„Mein Beruf als Talent Scout im Modebereich machte es mir schwer, von meiner Essstörung zu erzählen“

Triggerwarnung: In diesem Text werden Essstörungen und ihre Auswirkungen besprochen.

„Wow! Hast Du abgenommen?“

„Du siehst gut aus, irgendwie gesünder!“

Typische und vermeintlich gut gemeinte „Komplimente“, die wahrscheinliche jede essgestörte Person kennt. Wenn Menschen meinen, mir sagen zu müssen, dass sie an Hand meines Körpergewichtes sehen könnten, wie es mir geht, finde ich dies nicht nur äußerst ignorant, wie generell jede Art von ungefragten Kommentaren zu meinem Essverhalten oder meinem Erscheinungsbild, sondern es zeigt auch, wie wenig unsere Gesellschaft nach wie vor über Essstörungen weiß.

„Komplimente“, die triggern

Eine Essstörung ist eine psychische Erkrankung, welche zwar körperliche Symptome mit sich bringen – aber in allen Größen und Formen auftreten kann. Sie kann da sein, wenn Du sie gerade nicht zu sehen meinst. Und sie kann sich im Hintergrund befinden, auch wenn dir mein Gewicht gerade nicht passt. Kommentare oder die gut gemeinten “Komplimente” von Außen können Betroffene triggern oder gar in alte Verhaltensmuster zurückwerfen. Ist nichts anderes interessant an mir außer meinem Gewicht?

Oft ist das Stigma, dem Menschen mit psychischer Erkrankung begegnen, schlimmer als die körperliche Verfassung selbst. Und so sterben jährlich mehr essgestörte Menschen durch Suizide als durch das Versagen ihres Herzens. Es ist Zeit, diese Stigma aufzulösen, die vor allem Schwarze Menschen daran hindern, die Hilfe zu suchen und zu erhalten, die sie brauchen.

Wo sind die Schwarzen Stimmen?

Schwarze Stimmen und Geschichten finden in der sogenannten „Eating Disorder Recovery Community“ genau so viel Platz wie überall anders auch: gar nicht. Wenn wir in den deutschen Medien von Essstörungen hören, dann sehen oder lesen wir meistens die reibungslosen Genesungsgeschichten weißer Teenager:innen, die am Ende ihrer Reise die magische Linie zwischen krank und gesund überschreiten und alles scheint wieder gut. Abgesehen davon, dass man eine akute Essstörung nicht mal so eben wieder loswird, ist der Mythos, dass Essstörungen sogenannte „White Girl Issues“ sind, die auf gewisse Castingshows oder Social Media zurückzuführen sind, ebenfalls lebensbedrohlich.

Mehr als der Wunsch nach dem „perfekten Körper“

Selbstverständlich können die oft unrealistischen Schönheitsideale in der Modewelt oder Hollywood ein gestörtes Essverhalten oder Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild unterstützen, aber hinter der Entwicklung einer psychischen Erkrankung wie einer Anorexie (Magersucht), einer Bulimie (Ess-Brechsucht), Binge Eating und den zahlreichen Mischformen steckt weitaus mehr als der Wunsch nach dem „perfekten Körper“. So können diese für Betroffene unter anderem als vermeintliche Lösung für tief liegende, ungelöste innere Konflikte dienen. Hungern oder Fressen als Betäubungsmittel. Nichts mehr aushalten müssen. Eine Methode, die temporär auch funktioniert, dich aber binnen kürzester Zeit in einen gefährlichen Teufelskreis zieht, aus dem es anschließend schwer einen Ausweg gibt.

 

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Anders als die anderen

Schlank und sportlich war ich immer, aber dass ich anders war als die zarten, blonden Mädchen aus meiner Klasse, gab mir mein Umfeld, insbesondere die Lehrer an meiner Schule, schon früh zu spüren. Ich war weder süß, noch war ich verletzlich. Ich war anders und fest davon überzeugt, dass mit mir etwas nicht stimmte. Mit meinen (heutigen 1.80m) war ich zu groß, zu laut, zu schüchtern, zu frech. Zu viel von allem. Zu Schwarz. Diese lästige Rolle „der Schwarzen“ hatte ich daher im Alter von 16 Jahren erfolgreich hinter mit gelassen. Ich war nun „die Dünne“. Die Zielstrebige – die man nie essen sah, die vor Hunger nicht einschlafen konnte, die ständig lügen musste, um ihr Image aufrechtzuerhalten und die mithilfe von Haar Relaxern zwanghaft versuchte, ihr Selbstbewusstsein aufzubessern.

Die Flucht vor dem White Gaze

Ich versuchte vor dem White Gaze – welcher mich bis heute in den Wahnsinn treibt – zu fliehen, indem ich meine neue Rolle als „die Dünne“ um jeden Preis aufrecht hielt. Dass ich dafür Schulnoten und mein Sozialleben größtenteils hinten anstellen musste oder meine Periode bereits zwei Jahre verspätet war, interessierte mich nicht. Es war sowieso alles egal. Und ein Leben ohne Essstörung? Wer wäre ich dann noch gewesen? Spoiler: Mein Plan, mich in eine andere Identität zu fliehen, war zu meiner Enttäuschung letztendlich nicht aufgegangen.

Ich könnte jetzt mehrere Seiten darüber schreiben, wie ich mich von einem Tiefpunkt zum nächsten hangelte oder wieso ich mich letztendlich für das Leben und gegen die Angst vor dem „Anders sein“ entschieden habe. Interessanter als die Details meines persönlichen Struggles finde ich aber die Tatsache, dass ich erst Jahre später herausfand, dass eigentlich White Supremacy der Auslöser für meine gesundheitlichen Probleme war, trotz mehrerer Behandlungsanläufe in weißen Umgebungen.

Wie soll man das aushalten?

Und wenn ich heute mit vollem Bewusstsein und Stolz auf meine Identität zurückblicke, frage ich mich manchmal heimlich wie andere Geschwister dieses Gefühl der Erschöpfung, die Mikroaggressionen und überhaupt diesen unangenehmen Beigeschmack des Schwarzseins in dieser rassistischen Gesellschaft, welchen nun auch ich wieder schmecken muss, so lange ausgehalten haben.

Es ist frustrierend, dass deutschen Therapeut:innen der Zusammenhang zwischen Racial Trauma und der Entwicklung einer potenziellen Essstörung auf professionellem Wege nicht vermittelt wird. Dass ich als Teenager wohl „Identitätsprobleme“ aufwies, dies aber im Zusammenhang mit meiner Hautfarbe liegen könnte, kam niemanden in den Sinn. Vielleicht wollte man es auch nicht sehen. Immerhin wurden mir meine alltäglichen Rassismuserfahrungen von meinen Therapeutinnen grundsätzlich ebenfalls abgesprochen.

Zu Rassismus in Deutschland gebe es keine Statistik, hieß es meistens. Und überhaupt, ich habe doch die Wahl. Ich könne mit dem ganzen Mist einfach aufhören. Ich weiß nicht, ob ich einfach Pech mit der Auswahl meines behandelnden Teams hatte oder ob meine Ärtz:innen ihren weißen Patientinnen ebenfalls so wenig Empathie entgegenbrachten wie mir. Schwarze Therapeutinnen mit dem Schwerpunkt Essstörungen konnte ich, nebenbei bemerkt, gar nicht erst finden.

Essstörungen als Luxusproblem weißer Mädchen?

Mein Beruf als Talent Scout, in den ich über mehrere Umwege nach der Schule hineingerutscht war, machte es mir schwer, überhaupt von meiner Geschichte zu erzählen. Denn die Behauptung, das Essstörungen Luxusprobleme oberflächlicher, weißer Mädchen und Frauen sein, hatte sich auch bei mir lange verankert. Sie ließ mich daran zweifeln, ob mein Leiden von Bedeutung war. Wer würde einer „Ex- Magersüchtigen“ glauben, welche nun auch noch die Dreistigkeit besaß, junge Mädchen an internationale Modefirmen zu verkaufen? Wer wurde ihr glauben, dass sie nicht von Anfang an bloß Teil irgendeines Fashiontrends sein wollte. Eine Schwarze, die nicht essen kann, wo gibt es denn sowas? Sollte ich nicht strong and independent sein?

Internalisierte Rassismuserfahrungen

Mein Selbstwertgefühl lag grundsätzlich tiefer als mein Traumgewicht, da ich meine Rassismuserfahrungen über zu viele Jahre internalisiert hatte. Unabhängig davon, dass meine Arbeit mir gut lag und mir früh ein selbstständiges Leben ermöglichte, hatte ich sowieso erstmal keine andere Wahl, als mich fleißig durch eine rassistische Industrie zu kämpfen.

Eine Jugend mit Essstörungen wirkt sich nämlich langfristig auf alle Lebensbereiche aus und spiegelt sich bei den Betroffenen so oft auch im Lebenslauf wieder. Angebrochene Berufsausbildungen. Ein paar Praktika hier und da. Einen ganzen Tag im Büro unter der Beobachtung von Kolleg:innen ? Nein, danke! Ein normaler Arbeitsalltag oder eine Festanstellung waren mit 18 Jahren keine Option für mich. Denn von Außen bestimmte Strukturen erlaubten mir nicht, mich an meine krankhaften Essenspläne zu halten. Ich nannte es auch Prioritäten setzen.

 

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Wut & Stolz

Wenn ich an meine extremen Jahre zurückdenke, bin ich wütend darüber, wie viel Zeit ich verschwendet habe. Ich bin aber auch stolz darauf, wo ich inzwischen angekommen bin. Meine Arbeit ermöglicht mir heute gegen die Unterrepräsentation von Schwarzen Frauen in französischen Beauty- Kampagnen anzukämpfen und motiviert mich auch weiterhin meinen eigenen Weg zu gehen und den Raum einzunehmen, den ich mir eine lange Zeit verboten lies. Wir sollten überall sein, wo wir sein möchten. Egal ob auf den Laufstegen, in der Politik oder in den Medien. Und wir müssen weiterhin daran arbeiten, Raum für einander – aber in erster Linie für die Schwarze Generation nach uns – zu schaffen.

Falls Du mit einer Essstörung kämpfst, solltest du wissen, dass der Tag, an dem Du krank genug bist, nicht kommen wird. Du wirst nie dünn genug sein. Du wirst deine Fressanfälle nicht aufhalten können, indem Du dir Nahrung verwehrst. Egal auf wie viele Montage, wie viele Neuanfänge Du es ankommen lässt. Dein Plan, von dem Du meinst dich jeder Zeit lösen zu können, wenn Du es denn wolltest, der wird nicht aufgehen. Und du sollst wissen, dass deine Diagnose nichts über deine Persönlichkeit aussagt. Dein Gewicht nichts über deine Krankheit, nichts darüber, ob du Hilfe verdienst, nichts darüber, wie einzigartig Du bist, und nichts darüber, wie wertvoll dein Leben ist.

Erste Anlaufstellen, an die Du dich wenden kannst, wenn Du eine Essstörung hast:

https://www.waage-hh.de

https://www.anad.de


Sandy Adaolisa ist International Talent Scout im High Fashion Bereich.
Geboren und aufgewachsen ist die heute 28-jährige in Kiel. Mit 18 zog es sie „ohne Plan“ nach Hamburg. Dort machte sie sich 2011 selbständig und arbeitete lange frei, bis sie 2017 für ihre Arbeit nach Paris weiterzog. Seit März wohnt sie wieder in Hamburg. Im November 2020 gründete sie @brownskinmermaids, eine privat finanzierte & unabhängige Organisation, die sich auf das Empowerment junger Schwarzer Mädchen in Deutschland fokussiert. „Quasi das, was ich gebraucht hätte“, sagt Sandy.

Dieser Artikel erschien zuerst bei unserem Content-Partner Rosa Mag. Wir freuen uns sehr, dass wir ihn auch hier veröffentlichen können.

Warum die Modebranche anti-rassistisch handeln sollte

Deutschland ist rassistisch sozialisiert. Punkt. Wiederhole diesen Satz: Deutschland ist rassistisch sozialisiert. Was heißt das? In erster Linie, dass jede Person, die in diesem Land aufwächst, rassistische Verhaltensweisen und Muster internalisiert. Jede Person. Egal, wie ich mich politisch verorte, bin ich rassistisch sozialisiert. Die Amadeo Antonio Stiftung schreibt „…Rassismus beruht auf einem realen Machtunterschied in unserer Gesellschaft.“ Und genau das ist das Problem: In all unseren Strukturen stecken diskriminierende Machtunterschiede, die wir a) hinnehmen oder b) denen wir uns entgegenstellen können. Hanau konnte aufgrund dieser Strukturen passieren. Hanau konnte passieren, weil Deutschland eine gewisse Feigheit an den Tag legt, wenn es um den Umgang mit Rechtsextremismus und der Aufarbeitung der eigenen Geschichte geht.

Rassismus in der Modebranche

Wenn Rassismus so unabdingbar tief in unserer Gesellschaft steckt, führt kein Weg daran vorbei, dass dies auch die Modebranche berührt. Es ist schlichtweg unmöglich, dass es nicht so ist. So sehr wir uns auch wünschen, Mode losgelöst von politischen Prozessen und Meinungen zu sehen, so sehr ist eben genau diese Mode politisch. Und das immer! Dabei wird gerade in der Modebranche oft nicht klar benannt, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt. Sogenannte „Fauxpas“, die immer wieder auftreten, werden dabei zu leidigen Einzelfällen, die eine Einzelperson verzapft hat. Wenn die Elle mit „Back to Black“ Schwarzsein zum Trend erklärt oder Gucci einen „Blackfacing-Pullover“ für 900 Dollar designt, sei das nicht etwa ein strukturelles Problem, sondern das Versagen eines*einer Einzelnen. Wenn auch im 21. Jahrhundert antiasiatischer Rassismus mit vermeintlichem Humor und stereotypem Denken begründet wird, werden immer nur Einzelne zur Rechenschaft gezogen.

Hier liegt der Denkfehler: Diese vermeintlichen Fauxpas sind systemisch bedingt. Das entschuldigt nicht die Verantwortung der Einzelnen, macht aber deutlich, dass die Lösung viel komplexer ist. Solange wir keine Aufarbeitung leisten, solange Diversität als Buzzword behandelt wird, solange Modeunternehmen sich nicht anti-rassistisch positionieren – solange wird die Modebranche rassistisch sein.

Nicht zuletzt wiegt auch das historische Erbe schwer. Blicken wir zurück auf die Nazivergangenheit von Hugo Boss oder die Zerstörung der Berliner Modekultur, die vor dem Zweiten Weltkrieg schätzungsweise zu 90 Prozent von jüdischen Modeschöpfer:innen kreiert wurde, dann wird deutlich, wie verstrickt nationalistische Machtstrukturen mit der Mode sind. Der Historiker Uwe Westphal, der sich intensiv mit der Modeindustrie in der Zeit vor 1945 beschäftigt hat, sagt im Deutschlandfunk: „Es gibt eine gewisse, wenn man es positiv sagt, eine Laissez-faire-Haltung. Es wird nicht darauf geachtet, was deutsche Mode auch historisch ausgemacht hat, welchen Anteil die jüdischen Modeschöpfer hatten. Das ist etwas, was sich Paris, was sich London überhaupt nicht erlauben kann. Sie referieren immer wieder zurück auf ihre Vergangenheit.“

Was heißt das also für heute?

Wenn in Deutschland ein rassistisches Attentat verübt wird, können auch wir als Mode- und Medienschaffenden uns nicht davon freimachen, Stellung zu beziehen. Haltung zu zeigen, war und ist immer wichtig. Es hat in der Vergangenheit nur mehr oder weniger gut funktioniert.

Es ist nicht mutig, sich der eigenen historischen Verantwortung zu stellen. Und es ist auch nicht zu anstrengend, diese Verantwortung anzunehmen. Nicht, wenn wir in einer Gesellschaft leben, die erkennt, dass Heilung, Vergebung und Miteinander nur passieren kann, wenn wir anfangen, Offenheit, Toleranz und eine Gesellschaft der Vielen wirklich zu leben.

Wenn es ein Land nicht schafft, sich dieser Aufgabe zu stellen, dann kann es doch wenigstens eine Branche versuchen? Wenn wir nicht wollen, dass sich Hanau, Halle, Kassel, München, der NSU, Düsseldorf und viele andere wiederholen, dann können wir mit gutem Beispiel vorangehen. Gerade weil Mode das unglaubliche Potenzial hat, Botschaften zu vermitteln, Menschen zu empowern und politische Statements zu setzen.

Die Modebranche muss sich anti-rassistisch positionieren. Es ist in ihrer Verantwortung.

In Gedenken an

Gökhan Gültekin
Sedat Gürbüz
Said Nesar Hashemi
Mercedes Kierpacz
Hamza Kurtović
Vili Viorel Păun
Fatih Saraçoğlu
Ferhat Unvar
Kaloyan Velkov

Weitere Informationen und Möglichkeiten zur Spende findet ihr bei der Initiative 19. Februar Hanau.

*Bei dem Attentat wurden insgesamt zehn Menschen ermordet. Der Täter tötete neun Menschen aus rassistischen Motiven, seine Mutter und dann sich selbst.

Wie toxische Positivität Rassismus unterstützt

„Warum muss es immer so politisch sein?“, lautete die Frage meiner Freundin. Wir waren beim Essen und sie war genervt. Von mir, der Omnipräsenz von rassistischen Themen, von unbequemen Gesprächen. Ich verstehe es: Rassismus zieht schon ziemlich runter. Vor allem diejenigen, die davon betroffen sind. Deshalb ist es eigentlich nicht wirklich vereinbar mit der Dauer-Happy-gefühlten-Werbesendung auf Instagram. Hier werden „Good Vibes Only“ und „Happiness“ mit hochschnellenden Herzchen belohnt. Ein Blick auf die erfolgreichsten Influencer*innen Deutschlands zeigt – wer politisch ist, bleibt in der Nische und wer eher auf der Oberfläche dümpelt, wird belohnt. Immerhin lautet die Devise (zumindest wenn man nach dem altbewährten Knigge geht), dass am Esstisch weder über Politik, noch über Geld oder Religion gesprochen werden sollte  – also über all das, weshalb Kriege geführt werden. Diese Faustregel gilt auch im Netz. Dieser Prozess – das vehemente Festhalten an Good Vibes – wird als toxische Positivität bezeichnet. Warum es den Schmerz anderer untergräbt und warum es vor allem im Diskurs über Rassismus hinderlich ist? Über diese Fragen denkt Ciani vom RosaMag in diesem Beitrag nach.

Toxic Positivity: Du bist ja selbst schuld!

Der Ausdruck „toxische Positivität“ bezieht sich auf das Gedankenkonstrukt, dass die Einbahnstraße hin zu einem großartigen Leben einzig lautet: stets positiv zu bleiben. Es bedeutet, sich nur auf positive Dinge zu konzentrieren und alles abzulehnen, was negative Emotionen auslösen könnte. Was verführerisch, gar utopisch klingt, aber in Wahrheit eindimensional ist. Aus mannigfaltigen Gründen. Einer ist die Wertung. Positive Emotionen, negative Emotionen. Gute Gefühle, schlechte Gefühle. Weg damit, her damit. Dabei sind psychologisch betrachtet alle Emotionen neutral, denn sie haben eine Funktion: Sie beliefern uns mit Informationen, an denen wir uns orientieren oder Entscheidungen treffen können. Das wird vor allem dann relevant, wenn es schlechte sind. Wenn ich unglücklich mit meiner Arbeit bin, weil ich mies bezahlt werde und einen beschissenen Chef oder Chefin habe, dann kann ich das so lange ich will „weglächeln“. Das löst nicht mein Problem. Stattdessen ist die toxische Positvitätsbewegung der Überzeugung, dass es eine Frage der Einstellung ist. Das suggeriert, dass ich als Individuum für strukturelle Herausforderungen verantwortlich bin, obwohl das nicht so recht hinhaut.

Toxische Positivität kann aktiv schädlich sein

Rassismus ist ein strukturelles Problem. Keines, dass sich durch ein wenig Meditation löst. Cleopatra Kamperveen, Ph.D., Assistenzprofessorin für Gerontologie und Psychologie an der University of Southern California, mit der die Journalistin Tonya Russell von Self sprach, betrachtet die Positivitätskultur als ein Nebenprodukt durch Social Media und der Bewegung für persönliche Entwicklung. Dankbarkeit und positives Denken können hilfreich sein – sie sind Schlüsselfaktoren für den Aufbau von Resilienz – Widerstandsfähigkeit. Aber die toxische Positivität, darauf zu bestehen, dass jemand beständig dankbar und optimistisch sein sollte – selbst angesichts des systemischen Rassismus – kann aktiv schädlich sein. „Die Kehrseite der Positivitätskultur ist, dass sie den normalen Bereich der menschlichen emotionalen Erfahrung verunglimpfen kann.“ Doch die Folgen von toxischer Positivität gehen noch weiter. Wenn ich, als Person, die von Rassismus betroffen ist, die toxische Positivität als Reaktion auf Gespräche über Rassismus abbekomme, kann es dazu führen, dass man seine eigene Realität in Frage stellt, sich entkräftet fühlt oder versucht, seine Emotionen aus Scham abzuschalten.

Lange Zeilen, essentieller Sinn: Es ist okay, sich nicht okay zu fühlen. Es ist normal, harte Tage zu haben. Es ist vor allem normal, sich als Reaktion auf schwierige Erfahrungen traurig, verletzt und wütend zu fühlen. Die Psychologin resümiert:  „In Wirklichkeit müssen schwierige Emotionen gefühlt, angemessen ausgedrückt und verarbeitet werden.“ Also, zur Hölle mit dem alten Knigge, der von alten weißen Männern geschaffen wurde, damit sie ihre eigene Vorherrschaft bestärken konnten. Lasst uns mehr über Politik, Religion und Geld reden. Bei Tisch, im Netz – überall!

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„Leider ist Deutschland beim Thema Diversity noch sehr weit hinten.“

Oluwatoniloba „Toni“ Dreher-Adenuga gewann 2018 die 13. Staffel der Castingshow Germanys Next Topmodel. Für die junge Stuttgarterin ging damit ein Lebenstraum in Erfüllung. Von heute auf morgen wurde sie an die Spitze der deutschen Modewelt katapultiert. Sie lief auf der Berliner und der Pariser Fashionweek und war das Gesicht mehrerer Werbekampagnen.

Doch wie geht es ihr heute, zwei Jahre nach ihrem Sieg? Im Gespräch mit dem RosaMag erzählt Toni Dreher von ihrem Werdegang nach GNTM. Sie spricht über Rassismuserfahrungen in der deutschen Modebranche, ihre Leidenschaft Poetry Slam und erklärt, warum sie nach dem Ende der Castingshow direkt nach Berlin gezogen ist. 

RosaMag: Wie ist es dir seit deinem Sieg bei Germanys Next Topmodel 2018 ergangen?

Toni Dreher: Mir geht es seit dem Sieg besser denn je. Ich habe über die letzten zwei Jahre viele neue Erfahrungen und schöne Momente sammeln können. Mein Leben hat sich komplett verändert. Es ist unfassbar zu sehen, welche Entwicklung ich durchmache.

Wie würdest du die Zeit bei der Show heute bewerten?

Meine Zeit bei GNTM ist unbeschreiblich schön gewesen. Sie hat mich zu dem Model geformt, das ich heute bin. Durchhaltevermögen und die Freude am Job habe ich bis heute mitnehmen können.

Und wie würdest du dich selbst beschreiben?

Mich selbst beschreibe ich als ehrgeizig, stark und zielstrebig. Gleichzeitig bin ich aber auch bodenständig und herzlich. Nach wie vor versuche ich, andere zum Lachen zu bringen und zu inspirieren.

Welchen Herausforderungen musst du dich in deinem Alltag stellen?

Für mich ist die größte Herausforderung noch immer geduldig zu sein und dem Prozess zu vertrauen, den es benötigt, um das zu erreichen, was ich möchte. Wenn es nach mir ginge, wäre ich sogar noch weiter, als ich jetzt bin, aber ich muss auch die kleinen Erfolge wertschätzen und auf die größeren hinarbeiten.

Du machst auch Poetry Slam. Wie kam es dazu?

Ich schreibe, seit ich ein kleines Kind bin, Texte und Geschichten. Mit Gedichten hab ich etwas später angefangen und mit Poetry Slam sogar erst mit 16 Jahren. Es ist meine Art und Weise mich auszudrücken und meinen Gefühle, sowohl negativ als auch positiv freien Lauf zu lassen.

Woraus ziehst du die Inspiration für deine Texte?

Mich inspirieren alltägliche Situationen und Themen, die mich beschäftigen. Sei es Glück und Freude, Armut und Ungerechtigkeit oder Mobbing und Rassismus. Jeder Text wird durch eine bestimmte Empfindung ausgelöst.

In Berlin studierst du gerade Medien und Kommunikationsmanagement. Warum hast du dich nach deinem Sieg dazu entschieden an die Uni zu gehen?

Es stand für mich nie zur Wahl nicht zu studieren. Genau wie die Teilnahme bei GNTM, war das etwas, das ich unbedingt erreichen wollte. Außerdem ist es mir wichtig, neben dem Modeln auch noch in anderen Dingen meine Skills auspacken zu können.

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O l u w a t o n i l o b a . #thatsme

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Schwarze Models bemängeln weltweit die mangelnde Diversität in der Modebranche. Hattest du je das Gefühl, dass du es als Model in der deutschen Modeindustrie schwerer hast? Gibt es Unterschiede zu anderen Ländern?

Es gibt sehr große Unterschiede zu anderen Städten in der Denkweise über dunkelhäutige Models. Leider ist Deutschland da noch sehr weit hinten. Trotzdem ist es nicht so, als wäre das Thema Diversity noch überhaupt nicht angekommen. Es gibt bestimmte Brands, die Diversity unterstützen und auch gerade darauf bauen. Dort ist schön zu sehen, dass man nicht vergessen wird. Einfach ist es keinesfalls, aber das Ganze ist ein Prozess, auf den man bauen und vertrauen muss.

Hast du Erfahrungen mit Colorism gemacht?

Ich mache täglich Erfahrungen damit. Sei es auf Social Media oder bei Jobs oder im Allgemeinen. Es begleitet mich. Wenn man aufgrund seiner Herkunft anders behandelt wird, ist das kein schönes Gefühl, aber es ist etwas, was man von klein auf kennt. Ich hab mich dran gewöhnt. Das ist zwar nicht zwingend etwas Gutes, aber es ist die Realität.

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>> Parlez-vous français? <<

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Deine Eltern kommen ursprünglich aus Nigeria. Hast du einen Bezug zu dem Land?

Die meisten meiner Verwandten wohnen dort und ich war letztes Jahr auch seit Langem mal wieder da. Ich bin täglich mit meinen Wurzeln verknüpft, durch Sprache, Kultur, etc. Es ist nichts, was ich ablege, wenn ich irgendwo hingehe.
Ich stehe zwar nicht so eng in Kontakt mit Nigeria wie beispielsweise meine Eltern oder meine ältere Schwester, aber ich bin dennoch damit verbunden.

Welche Rolle spielt der Glaube in deinem Leben?

Mein Glaube spielt die wichtigste Rolle in meinem Alltag und auch meinem Leben. Mein Glaube begleitet mich und stärkt mich in jeder möglichen Art und Weise. Nur durch Gott bin ich die, die ich bin, nichts davon ist mein Verdienst. Es ist für mich wichtig, auch öfter mal alle wissen zu lassen, dass ich aus Gott meine Stärke und Freude am Leben ziehe.

Was rätst du Schwarzen Frauen, die auch gerne modeln möchten?

Go for it! Nichts ist unmöglich, egal wie oft man ein Nein hört und egal was andere sagen: einfach machen, durchziehen und niemals aufgeben. Die Modebranche ändert sich täglich und es ist mittlerweile in vielen Köpfen angekommen, dass Diversity wundervoll ist.

Das Interview mit Toni Dreher erschien zuerst bei RosaMag. Wir freuen uns sehr, dass wir es auch hier veröffentlichen können.

Titelbild: Unsplash/ Flaunter

How to be an Ally: Wie weiße Menschen langfristig den Kampf von BIPoC unterstützen können

Disclaimer: Dieser Text wurde von einer weißen Person unter Zuhilfenahme von Aufklärungsinhalten Schwarzer Menschen geschrieben – mit dem Ziel, anderen weißen Personen das erlernte Wissen weiterzugeben. Dabei besteht nicht der Anspruch, das Thema vollständig durchdrungen zu haben oder in einer professionellen Form Antirassismus-Expertin zu sein: Ich stecke genauso im Lernprozess wie alle anderen weißen Menschen.  

Ist es problematisch, dass ich vor dem Schreiben des ersten eigentlich relevanten Satzes das Bedürfnis habe zu sagen, dass dieses Thema bei uns in der Redaktion schon lange auf Halde liegt, weil ich es vor einiger Zeit gepitcht habe und mich nicht erst seit drei Wochen mit Rassismus beschäftige?

Zackbumm, so schnell waren wir hier noch nie beim Thema. Denn, Spoiler: Natürlich ist es das.

Performativer Aktivismus vs. echter Aktivismus

Mit einer Mischung aus Rührung und Zweifel haben die meisten von uns am 2. Juni auf ihren schwarzen Instagram-Feed geschaut, auf dem sich eine #blackouttuesday-Bekundung an die andere reihte. Das Zeichen der Solidarisierung (ursprünglich von zwei Schwarzen Künstlerinnen aus der Musikindustrie initiiert) von weißen Menschen mit der Black Lives Matter-Bewegung ging so schnell viral, dass die vehemente Kritik, die insbesondere von Schwarzen Aktivist*innen vorgebracht wurde, erst breiteres Gehör fand, als so ziemlich jede*r eine schwarze Grafik mit den entsprechenden Hashtags gepostet hatte.

Diese Kritik hob vor allem hervor, dass wichtige Informationen zu Protesten und Weiterbildung in einem Meer aus schwarzen Kacheln verschwunden waren – weil zunächst überall der Koordinierungshashtag #blacklivematters in den Captions genutzt wurde. Und traf zielsicher den entscheidenden Punkt, um den es bei dieser Form des digitalen Protests ging und der seitdem eine intensive Auseinandersetzung vor allem von Weißen nach sich gezogen hat: War das Posten dieser Kachel jetzt wirklich ein Akt der Solidarität – oder habe ich das gemacht, um mich besser zu fühlen und auf der Seite der „guten Weißen“ zu stehen, mich also vor mir selbst und anderen als moralisch integer zu inszenieren?

Kurzum: Habe ich performativen Aktivismus betrieben?

Ob das bei dieser konkreten Handlung der Fall war oder nicht, lässt sich in der Kürze nicht beantworten (zumindest nicht, ohne weitere Hintergrundinformationen über die jeweilige Person zu besitzen) und wird von BIPoC-Aktivist*innen unterschiedlich interpretiert und bewertet.

Worin sich allerdings alle einig sind: Performativer Aktivismus allein ist viel zu wenig und wird so rein gar nichts an den gesellschaftspolitischen Strukturen, die das Überleben von Rassismus in allen Lebensbereichen und auf unterschiedlichen Ebenen ermöglichen, ändern.

Um herauszufinden, warum das so ist, ist es notwendig, performativen Aktivismus von ernsthaftem Aktivismus abzugrenzen (wir bleiben beim Thema Rassismus, doch die Unterscheidung lässt sich auch auf andere Bereiche anwenden) : 

 

 

Performativer Aktivismus

Motivation:

Performativer Aktivismus (und das zeigt sich schon am Namen) zeichnet sich durch eine nach außen gerichtete (extrinsische) Motivation aus: Im Fokus steht die Zurschaustellung der eigenen moralischen Integrität für eine Gruppe von Zuschauenden / die Öffentlichkeit.

Funktion:

Positionierung des Individuums als moralisch „auf der richtigen Seite“, Gesichtswahrung, Imagepflege

Merkmale:

  • Das Gesagte bleibt an der Oberfläche: wenige Worte, wenig bis kein Eingehen auf die Komplexität von rassistischen Strukturen.
  • Äußerung von starken Emotionen (Wut, Ärger, Trauer, Fassungslosigkeit) über das „Unrecht“, das man nicht nachvollziehen könne
  • Die Gut-Böse-Dichotomie wird rezitiert: Es gibt ein böses Individuum, das für den Vorfall verantwortlich ist („Einzeltäter*in“), die anderen Menschen (inklusive der sich äußernden Person) sind moralisch integer und „auf der guten Seite“. Der systematische Charakter von Rassismus und die Verantwortlichkeit jeder Einzelperson werden damit geleugnet.
  • Durch die Produktion von Allgemeinplätzen, Plattitüden und starken Emotionen werden die Äußerungen meist so aufgenommen wie von der handelnden Person intendiert: mit Lob, Bestätigung, Bestärkung, (virtuellen) Danke-Rufen. Das Feedback bleibt dabei genauso an der Oberfläche wie der ursprüngliche Inhalt.
  • Gehandelt wird vor allem punktuell und möglichst wirkungsstark – dann, wenn das Thema gerade en vogue ist und mit viel positiver Resonanz gerechnet werden kann.
  • Das Performen birgt für die handelnde Person wenig bis keine Risiken, wohl aber für die marginalisierte Gruppe: Durch uninformierte Unbedarftheit können Retraumatisierungen, zusätzliche emotionale und mentale Arbeit, Frustration und Ärger entstehen – Letztere vor allem auch dann, wenn ein*e weiße Performer*in für eine punktuelle Handlung Anerkennung erhält, für die marginalisierte Menschen seit Jahren/ Jahrhunderten kämpfen

Auswirkungen:

Performativer Aktivismus hilft im besten Falle dem Anliegen der marginalisierten Gruppe nicht weiter, im schlimmsten Fall richtet er mehr Schaden als Nutzen an, in dem er das bestehende rassistische System als „ein Problem der Anderen“ reproduziert und damit die Unterdrückung der marginalisierten Gruppen fortschreibt.

Ernsthafter Aktivismus

Motivation:

Im Idealfall liegt ernsthaftem Aktivismus eine intrinsische Motivation zugrunde: Der ernsthafte Wille, innerhalb des Systems einen bestimmten Umstand zu ändern oder das ganze System umzugestalten. Im Fokus steht nicht die handelnde Person, sondern das langfristig erstrebte Ziel.

Funktion:

Veränderung der gesellschaftspolitischen Realität hin zu einer aus der Perspektive des*der Handelnden besseren, gerechteren und lebenswerteren Zukunft

Merkmale:

  • Das Gesagte ist differenziert, versucht, mehrere Standpunkte einzubeziehen und/oder kann auf einer bereits fundierten Meinung aufgrund intensiver Beschäftigung mit der Thematik basieren.
  • Die eigene Verantwortlichkeit innerhalb des rassistischen Systems wird genauso anerkannt wie die Privilegien, die als weiße Person vorhanden sind.
  • Rassismus wird als System verstanden, das alle Bereiche des Lebens umfasst und in das alle Mitglieder der Gesellschaft hinein sozialisiert werden: Der in der eigenen Person vorhandene Rassismus wird anerkannt, die Gut-Böse-Dichotomie ist (bis auf wenige Ausnahmen) aufgehoben.
  • Der aktive und detaillierte Austausch wird gesucht – es wird nicht nur emotional Stellung bezogen, sondern nach Weiterentwicklung und Wissensweitergabe gestrebt.
  • Das alles passiert nicht punktuell, sondern kontinuierlich über einen langen Zeitraum.
  • Nicht jede Handlung wird als zu feiernder aktivistischer Akt inszeniert: Viel passiert im Verborgenen, ohne die Kalkulation auf Applaus.
  • Die Positionierung birgt Risiken: Beschneidung bis Verlust eigener Privilegien, Anfeindungen von weißen Menschen, die sich angegriffen und/oder „verraten“ fühlen, Konsequenzen im Privat- und Berufsleben

Auswirkungen:

Kontinuierliche Weiterbildung der handelnden Person und im Idealfall eine Veränderung der bestehenden gesellschaftspolitischen Verhältnisse.

 

 

Beispiele für performativen Aktivismus

  • Centering: Der*die Performerin stellt sich selbst in den Mittelpunkt – postet zum Thema Rassismus beispielsweise ein Bild mit sich selbst als weißer Person, oft ästhetisch-instagrammable inszeniert
  • Verweigerung eines konstruktiven Dialogs: Kritische Kommentare werden gelöscht, Nutzer*innen blockiert
  • Oberflächliche, inspirierende Statements, keine klare Positionierung in einer Situation, in der Rassismus zutage tritt
  • Delegieren der Bildungsarbeit an BIPoC: Fragen nach einem bestimmten Konzept/Begriff etc., um Aufmerksamkeit auf das eigene Interesse an der Angelegenheit zu lenken

Beispiele für ernsthaften Aktivismus

  • Vor der Handlung nachdenken und informieren: Es geht nicht um die*den weiße Performer*in und ihre*seine Gefühle. Selbst, wenn die Handlung gut gemeint ist, kann sie genau das Gegenteil bewirken.
  • Langfristiges Lernen und Weiterbilden im Thema und die aktive Auseinandersetzung mit dem eigenen Weiß-Sein – auch, wenn die mediale Aufmerksamkeit längst verflogen ist
  • Das Gelernte praktisch umsetzen: Stimmen von BIPoC nicht als Ausnahme, sondern als Regel betrachten, weiter Informationen und Wissensquellen teilen
  • Fehler einkalkulieren (es ist unmöglich, keine zu machen), zugeben, sich entschuldigen und dazulernen
Verwandte Begriffe zu Performativem Aktivismus

Virtue Signalling: offene, lautstarke Äußerung moralischer Werte, die nicht im Einklang mit den Handlungen der Person stehen, weil sie nicht dazu beitragen, das adressierte Problem aktiv anzugehen

Thoughts and Prayers: Häufig als Kondolenz-Ausdruck gebraucht, mittlerweile jedoch auch als Phrasen-Ersatz für gesellschaftspolitische Veränderung genutzt

Slacktivism: Eine (öffentliche) Angelegenheit vor allem mit der Absicht unterstützen, sich selbst als wirksam, „wach“ und aktiv wahrzunehmen und inszenieren zu können

„If you could only see my DMs right now, they’re flooded with well-intended wishes of, ‘How are you doing?’ But let me be clear, asking a black person how they’re doing right now is bullshit, because you know how they’re doing. We’re doing terrible. We’re struggling. If you’re struggling, we’re struggling more. And the performance of reaching out to show that you’re there doesn’t matter if the intention is the gratification that comes from it.”

Performativer Aktivismus ist, wenn man es kritisch zusammenfasst, Selbstbeweihräucherung in der Öffentlichkeit: mit minimalem bis nicht vorhandenem Risiko und Aufwand den maximalen Ertrag an Aufmerksamkeit und Zuspruch „für die gute Sache“ erhalten. Damit steht er in direkter spätkapitalistischer Tradition der Social-Media-Aufmerksamkeitsökonomie – und zeigt sehr gut, wo bei aller Nützlichkeit durch Verbreitung und Demokratisierung von Informationen die Wirkungsgrenze sozialer Medien für gesellschaftspolitische Veränderung erreicht ist.

„The performatively woke person takes up a lot of space. The ally makes space. It’s a crucial difference.”
Eric Peterson, Autor

Vom Ausverkauf gesellschaftspolitischer Bewegungen

Man nennt das auch ab und zu woke-washing und die Ähnlichkeit der Terminologie mit anderen -washings (zum Beispiel green-washing) deutet sehr explizit auf eine Offensichtlichkeit hin: performativer Aktivismus ist natürlich nicht nur ein Problem von Einzelpersonen. Im Gegenteil: Große Konzerne, die bisher vor allem durch besonders ausbeuterische Produktionsbedingungen in Ländern des globalen Südens aufgefallen sind, mischen fleißig mit im Spiel des Seele-Reinwaschens und posten schwarze Kästchen, kramen alte Shootings mit BIPoC-Models wieder hervor, weil das gerade gut kommt (vor allem bei der internetaffinen jungen Zielgruppe) und werfen mit pathetischen Phrasen um sich, #blacklivesmatter.

The work of anti-racism requires a level of self reflection that I don’t feel is coming from all the people or organisations that now say Black Lives Matter.” – Reni Eddo-Lodge 

Besonders in die Kritik geraten sind dabei unter anderem Modekonzerne, die teilweise immer noch nicht für die im Zuge Corona-Pandemie gecancelten Bestellungen in den Textilfabriken gezahlt haben – aber auch Firmen aus sämtlichen anderen Lebensbereichen, beispielsweise der Kosmetik-Industrie und natürlich Giganten wie Spotify, Netflix, Pepsi und Amazon. Deutlichen Widerstand gab es unter anderem gegenüber dem Konzern URBN, der unter anderem Anthropologie, Urban Outfitters und Free People unter sich vereint. Der Kern: rührende Werbeversprechen und bunte Illustrationen mit dem Hashtag #BLM auf Social Media, im Tagesgeschäft gehören Ausbeutung und Diskriminierung von BIPoC hingegen gewissermaßen zur Unternehmens-DNA. Unter neuen Instagram-Posts von Anthropologie teilen (ehemalige) Kund*innen und Angestellte ihre Erfahrungen und machen wiederholt auf Diskriminierung gegen BIPoC aufmerksam. So soll eine herabwürdigende Lohnpolitik gewissermaßen zur DNA des Unternehmens gehören, ebenso wie Code-Worte („Nick“/ „Nicky“) unter den Angestellten, mit deren Hilfe sie sich gegenseitig vor Schwarzen Kund*innen „warnen“ sollten sowie Racial Profiling, um angeblich drohenden Ladendiebstahl zu verhindern.

 Dass Schwarze Menschen und der gesellschaftliche Kampf für mehr Diversität und Gerechtigkeit generell kaltblütig ins kapitalistische System integriert werden, weil sich damit gerade gut Geld verdienen lässt und das gleichzeitig genau die Mechanismen reproduziert, gegen die man vorzugehen vorgibt, ist nichts Neues – doch der fadenscheinige Fassaden-Aktionismus wird dann besonders deutlich, wenn viele Menschen hinschauen, den Finger draufhalten und Labels zur Verantwortung ziehen – online (calling out) und offline (Konsumboykott). Genau das passiert gerade – unter anderem auch, weil insbesondere junge Konsumierende ihr Geld bewusster ausgeben und inhaltsleere PR-Statements besser durchschauen lernen. 

#PayUp

Hier geht es zur #PayUp-Petition, mit der Mode-Konzerne dazu aufgefordert werden, ihre Bestellungen wie vereinbart zu bezahlen. Auch die #FairByLaw-Petition, mit der ein Lieferkettengesetz innerhalb Deutschlands gefordert wird, braucht nach wie vor jede zusätzliche unterzeichnende Stimme, die sie bekommen kann.

Toxic Positivity oder: White Fragility auf Hochtouren

Was aktuell auch viel passiert, ist Folgendes: 

  1. Weiße Menschen positionieren sich zu Rassismus und #BlackLivesMatter.
  2. Sie werden auf Fehler und eventuell selbst reproduzierte Rassismen in ihrer Positionierung hingewiesen.
  3. Sie reagieren:
    mit Leugnung, Aggression und Täter*in-Opfer-Umkehr: „So habe ich das nicht gemeint, man traut sich ja gar nicht mehr, den Mund aufzumachen!“
    mit Centering: „Also, ich finde nicht, dass das rassistisch ist. Ich meine das lieb und anerkennend.“
    mit Silencing: „Können wir nicht einfach akzeptieren, dass es verschiedene Perspektiven auf eine Sache gibt? Kritik an allem führt nur zu Spaltung, was wir brauchen, ist kein Hate, sondern Liebe und Einheit.“

Die unterschiedlichen Antwortformen sind meist nicht klar voneinander zu trennen – häufig greifen zwei oder mehr Mechanismen gleichzeitig oder direkt nacheinander. An sich sind solche Reaktionen normal, wenn man sich noch nicht lange mit Rassismus und seiner strukturellen Natur beschäftigt. Der Punkt ist, dass man dann besser vermutlich nicht sofort ein like-versprechendes Spruchbild oder eine problematische Caption geteilt hätte, um irgendwas zu teilen und im Gespräch zu bleiben (und damit den Algorithmus zu füttern und für Kund*innen attraktiv zu bleiben). Sondern zugehört und gelernt und das eigene Verhalten spätestens dann hinterfragt hätte, als eine Vielzahl der nicht erwarteten kritischen Kommentare aufgetaucht ist.

Zu beobachten ist jedoch, dass es häufig bei den problematischen Aussagen und den dahinterstehenden Gedanken bleibt und Versuche einer konstruktiven Diskussion ignoriert, weggeredet oder im Wortsinn blockiert (Personen werden geblockt, die Kommentarfunktion ausgeschaltet) werden. Die verschiedenen Antwortformen funktionieren als Totschlagargumente, mit denen erneut die weiße Weltsicht durchgeboxt wird – und die martialischen Begriffe verwende ich hier ganz bewusst, denn es handelt sich in allen Fällen um Formen von Gewalt.

Diese münden oft in der seit Jahrhunderten bewährten Strategie des Silencing, die von Personen mit größerer systemischer Macht genutzt wird, um andere Personen zu unterdrücken und zu diskriminieren – zum Schweigen zu bringen, wörtlich übersetzt. 

Silencing tactics are fairly simple. They are methods used to quash dissent. To dismiss or disable the voices of dissent against the privilege induced majority speak. They can include trolling someone, threatening someone, making offensive jokes, using slurs, acting violent or intimidating, demanding or even criticizing anger from a marginalized person, demanding that a marginalized person change their methods for addressing privilege and a host of other things that are design to control the means of communication and discourse.“ – R.P. 

Wie Silencing aussehen kann:

  • jemanden verbal oder physisch bedrohen 
  • übergriffige Witze machen (und sich dann mit „War doch nur ein Scherz” aus der Affäre ziehen) 
  • jemanden beleidigen / rassistische Bemerkungen machen
  • gewalttätiges Verhalten an den Tag legen / einschüchtern 
  • Wut / Ärger von einer marginalisierten Person entweder explizit einfordern („Wenn es wirklich so schlimm wäre, müsstest du doch wütend sein?!”) oder kritisieren / einen „angenehmeren” Umgangston fordern 
  • Rücksicht auf die eigenen Gefühle und das vermeintliche eigene erlittene Leid fordern (auch: Derailing / Ablenkung) 

Der Zweck des Ganzen: Die Kontrolle über die Art der Kommunikation zu behalten – und damit auch darüber, was gesagt wird und was verschwiegen werden muss, weil es bestehende Machtverhältnisse herausfordert. 

Vor allem in der Eco-Bubble hat man viel Silencing gelesen und gehört in den letzten Wochen und von dem Fokus auf Liebe und Einheit und Wir-sind-doch-alle-gleich-und-kämpfen-den-gleichen-Kampf. Sorry to destroy your privileged rainbow-dancing-paradise, aber: Das ist nicht der Fall. 

Auch dieses Verhalten lässt sich mit einem Begriff zusammenfassen: Toxic Positivity. Vereinfacht gesagt, handelt es sich dabei um die Übergeneralisierung eines glücklichen, optimistischen Zustandes, der in der Leugnung, Abwehr und Kleinhaltung (also: Silencing) authentischer menschlicher emotionaler Erfahrungen mündet. Toxic Positivity ist der ausschließliche Fokus auf ein imaginiertes „Gutes“, das nicht näher definiert wird und kann sowohl auf individueller (man gesteht sich selbst als negativ interpretierte Gefühle nicht zu und unterdrückt sie folglich) als auch auf struktureller Ebene wirken. Die strukturelle Ebene äußert sich dann unter anderem in Silencing – wie gesagt: einer Form von Gewalt. Und damit Teil eines sehr vielfältigen und mächtigen Werkzeugkastens an Diskriminierungs-Tools.

Mit diesem Tool fällt es leicht, Unterschiede glatt zu bügeln und gesellschaftspolitische Probleme wegzulächeln: Wenn alle gleich sind, ist doch alles gut, oder nicht? Wenn wir nur die gute Energie der Einheit zwischen uns klingen lassen sollen, wird sich schon alles zum Positiven wenden. Man ahnt es: Toxic Positivity ist eine sehr privilegierte Angelegenheit – von kontraproduktiv ganz zu schweigen. Denn: Viele gesellschaftspolitische Änderungen und Fortschritte in Richtung mehr Gerechtigkeit (Gleichheit ist in dem Zusammenhang auch eine mindestens zu diskutierende Prämisse) wurden nicht dadurch bewirkt, dass Menschen sich lieb hatten und sich stets gefällig (also nach den Regeln der privilegierteren/ machtbesitzenden Gruppe) verhalten haben – sondern im Gegenteil durch aus der Perspektive der Toxic Positivity negativ konnotierten Emotionen, insbesondere Wut.

 

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Genauso wie es an Cis-Männern ist, die Wut von Frauen* und LGBTQIA+-Menschen auf das binäre patriarchale System anzuerkennen und nicht zu pathologisieren oder anderweitig kleinzureden, ist es an weißen Menschen, wütende BIPoC ernst zu nehmen – und darauf zu verzichten, nach einem „netteren Umgangston“ zugunsten der allgemeinen „Harmonie“ zu fragen, wenn gesellschaftspolitische Ungerechtigkeiten adressiert werden. Denn diese Wut fällt nicht vom Himmel: Wenn Gruppen über Jahrhunderte systematisch diskriminiert und ausgebeutet werden und Mitglieder dieser Gruppe sehen müssen, dass das legitimierende System auch im Jahr 2020 immer noch omnipräsent ist und ständig bestätigt wird, können sie gar nicht anders, als irgendwann wütend zu werden.   

„It’s critical to realize that if your allyship is performative, you are excusing yourself from engaging with the tough and messy conversations necessary to address the root causes.”
Holiday Phillips , Autorin

Denn genau dieses Kleinreden, das als reflexhafter Schutzmechanismus der White Fragility greift, sobald BIPoC es wagen, bestehende systemische Probleme anzusprechen, dient dazu, das aktuelle System zu erhalten. Dann ist es am Ende unbedeutend, wie antirassistisch man sich selbst begreift oder labelt und auf wie vielen Black-Lives-Matter-Demos man unterwegs war – wenn ich durch gleichmachende, silencende und „beschwichtigende“ Floskeln versuche, die Aufmerksamkeit weg vom eigentlichen Inhalt des Problems auf den Ton der Äußerung zu lenken, erhalte ich das rassistische System mit genau dieser Handlung am Leben und verstärke es sogar noch. Handle also: rassistisch.

Wie macht man es also richtig? 

„An ally is someone from a non-marginalized group who uses their privilege to advocate for a marginalized group. They transfer the benefits of their privilege to those who lack it.” – Holiday Phillips 

An dieser Stelle ist der kurze Einschub wichtig, dass weiße Menschen nicht den Fehler machen dürfen, zu denken, alle von Diskriminierung betroffenen Personen sind in jedem Themengebiet einer Meinung: Natürlich gibt es unterschiedliche Perspektiven auf ein- und denselben Sachverhalt und kontroverse Diskussionen im Safe Space der eigenen Communities. Und anzunehmen, es handle sich bei diesen vielfältigen Meinungen und Personen um eine homogene Gruppe, wäre auch wieder vereinfachend und stereotypisierend (also: rassistisch).

Dennoch ist die Schnittmenge der Forderungen und Ansichten bei Weitem groß genug, als dass man als Weiße*r in Zeiten des Internets und Social Media ungezählte kostenlose (!) Informationsquellen zur Verfügung gestellt bekommt, die einem sehr detailliert erklären, welche Verhaltensweisen rassistisch sind, warum das so ist, wie man es besser machen und vielleicht sogar ein Ally werden kann. (Und nicht der nächst bekannten Schwarzen Person in die DMs auf Insta sliden muss, um nach Erklärungen zu fragen und wieder emotionale Arbeit zu verursachen.)

„I’m not interested in that. I’m not looking to tell people what to do. People are very willing to give up their agency and look for leadership when they feel impassioned about something and I don’t want that at all, I want them to use their critical thinking skills to challenge racism and I can’t tell them how to do that. Imagine you had a partner who you were hoping might be able to improve their perspective on something, and instead they say, ‘just tell me what to do’. That tells me that person isn’t willing to take on any level of responsibility and I guess what I’m trying to do is prompting people to take responsibility for racism. That takes initiative and using your own brain.“ – Reni Eddo-Lodge

Die erste und wichtigste Aufgabe lautet daher: selbstständig zuhören, lesen, sich weiterbilden, die bereits zur Verfügung stehenden Inhalte nutzen und lernen.

Um das erfolgreich umzusetzen, sind 4 Erkenntnisse notwendig:

  1. Es geht nicht um Schuld, sondern um Verantwortung.  Du musst nicht die ganze Schuld deiner Vorfahren auf deinen Schultern umhertragen und dich in Trauer und Schande wälzen. Das bringt niemanden weiter – unter anderem, weil du dich und deine Gefühle wieder in den Mittelpunkt stellst und dich nicht auf diejenigen von Schwarzen Menschen konzentrierst. Du lebst jetzt und dein Job ist, alles in deiner Macht zur Verfügung Stehende zu tun, um das aktuelle System besser zu hinterlassen als du es vorgefunden hast. Dazu ist es jedoch unerlässlich, sich mit der historischen Vergangenheit zu beschäftigen, um zu verstehen, wie das System Rassismus, das wir heute haben, als solches überhaupt zustande kommen konnte und was seine Geschichte vor allem für Schwarze Menschen bedeutet. 
  2. Nochmal ganz explizit: Es geht nicht um dich. Nicht um deine Trauer, deine Überraschung, deinen Schock oder dein Entsetzen angesicht „dieses großen Unrechts!“. Am Ende zeigen diese Emotionen, die du für empathisch und anteilnehmend hältst, vor allem, dass du dich noch nicht umfassend mit deinen Privilegien und deinem Weiß-Sein im System der White Supremacy auseinandergesetzt hast.

„You might also wonder, how can I fix it if I am doing that? One free answer, shut up. Say not one damn word. When black people are speaking of their anger, their pain, their sorrow at seeing another person as a hashtag? Keep your apology. Keep your words of sorrow, we’re busy right now dealing with our own shit & we can’t manage your guilty feelings too.“ – Tanya DePass 

  1. Es ist nicht an dir, Gefühle und Widerstandsformen von Schwarzen Menschen zu bewerten. Schwarze und BIPoC müssen dir nicht zum 405583. Mal freundlich und in angenehmen Tonfall erklären, warum dein Verhalten gerade rassistisch war. (Genau genommen müssen sie überhaupt nichts. Google it.)
  2. Das ist keine Checkliste, die man abarbeitet und mit der man irgendwann „fertig“ ist. Sondern lebenslanges Lernen. Als weiße Menschen müssen wir anerkennen, dass die Dekonstruktion des seit 400 Jahren herrschenden rassistischen Systems zu unseren Lebzeiten sicherlich nicht abgeschlossen sein wird und wir niemals alles darüber wissen werden – aus dem einfachen Grund, dass wir weiß sind und es ein Berg an Arbeit ist, so ein lang gewachsenes institutionelles, strukturelles und individuelles Problem zu lösen.
“Allyship is language, and being a co-conspirator is about doing the work. It’s taking on the issue of racism and oppression as your own issue, even though you’ll never truly understand the damage that it does.”  
Ben O’Keefe, Aktivist

Der erste wichtige Schritt ist also eine Selbstreflexion sowie ein Neujustieren der eigenen Position: weg vom Zentrum an den (unterstützenden) Rand, und damit lange überfälliges Platz machen für Menschen, denen jahrhundertelang keine wertschätzende Aufmerksamkeit zuteil wurde. 

Lesen, lesen, lesen und zuhören

Das funktioniert sehr gut über die bereits erwähnten Informationsquellen im Internet, doch es ist – gerade, wenn es darum geht, komplexe systemische Zusammenhänge zu verstehen oder die Perspektive empathisch zu wechseln – eine gute Idee, sich einen Grundstock an anti-rassistischer Literatur zuzulegen (diesmal: wirklich zulegen und nicht ausleihen – denn in die meisten Bücher wird man immer wieder reinschauen müssen).

Im Folgenden eine (sehr begrenzte) Auswahl:

 

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Ein Beitrag geteilt von Jenni Marr | Mehr als Grünzeug (@mehralsgruenzeug) am

Und der wichtige Hinweis (der nicht nur im Bereich des Bücherkonsums gilt): Antirassistische Weiterbildung ist gut und wichtig. Dennoch sollten weiße Menschen nicht den Fehler machen, Schwarze Menschen lediglich mit (als negativ gelesenen) Emotionen wie Wut, Trauer, Trauma und Leid in Verbindung zu bringen und ihre Lebensrealitäten auf den Schmerz unter der weißen Vorherrschaft zu reduzieren. Will sagen: Es gibt Schwarze Literatur, Kunst, Produkte, Unternehmen, die nicht um die Aufarbeitung der Schwarzen Diaspora und/oder antirassistische Weiterbildung kreisen und damit nicht vordergründig “Dienstleistung” für weiße Menschen sind. Sondern ihre Existenzberechtigung und ihren Wert unabhängig davon generieren.

 

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Ein Beitrag geteilt von Int’l Indigenous Youth Council (@iiycfamily) am

Es ist sinnvoll und notwendig, über das Lesen und Verstehen komplexer Zusammenhänge und geschichtlicher Daten hinaus Informationen und Einblicke in die Lebensrealitäten Schwarzer Menschen zu erhalten – und den eigenen Feed in sozialen Netzwerken zu diversifizieren. Auch wieder: Nicht mit dem Anspruch im Hinterkopf, jede Schwarze Person, der wir folgen, muss für uns kostenlose antirassistische Weiterbildungsarbeit leisten.

„Ignorance by very definition is a lack of knowledge, so the only way to break down ignorance and your ignorance and the ignorance of others is through education. It’s really important to learn the history of the struggle you’re putting yourself into, to learn about the systems of oppression that exist and how you’re complicit in them, and then, again, remember that it’s not our job to educate you. It’s not hard to educate yourself. You can literally google it.“ – Ben O’Keefe, Aktivist

Im Gegenteil: Es gibt (natürlich) zahlreiche Expert*innen für unterschiedliche Fachgebiete, die mit Sicherheit auch die eigenen Interessengebiete abdecken.

Hier sind ein paar von ihnen:

 

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Ein Beitrag geteilt von Green Matters (@greenmatters) am

Das Schauen und Zuhören sollte im Idealfall nicht nur passiv, sondern gleichzeitig in aktiv weitergeführter Selbstreflexion geschehen: Die Einsicht, dass das aktuelle System ein Problem ist und wir als weiße Personen dieses System repräsentieren und von ihm profitieren, wird nicht ausreichen, um die eigenen internalisierten Rassismen herauszufordern und zu überwinden. Dafür müssen wir schon ein wenig tiefer graben.

Dazu gehört auch das Nachdenken über Fragen wie diese:

  • Was habe ich bisher an BIPoC und Schwarzen Menschen nicht gesehen – und warum nicht?
  • Welche Vorurteile habe ich über BIPoC und insbesondere über Schwarze Menschen – und woher kommen sie?
  • Wann habe ich selbst das System Rassismus unterstützt – und was kann ich tun, damit das nicht noch einmal passiert?
  • Habe ich mir schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass ich weiß bin? Wann war das erste Mal?
  • Habe ich (früher oder jetzt) mal gedacht, dass „ich keine Farben sehe“? Denke ich immer noch so?
  • Wie hat mein Weiß-Sein meinen persönlichen Lebensweg beeinflusst?

Über wichtige Fragen wie diese können wir aktuell in der 30-tägigen Instagram-Challenge, die die Journalistin Josephine Apraku ins Leben gerufen hat, nachdenken. 

Und dann parallel zum Lernen am besten auch sofort zur Tat schreiten. 

Simply ‘saying stuff’ is easy. You know what’s hard? Not buying stuff you want because the supply chain is violent. Turning down a job because the company employs child labor in Africa. Calling out other white people when they say something clearly racist. That shit is hard. But if you want to be a true ally to BIPOC, you have to be willing to do it. Anyone can post hashtags on social media. And the fact that this is seen as an act of activism is deadly.“  Holiday Phillips

Unbequeme*r Gesprächspartner*in werden und bleiben

Die wichtigste Tat nach dem Selbst-Informieren ist das Informieren anderer weißer Menschen: Das Aufklären am Abendbrottisch, das Unterbrechen in der Gruppe von Freund*innen, wenn jemand einen rassistischen Witz gemacht hat, das Ansprechen eines*r Mitarbeitenden auf eine rassistische Aussage oder anderweitige Handlung.

Das führt häufig zu unangenehmen Situationen, die wir lieber vermeiden möchten – vor allem, wenn es um Menschen geht, die uns nahestehen. Doch wenn wir effektiv an den Fundamenten der White Supremacy rütteln wollen, führt kein Weg an solchen Konfrontationen vorbei. Das ist der Mindestanteil der Arbeit, die wir in unserer Position als Weiße leisten müssen.

Eine Gegenstimme zu bilden und nicht verlegen beim rassistischen Witz mitzulachen, weil man die Stimmung nicht zerstören möchte, durchbricht den Kreis der Weißen Solidarität und lenkt den Fokus auf die Diskriminierung, die in dem Moment geschieht – und damit endlich auf die Menschen, gegen die diese Diskriminierung gerichtet ist.

Diversität einfordern und einbringen

Zu diesen unbequemen Gesprächen gehört auch das aktive Einfordern von Diversität – im Job (wobei hier geraten ist, sicherzustellen, dass sich die weißen Angestellten mit ihrem Weiß-Sein kritisch auseinandergesetzt haben, um eine möglichst rassismuskritische Umgebung zu ermöglichen und Tokenism zu verhindern), in Magazinen, in den sozialen Netzwerken, im Marketing, im Fernsehen: überall.

Das kann das direkte Ansprechen des*der Chef*in auf die mangelnde Diversität im Unternehmen sein*, das Einwerfen in der nächsten Teamsitzung, das Mail-Schreiben an eine Agentur mit der Frage, warum für das Produkt nur weiße Models werben, das öffentliche Auffordern von Unternehmen, ihre Personalpolitik zu überdenken… Wege gibt es genug. Auch aufgrund unterschiedlichen sozialen und finanziellen Kapitals und den sich daraus ableitenden Zwängen stehen auch weißen Menschen unterschiedlich viele davon offen – nichts zu tun, ist allerdings keiner.

*Besonders bezogen auf den Arbeitskontext reicht es nicht aus, sich Diversität auf die Fahnen zu schreiben und dann die Hände in den Schoß zu legen und zu warten, ob und wann und wie viele BIPoC dem Ruf wohl folgen und sich vielleicht-eventuell bewerben wollen. Denn, surprise: Viele Schwarze Menschen und PoC haben gar keine Lust auf den rassistischen Spießrutenlauf, der sie aller Wahrscheinlichkeit nach erwartet, wenn das Teamboard auf der Firmenhomepage rein weiß ist. Der Umkehrschluss: Es ist an Weißen, aktiv auf die Suche nach potenziellen Bewerber*innen zu gehen – Schwarze Expert*innen gibt es in jedem Fachbereich. Wenn man niemanden findet, hat man aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gut genug gesucht. 

Umverteilung von Ressourcen: Open your Purse (if you can)

Das Posten der monochromen Kacheln am #blackouttuesday wurde von Schwarzen Aktivist*innen häufig mit der Forderung „Open your purse“ kommentiert – vor allem in den Kommentarspalten großer Firmen, die sich in der Vergangenheit nicht durch Förderung, Einstellung und diskriminierungsfreie Behandlung Schwarzer Beschäftigter ausgezeichnet haben oder bei denen klar ist, dass sie ihre Gewinne auf dem Rücken von BIPoC-Arbeiter*innen aus dem globalen Süden verdienen.

Die Forderung, die durch den Medienschaffenden Adam Martinez auf TikTok viral gegangen ist, setzt direkt an einem der wichtigsten Hebel des rassistischen Systems an: Um die weiße Vorherrschaft (White Supremacy) zu überwinden, müssen Ressourcen umverteilt werden – vor allem auch finanzielle.

Organisationen, NGOs, Vereine und Stiftungen von Schwarzen und/oder für Schwarze benötigen so gut wie immer Spenden – und wann habe ich als Weiße eigentlich das letzte Mal bewusst in einem von Schwarzen Menschen geführten Unternehmen eingekauft?

Dass Geldflüsse politische Auswirkungen haben, haben wir im Rahmen von Biolebensmitteln, Fair Fashion und Veganismus mittlerweile ausreichend diskutiert – doch dass die gezielte finanzielle Unterstützung von BIPoC ebenfalls nicht nur möglich und wichtig, sondern notwendig ist, wurde vielen Weißen erst im Laufe der vergangenen Wochen klar.

Schwarze Vereine und Organisationen, die ihr unterstützen könnt:

Für wen es (aktuell) nicht möglich ist, zu spenden, kann auf YouTube nach Donate-Videos für #BLM suchen und im Hintergrund laufen lassen (die Werbung nicht überspringen): Die Einnahmen, die durch das Ausspielen der Anzeigen generiert werden, werden an Schwarze Organisationen und Vereine gespendet. (Die ursprüngliche Idee stammt von der YouTuberin Zoe Amira, allerdings ist ihr Video mittlerweile nicht mehr online und es ist natürlich nicht 100%ig abgesichert, dass die Einnahmen wirklich dort ankommen, wo sie sollen.)

„You know what does have mass influence? Systemic white apathy and privilege. And I’m sorry to say, if you’re white, no matter how nice you are, unless you’re doing serious and sustained personal anti-racism work, you are a part of the machine.“ – Holiday Phillips 

Neben der gezielten Umverteilung finanzieller Ressourcen von den Konten weißer auf die Schwarzer Menschen ist selbstredend auch der bewusste Verzicht von Produkten und Dienstleistungen von Firmen, die nachweislich BIPoC (hier und im globalen Süden) ausbeuten und nur deswegen in ihrer heutigen Form existieren können, essenziell. (Das Argument, diese Beschäftigten hätten sonst aber gar keine Jobs, darf übrigens unausgesprochen wieder in den Tiefen der Gedankengänge verschwinden.)

 

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Wir werden Fehler machen: Wie man sich entschuldigt

Die harte Wahrheit: Auch, wenn wir uns noch so intensiv mit Rassismus beschäftigen, uns weiterbilden, Gespräche aus unterschiedlichen Positionen führen und dementsprechend viele Informationen haben – als weiße Menschen werden wir (ich wiederhole mich) niemals alles über Rassismus wissen.

Das bedeutet, dass wir zwangsläufig Fehler machen – und dass sie gesehen und angesprochen werden. 

Ich gehe jede Wette ein, dass ich in diesem Artikel allein mindestens zwei Fehler gemacht habe und bin dankbar, wenn mich jemand darauf hinweist.

Entscheidend ist, wie wir mit diesen Hinweisen auf Fehler (und damit: rassistisches Verhalten und dahinterliegende rassistische Einstellungen) umgehen. Es ist leicht, Verantwortung von sich zu weisen und die klassischen Register der White Fragility zu ziehen: Glauben, man wurde gerade als böser Mensch bezeichnet, leugnen, emotional werden, zum Gegenangriff übergehen. Und damit die gesamte Verantwortung und emotionale Arbeit auf das Gegenüber abzuladen und das bestehende System zu bestärken (s. Tabelle oben).

Weil genau das so oft passiert  (nicht nur bei Menschen, die sich noch nicht mit ihren inhärenten Rassismen auseinandergesetzt haben), ist das Ansprechen von rassistischen Äußerungen und Handlungen für BIPoC immer auch ein riskanter Akt. Genau aus dem Grund ist es unter anderem so wichtig, die ganze Arbeit nicht nur bei BIPoC zu belassen, sondern sich als Weiße gegenseitig in die Verantwortung zu nehmen.

Wenn ich einen Fehler gemacht habe und darauf hingewiesen werde, ist es empfehlenswert, sich an folgendes Handlungsschema zu halten:

  1. Den Fehler anerkennen / zugeben: „Es tut mir leid, dass ich XXX getan habe und mich damit rassistisch dir gegenüber / der Gruppe XXX verhalten habe.“
  2. Erklärungen mit „aber“ oder „falls“ vermeiden: „…aber so habe ich das gar nicht gemeint.“ / „…falls das bei dir so rübergekommen ist.“ Ist geht nicht um deine Intention, sondern um die Wirkung der Handlung.
  3. Sich bedanken: „Danke, dass du mich auf diesen Fehler hingewiesen hast.“
  4. Das Verhalten nachhaltig ändern. (Sonst ist die Entschuldigung wertlos.)
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 Diese Reise wird niemals zu Ende sein

„[B]eing an antiracist is an action, it’s a verb. It’s not something that you just learn and you stop, it’s about how you change your behavior every day, every week, every month, every year to move your community, your family, yourself toward a more just and equitable society.” – Leslie Mac, Aktivistin 

Die wahrscheinlich wichtigste Einsicht, die weiße Menschen sowohl im Umgang mit dem eigenen internalisierten Rassismus als auch mit Blick auf das System der White Supremacy gewinnen können (und es wäre ideal, wenn sie ziemlich weit am Beginn der Reise stehen würde): Rassismus schaffen wir nicht mit ein paar Posts auf Social Media und dem Besuch einer Demo ab. Weder in den Institutionen noch in den Köpfen der Menschen und schon gar nicht in unserem eigenen Kopf – egal, wie viele BIPoC-Freund*innen wir haben, egal, ob wir uns jahrzehntelang mit antirassistischer Arbeit beschäftigen und vollkommen egal, wie sehr wir glauben, die Materie durchdrungen zu haben.

„Performative allyship however is a behavior pattern we must learn to recognize in ourselves and others as part of our ongoing antiracist work. This work is often uncomfortable because of the looming dread of “not doing enough,” coupled with the potential shame of doing the wrong thing in public and receiving criticism. We are collectively past that point. Your personal insecurity should not override human suffering. No act will ever be enough. One act of kindness will not undo five centuries of wrongdoing. Nor should any criticism of your social faux pas or misguided post on social media discourage you from your commitment to antiracist work either. We need to not make this about ourselves.“ – Marco Gomez 

Diese Arbeit ist eine, die ein Leben dauert. Unseres mindestens, höchstwahrscheinlich und leider auch das unserer Kinder und Enkelkinder – immerhin haben wir über 400 Jahre aufzuarbeiten. Und auch, wenn sich der aktuelle Diskurs anders anfühlt als die vorherigen und man den Eindruck und die Hoffnung hat, der performative Aktivismus der Weißen wird sich diesmal nicht nach wenigen Wochen wieder im Sande verlaufen (wie das bisher relativ vorhersehbar der Fall war): Die Beschäftigung mit Rassismus, die in den vergangenen Wochen begonnen hat, kann nur als Startschuss für eine intellektuelle und emotionale Auseinandersetzung fungieren, die kein Ende haben wird und hinter die man keinen To-Do-Listen-Haken setzen können wird. Eine nicht zu erfüllende Erwartung, die auszuhalten und zu ersetzen sein wird durch das Aktivwerden um der Ungerechtigkeit und nicht um des eigenen Status‘ Willen.

Und das ist am Ende vielleicht der entscheidende Punkt, an dem sich performativer von nachhaltig authentischem Aktivismus trennt. 

 

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Warum sterben so viele Schwarze Menschen in den USA an Covid-19?

In den Vereinigten Staaten sterben überdurchschnittlich viele Schwarze Menschen an den Folgen des Coronavirus. Prekäre Arbeitsverhältnisse, sozioökonomische Unterschiede, Vorerkrankungen sowie struktureller Rassismus sind nur einige der Problematiken. Das Virus offenbart den Gegensatz zwischen Schwarz und weiß. Und wie steht es um Deutschland?

Keine Zahlen, keine Beweise, keine Veränderungen

Daten – sie bieten eine argumentative Schlagkraft. Sie nehmen die Emotionalität und die vermeintliche Subjektivität aus Diskursen und zeigen: In den USA gibt es ein strukturelles Problem. Nach Angaben des Centers for Disease Control, die führende Gesundheitsbehörde der US-Regierung, sind fast ein Drittel der Schwarzen Amerikaner*innen von den landesweiten Infektionen in den USA betroffen. Und das obwohl sie lediglich 13 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen.

Ebenso sind fast ein Drittel der landesweit verstorbenen Personen Schwarz, so eine Analyse der verfügbaren staatlichen und lokalen Daten durch die Associated Press. Doch von den 828.441 bestätigten Fällen, die zumindest dokumentiert wurden, sind nur 36 Prozent nach Race aufgeschlüsselt. Demgegenüber steht eine Analyse der New York Post, die zeigt: Die meisten NYC-Coronavirus-Tests wurden in den mehrheitlich weißen und wohlhabendsten Postleitzahlen durchgeführt. Wie hoch ist also die reale Anzahl? Es herrscht eine eklatante Lücke. Genau deshalb forderten die Demokraten im Kongress ein Gesetz, das die Gesundheitsbehörden der US-Regierung zwingt, täglich Daten über die Zahl der Covid-19-Fälle und Todesfälle, aufgeschlüsselt nach Race, zu veröffentlichen. Ohne Daten gibt es keine Beweise, die auf die nachfolgenden Problematiken in den USA hinweisen.

“Wenn Schwarze Amerikaner*innen im gleichen Maße wie weiße Amerikaner*innen an COVID-19 gestorben wären, würden mindestens 10.000 weitere Schwarze Amerikaner*innen noch leben,” lautet der Report vom APM Research Center.

Die US-amerikanische Tradition: Ein ungerechtes System

Schwarze Menschen stecken sich vermutlich nicht häufiger mit dem Coronavirus an als andere Bevölkerungsgruppen, aber sie leiden besonders oft an Vorerkrankungen, die teils jahrelang unbehandelt bleiben. Zahlen aus dem Bundesstaat Louisiana zeigen, dass 66 Prozent der Covid-19-Todesopfer an Bluthochdruck litten. 43 Prozent hatten Diabetes, 25 Prozent Herz- oder Lebererkrankungen oder waren fettleibig. Jahrzehntelange Segregation, eine diskriminierende Wohnungspolitik und schlechte Umweltschutz-Vorkehrungen haben dazu geführt, dass viele Afroamerikaner*innen in minderwertigen und verdichteten Wohnungen leben. Social Distancing ist in diesen Gebieten weitaus schwieriger, wenn Generationen auf limitiertem Raum leben oder in Arealen, die übervölkert sind. Bei diesen Gebieten handelt es sich darüber hinaus um sogenannte „Gesundheitswüsten“. Eine Studie ergab, dass Schwarze Amerikaner*innen im Durchschnitt fast 70 Prozent häufiger in einem Postleitzahlengebiet mit einem Mangel an Hausärzt*innen und eher in einem Gebiet ohne Krankenhaus-Traumazentrum in einem Umkreis von fünf Meilen leben.

Das Gesundheitssystem in den USA ist anders als in Deutschland. Eine Krankenversicherung ist gesetzlich nicht vorgeschrieben, so wie es hierzulande die Norm ist. In den Vereinigten Staaten können sich Arbeitnehmer*innen primär über den oder die Arbeitgeber*in versichern. Ein Großteil der Afroamerikaner*innen ist laut dem Special vom National Geographic in Stundenlohn-Jobs beschäftigt. Diese haben keinen gesundheitlichen Nutzen. Sie gehören zudem entweder zu der ersten Entlassungswelle, die jetzt arbeitslos und nicht versichert sind, oder sie werden als „unentbehrliche Arbeitskräfte“ betrachtet und sind dem Virus stärker ausgesetzt. Das sind die sogenannten systemrelevanten Berufe, wie zum Beispiel Lieferant*innen oder Jobs im Pflege- sowie Servicebereich.

Afroamerikaner*innen haben seltener Arbeitsplätze, die es ihnen erlauben von zu Hause aus zu arbeiten. Viele Schwarze Arbeiter*innen haben keinen bezahlten Krankenstand oder Urlaub. Kleinunternehmen in Schwarzem oder hispanischem Besitz haben weniger Zugang zu traditionellen Finanzkreditgeber*innen, was den Zugang zu Coronavirus-Hilfsprogrammen, wie dem jetzt bereits ausgelaufenen 350 Milliarden Dollar schweren Programm zum Schutz von Gehaltsschecks, erschwert oder unmöglich macht.

Rassismus macht krank

Warum Schwarze Menschen in den USA häufiger an COVID-19 erkranken und sterben, kann nicht auf einen einzigen Faktor reduziert werden. Es sind viele. Wie ein großes Puzzle, das viele einzelne Teile benötigt, damit es einen Sinn ergibt. Doch sie kommen aus einer gemeinsamen Box. Dass Schwarze Menschen in den USA teilweise in prekären Jobs und Wohnverhältnissen leben und einen mangelhaften Zugang zum Gesundheitswesen haben, sind die Nebenwirkungen einer jahrhundertealten Segregation, die bis heute nachwirkt. Es gibt noch viele weitere Faktoren, wie zum Beispiel Mikroaggressionen und Rassismen ausgesetzt zu sein. Das resultiert in Stress und sorgt für einen anhaltenden Anstieg des Stresshormonspiegels Cortisol, was wiederum in einer vorzeitigen Alterung des Körpers endet. Rassismus macht krank.

COVID-19 zeigt die gravierenden Verhältnisse in den USA. Die Zahlen offenbaren, dass der amerikanische Traum nicht für alle gilt. Sondern, dass rassistische Strukturen Schwarze Menschen töten. Und wie steht es um Deutschland? In der Bundesrepublik gibt es keine Erhebung auf der Basis der Race oder den sozioökonomischen Verhältnissen. Ohne diese Zahlen gibt es keinen Beweis, keine Veränderung.

Dieser Artikel erschien zuerst bei RosaMag, dem deutschsprachigen Online-Lifestyle-Magazin von und für Schwarze Frauen. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

Titelbild: © Oladimeg Email | Unsplash