bedeutet die Interpretation der Menstruation als heiliges Blut und der Zyklus der Frau als mondgebundenes Wunder, die Heiligsprechung der Vorgänge rund um Geburt und Fruchtbarkeit?

Abseits von einem großen und nachvollziehbaren Identifikationspotenzial bedeutet es vor allem eines: ein auf mehreren Ebenen problematisches Bild der Geschlechter.

  • Frauen als Reproduktionswesen

Die Kraft der Frau konzentriert sich in der aktuellen Astrologie-Rezeption mehr oder weniger offensichtlich auf ihre Fortpflanzungsfähigkeit – der Fähigkeit, neues Leben zu gebären und allem, was dem vorgeschaltet ist. Das macht sie einzigartig und vom Mann eindeutig unterscheidbar. Ihre Aufgabe, das liegt den astro-mythologischen Strömungen der Popkultur zu Grunde, ist das Gebären und Aufziehen von Kindern – sie ist naturgemäß für die Mutterrolle vorgesehen, in der Tradition von wechselseitig zitierten Urgöttinnen und -Kräften besteht ihr Lebensinhalt im Nähren und Aufziehen von neuem Leben, ihre Attribute sind: warm, näheschaffend, kommunikativ, sorgend, kümmernd. Der Uterus, ihre Superpower.

 

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Ein Beitrag geteilt von Sifra Nooter (@sifranooter_embodiedfeminine) am

Puh. Das hatten wir doch alles schon (und zwar menschheitsgeschichtlich ziemlich lange) und irgendwie hat sich das nicht besonders gut angefühlt. Wofür haben die feministischen Bewegungen der letzten Jahrzehnte gekämpft? Und wer hat gesagt, dass alle Frauen Kinder wollen oder haben müssen und bekommen können? Sind die, die sich dieser natürlichen Aufgabe verweigern oder ihr körperlich nicht nachkommen können, nur halbe oder gar keine Frauen?

  • Heteronormatives Weltbild

Die Menschen, die sich gar nicht zuordnen möchten oder können, haben keinen Platz in Bild- und Wortsprache des Astro-Hypes: Diese Welt ist nach wie vor heteronormativ organisiert und das muss sie zum Großteil auch, um die Strukturen und Leitlinien an die Hand geben zu können, die das Lesen von Horoskopen und Durchführen von Ritualen so erleichternd machen. Alles andere wäre ein Zugeständnis an Uneindeutigkeit, Chaos und Fluidität – und die Astrologie möchte mehrheitlich gerade mit Eindeutigkeiten und Erklärungen (wenn x, dann y) arbeiten.

Wenn das Feiern der eigenen Körperlichkeit allerdings nur einem ganz bestimmten Typ Körper, nämlich dem cis-weiblichen, vorbehalten ist, steht man schnell vor einem ethischen, biologischen und soziologischen Problem: Es gibt wesentlich mehr als zwei Geschlechter – die hier konsequent übersehen werden.

  • Männer sind raus

Nicht nur das: Auch Männer sind bei der Astro-Feier des Weiblichen raus: Unsichtbar in jeglichem Medium, konzentriert sich die Pop-Astrologie auf die scheinbar (s.o.) emanzipierte und starke Frau (solange dieses Begriffspaar nötig ist, hat sich an den realen Verhältnissen allerdings wenig geändert), die nur sich und den Einklang mit ihrem Körper braucht, um vollständig und kraftvoll durchs Leben gehen zu können (was sich mit der definierten Mutterschaftsrolle beißt).

Das ist im Grundgedanken zwar verständlich – es ging schließlich in der Weltgeschichte nun wirklich lange genug nur um Männer und ihre Leistungen und ihre Körper (und geht es immer noch viel zu oft) –, führt aber am Ziel vorbei.

Zum einen verschärft diese Perspektive die imaginierte Mann-Frau-Distinktion und gießt so Benzin in das Feuer der vermeintlichen Geschlechtsunterschiede, die seit Generationen tradiert werden und mindestens genauso lange überflüssig sind: Männer können sich eben nicht kümmern oder sorgen, Männer sind nicht warm, Männer gehören nicht zum Kind, Männer sind fern von dem Ganzen, entziehen sich und sind schon gar nicht verantwortlich. Kinder sind Frauensache. Auch das, was im als weiblich gelesenen Körper vor sich geht, bevor der Nachwuchs da ist, geht den Mann nichts an.

Das wird beiden Parteien (wenn wir kurz im heteronormativen Spektrum bleiben) nicht gerecht: Frauen werden auf die „angeborene“ Rolle reduziert und kommen davon nicht weg, Männer werden von vornherein ausgeschlossen – obwohl moderne Lebensentwürfe durchaus anders aussehen (und aussehen sollten). Carearbeit und Mental Load sind immer noch unfassbar ungleich verteilt und dagegen zu kämpfen, ist eine essentiell wichtige Angelegenheit. Doch dafür muss man aktiv Grenzen durchlässig machen und den Gegenpart nicht bewusst von vornherein ausschließen. Indem man sich auf das sichere, weil gewohnte Terrain angeblicher Natürlichkeiten zurückzieht, erreicht man nichts anderes als dem Patriarchat in die Hände zu spielen.

 

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@carolinemaniere “A woman may crave to be near water, or be belly down, her face in the earth, smelling the wild smell. She might have to drive into the wind. She may have to plant something, pull things out of the ground or put them into the ground. She may have to knead and bake, rapt in dough up to her elbows. She may have to trek into the hills, leaping from rock to rock trying out her voice against the mountain. She may need hours of starry nights where the stars are like face powder spilt on a black marble floor. She may feel she will die if she doesn’t dance naked in a thunderstorm, sit in perfect silence, return home ink-stained, paint-stained, tear-stained, moon-stained.” Words Alisha Lee Jeffers.

Ein Beitrag geteilt von Contemporary Womxn On Earth🌍 (@odeandiefreude) am

Der Graben zwischen Empowerment auf der einen und Ausschluss beziehungsweise Reduktion auf der anderen Seite ist extrem schmal – und leider wird er oft entweder nicht gesehen oder bewusst ignoriert. In beiden Fällen kommen problematische und sehr alte Perspektiven auf Körper, Macht und Lebensgestaltung zum Zuge, die sich mit fancy Begriffen einen neuen Anstrich geben und auf den ersten Blick harmlos wirken. Was sie nicht weniger gefährlich macht.

Love your mother: Weltrettung ist ein Frauending

Ähnliche Probleme gibt es gerade an der Schnittstelle zwischen (Astro-)Feminismus und Nachhaltigkeit beziehungsweise Weltrettung, von Plakaten mit Slogans wie „Save Mother Earth“ über die Verklärung des Weiblichen in den Führungsriegen derer, die gegen die Klimakrise kämpfen bis hin zu Aussagen wie der, dass jetzt die Stunde der Frauen* geschlagen habe, weil die Männer den Planeten gegen die Wand gefahren hätten.

Natürlich müssen wir nicht darüber diskutieren, dass das patriarchale System, in dem wir alle leben, männlich dominiert und die Welt generell eine ist, die von Männern für Männer gemacht wird.

Aber: Von einer ganz bestimmten Sorte Männer für eine ganz bestimmte Sorte Männer. Und allen, die bereit sind (oder keine andere Wahl haben), sich den entsprechenden Strukturen unterzuordnen. Denn entgegen der aktuell in bestimmten Kreisen verklärten Sisterhood profitieren dafür auch jene Frauen* welche die patriarchalen Spielregeln verinnerlicht haben und sie ganz okay finden.

 

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Ein Beitrag geteilt von Molly Mercado (@relatablewitch) am

Es ist ein vereinfachender (und anti-feministischer) Irrtum, anzunehmen, alle Frauen* seien von Natur aus friedliebende und harmlos-nette, kommunikative Wesen und alle Frauen* würden an Zusammenhalt, dem Erhalt des Planeten und Weltfrieden interessiert sein. Dieses dichotome Denkmuster bedient haargenau die veralteten Rollenklischees, die ein moderner Feminismus eigentlich überwunden geglaubt haben möchte und richtet mehr Schaden als alles andere an.

Auch Frauen* können Kriege anzetteln, auch Frauen* kann der Planet am Arsch vorbeigehen, auch Frauen* können sehr egoistische Menschen sein, die über Leichen gehen. Und zwar nicht, weil sie gehirngewaschen oder eine spezielle Art hysterischer Hexe sind, sondern weil sowohl die Reduzierung des Mannes* auf den herrischen Patriarchen als auch die der Frau* auf die selbstlos mütterliche Weltretterin an der Realität vorbeigehen.

Darüber hinaus dürfen wir achtsam sein und bevor wir uns als Frauen* in diese auf dem Silbertablett servierte Rolle schmeißen, fragen, warum wir sie so bereitwillig annehmen und ob es eigentlich fair ist, dass sie an uns kleben bleibt.

Wenn ich mich im Internet umschaue, kann ich die männlichen* Nachhaltigkeitsblogger an der Hand abzählen – warum? Weil Haushalt, Lifestyle und das Sorgen um die Zukunft (der nachfolgenden Generationen) immer noch hauptsächlich Frauensache sind, Stichwort Carearbeit? Oder weil man sich aus scheinbar aussichtslosen Sachen sowieso fein raushält und die Frauen* traditionell dann an die Front lässt, wenn Sachen auszubaden sind, die fast nicht mehr zu retten sind – um ihnen dann vorhersehbares Versagen vorwerfen zu können? Und warum fordern Frauen* da nicht mehr Partizipation von anderen ein, sondern nehmen das oftmals einfach so hin?

 

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Ein Beitrag geteilt von Contemporary Womxn On Earth🌍 (@odeandiefreude) am

Und wenn wir beim Thema sind: Ich würde mich freuen, wenn wir aufhören könnten, unseren Heimatplaneten als Mother Earth zu betiteln und versuchen, uns von Gaia-Vorstellungen zu lösen, die (wieder) einen Mutterkomplex aktivieren und Grenzen hochziehen, wo eigentlich vor allem mit Blick auf die Klimakrise keine mehr sein sollten. Sondern nur die Spezies Mensch, die gerne überleben möchte.

Wessen Traditionen nutzen wir?

Eine letzte Perspektive auf den Hype um Horoskope, Mantren, Räuchern und Kristalle, die ich hier angesprochen haben möchte, ist die Frage, wen die neuartige Feier des Weiblichen global betrachtet ein- und wen sie ausschließt: Stichwort Cultural Appropriation.

 

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Ein Beitrag geteilt von Kirsten Korot International (@kirstenkorotinternational) am

Im Yoga-Bereich ist mittlerweile ein leiser Diskurs darüber entstanden, inwiefern sich der reiche, mehrheitlich weiß-europäische Globale Norden in neo-kolonialistischer Manier an Traditionen, Bräuchen und geistigem Eigentum von Menschen aus dem Globalen Süden bedient hat – ohne Credits und Nachfrage, ob man das überhaupt darf. Im Astro-Bereich lässt eine reflektierte Auseinandersetzung auf sich warten.

Dabei werden auch hier Rituale, Symbole, Interpretationen, Kleidungsstücke, Tattoos und Zeremonien von anderen Kulturen genutzt – häufig in einer neuen, willkürlich zusammengepuzzelten Mischung und ohne, dass den Nutzer*innen der Ursprung bekannt wäre.

Solange der populärastrologische Feminismus auf dem Rücken anderer Menschen ausgetragen wird, ist er nicht empowernd. Solange wir zwar indigene Riten, Kleidungsstile und Spiritualität bewundernd kopieren, oder vielmehr: zerstückeln und das herauspicken, was wir gerade gut finden, auf der anderen Seite aber mit Quellenangaben, Respekt und eben nicht zuletzt auch monetärer Anerkennung geizen, ist diese Form des Feminismus keine, die besonders stolz auf sich sein darf. Sie ist kolonialistisch. Mit allen Problemen, die das mit sich bringt.

 Ausblick: How to do better

Der Konnex aus Astrologie, Feminismus und Nachhaltigkeit ist komplex und mit einem Artikel wie diesem nicht ausreichend beleuchtet. Fest steht: Es ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick ausschaut und auch vermeintlich harmlose Begeisterung für spirituelle Themen kann Strukturen aktivieren, hinter denen wir bei genauerem Hinsehen nicht unbedingt stehen.

Die Lösung muss nicht eine vollständige Abkehr von jeglicher spiritueller Praxis sein, wenn sie guttut – vielmehr ein auf allen Ebenen bewusster und respektvoller Umgang. Das kann auch bedeuten, spirituelles Obdach nicht in Traditionen von Kulturen am anderen Ende der Welt zu suchen und sich alles zu nehmen, was man dort schön findet, sondern auf die Suche zu gehen, was der eigene Kulturkreis für Riten, Symbole und Gedankenwelten zur Verfügung stellt (ohne in nationalistische Tendenzen abzudriften).

Es bedeutet auch nicht, dass Feminismus und Ökologie verfeindet sein müssen – im Gegenteil: Sie stellen dasselbe System aus ähnlichen Gründen infrage, fordern (jedenfalls in einigen Strömungen) Gleichheit (von Geschlechtern, von Lebewesen, von Natur) und beide Ansätze bedingen sich in gewissen Punkten gegenseitig.

Wahrscheinlich machen wir es am besten, wenn wir trotz der Euphorie für popkulturelle Phänomene, die absolut nachvollziehbar ist, ab und zu einen Schritt zurücktreten und nachdenken, bevor wir das nächste Mal auf „Bestellen“ klicken, um das neue Palo-Santo-Bündel oder den dritten Rosenquarz nach Hause zu ordern. Am Ende soll damit, so traurig und vorhersehbar das ist, doch wieder möglichst viel Geld, meist auf den Rücken anderer Menschen, verdient werden.

Jenni war schon immer neugierig auf das, was die Welt hinter ihrem Erfahrungshorizont ausmacht. Einfache Antworten machen sie misstrauisch. Denn die gibt es selten. Jenni findet, dass wer wir sind und sein wollen, eng damit zusammenhängt, wie wir die Welt formen und vice versa. Sie schreibt und setzt ihre Stimme aus der Überzeugung dafür ein, dass sich das gute Leben für möglichst viele Menschen erfüllt. Das macht Jenni als Bloggerin auf Mehr ist Grünzeug, als Instagrammerin, Vortraghaltende, Alltagsinspiration und hoffentlich-bald-Buchschreibende.

2 Kommentare

  • Marlene
    24/03/2020
    reply

    Früher setzten sich Feministinnen noch für wirkliche Probleme ein. Dafür wählen zu dürfen, eine Universität besuchen zu können oder einen Führerschein machen zu können.
    Die Heutige “Feministin” macht sich Gedanken um die Weibliche Darstellung im Bereich der Astrologie.
    Das ist nur noch Lächerlich!
    In Teilen dieser Welt werden Frauen zwangsverheiratet, oder dürfen noch nicht einmal eine Schule besuchen und die heutige Feministin ist meist weiß, hat studiert, das Privileg sich beruflich zu verwirklichen und macht sich Gedanken um Tarotkarten und Sternbilder.
    Da haben wir Frauen es ja sehr weit gebracht, wenn Millenials von heute sich für solch grotesken Nonsense nicht schämen!

    • Jenni
      25/03/2020
      reply

      Liebe Marlene,

      puh, ich lese da sehr viele Emotionen aus deinem Kommentar heraus – was ja grundsätzlich erstmal richtig ist, denn Feminismus ist (auch) ein emotionales Thema und auch eines, das mit sehr viel Ärger einhergeht.

      Dennoch möchte ich dich bitten, auf dieser Plattform konstruktiv zu kommentieren, das beinhaltet auch einen Diskussionston, der uns als Autor*innen auf Augenhöhe und nicht unter der Gürtellinie behandelt.

      Nun zum Inhaltlichen.

      Ja, es stimmt: Der Fokus einiger (!) feministischer Bewegungen hat sich verschoben – von grundlegenden politischen Forderungen wie dem Wahlrecht hin zu Fragen und Themen innerhalb der Gesellschaft und dem sozialen Miteinander. Die Frage ist jetzt, was daran so verwerflich ist: Es ist gut, dass wir als Folgegenerationen auf dem aufbauen können, was die Generationen vor uns erreicht haben – und unsere eigenen Kämpfe führen können und müssen. Das bedeutet weder, dass wir die frühere Arbeit nicht wertschätzten noch dass das eine weniger wert wäre als das andere.

      Denn, und ich werde nicht müde, das zu betonen: Sprache und Bilder und die Art, wie wir beides einsetzen (vor allem in Zeiten von Social Media) beeinflussen, was Menschen denken. Auf dieselbe Weise wie die stereotype Darstellung von der Mama hinterm Herd und dem nie anwesenden, weil schwer arbeitenden Papa in Kinderbüchern. Nur eben teilweise viel subtiler, weshalb solche problematischen Botschaften oft nicht gesehen werden. Ich denke, es ist eine Aufgabe auch es modernen Feminismus, da wachsam zu bleiben und den Finger draufzuhalten.

      Die Annahme, es gebe nur die Entwicklung in die eine, fortschrittlichere, Richtung, stimmt leider nicht, wie uns sehr aktuelle politische und gesellschaftliche Beispiele vor Augen führen. Und es fängt immer mit solchen Dingen an. Abgesehen davon, dass wir bisher nie an einem vollkommen gleichberechtigten Zustand angekommen waren und auch noch round about 100 Jahre brauchen werden, um dorthin zu gelangen, wenn es so weitergeht.

      Baustellen gibt es viele. Relevanzen gegeneinander aufzuwiegen, halte ich für unangebracht. Unter anderem auch, weil dahinter die alte Frage nach dem “richtigen” Feminismus steckt: Weil die Kämpfe der heutigen jungen Frauen* andere sind, heißt das noch lange nicht, dass sie keine Feminist*innen sind.

      Und ja: Wir sind uns alle bewusst, wie privilegiert wir sind. Das ändert aber nichts daran, dass wir nicht nur mit dem Finger auf andere Länder und Kontinente zeigen sollten – übrigens weder feministisch noch besonders politisch okay – der “entwickelte Westen” macht nämlich auch eine ganze Menge falsch. Eben unter anderem die Sache mit dem unreflektierten Astro-Hype.

      Und ich schäme mich nicht, den Finger in solche Wunden zu legen, im Gegenteil.

      Liebe Grüße
      Jenni  

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