„Mein Beruf als Talent Scout im Modebereich machte es mir schwer, von meiner Essstörung zu erzählen“

Triggerwarnung: In diesem Text werden Essstörungen und ihre Auswirkungen besprochen.

„Wow! Hast Du abgenommen?“

„Du siehst gut aus, irgendwie gesünder!“

Typische und vermeintlich gut gemeinte „Komplimente“, die wahrscheinliche jede essgestörte Person kennt. Wenn Menschen meinen, mir sagen zu müssen, dass sie an Hand meines Körpergewichtes sehen könnten, wie es mir geht, finde ich dies nicht nur äußerst ignorant, wie generell jede Art von ungefragten Kommentaren zu meinem Essverhalten oder meinem Erscheinungsbild, sondern es zeigt auch, wie wenig unsere Gesellschaft nach wie vor über Essstörungen weiß.

„Komplimente“, die triggern

Eine Essstörung ist eine psychische Erkrankung, welche zwar körperliche Symptome mit sich bringen – aber in allen Größen und Formen auftreten kann. Sie kann da sein, wenn Du sie gerade nicht zu sehen meinst. Und sie kann sich im Hintergrund befinden, auch wenn dir mein Gewicht gerade nicht passt. Kommentare oder die gut gemeinten “Komplimente” von Außen können Betroffene triggern oder gar in alte Verhaltensmuster zurückwerfen. Ist nichts anderes interessant an mir außer meinem Gewicht?

Oft ist das Stigma, dem Menschen mit psychischer Erkrankung begegnen, schlimmer als die körperliche Verfassung selbst. Und so sterben jährlich mehr essgestörte Menschen durch Suizide als durch das Versagen ihres Herzens. Es ist Zeit, diese Stigma aufzulösen, die vor allem Schwarze Menschen daran hindern, die Hilfe zu suchen und zu erhalten, die sie brauchen.

Wo sind die Schwarzen Stimmen?

Schwarze Stimmen und Geschichten finden in der sogenannten „Eating Disorder Recovery Community“ genau so viel Platz wie überall anders auch: gar nicht. Wenn wir in den deutschen Medien von Essstörungen hören, dann sehen oder lesen wir meistens die reibungslosen Genesungsgeschichten weißer Teenager:innen, die am Ende ihrer Reise die magische Linie zwischen krank und gesund überschreiten und alles scheint wieder gut. Abgesehen davon, dass man eine akute Essstörung nicht mal so eben wieder loswird, ist der Mythos, dass Essstörungen sogenannte „White Girl Issues“ sind, die auf gewisse Castingshows oder Social Media zurückzuführen sind, ebenfalls lebensbedrohlich.

Mehr als der Wunsch nach dem „perfekten Körper“

Selbstverständlich können die oft unrealistischen Schönheitsideale in der Modewelt oder Hollywood ein gestörtes Essverhalten oder Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild unterstützen, aber hinter der Entwicklung einer psychischen Erkrankung wie einer Anorexie (Magersucht), einer Bulimie (Ess-Brechsucht), Binge Eating und den zahlreichen Mischformen steckt weitaus mehr als der Wunsch nach dem „perfekten Körper“. So können diese für Betroffene unter anderem als vermeintliche Lösung für tief liegende, ungelöste innere Konflikte dienen. Hungern oder Fressen als Betäubungsmittel. Nichts mehr aushalten müssen. Eine Methode, die temporär auch funktioniert, dich aber binnen kürzester Zeit in einen gefährlichen Teufelskreis zieht, aus dem es anschließend schwer einen Ausweg gibt.

 

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Anders als die anderen

Schlank und sportlich war ich immer, aber dass ich anders war als die zarten, blonden Mädchen aus meiner Klasse, gab mir mein Umfeld, insbesondere die Lehrer an meiner Schule, schon früh zu spüren. Ich war weder süß, noch war ich verletzlich. Ich war anders und fest davon überzeugt, dass mit mir etwas nicht stimmte. Mit meinen (heutigen 1.80m) war ich zu groß, zu laut, zu schüchtern, zu frech. Zu viel von allem. Zu Schwarz. Diese lästige Rolle „der Schwarzen“ hatte ich daher im Alter von 16 Jahren erfolgreich hinter mit gelassen. Ich war nun „die Dünne“. Die Zielstrebige – die man nie essen sah, die vor Hunger nicht einschlafen konnte, die ständig lügen musste, um ihr Image aufrechtzuerhalten und die mithilfe von Haar Relaxern zwanghaft versuchte, ihr Selbstbewusstsein aufzubessern.

Die Flucht vor dem White Gaze

Ich versuchte vor dem White Gaze – welcher mich bis heute in den Wahnsinn treibt – zu fliehen, indem ich meine neue Rolle als „die Dünne“ um jeden Preis aufrecht hielt. Dass ich dafür Schulnoten und mein Sozialleben größtenteils hinten anstellen musste oder meine Periode bereits zwei Jahre verspätet war, interessierte mich nicht. Es war sowieso alles egal. Und ein Leben ohne Essstörung? Wer wäre ich dann noch gewesen? Spoiler: Mein Plan, mich in eine andere Identität zu fliehen, war zu meiner Enttäuschung letztendlich nicht aufgegangen.

Ich könnte jetzt mehrere Seiten darüber schreiben, wie ich mich von einem Tiefpunkt zum nächsten hangelte oder wieso ich mich letztendlich für das Leben und gegen die Angst vor dem „Anders sein“ entschieden habe. Interessanter als die Details meines persönlichen Struggles finde ich aber die Tatsache, dass ich erst Jahre später herausfand, dass eigentlich White Supremacy der Auslöser für meine gesundheitlichen Probleme war, trotz mehrerer Behandlungsanläufe in weißen Umgebungen.

Wie soll man das aushalten?

Und wenn ich heute mit vollem Bewusstsein und Stolz auf meine Identität zurückblicke, frage ich mich manchmal heimlich wie andere Geschwister dieses Gefühl der Erschöpfung, die Mikroaggressionen und überhaupt diesen unangenehmen Beigeschmack des Schwarzseins in dieser rassistischen Gesellschaft, welchen nun auch ich wieder schmecken muss, so lange ausgehalten haben.

Es ist frustrierend, dass deutschen Therapeut:innen der Zusammenhang zwischen Racial Trauma und der Entwicklung einer potenziellen Essstörung auf professionellem Wege nicht vermittelt wird. Dass ich als Teenager wohl „Identitätsprobleme“ aufwies, dies aber im Zusammenhang mit meiner Hautfarbe liegen könnte, kam niemanden in den Sinn. Vielleicht wollte man es auch nicht sehen. Immerhin wurden mir meine alltäglichen Rassismuserfahrungen von meinen Therapeutinnen grundsätzlich ebenfalls abgesprochen.

Zu Rassismus in Deutschland gebe es keine Statistik, hieß es meistens. Und überhaupt, ich habe doch die Wahl. Ich könne mit dem ganzen Mist einfach aufhören. Ich weiß nicht, ob ich einfach Pech mit der Auswahl meines behandelnden Teams hatte oder ob meine Ärtz:innen ihren weißen Patientinnen ebenfalls so wenig Empathie entgegenbrachten wie mir. Schwarze Therapeutinnen mit dem Schwerpunkt Essstörungen konnte ich, nebenbei bemerkt, gar nicht erst finden.

Essstörungen als Luxusproblem weißer Mädchen?

Mein Beruf als Talent Scout, in den ich über mehrere Umwege nach der Schule hineingerutscht war, machte es mir schwer, überhaupt von meiner Geschichte zu erzählen. Denn die Behauptung, das Essstörungen Luxusprobleme oberflächlicher, weißer Mädchen und Frauen sein, hatte sich auch bei mir lange verankert. Sie ließ mich daran zweifeln, ob mein Leiden von Bedeutung war. Wer würde einer „Ex- Magersüchtigen“ glauben, welche nun auch noch die Dreistigkeit besaß, junge Mädchen an internationale Modefirmen zu verkaufen? Wer wurde ihr glauben, dass sie nicht von Anfang an bloß Teil irgendeines Fashiontrends sein wollte. Eine Schwarze, die nicht essen kann, wo gibt es denn sowas? Sollte ich nicht strong and independent sein?

Internalisierte Rassismuserfahrungen

Mein Selbstwertgefühl lag grundsätzlich tiefer als mein Traumgewicht, da ich meine Rassismuserfahrungen über zu viele Jahre internalisiert hatte. Unabhängig davon, dass meine Arbeit mir gut lag und mir früh ein selbstständiges Leben ermöglichte, hatte ich sowieso erstmal keine andere Wahl, als mich fleißig durch eine rassistische Industrie zu kämpfen.

Eine Jugend mit Essstörungen wirkt sich nämlich langfristig auf alle Lebensbereiche aus und spiegelt sich bei den Betroffenen so oft auch im Lebenslauf wieder. Angebrochene Berufsausbildungen. Ein paar Praktika hier und da. Einen ganzen Tag im Büro unter der Beobachtung von Kolleg:innen ? Nein, danke! Ein normaler Arbeitsalltag oder eine Festanstellung waren mit 18 Jahren keine Option für mich. Denn von Außen bestimmte Strukturen erlaubten mir nicht, mich an meine krankhaften Essenspläne zu halten. Ich nannte es auch Prioritäten setzen.

 

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Wut & Stolz

Wenn ich an meine extremen Jahre zurückdenke, bin ich wütend darüber, wie viel Zeit ich verschwendet habe. Ich bin aber auch stolz darauf, wo ich inzwischen angekommen bin. Meine Arbeit ermöglicht mir heute gegen die Unterrepräsentation von Schwarzen Frauen in französischen Beauty- Kampagnen anzukämpfen und motiviert mich auch weiterhin meinen eigenen Weg zu gehen und den Raum einzunehmen, den ich mir eine lange Zeit verboten lies. Wir sollten überall sein, wo wir sein möchten. Egal ob auf den Laufstegen, in der Politik oder in den Medien. Und wir müssen weiterhin daran arbeiten, Raum für einander – aber in erster Linie für die Schwarze Generation nach uns – zu schaffen.

Falls Du mit einer Essstörung kämpfst, solltest du wissen, dass der Tag, an dem Du krank genug bist, nicht kommen wird. Du wirst nie dünn genug sein. Du wirst deine Fressanfälle nicht aufhalten können, indem Du dir Nahrung verwehrst. Egal auf wie viele Montage, wie viele Neuanfänge Du es ankommen lässt. Dein Plan, von dem Du meinst dich jeder Zeit lösen zu können, wenn Du es denn wolltest, der wird nicht aufgehen. Und du sollst wissen, dass deine Diagnose nichts über deine Persönlichkeit aussagt. Dein Gewicht nichts über deine Krankheit, nichts darüber, ob du Hilfe verdienst, nichts darüber, wie einzigartig Du bist, und nichts darüber, wie wertvoll dein Leben ist.

Erste Anlaufstellen, an die Du dich wenden kannst, wenn Du eine Essstörung hast:

https://www.waage-hh.de

https://www.anad.de


Sandy Adaolisa ist International Talent Scout im High Fashion Bereich.
Geboren und aufgewachsen ist die heute 28-jährige in Kiel. Mit 18 zog es sie „ohne Plan“ nach Hamburg. Dort machte sie sich 2011 selbständig und arbeitete lange frei, bis sie 2017 für ihre Arbeit nach Paris weiterzog. Seit März wohnt sie wieder in Hamburg. Im November 2020 gründete sie @brownskinmermaids, eine privat finanzierte & unabhängige Organisation, die sich auf das Empowerment junger Schwarzer Mädchen in Deutschland fokussiert. „Quasi das, was ich gebraucht hätte“, sagt Sandy.

Dieser Artikel erschien zuerst bei unserem Content-Partner Rosa Mag. Wir freuen uns sehr, dass wir ihn auch hier veröffentlichen können.

Warum die Modebranche anti-rassistisch handeln sollte

Deutschland ist rassistisch sozialisiert. Punkt. Wiederhole diesen Satz: Deutschland ist rassistisch sozialisiert. Was heißt das? In erster Linie, dass jede Person, die in diesem Land aufwächst, rassistische Verhaltensweisen und Muster internalisiert. Jede Person. Egal, wie ich mich politisch verorte, bin ich rassistisch sozialisiert. Die Amadeo Antonio Stiftung schreibt „…Rassismus beruht auf einem realen Machtunterschied in unserer Gesellschaft.“ Und genau das ist das Problem: In all unseren Strukturen stecken diskriminierende Machtunterschiede, die wir a) hinnehmen oder b) denen wir uns entgegenstellen können. Hanau konnte aufgrund dieser Strukturen passieren. Hanau konnte passieren, weil Deutschland eine gewisse Feigheit an den Tag legt, wenn es um den Umgang mit Rechtsextremismus und der Aufarbeitung der eigenen Geschichte geht.

Rassismus in der Modebranche

Wenn Rassismus so unabdingbar tief in unserer Gesellschaft steckt, führt kein Weg daran vorbei, dass dies auch die Modebranche berührt. Es ist schlichtweg unmöglich, dass es nicht so ist. So sehr wir uns auch wünschen, Mode losgelöst von politischen Prozessen und Meinungen zu sehen, so sehr ist eben genau diese Mode politisch. Und das immer! Dabei wird gerade in der Modebranche oft nicht klar benannt, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt. Sogenannte „Fauxpas“, die immer wieder auftreten, werden dabei zu leidigen Einzelfällen, die eine Einzelperson verzapft hat. Wenn die Elle mit „Back to Black“ Schwarzsein zum Trend erklärt oder Gucci einen „Blackfacing-Pullover“ für 900 Dollar designt, sei das nicht etwa ein strukturelles Problem, sondern das Versagen eines*einer Einzelnen. Wenn auch im 21. Jahrhundert antiasiatischer Rassismus mit vermeintlichem Humor und stereotypem Denken begründet wird, werden immer nur Einzelne zur Rechenschaft gezogen.

Hier liegt der Denkfehler: Diese vermeintlichen Fauxpas sind systemisch bedingt. Das entschuldigt nicht die Verantwortung der Einzelnen, macht aber deutlich, dass die Lösung viel komplexer ist. Solange wir keine Aufarbeitung leisten, solange Diversität als Buzzword behandelt wird, solange Modeunternehmen sich nicht anti-rassistisch positionieren – solange wird die Modebranche rassistisch sein.

Nicht zuletzt wiegt auch das historische Erbe schwer. Blicken wir zurück auf die Nazivergangenheit von Hugo Boss oder die Zerstörung der Berliner Modekultur, die vor dem Zweiten Weltkrieg schätzungsweise zu 90 Prozent von jüdischen Modeschöpfer:innen kreiert wurde, dann wird deutlich, wie verstrickt nationalistische Machtstrukturen mit der Mode sind. Der Historiker Uwe Westphal, der sich intensiv mit der Modeindustrie in der Zeit vor 1945 beschäftigt hat, sagt im Deutschlandfunk: „Es gibt eine gewisse, wenn man es positiv sagt, eine Laissez-faire-Haltung. Es wird nicht darauf geachtet, was deutsche Mode auch historisch ausgemacht hat, welchen Anteil die jüdischen Modeschöpfer hatten. Das ist etwas, was sich Paris, was sich London überhaupt nicht erlauben kann. Sie referieren immer wieder zurück auf ihre Vergangenheit.“

Was heißt das also für heute?

Wenn in Deutschland ein rassistisches Attentat verübt wird, können auch wir als Mode- und Medienschaffenden uns nicht davon freimachen, Stellung zu beziehen. Haltung zu zeigen, war und ist immer wichtig. Es hat in der Vergangenheit nur mehr oder weniger gut funktioniert.

Es ist nicht mutig, sich der eigenen historischen Verantwortung zu stellen. Und es ist auch nicht zu anstrengend, diese Verantwortung anzunehmen. Nicht, wenn wir in einer Gesellschaft leben, die erkennt, dass Heilung, Vergebung und Miteinander nur passieren kann, wenn wir anfangen, Offenheit, Toleranz und eine Gesellschaft der Vielen wirklich zu leben.

Wenn es ein Land nicht schafft, sich dieser Aufgabe zu stellen, dann kann es doch wenigstens eine Branche versuchen? Wenn wir nicht wollen, dass sich Hanau, Halle, Kassel, München, der NSU, Düsseldorf und viele andere wiederholen, dann können wir mit gutem Beispiel vorangehen. Gerade weil Mode das unglaubliche Potenzial hat, Botschaften zu vermitteln, Menschen zu empowern und politische Statements zu setzen.

Die Modebranche muss sich anti-rassistisch positionieren. Es ist in ihrer Verantwortung.

In Gedenken an

Gökhan Gültekin
Sedat Gürbüz
Said Nesar Hashemi
Mercedes Kierpacz
Hamza Kurtović
Vili Viorel Păun
Fatih Saraçoğlu
Ferhat Unvar
Kaloyan Velkov

Weitere Informationen und Möglichkeiten zur Spende findet ihr bei der Initiative 19. Februar Hanau.

*Bei dem Attentat wurden insgesamt zehn Menschen ermordet. Der Täter tötete neun Menschen aus rassistischen Motiven, seine Mutter und dann sich selbst.

Adaptive Fashion – „Unsere Mode stellt die Ansprüche von Rohlstuhlnutzenden ins Zentrum.“

„Diversity“ ist in den letzten Monaten zum absoluten Buzzword für progressive Modelabels geworden und aus der aktuellen Diskussion um die Zukunft der Modebranche nicht mehr wegzudenken. Doch obwohl Vielfalt ein gern gesehener Gast bei reichweitenstarken Kampagnen und eindrücklichen Formaten großer Modehäuser ist, ist ein Begriff zuweilen noch immer vernachlässigt wurden: Adaptive Fashion.

Dabei ist das Potenzial adaptiver Kleidung auch wirtschaftlich enorm, wie Vogue 2019 feststellte. Bis 2026 soll der globale Markt für Adaptive Fashion über 400 Milliarden Dollar wert sein. Setzen sich Labels also heutzutage bereits mit adaptiver Mode auseinander, bringt das auch ökonomische Vorteile gegenüber der Konkurrenz mit sich.

Genau das haben die Pioniere unter den Adaptive-Fashion-Labels bereits jetzt schon erkannt. Newcomer wie das österreichische Label MOB Industries leisten wegbereitende Arbeit, die auch anderen Labels zeigt, was noch alles möglich ist. MOB Industries produziert ausschließlich Kleidung, die sowohl für Menschen mit Behinderung als auch nichtbehinderte Menschen designt ist. Dabei legen sie nicht nur einen besonderen Fokus auf Funktionalität, sondern vor allem auch auf zeitgeistige Styles und Designs.

„Barrierfreie Mode richtet sich an Menschen mit unterschiedlichen Ansprüchen: Rollstuhlnutzer*innen, Prothesenträger*innen, Menschen mit temporären Verletzungen oder Frakturen, Menschen mit altersbedingten Einschränkungen oder Autoimmunerkrankungen.“

Wir haben mit den Gründer*innen Johann Gsöllpointner und Josefine Thom gesprochen, um herauszufinden, was ihre Designs so besonders macht. Welche Chancen Adaptive Fashion bietet und wie die inklusive Modebranche der Zukunft aussieht. Außerdem konnten wir uns selbst ein umfassendes Bild der cleveren Designs machen.

Vreni auf Stuhl mit Kleidung von Adaptive Fashion, rechts zieht das mit Magneten festgemachte Hosenbein runter
Adaptive Fashion bedeutet für MOB Industries barrierefreie Mode. © Fashion Changers

Fashion Changers: Wie definiert ihr für euch Adaptive Fashion?

Johann Gsöllpointner: „Adaptive Fashion ist eher im englischsprachigen Raum gebräuchlich und heißt übersetzt ‚adaptiert, anpassungsfähig‘. Wir bevorzugen den Begriff barrierefreie Mode, da es das Problem und die Lösung gleich auf den Punkt bringt. Barrierefreie Mode richtet sich an Menschen mit unterschiedlichen Ansprüchen: Rollstuhlnutzer*innen, Prothesenträger*innen, Menschen mit temporären Verletzungen oder Frakturen, Menschen mit altersbedingten und kognitiven Einschränkungen oder Autoimmunerkrankungen.

Barrierefreie Mode, die Spaß macht. Wie das aussehen kann, zeigt MOB Industries. Fotos: Anna Breit

Für diese Personen ist es oft gar nicht so leicht, Knöpfe zu öffnen, sich selbstständig, oder mit Assistenz-Unterstützung, an- und auszukleiden oder Kleidung leicht über den Gips oder die Prothese zu ziehen. Kleidungsbedingte Barrieren können Materialien, Verschlüsse, zu enge Schnitte, zu wenige Öffnungen oder Passformen sein, die nur für ‚stehende‘ Personen, bzw. normierte Körper, entwickelt sind. Es fehlt der Mode schlichtweg an Funktion. Barrierefreie Mode ist aber nicht nur für die Träger*innen von Vorteil, sondern auch für die assistierende Personen. Es kann zeiteffizienter sein oder einen Assistenzmangel ausgleichen und ist gesundheitsschonender für die persönliche Assistenz, weil es zum Beispiel potenzielle Rücken- und Schulterverletzungen vorbeugt."

Und euer Label deckt all diese unterschiedlichen Bedürfnisse ab?

Josefine Thom: „Der Fokus von MOB liegt auf Rollstuhlnutzer*innen. Wir entwickeln spezielle Schnitte, die für die Körperformen von Rollstuhlnutzer*innen optimiert sind. Einen guten Überblick gibt die Seite Cur8able von der Aktivistin und Disability-Stylistin Stephanie Thomas. Sie beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Thema und zeigt auf ihrer Seite wie vielfältig dieses Thema ist."

Stephanie Thomas von Cur8able

“As the Founder of Cur8able, I made sure the mission statement was simple and laser focused; use fashion styling as a tool to challenge negative perceptions of people with disabilities. This mission is closely tied to the psychology of dress and how people perceive you based on appearance. Without going to deep into this idea it’s basically challenging role schemas as outlined in the “Social Psychology of Dress” (Lennon, Johnson, Rudd 2017) “Role schemas are the sets of behaviors expected of a person in a particular social position.” This is what leads to organizing ideas about people and their value. Schemas in general feed into categorizing others which inevitably contributes to stereotyping.”

Was ist das Besondere am MOB Design?

Johann Gsöllpointner: „MOB steht für Mode ohne Barrieren. Unsere Mode entwickeln wir gemeinsam mit Rollstuhlnutzer*innen und jungen Modelabels. Unsere Produkte sind inklusiv und barrierefrei: Praktische Funktionalität trifft modischen Anspruch, egal ob im Sitzen oder Stehen. Unter Verwendung hochwertiger Materialien und innovativer Verschlusssysteme produzieren wir in Österreich."

Josefine Thom: „Unsere Designs sind easy und schmerzfrei. Dank des ergonomischen Designs ist das An- und Auskleiden einfacher, schneller und angenehmer.

Es ist magnetisch. Unsere MOB-Fashion-Produkte fördern die Autonomie, weil weniger oder keine Hilfe beim An- und Auskleiden benötigt wird. Unsere Magnetverschlüsse machen es möglich. Wir verwenden ein weltweit einzigartiges und innovatives Verschlusssystem, das in Österreich produziert wird.

Vreni knöpft die magnetischen Knöpfe am Ärmel auf
Magnetische Knöpfe machen das An- und Ausziehen der MOB Industries Bluse sehr einfach. © Fashion Changers

Unsere Designs funktionieren im Sitzen und Stehen. MOB-Produkte sind für die Körperformen von Rollstuhlnutzer*innen optimiert. Dadurch gewährleisten sie einen höheren Tragekomfort. Auch Nichtrollstuhlnutzer*innen erfreuen sich an den Funktionen: stylish und praktisch zugleich.“

Johann Gsollpointer: „Wir machen Mode mit Leidenschaft. Wir stellen die Ansprüche von Rollstuhlnutzer*innen ins Zentrum. Deshalb sind diese von Anfang an maßgeblich an der Entwicklung der Kollektionen beteiligt. Zudem kooperieren wir mit jungen Modelabels. Dadurch können wir eine Bandbreite an unterschiedlichen Designs anbieten.

Und wir sind stolz auf: Made in Austria. Wir kooperieren nicht nur mit österreichischen Modelabels, sondern setzen auch auf heimische Produktion. Wir verwenden dabei modernste, hochwertige Materialien und weltweit innovative Verschlusssysteme.“

© Fashion Changers

Wie kam es dazu, dass ihr MOB gegründet habt?

Josefine Thom: „Die MOB Idee ist aus persönlichen Motivationsgründen entstanden. Ich habe eine ältere Schwester mit Be_hinderung. Es war immer eine Herausforderung passende Kleidung für sie zu finden, die nicht nur funktional, sondern auch schön ist. Es gibt zu wenig Hersteller, die barrierefreie Mode entwickeln. Und wenn, dann ist die Auswahl eher beschränkt: Die Hauptzielgruppe sind ältere Menschen. Die Kleidung hat dabei überwiegend Funktionsästhetik.

Das Produktangebot in puncto Stoffen, Verschlüssen oder Styles ist wenig divers und zeitgemäß. Das spiegelt sich auch in den Markennamen wider, die meist ‚Rolli‘, ‚Reha‘ oder ‚Pflege‘ enthalten. Dadurch wird Behinderung als bloßes Defizit und einzige Eigenschaft wahrgenommen. Gemeinsam mit Johann Gsöllpointner haben wir im März 2019 MOB Industries gegründet, um frischen Wind in den Markt für barrierefreie Mode zu bringen.“

Was wollt ihr mit MOB erreichen und was wünscht ihr euch für die Zukunft der Modebranche?

Josefine Thom: „Mode kann zu strukturellen Veränderungen beitragen, indem zum Beispiel Arbeitsplätze für Menschen mit Be_hinderungen geschaffen werden, anstatt sie bloß über den Laufsteg laufen oder rollen zu lassen. Es geht für uns auch darum, neue, ‚vermischte‘ Expert*innenschaften zu entwickeln. Bislang ist Design für Be_hinderungen von einer Kultur der ‚Probleme‘ geprägt, die technisch-medizinisch oder bürokratisch-administrativ ‚gelöst‘ werden. Ein größeres Gleichgewicht zwischen Problemlösung und spielerischer Exploration könnte neue, wertvolle Perspektiven eröffnen. Dies reicht von Allianzbildung mit der bildenden Kunst, die das Verhältnis von Körpern und Ästhetik schon lange befragt, bis zur Schaffung neuer Öffentlichkeiten.

Die Gestaltung von Kooperationsformen und Austauschprozessen zwischen bislang getrennten Feldern, Sensibilitäten und Praxisformen halte ich für eminent politisch. Handlungsfähigkeit erwächst aus einem Geflecht von Dingen, Organisationsformen und Lebewesen. Dies bedeutet Handlungsmacht nicht bloß einzelnen genialen Held*innen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zuzusprechen, sondern von verteilter Akteurschaft auszugehen. Die Rolle von Menschen mit Be_hinderung auf allen Ebenen neu in den Blick zu nehmen, bietet reichlich emanzipative Potenziale — auch für das scheinbar ‚Nicht-Behinderte‘.“

Die Gestaltung der Taschen für die Vorderseiten der Hosenbeine ist ein einfaches, aber essentielles Tool, um inklusive Mode zu schaffen. © Fashion Changers

Ihr arbeitet mit verschiedenen Designer*innen zusammen. Wie entstehen diese Zusammenarbeiten?

Josefine Thom: „Viele Rollstuhlnutzer*innen haben wir auf der Straße angesprochen oder über einen Open Call erreicht. Die meisten unserer Rollmodels waren auch an der Produktentwicklung beteiligt. Ähnlich war es mit den Designer*innen. Manche kannten wir persönlich oder sie sind Kund*innen. Wir wollten vor allem auch mal sehen, wie das Thema Barrierefreiheit und Mode aufgenommen wird und zu welchen Lösungen die Designer*innen kommen. Für die meisten eine komplett neue Erfahrung. Inklusion und Be_hinderungen ist für viele kein Thema, weil sie damit keine Berührungspunkte haben. Über das Thema Mode und eine neue Herangehensweise wollen wir das ändern. Wir wollen MOB als Adaptive Fashion- und Lifestylelabel positionieren, welches mit unterschiedlichen Designer*innen kooperiert und mit Menschen mit Be_hinderungen zusammenarbeitet. Ich bin der Meinung, dass man hier viel tun und gestalten kann."

Die Kleidungsstücke von MOB zeichnen sich durch einen lockeren, gut sitzenden Schnitt und genug Bewegungsfreiheit aus. © Fashion Changers

Wie laufen eure Design-Prozesse ab?

Josefine Thom: „Die unterschiedlichen Ansprüche moderner Rollstuhlnutzer*innen sind wesentlich für die Entwicklung unserer Produkte und wären ohne ihre Beteiligung bei den zahlreichen Anproben, Re-Designs und Fittings gar nicht möglich gewesen. MOB stellt damit die übliche Vorgehensweise auf den Kopf: Die Ansprüche von Rollstuhlnutzer*innen (Standards) sind die Norm, die dann für Nichtrollstuhlnutzer*innen (Companions) adaptiert wird. Gemeinsam mit jungen Designschaffenden und deren gestalterischen Strategien kommen wir dann zu unterschiedlichen Lösungen."

Was kann Mode eurer Meinung nach für Inklusion bewirken?

Josefine Thom: „Barrierefreie Mode kann einen wichtigen Beitrag für die soziale Inklusion, Partizipation und Selbstbestimmung ihrer Träger*innen leisten. Denn Menschen mit Be_hinderungen haben einen erschwerten Zugang zu passender Kleidung für Beruf, Freizeit und besondere Anlässe. Dies schränkt ihre gesellschaftliche Teilhabe erheblich ein. Wir haben selbst lange wissenschaftlich dazu geforscht und wissen aus der Theorie folgendes: Der eklatante Mangel an situativ angemessener Bekleidung für gesellschaftlich behinderte Menschen steigert, wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge, nachweislich ihre Stigmatisierung und reduziert die persönliche Zuversicht aufgrund eigener Kompetenzen gewünschte Handlungen erfolgreich selbst ausführen zu können.

Durch die multifunktionale Herangehensweise sind die Kleidungsstücke des jungen Labels für viele unterschiedliche Anspruchsgruppen zugänglich. © Fashion Changers

Während das öffentliche Bewusstsein hinsichtlich Umweltbarrieren (Transportmöglichkeiten, Zugänglichkeit zu gebauten oder digitalen Räumen) in den letzten Jahren zugenommen hat, werden kleidungsbedingte Barrieren und die damit verbundene soziale Exklusion jedoch meist übersehen. Bekleidung als wesentlicher Teil des persönlichen Erscheinungsbilds ist aber eine essenzielle Komponente des Selbstausdrucks. Dies gilt besonders für Menschen mit einem nicht-normierten Körpern, denn erst situativ probate und taugliche Kleidung macht Körper gesellschaftlich akzeptabel. Angemessene Kleidung verstehen wir hier als jene „Kleidung, die es ermöglicht den Regeln und Normen spezifischer sozialer Räume zu entsprechen.“

Denn werden gesellschaftlich behinderte Menschen nicht bloß als Patient*innen verwaltet und dementsprechend eine sehr selektive Palette – bestenfalls funktionaler – Kleidung zugewiesen, sondern auch ästhetisch als Konsument*innen, Träger*innen und Nutzer*innen in den Mittelpunkt von Mode- und Design-Praktiken gerückt, steigen nachweisbar Selbstachtung und Selbstbewusstsein der Betroffenen und ihrer Angehörigen , ihr Wohlbefinden und subjektives Lebensglück nehmen deutlich zu und ihre gesellschaftliche Inklusion wird massiv befördert.“

Kleidung kann ein effektiver Hebel für mehr Inklusion sein. Foto: Anna Breit

Sichtbarkeit ist bei diesem Thema enorm wichtig. Habt ihr noch Follow-Tipps für uns, um unsere Social-Media-Feeds diverser auszurichten?

Josefine Thom: „Diese Influencer bzw. Inkluencer inspirieren uns zum Beispiel sehr und es lohnt sich ihnen zu folgen.“

Vielen Dank für das spannende Gespräch. Wir freuen uns auf weitere tolle Designs von MOB!

© Fotos Vreni Jäckle: Josephine Knoll für Fashion Changers

„Die faire Mode braucht mehr Mut für Queer-Themen.“

Der Pride-Month Juni war in diesem Jahr merklich stiller als sonst. Während im Netz Medienschaffende und Aktivist*innen durchaus sehr laut und sichtbar waren, wurde die öffentliche Diskussion rund um die Rechte von LGBTQ (Lesbian, Gay, Bi, Trans, Queer) mitunter von vielen anderen Ereignissen weltweit, allen voran Black Lives Matter, teilweise überschattet. Dabei lässt sich die Rassismusdebatte nicht von der LGBTQ-Debatte trennen. Im Gegenteil, die erste Pride ging von der Schwarzen Trans- und Queer-Community in den USA aus.

Auch die (Fair)-Fashion-Branche entzieht sich gerne der Diskussion nach mehr Diversität in Sachen LGBTQ. Dabei ist die Frage nach Sichtbarkeit eine essentielle Gerechtigkeitsfrage, die auch vor der nachhaltigen Modebranche nicht Halt macht. Wir haben uns gefragt: Woran liegt es, dass wir im Großteil der Fair-Fashion-Branche wenig Repräsentation von queeren Themen sehen? Und vor allem, wie lässt sich das ändern?

Dafür haben wir mit Julia Gerner von dem Heidelberger Label fremdformat gesprochen. Das nachhaltige Schmucklabel ist stolzes queer-owned Business und damit eines der wenigen in der Branche. Julia stand uns Rede und Antwort für Fragen rund um Sichtbarkeit, Gender und echte Veränderung.

Das eco-faire Label fremdformat zeigt, dass Schmuck Vielfalt bedeuten kann. © Fotos: fremdformat

Fashion Changers: Wofür steht fremdformat und was ist eure Mission?

Julia Gerner: fremdformat steht für nachhaltigen Schmuck, der zum Teil aus Resten der Metallindustrie hergestellt wird. Für vergoldete oder silberne Elemente werden ausschließlich recycelte Materialien verwendet. Entworfen und produziert wird in Deutschland. Wir haben fremdformat 2014 gegründet und von Anfang an war für uns klar, dass wir Schmuck einfach „anders“ machen wollen.

Damals war das Thema Nachhaltigkeit in der Schmuckindustrie noch nicht wirklich bei vielen präsent. Inzwischen gibt es, gerade auch durch die mediale Aufmerksamkeit in anderen Branchen, ein anderes Bewusstsein. Bei Endverbraucher*innen ist es aber lange noch nicht so angekommen wie beispielsweise im Modebereich.

Euer Label untertitelt ihr mit dem Slogan „Fair. Sustainable. Unisex” – Warum sind euch diese drei Kriterien besonders wichtig?

Bei uns kommen faire Produktion und nachhaltige Materialien zusammen – immer. Wir produzieren die Schmuckstücke alle in Handarbeit in Deutschland, faire Löhne und Arbeitsbedingungen sind damit garantiert und bei der Auswahl unserer Zulieferer von Schmuckteilen sind wir sehr genau. In einer Zeit, in der leider auch in der Schmuckbranche das Thema Greenwashing Einzug hält, ist es wichtig sich hier zu positionieren und klar an die Kund*innen zu kommunizieren.

Von Anfang an haben wir Produkte nicht nur für Frauen entworfen. Das Wort „unisex“ in unserer Subline verwenden wir aber erst seit diesem Jahr. Wir haben festgestellt, dass sich Männer oft nicht in unseren Laden „trauen“, um für sich selbst nach Schmuck zu schauen. Wir haben gespürt, wie sehr es noch in den Köpfen verankert ist, dass Schmuck vermeintlich nur „etwas für Mädchen“ ist. Seitdem wir „unisex“ mehr nach außen kommunizieren, merken wir, dass sich auch mehr Männer angesprochen fühlen.

Könnte eurer Meinung nach die faire Modebranche mehr Queerness vertragen?

Unserer Meinung nach könnte die ganze Welt mehr Queerness vertragen! Die faire Mode kommuniziert nicht anders als die konventionelle Mode. Wir würden uns in jeder Hinsicht, ob fair oder nicht, mehr Mut, oder auch mal Wut, wünschen. Anfangs haben wir hinsichtlich dieses Themas sehr mit uns gehadert, da man gerade als kleines Label, erstmal eine möglichst große Zielgruppe erreichen will und damit automatisch mit dem Strom schwimmt.

Wir haben aber recht schnell gemerkt, dass die Authentizität darunter leidet und wir damit unzufrieden waren. Seitdem kommunizieren wir sehr selbstbewusst, unterstützen queere Gruppen aus der Rhein-Neckar-Region und geben queere Themen auch über unsere Schaufenster-Dekoration einen sichtbaren Platz – wie aktuell zum Pride Month.

Mit eurer Bildsprache brecht ihr klassische Gender-Stereotypen auf, die gerade auch im Schmuckbereich oft sehr deutlich vorherrschen. Habt ihr Tipps für andere Labels, wie sich inklusiver kommunizieren lässt?

Wenn man queer als einen Teil der intersektionalen Kommunikation implizieren will, sollte man beispielsweise Menschen, die queer sind, in sein Team integrieren oder sie als Berater*innen hinzuziehen, wenn man eine neue Kampagne plant. Queer ist dabei nur ein Teil des diversen Spektrums, neben zum Beispiel Hautfarbe (BIPoC), Alter, Geschlecht, Behinderung/Beeinträchtigung und weiteren Merkmalen.

Das eigene Umfeld prägt natürlich den Blick auf andere Menschen. Doch auch, wenn der persönliche Bekanntenkreis weniger divers ist, sollte man versuchen auch mal über den eigenen Tellerrand hinweg zu schauen und aufgeschlossen zu sein.

Wir haben oft das Gefühl, dass ein intersektionaler Ansatz an Modethemen teilweise noch nicht „ankommt”. Wir haben z.B. mal ein Bild, auf dem ein Schwarzer, junger Mann mit Ohrring zu sehen war, gepostet als wir über Schmuck gesprochen haben. Das Bild hatte im Vergleich deutlich weniger Likes. Wie schaffen wir es, als Branche, mehrere Themen mitzudenken und stereotypisches Denken aufzulösen? 

Das können wir leider bestätigen. Wir erleben immer wieder, dass uns Leute entfolgen, wenn wir Bilder posten, die genau diese Stereotype durchbrechen. Das kann schon manchmal frustrierend sein. Andererseits polarisieren wir gerne und verzichten dann lieber auf intolerante oder engstirnige Follower*innen.

Wenn man sich die großen Marken der Fair-Fashion-Branche anschaut, ist da leider wenig mit „divers“ oder „anecken“ – bloß keine kontroversen politischen Themen ansprechen, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Das finden wir schade, viel mehr Labels sollten den Anspruch und den Mut haben, ein viel breiteres Spektrum an Menschen zu erreichen – Representation Matters!

Bei den meisten kleineren Model-Agenturen findet man fast nur blonde, langhaarige, schlanke, weiße Frauen. Das ist sehr schade und bringt natürlich mit sich, dass viele Labels in der Schmuck- und Mode-Branche ständig den gleichen Typ Model reproduzieren. Aber man muss auch feststellen, dass genau dieser Typus gerade auf Social Media offensichtlich gesehen werden will, da dieser unseren Sehgewohnheiten entspricht. Diese Gewohnheiten gilt es durch mehr Sichtbarkeit diverser Menschen zu verändern.

Ist Nachhaltigkeit in der queeren Szene ein Thema?

Unserer Meinung nach leben queere Menschen genauso viel oder wenig nachhaltig wie andere.

Vielen Dank für das spannende und aufschlussreiche Gespräch.

Habt ihr schon mal über die Repräsentation der queeren Community nachgedacht? Kennt ihr noch weitere queer-owned Brands aus dem deutschsprachigen Raum?

Nachhaltige Modelabels, die von BIPoC geführt werden

Die letzten Wochen haben gezeigt, dass wir uns noch viel stärker mit Diversität und Inklusion beschäftigen müssen. Auch die nachhaltige Modewelt ist immer noch sehr weiß. Wir haben für euch als kleine Starthilfe einige nachhaltige Modelabels zusammengestellt, die von BIPoC geführt werden.

Dass Rassismus strukturell ist und alle Bereiche unserer Gesellschaft betrifft, sollte uns spätestens seit den letzten Wochen klar sein. Rassistische Strukturen und Denkmuster führen zum Beispiel dazu, dass uns oft nur weiße Personen oder Gründer*innen einfallen, wenn wir an nachhaltige und faire Mode denken. Tatsächlich gibt es aber einige nachhaltige und faire Modelabels, die von BIPoC geführt werden. Eine kleine Auswahl an Labels, deren Produkte íhr auch problemlos in Deutschland bestellen könnt, haben wir hier für euch zusammengestellt.

BIPoC
Abkürzung für „Black, Indigenous, People of Color“ (Schwarze, indigene, nicht-weiße Menschen). Die Verwendung hat nichts mit politischer Korrektheit zu tun, sondern mit Sichtbarmachung und einem respektvollen und empathischen Sprachgebrauch.

Wear your mask – Auffällige Prints auf schlichten Designs

 
 
 
 
 
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Das Berliner Label wearyourmask wurde 2015 von der italienisch-nigerianischen Designerin Diana Ejait gegründet. Dass die Designerin Erfahrungen im Bereich Textildesign und Illustration hat, sieht man sofort, denn die Kleidung des Labels fällt vor allem durch die tollen großflächigen Prints auf. Im Gegensatz dazu sind die Schnitte schlicht und einfach und die Farben gedeckt.  Der Name des ethisch produzierenden Modelabels kommt übrigens daher, dass Diana Ejait sich vor allem von Kulturen inspirieren lässt, in denen Masken eine wichtige Rolle spielen.

Kids of the diaspora – Mehr als ein Label

 
 
 
 
 
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Über das Wiener Label Kids of the Diaspora gibt es viel zu erzählen. Vielleicht muss man damit anfangen, dass das Label nicht nur Mode entwirft, sondern zuallererst ein Kollektiv war. Die Gründerin Leni Charles fing eigentlich mit einem Awareness-Projekt an, um mehr Aufmerksamkeit für das Thema Diaspora zu schaffen und Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zu vernetzen.

Das Shirt mit der Aufschrift „Kid of the Diaspora“, das Teil der Aktion war kam überall gut an und so entwarf sie zusammen mit ihrer Schwester Cherellone eine ganze Kollektion. Die Kleidung der beiden ist unisex, fair produziert und soll empowernd und inklusiv sein. Vor allem Menschen, die sich unterrepräsentiert fühlen und zum Beispiel aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder sexuellen Orientierung marginalisiert werden, sollen in Kids of the Diaspora Verbündete finden.

frankie&lou – Slow Fashion für Kinder und Frauen

Frankie & Lou - BIPoC owned Labels - nachhaltige Modelabels

Zeitlose Damen und Kindermode findet man bei dem nachhaltigen und fairen Mainzer Modelabel frankie & lou. Die Idee der Gründerin Arleny Stegmaier ist es, die Schnelllebigkeit von Mode auszubremsen. Deshalb findet man bei ihr keine Kleidungsstücke, die dem aktuellsten Trend folgen, sondern schöne Teile, die über mehrere Jahre mit Freude getragen werden können.

Da Kinder schneller wachsen, als Kleidung kaputt gehen kann, geht frankie&lou in Sachen Nachhaltigkeit noch einen Schritt weiter. Auf der Website bietet das Label einen Weitergabe-Service für gut erhaltene Teile an, die den eigenen Kindern zu klein geworden sind, aber zu schade zum wegwerfen sind.

Yoga Konga – Nachhaltig angezogen beim Yoga

Yoga Konga - BIPoC owned Labels - nachaltige Modelabels - Yogakleidung

Um auch beim Yoga gut auszusehen, ist man mit Yoga Konga gut beraten. Die Gründerin Isa Konga ist schon lange von Yoga fasziniert, vor allem von kemetic Yoga, das seine Ursprünge im alten Ägypten hat. Für die Produktion ihrer Yoga-Bekleidung hat sie sich für „Bio-Bambus“ entschieden. Die Stoffe kommen, nach eigenen Angaben, von einem Produzenten, der die Viskose aus Bambus in einem geschlossenen Kreislauf herstellt, damit die nicht-toxischen Lösungen wiederverwendet können und die toxischen Stoffe herausgefiltert werden.

Den schönen blauen Print bekommen die Teile durch traditionell westafrikanische Batikfärbung per Hand mit lokal angebautem Indigo. So ergibt sich eine Färbung, die bei jedem Teil einzigartig ist.

Daniela Salazar – Elegant und zeitlos

Daniela Salazar - BIPoC owned Labels - nachhaltige Modelabels

Das Berliner Label Daniela Salazar setzt auf minimalistisches und zeitloses Design. Bei der Produktion verwendet Designerin Daniela Salazar ökologische Stoffe sowie Überschussware von europäischen Herstellern, gefertigt werden alle Kleidungsstücke in Berlin. Durch die lokale Produktion ist es auch möglich nach Bedarf zu produzieren und auf Qualität statt Quantität zu achten. So entsteht elegante Mode, die lange hält und gut aussieht.

Eneri – Nachhaltiges Design aus Schweden

 
 
 
 
 
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Das schwedische Modelabel Eneri macht nachhaltige und faire Mode mit elegantem Design. Das Label achtet darauf auch bei der Produktion der langlebigen Slow-Fashion-Teile seinen ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Deshalb verwendet Eneri ausschließlich Stoffe, die aus Überschuss-Produktionen kommen.

Auch auf eine faire und möglichst lokale Fertigung legt das Label wert, sowie auf Nachhaltigkeit beim Versand. Wenn ihr also etwas nach Deutschland bestellen wollt, kommt das Paket in umweltfreundlicher Verpackung – vom Karton bis hin zum Klebeband.

Yemzi – Detailreiche Prints

 
 
 
 
 
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Bei dem nachhaltigen Londoner Luxus-Label Yemzi gibt es nur wenige Kleidungsstücke. Diese sind dafür umso sorgfältiger produziert. Die Designerin Elizabeth-Yemi Akingbade machte 2013 ihren Abschluss an der berühmten University of The Arts London und gründete kurz darauf ihr eigenes Label. Sie benutzt ausschließlich recycelte oder aus Naturfasern bestehende Materialien.

Hauptmerkmal ihrer Kollektionen sind aber vor allem die aufwendigen Digitalprints, mit denen sie jedes Teil bedruckt. Zudem ist ihr Empowerment von Frauen sehr wichtig. Deshalb beschäftigt sie, wann immer es geht, Näherinnen mit marginalisiertem Hintergrund oder Diskriminierungserfahrung und gibt nebenher noch Designworkshops für junge Mädchen.

Buki Akomolafe – Bunte Quilt-Kleidung zum Wenden

BUKI-AKOMOLAFE-SS19 - BIPoC owned Labels - nachhaltige Modelabel

Designerin Buki Akomolafe verbindet in ihrem gleichnamigen Label klassisch westafrikanische Wax-Print-Stoffe mit hochwertigen ökologischen Materialien. Bekannt ist sie vor allem für ihre aufwendig gequilteten und wendbaren Teile aus Wax-Print-Stoffen. Neben den gequilteten Teilen fertigt sie in ihrem Atelier in Berlin schlichte und trotzdem besondere Kleidungsstücke aus einfarbigen Stoffen. Um zu vermeiden, dass zu viele Teile produziert und am Ende nicht verkauft werden, fertigt sie viele aufwendigere Teile nur auf Bestellung.

Welche BIPoC-Labels gefallen euch besonders gut? Und habt ihr noch weitere Empfehlungen?

Warum ist die Modeindustrie so weiß?

Über die Repräsentation und Sichtbarkeit von Schwarzen Frauen in den deutschsprachigen Modemedien. Wir nehmen es mal vorweg: Es gibt sie kaum. Aber warum ist das so und was ist die Lösung?

Schwarze Menschen als Trend?

Schwarze Menschen sind ein Trend. Zumindest laut der Elle Germany, die in ihrer November-Ausgabe unter dem Titel „Back to Black“ Schwarze Models aufgelistet hat. Autsch. Doch gleichzeitig fühlt es sich so an, wenn man einen Blick auf aktuelle Fashion Plakate wirft, oder? Schwarze Menschen werden drapiert auf den Plakaten, Ads und vermutlich auch in deinem Social-Media-Feed erscheinen. Alles paletti, würde frau meinen. Schwarze Menschen sind doch allgegenwärtig! Doch wage mit mir eine präzisere Analyse.

In der Praxis werden schwindelerregend wenige Schwarze Menschen oder, um diese Perspektive etwas zu erweitern, BIPOC, ein Akronym für Black Indigenous People of Color, auf der exekutiven Ebene in den Medienhäusern besetzt. Auch in den Redaktionen herrscht eine fast schon versiegelte homogene Party, die primär aus weißen Männern und, in den Fashion-Redaktionen, aus weißen Frauen besteht. Vier bis fünf Prozent der Journalist*innen beim Hörfunk und Fernsehen haben einen Migrationsvordergrund. Im Printbereich sieht es mit knapp zwei Prozent noch desaströser aus. Diese Homogenität wirkt sich auf die Darstellungsform von Schwarzen Menschen aus. Zu unserem Nachteil.

Das homogene Konzept von Feminität

Groß, extrem schlank und überwiegend weiß – das beschreibt das dominierende Schönheitsideal des globalen Nordens. Obwohl die Globalisierung das Potenzial hätte, eurozentrische Perspektiven aufzubrechen, nutzt die Modeindustrie die internationale Verknüpfung primär für günstige Produktionsstätten.

„Doch, super viele Schwarze Menschen sind doch in der Werbung zu sehen“, lautete das Statement einer Bekannten.

Das ist sehr subjektiv, denn auf der Makroebene zeigt sich, dass Schwarze Menschen weiterhin nur einen winzigen Prozentsatz der Models ausmachen, die in Kampagnen, Editorials und auf dem Laufsteg zu sehen sind. Weniger als 10 Prozent der 146 Modedesigner*innen, die bei den großen Herbstmessen 2018 für die New York Fashion Week auftraten, waren Schwarz und nur 1.173 der insgesamt 7.608 Models.

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt davon, wie systematisch Marginalisierung von Schwarzen Menschen, ihrer ästhetischen Sensibilität und ihres Körpers entsteht. Doch was macht es mit jungen Schwarzen Frauen, wenn sie durch Magazine blättern, die Tipps bieten, die nicht für ihre Haarstruktur vorgesehen sind und Make-up empfehlen, welches nicht in ihrer Farbpalette produziert wird? Exakt: Es ist so richtig beschissen.

Die Propaganda der Schönheitsindustrie

Die mangelnde Repräsentation hat einen psychologischen Einfluss auf die Personen, die nicht in den mehrheitlich weißen Modemedien porträtiert werden. Denn sind wir mal ehrlich: Unsere Wahrnehmung beruht größtenteils auf visuellen Prozessen. Das bedeutet, was wir in Film, Fernsehen, Zeitschriften und in den sozialen Netzwerken sehen, determiniert das Haar- und Schönheitsideal unserer Gesellschaft.

Unser Hirn ist recht simpel, zumindest in dieser Hinsicht. Wenn du wiederholt ein und demselben Bild ausgesetzt wirst, das glattes, seidiges Haar mit Schönheit, Beliebtheit und Wohlstand verknüpft, dann ist das ein gesellschaftlich-normatives Verständnis von Attraktivität. Du bist nicht frei von dieser Gehirnwäsche und deiner daraus resultierenden visuellen Selektion von: finde ich schön, finde ich nicht schön. Es ist die Propaganda der Schönheitsindustrie. Die mangelnde Sichtbarkeit ist leider nicht das einzige Problem, sondern auch die nicht existente Partizipation.

Die Oligarchen des Geschmacks

Katapultiere dich kurz in die Schulzeit zurück. Die Schulglocke läutet, die Pubertierenden manövrieren sich in Massen auf den Schulhof. Kleine und größere Trauben bilden sich, dirigiert und diktiert von den coolen Kids. Eine exklusive Elite, eingehüllt in verschwenderisch-exquisiter Garderobe. Ähnliche Mechanismen nutzen Fashion-Medien. Das, und die Philosophie des Berghain-Türstehers: Du kommst hier nicht hinein.

Eine Oligarchie des Gustos. Sie deklarieren den Unerleuchteten über Jahrzehnte, was frau zu tragen hat, was sie lieben, hassen, langweilig, faszinierend und gar ästhetisch finden sollte. Da die Partizipationsmöglichkeiten durch eine strukturell errichtete Vetternwirtschaft dominiert wird, gelangen vermeintlich Fremde kaum hinein. Lediglich das gute Vitamin B ist die Eintrittskarte in diese verborgene Sphäre. Das Resultat ist, dass sich die Gemeinschaft nicht evolutioniert. Anstelle dessen reproduzieren sie Rassismen mit einem leichten kolonialistischen Touch, was u.a. in Blackfacing-Skandalen endet.

Reproduktion von Rassismen

Letztes Jahr verkaufte Gucci seinen 890 Dollar teuren, schwarzen Frauen-Pullover mit Sturmhaube. So weit, so gut. Das Kleidungsstück konnte über die untere Gesichtshälfte des*der Trägers*Trägerin gezogen werden. Der Pullover enthielt leuchtend rote Lippen als Ausschnitt für den Mund. Eine karikaturistische Darstellungsform, die in der US-amerikanischen Kolonialzeit beliebt war. Weiße Menschen imitieren ihre Sklav*innen, indem sie sich schwarz anmalten, ihre Lippen in einem knalligen Rot exzessiv übermalten und dabei Stereotype übertrieben inszenierten.

Das ist eine Vorgehensweise, die ursprünglich aus dem Theater des 18. und 19. Jahrhunderts stammt. Prada und Gucci holten die kolonialistischen Bilder aus der Mottenkiste. Oh, und sie wiederholten es in ihrer „Pradamalia“-Kollektion. An einer Tasche baumelte eine rassistische Karikatur. Weiter geht es mit H&M und dem Schwarzen Jungen, der einen Pulli trug mit dem glorreichen Titel „Coolest Monkey in the Jungle“ und einem Schwarzen Jugendlichen, der das Klischee erhielt „Unemployed“ zu sein, was eine gewagte Prognose ist.

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Are you serious @hm ?????? #havetheylostthereminds #notoracism

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Antisemitismus in der Modebranche

Doch auch antisemitische Symbole werden von der Modeindustrie reproduziert. Das spanische Fast-Fashion-Label Zara verkaufte eine gestreifte Bluse mit einem gelben Stern, welches verdächtig an die Sträflingskleidung aus der Zeit des Nationalsozialismus erinnerte. Die deutsche Modekette C&A vertrieb Kinderpullover mit der Frakturschrift „Devision“, welches 1A auf die Neonaziszene zurückzuführen war.

Mit der strukturellen Exklusion der Modeindustrie wurde eine perfekte Infrastruktur zur Reproduktion von Rassismen geschaffen. Modemedien sind da nicht besser. Wann hast du zuletzt eine Schwarze Frau auf dem Cover eines Magazins gesehen? Selbst in der problematischen Ausgabe der Elle, die sich in ihrem gesamten Heft des „Black is Back“-Phänomens verschrieb, hatte sich die Redaktion für ein weißes Model auf dem Cover entschieden, welches allerdings in einer schwarz-weißen Fotografie dargestellt wurde. Black ist nicht back. Wir waren schon immer da. Nur haben wir einen kleinen Workaround geschaffen.

Was ist die Lösung?

Warum sollte ich als Schwarze Frau Modemedien konsumieren, wenn sie Rassismen reproduzieren und es keinerlei Repräsentation oder Sichtbarkeit gibt? Denn die Krux der mangelnden Darstellung zeigt mir glasklar: Das hier ist nicht für dich konzipiert, Lady.

Doch dann kam das Internet. Das Gatekeeper-Prinzip dieser homogenen Fashion-Monotonie wurde obsolet. Nun kann ich einer nigerianischen Modedesignerin auf Instagram folgen, das Portfolio einer Schwarzen, schwedischen Fotografin auf Eyeem abchecken oder den Blog einer Londoner Stylistin begleiten. Menschen wie ich, können mit geringeren Hürden mediale Alternativen konzipieren und dieses sehr eingefärbte System erweitern. Einer hungrigen Nische leckere Häppchen servieren, quasi.

Wir brauchen Safe Spaces

Doch ist die Fraktionierung der Modemedien-Industrie die Lösung? Jein. Es braucht Safe Spaces. Orte, an denen Schwarze Menschen sich austauschen können ohne alltags-rassistischen Gegebenheiten ausgesetzt zu werden. Das beginnt schon mit „positivem“ Rassismus, wenn ich auf einer hyper-inklusiven Veranstaltung stehe und mein Gegenüber mir versichert: „Ich mag deine Afrohaare!“ Diese Konnotation, die mir zeigt: Ich registriere die Problematik und ich möchte diese mit übertriebener Euphorie auflösen.

Das Ansprechen der Problematik ist teilweise die Problematik, aber das ist noch einmal eine ganz andere Thematik. Die Konjunktur der nachhaltigen Modeszene bietet das Potenzial Mode und die Berichterstattung zu redefinieren. Damit meine ich nicht nur die Aspekte der rapiden Lebenszyklen von Bekleidungsstücken oder die Natur sowie die Tierwelt. Nein, allen voran die Frauen in den Fabriken, aber auch eine neue Infrastruktur für Partizipation. Denn aktuell gibt es sehr wenige Schwarze, nachhaltige Fashion-Bloggerinnen. Das ist ziemlich schade, denn unsere Lehren aus der Historie der Modeindustrie lauten: Exklusion ist schmerzhaft, reproduziert Rassismen und seien wir mal ganz ehrlich, es ist verdammt langweilig ein und dieselbe Perspektive zu konsumieren.

Lass uns die Modeindustrie neu definieren!

Wenn du es bis hierhin geschafft hast diese immense Analyse zu lesen, dann danke ich dir und appelliere an dich: Lass uns die Modeindustrie redefinieren. Diversität ist kein Trend. Es ist unsere Lebensrealität. Du kannst schon bei dir selbst anfangen: Wie divers ist dein Freund*innen- und Beschäftigungskreis? Dümpelst du in einem immer gleichen Habitus umher? Wie könntest du deinen mentalen Input expandieren? Erweitere deinen Horizont, schreib Frauen, Männer und Personen an, die eine andere Lebensrealität haben, buch eine BIPoC-Freelancer*in, tausche dich aus und noch wichtiger: co-kreiere. Lasst uns die Modebranche wirklich nachhaltig verändern. Nicht nur umweltpolitisch, sondern auch integrativer.

Titelbild: ©Flaunter/unsplash.com

A Manifesto: How to be a Fashion Rebel – mit KOKOworld

– Editorial mit KOKOworld –

In Zeiten der Klimakrise, ansteigendem Nationalismus und drängenden Fragen zu Gerechtigkeit fragen wir uns oft, was wir eigentlich mit dem vermeintlich oberflächlichen Thema der Mode bewirken wollen. Warum ist es wichtig, dass wir uns mit dem Konstrukt Kleidung beschäftigen? Wie können wir es nutzen, um große Themen, die uns im Alltag, aber eben auch beruflich bewegen, sichtbar zu machen? Und wie schaffen wir es, Mode als Vehikel für Empowerment, Teilhabe und Vielfalt zu nutzen?

Für uns steht fest, dass Kleidung viel mehr ist als es auf den ersten Blick vermuten lässt. Kleidung bedeckt uns nicht nur, sondern transportiert immer auch eine Message. Nicht nur in der Art und Weise, wie wir etwas tragen und mit welchem Stil wir uns wohlfühlen, sondern eben auch, woher die Kleidung kommt, wie sie hergestellt wurde und wer sie genäht hat.

Kleidung konfrontiert uns mit Normen, die wir hinterfragen, herausfordern und überwerfen müssen.
Kleidung konfrontiert uns mit der Welt, wie sie ist.
Und mit der Welt, wie sie sein kann.

Hinter jedem Kleidungsstück steht ein Mensch! links: Jacke Ararat Blooming FlowersT-Shirt EadiHose Knot It – rechts: Jacke Ararat Blooming FlowersT-Shirt EadiHose Knot ItKleid Amara NefudRollkragenpulli DahliaHemdkleid Mistral

Finde deine eigene Stimme

Dabei schaffen öko-faire Labels nicht nur einen sorgsameren Umgang mit der Ressource Textil, sondern auch eine erhöhte Sichtbarkeit für die Menschen dahinter. Dies wiederum erlaubt es uns, selbst unsere Stimmen zu erheben – im Namen derer, aber auch in unserem Namen.

Wir können unsere Stimme finden. Wir wissen, dass wir unabhängig und stark sind und dass wir durch Kooperation eine solidarische Gesellschaft gestalten können, die andere empowert, statt sie zu unterdrücken.

Ebenso werden wir in Zeiten der politischen Veränderung und der doch so beängstigenden Klimakrise demütig und werden angeregt, darüber nachzusinnen, was Kleidung für Menschen und Umwelt bedeutet. Das muss nicht immer bedrohlich sein, sondern kann auch ermächtigend sein, wenn wir uns vernetzen, uns austauschen und unser Sprachrohr finden. Denn nur so können wir die Stimmen derer, die oft überhört werden, hörbarer machen und die Botschaften, die sie senden, sichtbar.

Gelebte Solidarität

Indem wir Mode tragen, die dieses Empowerment lebt, stehen wir in Solidarität mit Menschen, die vor allem innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte für unseren Wohlstand und unser „gutes Aussehen“ ausgebeutet wurden. Menschen, die unter unserer Gier und unserem exzessiven Konsum leiden.

Kleidung sollte eben immer nicht nur die empowern, die diese tragen, sondern vor allem die Menschen, die sie kreieren.

Unsere starken Stimmen sind dabei lediglich die Überbringerinnen. Es geht um echte Verbindung und solidarisches Leben. Das schaffen wir nur, indem wir selbst Veränderung leben und einfordern. Und nichts könnte kraftvoller sein als Veränderung, die man gemeinsam lebt. Zusammen sind wir stark und mächtig und können richtig viel bewegen. Wir können die Gesellschaft verändern, in der Art und Weise wie wir uns in ihr ausdrücken.

Oftmals sind es nicht wir, die wichtige (politische) Entscheidungen treffen, aber wir haben keine Angst aufzubegehren, wenn wir Ungerechtigkeiten sehen. Im Gegenteil, als Bürgerinnen verstehen wir es als unsere Pflicht, diese aufzuzeigen und dagegen aufzustehen. Dieses Privileg wollen wir nicht ungenutzt lassen.

„I am not free while any women is unfree, even when her shackles are very different from my own.“ – Audre Lorde

Ohrring: Ezam

Werde aktiv

Und doch ist es so, dass Worte nichts sind, wenn diesen keine Taten folgen. Gerade in der heutigen Zeit, in der Aktivismus augenscheinlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und es zum guten Ton gehört, sich politisch zu engagieren, ist es wichtig, dass wir keine Kämpfe kämpfen, die Symbolcharakter haben, sondern wirkliche Veränderung bedeuten.

Durch Community und Verbindung können wir viel deutlicher diese Botschaft nach außen tragen. Wir schaffen Gemeinschaft. Damit vergrößern wir nicht nur die Sichtbarkeit, sondern wirken auch nach innen. Nur, wenn wir auf uns selbst achten, können wir effektiv an Themen arbeiten und vorankommen. Gemeinschaft schafft Ausgleich, wo heute oft Einsamkeit herrscht. Und die gute Nachricht: Wir sind nicht allein. Du bist nicht allein.

Über KOKOworld

Bei KOKOworld trifft seit 2010 Kunsthandwerk aus aller Welt auf nachhaltige Mode. Die Gründerin Agata Kurek vereint lokale Traditionen mit polnischer Schneiderarbeit. Sie kennt jede*n Handwerker*in persönlich und pflegt enge Beziehungen zu ihren Produzent*innen. Agata weiß, wie vor Ort gefertigt wird. Bei KOKOworld bekommt der Wert der Gemeinschaft eine neue Wichtigkeit. Nur durch Partnerschaften auf Augenhöhe und durch bedingungslose Transparenz kann die Branche verändert werden. Kis Herry aus Indonesien stellt in seinem kleinen Atelier besondere Stoffe her, die per Hand bestempelt werden. Maruna näht in Krakau aus diesen Stoffen Taschen. Eduardo aus Kolumbien fertigt für KOKOworld Schmuck auf traditionelle Art und Weise.


Für KOKOworld bedeutet Zusammenarbeit, dass durch ihre Arbeit weitere Menschen in ihrer Selbstständigkeit bestärkt werden und neue Wege finden, um durch ihre Talente und ihre Handwerkskunst einen guten Lebensunterhalt zu verdienen. Damit stellt sich das Label bewusst gegen Massenproduktion und die ausufernde Fast Fashion-Industrie, die auf dem Rücken anderer ihren Reichtum erwirtschaftet.


Agata ist dabei das Herz von KOKOworld – eine Moderebellin, wenn auch sanft. Mit ihren Mitteln und ihren Fähigkeiten zeigt sie, wie es gelingen kann, den Kampf gegen veraltete Strukturen aufzunehmen. Mit ihren Designs will Agata Verbindung schaffen – polnische Baumwolle trifft auf Batikeinsätze aus Indonesien oder Westafrika. Globales Denken – ohne dabei die traditionellen, kulturell verankerten Handwerkszweige auszubeuten – auch das bedeutet Rebellion, denn die Branche macht andere Praktiken vor. KOKOworld lebt Vielfalt seinem Design und der Art und Weise, wie Menschen in das Label eingebunden werden.


Transparenz: Aktuell sind 55 Prozent der Kollektion aus ökologischen Materialien wie Bio-Baumwolle, Tencel und recyceltem PET. Der Großteil der Produktion findet in kleinen Familienbetrieben in Polen statt. In 2020 soll der Anteil der nachhaltigen Fasern bei KOKOworld auf 70% gesteigert werden.

Fotos: © Emilie Elizabeth Photography

Wie fair ist eigentlich das Wort „fair“?

Fair Fashion, faire Löhne, faires Spiel – das Wort „fair“ ist so tief in unserer Sprache verwurzelt, wieso könnte es problematisch sein? „Weil die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ‚hellhäutig‘ ist“, erklärt Noah Sow auf ihrem Blog. Was sie damit meint, haben wir uns genauer angeschaut und unter anderem mit der Journalistin, Podcasterin und Autorin des Buches „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen – aber wissen sollten“, Alice Hasters, gesprochen.

„Fair Skin“: Ein Marketing-Buzzword für die Hautaufhellungsindustrie

Bei dem Begriff „fair“ denken wir in Deutschland nicht automatisch an weiße Haut. Im englischsprachigen Raum sieht es etwas anders aus. „Fair skin“ ist ein Synonym für weiße Haut und ein beliebtes Schönheitsideal der Kosmetikindustrie mit der Intention den Prozess des „Whitening“, also das Aufhellen, zu kapitalisieren.

 „Whitening“ ist eine soziale Konditionierung, bei der Menschen das Ideal verinnerlichen, dass „weiß richtig ist“ und „weiß am schönsten ist“

Beauty-Kampagnen mit grinsenden weißen (und light-skinned non-white) Frauen vermitteln die Botschaft, dass helle Haut eine glückliche und schöne Frau hervorbringt. Doch sie ist eingebettet in einem post-kolonialistischen und rassistischen System, dass die weiße Frau als Phänotyp als rein, jungfräulich und als erstrebenswertes Ideal positioniert. Diese Bilder zirkulieren nicht nur in westlichen Ländern. Nigeria ist eines der weltweit größten Märkte für Hautaufhellungsprodukte.

Die kamerunische Popsängerin Dencia kreierte 2014 ihren eigenen „Dark Spot Remover“ Whitenicious Paste, dessen erste Auflage in nur 24 Stunden ausverkauft war. In Thailand vermarktet das Unternehmen Lactacyd eine Aufhellungspaste, die sogar „den Intimbereich frisch und jung hält“. Unilever zelebriert in Deutschland „Selbstliebe“ mit ihren Dove-Kampagnen und verdient in Indien jährlich Milliarden, Schwarzen Frauen zu kommunizieren, dass sie nur schön mit ihren Hautaufhellungsprodukten sind. Das niederländische Unternehmen hat sich sogar beinahe eine Monopolstellung auf dem Hautaufhellungsmarkt aufgebaut. Das Konzept, dass weiße Haut rein ist, ist für viele Menschen überaus schmerzhaft und exemplarisch für White Supremacy. Es trägt dazu bei, dass viele Schwarze Frauen auf der ganzen Welt mit dem Gedanken groß werden: Ich bin nicht schön. Ich habe keine faire Haut. So viel zu dem Begriff „fair skin“ und den globalen Zusammenhängen. Doch was hat das mit Deutschland zu tun?


Was ist White Supremacy?

Grob als „weiße Vorherrschaft“ und „Überlegenheit“ aus dem Englischen übersetzt. Es bezeichnet rassistische Ideologien, welche auf der Annahme beruhen, dass „Europide“ anderen menschlichen „Races“ prinzipiell überlegen seien und ihre privilegierte Stellung daher gewährleistet werden müsse.


Fair Fashion, Ethical Fashion, Slow Fashion?

Auch im Modebereich ist „fair“ viel in Gebrauch und wir sprechen häufig von fairer Mode oder Fair Fashion. Wie ist das Wort in diesem Kontext zu beurteilen? Wird das Wort „fair“ hier überhaupt mit „weiß“ in Verbindung gebracht? Spielt die Thematik im deutschen (Mode-)Kontext überhaupt eine Rolle?

„Das Wort ‚fair‘ ist im deutschen Sprachgebrauch für ‚gerecht‘ eingebettet und viel weniger für weiße Haut“, erklärt Alice Hasters und ergänzt: „Der Ursprung des Wortes ist rassistisch, aber das Wort ist in unseren Kontexten nicht triggernd, weil Menschen die Herkunft des Wortes gar nicht mehr damit assoziieren.“ Sieht man in einem deutschen Duden nach findet man ebenfalls lediglich Assoziationen zu einem „gerechten und anständigen Verhalten“. Synonyme in der deutschen Sprache sind beispielsweise: ordentlich, einwandfrei, kameradschaftlich, korrekt, legitim. Der Begriff „fair“ ist im deutschen Sprachgebrauch also weniger problematisch, die Herkunft des Wort bleibt jedoch bedenklich.

Wir würden gerne weiter mit euch darüber diskutieren. Wie fair ist der Begriff „fair“ für dich? Sollten besser Synonyme (Ethical Fashion, ethische Mode, Slow Fashion) für „Fair Fashion“ genutzt werden, um eine Assoziation mit weißer Haut definitiv ausschließen zu können oder gibt es viele andere Begriffe und Worte, die im alltäglichen Sprachgebrauch zirkulieren und viel dringender zur Diskussion gestellt werden sollten?

Dieser Artikel erschien zuerst am 29. Dezember 2019 bei RosaMag, dem ersten deutschsprachigen Online-Lifestyle-Magazin von und für Schwarze Frauen.

Titelbild: Nicolas Bui/ Unsplash

Weibliche Körperbilder zwischen #bodypositivity und #bodyneutrality

Und warum mein alltäglicher Struggle, mich in meinem Körper wohlzufühlen, immer noch politisch ist

Während ich diesen Text schreibe, habe ich meine Periode und gerade einen Schokoriegel verdrückt. Neben mir stehen 1,5 Liter Tee, ich sitze in Jogginghose zuhause und habe mir eine selbst gestrickte Wolldecke übergeworfen. Alles für die Komfortzone für die Zeit, in der ich am meisten mit meinem Körper hadere. 

Ich fühle mich schwabbelig und unförmig, habe wieder einmal Tonnen an Wasser eingelagert. Was unter anderem dazu führt, dass meine Cellulite an den Oberschenkelrückseiten und am Po deutlicher zu sehen ist als sonst – und ich ertappe mich bei dem „Gott sei Dank ist Winter“-Gedanken. Von den Schmerzen, dem Durchfall, den fettigen Haaren und den Mitessern möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen – die meisten Lesenden werden wissen, was ich meine. 

Kurzum: Ich fühle mich nicht wie eine strahlende Göttin. Eher wie ein Höhlenwesen oder ein Ganzkörper-Burrito, vielleicht eine Mischung aus beidem. Jedenfalls fließt und schmerzt und arbeitet alles an und in mir wie sonst selten im Verlauf des Monats und wirft mich spürbar auf die körperliche Seite meiner Existenz zurück. Vor allem, seitdem ich die Pille abgesetzt habe und mein Zyklus sich wieder eingependelt hat, beobachte ich die Vorgänge an mir und was sie mit mir machen, mit großer Faszination. 

Mein Körper, das fremde Wesen

Das war nicht immer so: Die bisher längste Zeit meines Lebens habe ich mit meinem Körper gehadert – und immer wesentlich mehr Dinge gefunden, die ich nicht leiden konnte als solche, mit denen ich zufrieden war. Und damit bin ich nicht allein. 

Viele Menschen, die sich als Frau* identifizieren, haben Probleme mit ihrem Körper. Wobei: Das ist nicht korrekt formuliert. Sie haben die Probleme vermutlich eher weniger als die Gesellschaft, die einen sogenannten Normkörper immer noch in einem sehr engen Korridor definiert: jung, schlank, weiß, groß, helle Haare und helle Haut. 

„Today 54 percent of women —13 percent more than in 1984 — are unhappy with their body, and 80 percent say just looking in the mirror makes them feel bad.“
GLAMOUR, Neuauflage der Umfrage von 1000 Frauen zwischen 18 und 40 Jahren / 2014

Dass die Menschen, die so ganz in echt auf den Straßen herumlaufen, nicht diesem Schönheitsideal entsprechen und die durchschnittliche, in Deutschland lebende Frau* Kleidergröße 42/44 trägt und 1,65cm groß ist, geht gefühlt schon immer an dem, was als öffentliche Wahrnehmung bezeichnet werden kann, vorbei. Dass der vordefinierte Körpertypus extrem rassistisch ist, sowieso. Wobei sich das gerade und glücklicherweise langsam zu ändern scheint, man aber hier wiederum neue Problemfelder wie Blackfacing und andere Rassismen eröffnet – aber dazu bräuchte es einen weiteren Text. 

Vor allem Frauen* und Mädchen* arbeiten sich an diesem stilisierten Ideal ab und versuchen, ihm so nahe wie möglich zu kommen, indem sie ihren Körper dahingehend optimieren: Diäten, exzessiver Sport, viele teure Kosmetikprodukte, mehr und mehr Kleidungsstücke. Seit neuestem trenden auch chirurgische Eingriffe immer mehr. Der Druck ist groß – vor allem in Zeiten, in denen der Vergleich mit Abermillionen anderer schöner Menschen nur einen Klick auf einer App entfernt ist. 

Ein wichtiger Einschub an dieser Stelle: Dieser Druck beschränkt sich nicht nur auf Frauen* – vor allem die Kosmetikindustrie hat seit neuestem Männer* als ihre Zielgruppe entdeckt und auch hier beginnt der Druck zu steigen. Vergleichbar mit der Objektivierung von Frauen*, denen die patriarchale Struktur von Jahrhunderten tradierter Mechanismen und Verhaltensweisen zu Grunde liegt, ist er allerdings nicht.  

How to be yourself in the patriarchy

Irgendwann überschreitet man als junger Mensch die magische Schwelle, an der ein Körper einen als Person nicht nur durchs Leben transportiert, sondern mit Bedeutung aufgeladen wird – wer sieht und wie jemand mich sieht, werden plötzlich sowohl aus der eigenen als auch aus gesellschaftlicher Perspektive enorm wichtig. 

Damit beginnt auch das Vergleichen – und man selbst kommt eigentlich so gut wie immer schlecht weg dabei. Die Folge: Minderwertigkeitskomplexe, ein niedriges Selbstwertgefühl, vielleicht auch Essstörungen oder Sportsucht. Fast die Hälfte aller Mädchen* im Alter von 15 Jahren empfindet sich als zu dick, obwohl sie normalgewichtig sind – und mehr als die Hälfte hat in diesem Alter bereits (mehrfache) Diäterfahrungen gesammelt.

Zahlen, die schon so oft wiederholt wurden und die man dennoch nicht oft genug durch den medialen Raum schmeißen kann. 

Weil System dahintersteckt. Dieses System – ich riss es weiter oben schon an – nennt sich Patriarchat und ist so ziemlich die schlechteste Erfindung für alle – für Frauen*, Männer* und alle dazwischen. Dass toxische Männlichkeit (lebens!-)gefährlich für alle ist, sickert erst allmählich in die Köpfe der Menschen. Manchmal denke ich: Das ist dann vermutlich auch der Grund, weshalb das Patriarchat abgeschafft wird – nicht, weil alle möglichen Gruppen seit jeher darunter leiden, sondern, weil die Männer* einsehen, dass es am Ende doch nur einigen wenigen von ihnen nützt. Nevermind, das ist eine andere Diskussion. 

Das Ding ist, dass ich mich jeden Tag, frage, wie viel meiner persönlichen Definition von Weiblichkeit – und dazu gehört eben auch ganz wesentlich mein Körper und wie ich mit ihm umgehe und ihn inszeniere – eigentlich aus mir selbst heraus kommt und wie viel letzten Endes internalisierte Bilder, Blicke und Erwartungen an das weibliche Wesen in unserer Gesellschaft sind. 

 

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Wie viel bin ich und wie viel ist der Male Gaze, mit dem ich mich selbst im Spiegel betrachte? Diese Frage werde ich vermutlich niemals vollständig beantworten können. 

»Männer sehen Frauen an. Frauen beobachten sich selbst als diejenigen, die angesehen werden. Dieser Mechanismus bestimmt nicht nur die meisten Beziehungen zwischen Männern und Frauen, sondern auch die Beziehung von Frauen zu sich selbst. Der Prüfer der Frau in ihr selbst ist männlich – das Geprüfte weiblich. Somit verwandelt sie sich selbst in ein Objekt, ganz besonders in ein Objekt zum Anschauen, in einen ›Anblick‹.«
– Berger, John u.a.: Sehen. Das Bild in der Welt der Bilderwelt. Rowohlt: Reinbek 1974, S. 44. 

Die Beziehung zu mir selbst ist also schon aufgrund der Tatsache, dass ich in einer patriarchalen Gesellschaft aufgewachsen bin – ja, was eigentlich? Entfremdet? Deformiert? Fragmentiert? Vielleicht von allem ein bisschen. Jedenfalls immer im Wesentlichen definiert bezogen auf etwas Externes – eine übergeordnete männliche Instanz. 

 

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Our latest piece ‘Do You Like My Body’ linked in bio now. Get ready to relate. ⠀⠀ Graphic by @hairylychee ⠀⠀ #ThePvblication

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Die feministische Theorie verweist schon seit Jahrzehnten auf diesen Umstand – und mit der dritten Welle (die manche auch in eine dritte und vierte aufsplitten) scheint die Auseinandersetzung mit ihm ein immer lauteres Echo in der Öffentlichkeit zu hinterlassen. 

Vergleichen im digitalen Zeitalter: Fluch und Segen zugleich

Sozialen Netzwerken kommt bei der Bearbeitung von gesellschaftsrelevanten Themen mittlerweile eine janusköpfige Schlüsselrolle zu – #MeToo konnte nur mit ihnen solche Ausmaße annehmen (aktuell: 2 Millionen Beiträge auf Instagram). Und beinahe nirgendwo sonst wird der Austausch über feministische Themen so lebendig und für scheinbar alle zugänglich geführt wie hier. 

Ironischerweise kommt die Forschung jedoch langsam, aber sicher und ziemlich eindeutig zu dem Schluss, dass soziale Medien fast immer mehr schaden als nutzen – jedenfalls, wenn man die Nutzer*innen und ihre psychische Gesundheit in den Fokus nimmt: Einer Studie der Royal Society for Public Health aus dem Jahr 2017 zufolge sind alle sozialen Medien bis auf YouTube der mentalen Gesundheit von jungen Menschen abträglich (das Videoportal kann ein ganz kleines Plus einfahren).  

Am schlechtesten schneidet das bildlastige Instagram ab: Es landet auf dem letzten, fünften Platz (außerdem haben die Wissenschafler*innen YouTube, Snapchat, Facebook und Twitter untersucht). Bezogen auf die Körperwahrnehmung hat Instagram den größten negativen Einfluss und liegt deutlich im problematischen Bereich. 

 

Erinnert man sich an extrem populäre Hashtags zur Feier des eigenen Körpers – wie zum Beispiel #bodypositivity (über 3 Millionen Beiträge), mutet das zunächst seltsam an. Wir scheinen doch die neue Natürlichkeit zu feiern und immer mehr von unerreichbaren Stereotypen zu emanzipieren? 

Doch sobald ich mir die Rangliste der erfolgreichsten Influencer*innen anschaue, erklärt sich mir der Forschungsbefund: schöne, reiche Menschen, wohin man schaut. Die sowohl Schönheit als auch Reichtum so präsentieren, dass jeder*m Betrachtenden sofort klar sein muss: Diese beiden Faktoren bedingen sich gegenseitig. Jedenfalls zu einem gewissen Grad und wenn wir von eben jenem normativen Schönheitsideal sprechen, das vom Male Gaze vorgegeben, von Männern* wie Frauen* internalisiert und reproduziert wird. Dann ist klar, dass vor allem jene erfolgreich und ergo reich(er) sind, die sich der Logik des patriarchalen Systems (daran hängt auch die spätkapitalistische Leistungsgesellschaft) unterordnen. 

Die Frage, die sich mir – wie gesagt – stellt, ist: Wie weit ordne ich mich unter, bewusst und unbewusst, ohne es zu merken? Und direkt daran anschließend: Was kann ich dagegen tun? 

Ich bin, was ich wahrnehme

Ich habe vergleichsweise lange gebraucht, um zu merken, dass ich mit dem Struggle um meinen Körper und ergo meine Identität nicht alleine bin – und dass das Internet nicht nur ein ausgezeichneter Weg ist, sich mit anderen auszutauschen, sondern auch, um die eigenen Sehgewohnheiten von den patriarchalen Strukturen, die nach wie vor in der Plakatwerbung an der Straßenecke oder in der Spielfilmpause zur Primetime gespiegelt werden, zu emanzipieren. Dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, sich und den eigenen Körper zu lieben, ist eine Perspektive, auf die man erst einmal kommen muss, so trivial sich das für woke people vielleicht anhört. 

Ich bin, wie ich wahrgenommen werde und wie ich andere wahrnehme. Vor allem in Abgrenzung zu anderen, aber auch in der Interaktion, mache ich mit mir aus, was zu mir gehört, was nur so halb und was nicht. Als vor allem augengesteuertes Tier beeinflussen meine Sehgewohnheiten wesentlich meine Identitätsbildung. Soweit waren wir schon. 

Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, meine Wahrnehmung bewusst zu steuern, beziehungsweise darüber hinausgehend: ein Stück weit herauszufordern. (Wobei vieles, was man anfänglich für Herausforderungen halten sollte, so schnell Gewohnheit wird, dass man über sich selbst staunt.) 

Konkret bedeutet das: Ich zimmere mir meine optische Umgebung selbst zusammen, sofern ich sie beeinflussen kann. Am Bahnhof ist das eher weniger der Fall – den Plakaten lässt sich schwer ausweichen (es sei denn, ich laufe mit dem berüchtigten Smartphone-Nacken durch die Gegend). In meinem Social-Media-Feed geht das aber sehr wohl. 

Ich habe also begonnen, Menschen zu folgen, die nicht dem als Norm definierten Ideal entsprechen. Oder es doch tun, die Mechanismen dahinter aber fortwährend hinterfragen. Menschen mit Behinderungen finden sich genauso in meiner Timeline wie BIPoC, dicke Menschen und Männer* und Frauen*, die mit den Geschlechteridentitäten und Rollenklischees spielen und/oder sie bewusst aufbrechen.

 

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Jedes Selfie ein Akt der Selbstermächtigung. Dehnungsstreifen, Cellulite, Periodenblut in der Unterhose, Haare am Körper. Und generell: Körper, die ganz anders aussehen als die allgemein stillschweigend definierte Norm. Kleiner, größer, mit weniger Gliedmaßen, anderen Proportionen, anderer Haut (dass man das heutzutage immer noch schreiben muss – aber man muss), mehr Narben.

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Ein paar Beispiele, denen ihr gerne direkt folgen dürft:

@charlottekuhrt, @melodie_michelberger, @raulkrauthausen, @mattxiv, @florencegiven, @notjustdown, @theslumflower, @fraugehlhaar, @brit_morbitzer, @annavonrueden, @forsinnersnotforsaints

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Es ist schon viel geschrieben worden darüber, wie empowernd es sein kann, eine Vielfalt von Menschen zu sehen – wenn auch nur digital. Die Sache ist: Es stimmt. Ich fühle mich beim Betrachten der Bilder zwar nicht immer in einen endorphinindizierten Zustand versetzt, aber nicht selten bleibe ich bei einem Bild hängen und denke mir: Wie geil! Ist! Das! Denn! Und raste aus über so viel ironisches Understatement. 

Manchmal fordern sie mich dennoch heraus. Nicht alle Gedanken habe ich schon gedacht, nicht alles weiß ich schon. Ich bekomme gratis mehr Bildung und bin verdammt dankbar dafür (denn im Grunde muss niemand – egal wer – kostenlose Bildungsarbeit leisten). An manchem reibe ich mich, anderes hat sofort meine tief aus dem Herzen kommende Zustimmung, auf wieder anderen Themen muss ich tagelang herumdenken. 

Das Wichtigste an der Sache aber ist, dass ich angefangen habe, weniger auf den Körper von Menschen zu achten als auf den Menschen selbst. Ein Körper ist nur ein Teil von uns, er gehört zu uns, aber er definiert uns nicht – da gehört noch eine Menge mehr dazu. Das war mir vorher bereits klar. Aber manchmal ist das Hirn im Vergleichen und Bewerten und Verurteilen doch schneller als man selbst und nimmt gerne die eingetretenen Pfade, die so bequem sind, weil sie von sämtlicher Verantwortung, die mit reflektiertem Denken einhergeht, wegführen. 

Sich auf Menschen einzulassen, in der Form, wie sie Mensch sind und nicht, wie ihre Körper aussehen, ist nicht nur ein Schritt zu einem deutlich emanzipierterem Umgang miteinander, sondern führt über kurz oder lang auch zu mehr Akzeptanz sich selbst gegenüber: Ich bin mehr als meine äußere Erscheinung – manchmal mag ich sie, manchmal kann ich sie nicht leiden. Und beides ist in Ordnung.

„Wenn alle schön divers, schön besonders, schön schön sind, setzt das nicht auch schon wieder einen ungesunden Standard? Muss ich mich und meinen Körper wirklich abfeiern? […] Dehnungsstreifen? Sind nicht toll, aber kann ich mit leben – muss ich aber nicht mit Glitzer zelebrieren. Schönes Gesicht? Bin ich froh drum, will aber nicht darüber charakterisiert werden.“
– 
Milena Zwerenz auf ze.tt

Wir sind nicht unbeeinflusst und Wandel braucht Zeit (so nervig das auch ist)

Das Wichtigste ist am Ende des Tages, dass ich mich als Person mit meinen Eigenschaften, Ecken und Kanten, Qualitäten und Einstellungen leiden und mir im Spiegel in die Augen schauen kann. Weniger #bodypositivity, weil eben nicht immer alles rosaflockig ist und ich mich gegen diese Überkapitalisierung von Körperlichkeit ins andere Extrem wehre, und mehr #bodyneutrality. Weil es okay ist, sich periodenbedingt wie eine aufgeschwemmte Qualle zu fühlen.

 »Wenn ich Selbstwert daraus ziehe, dass ich mich schön finde, so wie ich heute bin – was bedeutet das, wenn ich in einem Monat zwei Kilo zugenommen habe? Und in zehn Jahren sehe ich womöglich komplett anders aus als jetzt. Zum anderen werte ich so aber auch die Bedeutung meiner anderen Qualitäten ab. Das ist auch das Problematische an der Body-Positivity-Botschaft: Wenn man Frauen immer nur in bester Absicht „Ihr seid schön und eure Dehnungsstreifen sind auch schön!“ zuruft, dann vermittelt man ihnen gleichzeitig, dass ihr Aussehen das ist, was zählt. Deswegen bin ich auch kein Fan von den zurzeit so beliebten Unterwäscheselfies als Zeichen gegen unrealistische Schönheitsideale. Sie führen fort, dass Frauenkörper in unserer Gesellschaft grundsätzlich als Objekte verstanden werden, die es zu betrachten und bewerten gilt.«
– Anuschka Rees im
Interview mit der ZEIT

Wie wir andere sehen, ist immer auch ein Spiegel dessen, wie wir uns sehen. An beiden Enden kann Veränderung stattfinden, die sich auf das jeweils andere Ende auswirkt. 

 

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Ich bin also durchaus ein Fan von Unterwäsche-Selfies, weil ich glaube: Wir brauchen erstmal diesen Zwischenschritt, damit Leute ins Denken kommen. Den Sprung schaffen vom patriarchalen Blick auf den als makellos idealisierten Frauen*körper hin zu einer Inszenierung, die die Frauen* selbst in der Hand haben. In der selbstverständlich nach wie vor die internalisierten Strukturen, mit denen wir aufgewachsen sind, wirken: Ein Aufbrechen, ein Distanzieren und Neudenken – das dauert. Es ist okay, sich selbst und anderen diese Zeit zu geben. Und genauso okay, vorwärts zu preschen und es ganz anders zu machen: auf die Selfies zu verzichten, weil man sie sowieso nicht ungeprägt posten kann.

Sidenote: Intersektionalität 

Diese Überlegungen wiederum setzen, jedenfalls zum Teil, einen gewissen Grad an Aufklärung und Bildung voraus – und die Ressourcen, zeitlich wie unter Umständen auch monetär, sich dieses Wissen anzueignen. Bedeutet: Am Ende landen wir wieder bei Privilegien, bei sozialen Fragen. Dabei, wer die Möglichkeit hat, sich zwecks neuer Medien und Möglichkeiten von altbewährten Mustern und tradierten Bildern zu emanzipieren. Und wer nicht. 

Wenn das noch eine Sache ist, die nur einem bestimmten Rezipient*innen-Kreis zugänglich ist, haben wir wieder etwas falsch gemacht beziehungsweise immer noch nicht angefangen, das Richtige zu tun: allen eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Auch das ist etwas, um das es geht, wenn wir von Körpern, Hashtags und Wohlbefinden sprechen. 

Ganz schön politisch, das alles.

Titelbilder: © Jana Sabeth/unsplash.com, © Eloise Ambursley/unsplash.com, © Fuu J/unsplash.com

Diversität in der Klimabewegung: 5 Klimaaktivist*innen und ihre Ziele

„Die Klima-Bewegung braucht mehr Menschen wie mich.“ Das sind die Worte von Isra Hirsi. Die 16-jährige ist Aktivistin und Executive Director des US Youth Climate Strike Movement. Was die junge Frau mit dem Ruf nach mehr Menschen wie sich meint: Diversität. Denn Isra ist Schwarz und Muslimin.

Aktuell trägt der Aktivismus für Umweltschutz meist ein prominentes Gesicht und zwar das der ebenfalls 16 Jahre alten Schwedin Greta Thunberg. Je weiter sich der von Greta gegründete allwöchentliche Fridays-for-Future-Schulstreik ausbreitete, desto mehr kritische Stimmen wurden laut. Eine davon lautete: der Klimaschutz ist – wie so oft – ein Thema, das nur privilegierte weiße Menschen zeigt.

„Die Klimakrise ist ein riesiges Problem, dem wir alle gegenüber stehen und deren Folge alle und alles auf diesem Planeten betreffen“, so Isra Hirsi in einem Gespräch mit BBC Minute. Deshalb kann, soll und darf eine solche Bewegung nicht nur ein Gesicht haben, sondern muss die Diversität der Welt abbilden. In diesem Artikel möchten wir euch fünf großartige Aktivist*innen auf der BIPoC-Community (Black/Indigenous/People of Color) genauer vorstellen.

„The climate movement needs a drastic change toward diversity before we can truly be intersectional and effective.“

Isra Hirsi

Isra Hirsi ist Mitbegründer*innen der amerikanischen Schulstreik-Bewegung. Sie fordert, dass BIPoC (Black/Indigenous/People of Color) mehr in die Klimadebatte einbezogen werden müssen. Und nicht nur das: Sie müssen ein fester Teil der Klimadebatte sein. Schließlich sind sie die Ersten, die die Folgen der Klimaveränderungen zu tragen haben und an Orten wie im Himalaya-Gebirge, im Amazonas Regenwald und in der Arktis schon längst davon betroffen sind und dort ihre Lebensgrundlage verlieren oder bereits verloren haben.

Auf diesen Umwelt-Rassismus aufmerksam zu machen, ist eines von Isras Anliegen. Sie sagt, dass BIPoCs und einkommensschwache Gemeinden viel stärker von der Klimakrise betroffen sind als weiße privilegierte Menschen und dennoch nicht in der Klimadebatte repräsentiert werden.

Nicht unerwähnt soll auch die Mutter von Isra bleiben. Ilhan Omar war 2018 bei der Wahl zum Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten die erste US-Amerikanerin aus Somalia und zusammen mit Rashida Tlaib die erste Muslimin, die in den Kongress gewählt wurde.

„We need to change our culture and change our narrative.“

Xiye Bastida

Xiye Bastida ist siebzehn Jahre alt, ebenfalls Klimaaktivistin und stammt aus dem indigenen mexikanischen Volk Otomi-Toltec. Auf dem diesjährigen Global Citizen Festival stand sie gemeinsam mit anderen Aktivist*innen neben Leonardo DiCaprio auf der Bühne und sprach über den Klimawandel. „Sorgfältig mit der Erde umzugehen, sollte Teil der menschlichen Tradition sein“, sagte sie in einem Interview mit BBC Minute. Xiye setzt sich dafür ein, dass der Schutz der Erde und der gesamten Biodiversität nicht nur eine Bewegung ist und bleibt, sondern eine Tradition aller Menschen ist.

„Water is a basic human right.“

Autumn Peltier

Im vergangenen September hielt die aus der kanadischen Provinz Ontario stammende Autumn Peltier vor Generalversammlung der Vereinten Nationen eine beeindruckende Rede. Ihr Anliegen: sauberes Trinkwasser für alle. Die 15-jährige ist Chief Water Commissioner für die Anishinabek Nation und gehört der Wiikwemkoong First Nation an (fast alle indigenen Völker in Kanada werden mit First Nations bezeichnet). „Wasser ist ein grundlegendes Menschenrecht“, sagt sie. Und genau deshalb fordert Autumn die politischen Entscheider*innen dazu auf, ihre Macht zu nutzen und allen Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser zu sichern.

„Our existence is our resistance.“

Helena Gualinga

Aus dem ecuadorianischen Amazonasgebiet stammt die 17-jährige Sumak Helena Gualinga, die sich für Klimaschutz und -gerechtigkeit sowie für die Rechte indigener Völker einsetzt. „Unser Dasein ist unser Widerstand“, schreibt sie unter einem Foto bei Instagram, das sie bei einer Protest-Aktion zeigt. „Große Unternehmen haben unser Land gestohlen, unser Wasser vergiftet und nichts als Zerstörung hinterlassen. Aber wir haben sie überlebt. Wir haben alles überlebt. Und wir stehen stärker als je zuvor.“

„When we’re talking about solutions, we have to include indigenous people in the conversation.“

Tokata Iron Eyes

Während ihrer Reise durch die USA hat Greta in der Standing Rock Community die gleichaltrige Aktivistin Tokata Iron Eyes zum Gespräch getroffen. „Indigene Völker waren schon immer an der Front der Klimakrise und wir wissen, wie wir mit der Erde im Gleichgewicht leben können. Deshalb müssen indigene Völker im Gespräch über Lösungen inkludiert werden.“

Um mehr über Isra, Xiye, Autumn, Helena sowie Tokata und deren Arbeit zu erfahren, folgt ihnen zum Beispiel auf Instagram. Und erzählt auch den Menschen in eurem Umfeld von ihnen. Darüber hinaus freuen wir uns in den Kommentaren über Hinweise auf weitere Aktivist*innen, die wir unbedingt kennen müssen.

Die Inspiration für diesen Artikel sind zwei Instagram-Posts von BBC Minute, die der Frage nachgehen, wie divers die Klimabewegung ist, und indigene Aktivistinnen vorstellt.

Beitragsbild: (c) Callum Shaw via unsplash