Lieferkettengesetz goes Europe

Am 27.01.2021 stimmte der Rechtsausschuss des EU-Parlaments fast einstimmig für ein starkes Lieferkettengesetz auf EU-Ebene. Damit wird der Ball an die EU-Kommission abgegeben, um ebendieses zu liefern.

Die Entscheidung des Rechtsausschusses muss im März vom Plenum des Europaparlaments bestätigt werden. Passiert dies, ist die Kommission verpflichtet entsprechend zu handeln. Das EU-Parlament hat die Möglichkeit das Gesetz einzufordern, da es sich um einen sogenannten legislativen Initiativbericht handelt. Die amtierende Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich verpflichtet, bei legislativen Initiativberichten stets zu liefern.

Richtlinien für ein Lieferkettengesetz auf EU-Ebene

Der EU-Rechtsausschuss sieht folgende Richtlinien für ein Lieferkettengesetz auf EU-Ebene vor.

  • Unternehmen müssen Auswirkungen auf Umwelt und Mensch in ihren Lieferketten bewerten und veröffentlichen, also Transparenz üben.
  • Bei der Feststellung von Ausbeutung in den Lieferketten müssen Maßnahmen ergriffen werden, um diese zu unterbinden.
  • Das EU-Lieferkettengesetz soll sowohl für große und börsennotierte Unternehmen sowie für risikoreiche kleine und mittlere Unternehmen gelten.
  • Eine zivilrechtliche Haftung ist wesentlicher Bestandteil, um ein wirksames Gesetz zu etablieren.
  • Die EU-Mitgliedsstaaten müssen sicherstellen, dass Unternehmen in ihren Ländern haftbar gemacht werden können.

Was bedeutet das für ein Lieferkettengesetz in Deutschland?

Eine Einigung auf EU-Ebene ersetzt keine nationale Regelung. Im Gegenteil, es ist ein klares Signal an die Bundesregierung endlich ein wirksames Lieferkettengesetz zu beschließen.

Die Blockadehaltung des Wirtschaftsministeriums, die oft auch mit Entscheidungen auf EU-Ebene verargumentiert wurde, ist damit nicht länger tragbar. Es wird Zeit, dass Herr Altmaier den Weg für ein Lieferkettengesetz frei macht.

Wie die (Fair) Fashion Branche aktuell mit der Pandemie umgeht

Schnell wurde deutlich: Die Modebranche ist besonders stark von der Ausbreitung des Corona-Virus und den damit verbundenen Ausgangsbeschränkungen betroffen. Welche Probleme werden gerade deutlich und wie geht die (Fair) Fashion Branche damit um?

Und plötzlich waren die Lieferketten sichtbar

Von der Baumwollplantage, in die Textilfabrik, zum Modelabel, in den Einzelhandel – so könnte man die Lieferkette eines T-Shirt sehr vereinfacht beschreiben, die nun vom Einzelhandel ausgehend von der Krise betroffen ist. Vor knapp drei Wochen schlossen in Deutschland die meisten Läden. Das bedeutete Umsatzeinbußen für den Einzelhandel über Nacht – ausgerechnet in der Zeit, in der die Warenlager voll mit den neuen Frühjahrskollektionen waren. Natürlich nicht ohne Folgen: Rechnungen an Modelabels konnten und können aktuell nicht bezahlt werden, die wiederum ihre Aufträge in Textilfabriken zurückziehen, wo Textilarbeiter*innen massenhaft entlassen werden. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage nach Baumwolle, damit natürlich auch der Baumwollpreis und das setzt Rohstoffproduzenten enorm unter Druck.

Eine Million Textilarbeiter*innen werden entlassen

Rund 50 Millionen Menschen sind schätzungsweise weltweit in der Textilindustrie angestellt. Viele davon sind Frauen, die mit ihrem Job das Haupteinkommen für ihre Familie verdienen. In Bangladesch wurden bereits Aufträge für Exportware im Wert von 2,9 Milliarden Dollar gecancelt, 58 Prozent der Textilfabriken geschlossen und in der Folge eine Million Textilarbeiter*innen entlassen oder beurlaubt. Auch andere Standorte wie Kambodscha, Tamil Nadu (Indien) oder Pakistan sind stark betroffen. Es werden zwar hier und da Hilfszahlungen auf den Weg gebracht. Ob die allerdings auch ihren Weg zu den Textilarbeiter*innen finden, bleibt fraglich.

Immerhin: Nachdem H&M erklärte keine bereits in Auftrag gegebenen Produktionen zu stornieren, folgten die Modekonzerne Inditex, Marks&Spencer, Kiabi, PVH und Target. Ob H&M und Target nun aber den öffentlichen Erklärungen auch wirklich nachkommen, ist derzeit noch unklar. Primark und C&A gaben bisher nicht bekannt, ob sie ihre Zulieferer in den Seilen hängen lassen.
Auf dem Laufenden kann man aktuell zum Beispiel über den Hashtag #PayUp bleiben. Die Fair Wear Foundation veröffentlicht außerdem ein Dossier mit aktuellen Entwicklungen und Empfehlungen für Produktionsländer und Brands.

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UPDATE: Since posting, 3 of these brands – Kiabi, Target and Inditex – have agreed to pay for their completed and in-production orders. The same is true for PVH Corp & H&M, which is why they aren’t on the chart. We would emphasise that this is the bare minimum brands can do in supporting their supply chain workers, but we are motivated to see our community’s demands being heard.🌟 In today’s updates to our ongoing coverage of the effects of COVID-19 on global garment workers, we’ve shared a list of the top brands to cancel & hold orders in Bangladesh. The data comes from a report by Mark Anner of the Center for Global Workers’ Rights, which focuses on the impact in Bangladesh. While it’s important to recognise the systemic and global nature of these order cancellations (and know that these are far from the only brands engaging in this behaviour), it’s also astounding to witness the huge impact that the biggest brands can have in a country like Bangladesh, where some 4 million people are employed by the garment industry. You can send our email template to brands at the TAKE ACTION link in our bio, and learn more about the effects of this crisis. Let’s remember that our voices are louder together, and that our power to change the system is in our persistence. #FashionRevolution #WhoMadeMyClothes? *The total reported value of orders put on hold is USD 1.8 billion. The reported value of canceled orders is USD 1.4 billion. #payup

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Der Ruf nach mehr Verantwortung von globalen Modebrands

Die Pandemie zeigt uns aktuell also die Schwachstellen und die Fragilität der Modeindustrie besonders deutlich. Und leider auch, wie wenig die Interessen von Arbeiter*innen in Zeiten der Not priorisiert werden. Entlang der textilen Lieferkette sind alle betroffen und viele sehen ihre Existenz bedroht, am stärksten trifft es jedoch erneut die Schwächsten. Das Worker Rights Consortium fordert solidarisches Handeln von globalen Modebrands ein: kein Zurückziehen von Aufträgen, die eigentlich bereits besiegelt waren oder das Teilen von Finanzhilfen mit den Zulieferern. Es ist ein Ruf danach, dass global agierende Modebrands endlich mehr Verantwortung für ihre Lieferketten übernehmen.

Im Prinzip werden also nun genau die systemischen Probleme der Modeindustrie deutlich, für deren Sichtbarmachung Befürworter*innen eines Lieferkettengesetzes schon lange kämpfen. Auch das Inkota Netzwerk erinnert an die Wichtigkeit von gesetzlichen Regelungen, die die Verantwortung von Unternehmen gegenüber ihrer eigenen Lieferkette einfordern würden. Die Herausforderung: In Krisenzeiten kämpfen viele um ihre Existenz und sind nicht unbedingt bereit sich an einen Tisch zu setzen, um gleich die ganze Branche zu revolutionieren.

Fair Fashion in Zeiten von Corona

Und wie sieht es in der ökofairen Szene in Zeiten der Pandemie aus? Modelabels und Unternehmen mit ökologischem und sozialem Fokus übernehmen schon lange Verantwortung für das, was in ihren Lieferketten passiert und priorisieren die Rechte von Arbeiter*innen weitaus mehr als das im konventionellen Modebereich der Fall ist. So überrascht es zum Beispiel auch nicht, dass Armedangels – eines der größten deutschen Fair Fashion-Labels – sofort verkündet, keinerlei Aufträge zu kündigen. Die Fair Fashion-Branche trifft es deswegen allerdings nicht weniger stark im wirtschaftlichen Sinne, denn aufgrund der fairen Bezahlung entlang der Lieferketten fallen die Margen oft geringer aus als bei Fast Fashion-Unternehmen.

Dabei wäre es für die Modebranche besonders wichtig, dass faire und nachhaltige Unternehmen die Krise wirtschaftlich gut überstehen – sind sie es doch, die schon seit Jahren daran arbeiten, Wirtschaftsstrukturen positiv für Mensch und Umwelt zu verändern.

Bedrohte Existenzen

„Für uns ist die Krise existenzbedrohend. Wir haben bisher für alle Mitarbeiter*innen aus unseren Stores Kurzarbeit beantragt. Unser Antrag auf einen Kredit bei der IBB ist in Bearbeitung. Es wird eine sehr einschneidende Zeit für uns“, sagt Christina Wille von Loveco. Sie betreibt drei (nun vorübergehend geschlossene) Fair Fashion-Stores in Berlin. „Um unsere Umsatzeinbußen etwas abzufedern, pushen wir gerade mit aller Kraft unseren Onlineshop, der aktuell unsere einzige Einnahmequelle ist.“ Die Not macht kreativ: Christina bietet mit ihrem Team nun mittlerweile sogar eine Online-Beratung per Videochat an.

Andere größere Fair Fashion-Unternehmen wie beispielsweise Trigema und Wolford schwenken auf die Produktion von Schutzbedeckungen für Mund und Nase für Endkonsument*innen um. Der Wäschehersteller Mey produziert seit Kurzem Mundschutz, der auch für den medizinischen Bereich zugelassen ist.


Good to know:

  • Vanessa Janneck (Gründerin der B-Lage, Hamburg) gründet die Plattform 2gather.jetzt für Zusammenhalt in Krisenzeiten. Die Plattform soll kleine Unternehmen und Freiberufler*innen unterstützen
  • Sugartrends bietet eine Plattform für Einzelhändler*innen ohne eigenen Onlineshop
  • Der Marktplatz Avocadostore erlässt allen nachhaltigen Läden ohne eigenen Onlineshop die Anmeldegebühr

Die Fair Fashion Szene rückt zusammen

Wieder andere Fair Fashion-Labels und Shops gewähren gerade großzügige Rabatte, um weiterhin Kund*innen zu erreichen. Christina Wille findet das kontraproduktiv: „Rabattschlachten wie im konventionellen Bereich können uns allen schaden. Das wollen wir verhindern und wir müssen mit allen Beteiligten (Stores, Labels, Produzent*innen, Vertrieb) eine Lösung finden, die verlorenen Verkaufsmonate nachzuholen.“ Wenn sich Shops und Labels in Rabattschlachten – also dem ständigen Überbieten der Rabatte des Anderen – verlieren, macht die gesamte Branche weniger Umsatz. In Zeiten einer Krise will das natürlich vermieden werden.

Im Zusammenschluss mit den Unternehmer*innen hinter Langerchen, Lanius und Avocadostore hat sie deshalb die Initiative #fairfashionsolidarity ins Leben gerufen: Mit einem Manifest und mit konkreten Handlungsempfehlungen soll es einen gemeinsamen Weg durch die Krise geben. Bereits über 150 Unterstützer*innen sind dabei.

Claudia Lanius beispielsweise setzt bei der Kreation der Sommerkollektion für 2021 jetzt schon auf Kombinier- und Integrierbarkeit zur aktuellen Saison. Das Fair Fashion Label möchte so vorbeugen und verhindern, dass der Einzelhandel in dieser prekären Situation zu schnell zu Sales und Preisnachlässen greift: „Unsere Ware ist wertvoll, langlebig und nachhaltig – und das auch noch im nächsten Jahr!“, so richtet sich das Label in einem Brief an seine Kund*innen und bestärkt die Händler*innen darin, Ruhe zu bewahren.


Die Empfehlungen von #fairfashionsolidarity für Shops:

  • Mit den Brands in engen Austausch über die Begleichung von offenen Forderungen gehen, damit auch sie ihre Rechnungen begleichen können
  • Die Termine für die Auslieferung der Herbst- und Winterware in Absprache mit den Brands koordinieren, so das alle ihre Verpflichtungen erfüllen können
  • Sämtliche Kanäle dazu nutzen, diese solidarische Maßnahme zu kommunizieren und die gemeinsame Verantwortung aller Beteiligten in den Vordergrund stellen

Die Empfehlungen von #fairfashionsolidarity für Labels:

  • Den Shops beim Ausgleich der offenen Forderungen aus Frühjahr/Sommer 2020 durch Verlängerung der Zahlungsziele oder Ratenzahlungen entgegenkommen, soweit es die eigene Liquidität zulässt
  • Den Zeitpunkt der Lieferungen für die Saison Herbst/Winter 2020 mit den Shops besprechen. Ein erster Liefertermin könnte ab Ende August erfolgen. Falls gewünscht, kann der Shop auch früher Ware beziehen
  • Die Sommerkollektion 2021 so gestalten, das sie auf der aktuellen Kollektion aufbaut. So kann der Shop Warenüberhänge in die Saison Frühjahr/Sommer 2021 übernehmen. Dabei die Übernahmemöglichkeiten rechtzeitig an die Shops kommunizieren.
  • Für eine Auswahl an Styles eine Nachordermöglichkeit schaffen, um fehlende Größen aufzufüllen.
  • Die Vertriebsstrukturen auf eine spätere Orderrunde der Kollektion Frühjahr/Sommer 2021 vorbereiten. Z.B. im Zeitraum Mitte August bis Ende September 2020
  • Sämtliche Kanäle dazu nutzen, diese solidarische Maßnahme zu kommunizieren und die gemeinsame Verantwortung aller Beteiligten in den Vordergrund stellen.

„Die Fair Fashion Szene braucht jetzt Zusammenhalt, Mut für Innovationen und regelmäßigen Austausch“, findet auch Bloggerin Mia Marjanovic, die bereits seit sieben Jahren über faire Mode schreibt. Auch sie ist als Medienschaffende von der Krise betroffen, denn wenn Fair Fashion-Labels ums Überleben kämpfen, sind Budgets für Online-Marketing und Freiberufler*innen meist als Erstes eingefroren. „Es ist ein stetes Auf und Ab aus Kundenabsagen, Zukunftssorgen und gecancelten Events.“

Sorgen um das, was da noch kommt

Die große Frage, die bleibt: Wie soll das für die Modebranche weitergehen? Fachleute sagen: Wenn der Höhepunkt der Ausgangsbeschränkungen zu Ostern erreicht ist und es dann Lockerungen gibt, ist ein V-Verlauf das wahrscheinlichste Szenario. Das bedeutet, dass die Verkaufszahlen zum Ende des zweiten Quartals wieder ansteigen und die ausgebliebenen Konsumausgaben nachgeholt werden würden. Bei längerem Anhalten der Maßnahmen werden die Ausgaben für Kleidung voraussichtlich weiter sinken, da Konsument*innen sich eher auf das Wesentliche konzentrieren. Eine wirtschaftliche Erholung ist 2020 dann wahrscheinlich nicht mehr in Sicht. Doch auch das ist nur eine Prognose.

„Die größte Schwierigkeit liegt darin, dass niemand wirklich weiß, was passieren wird und worauf man sich einstellen muss – das hat einfach niemand schon einmal erlebt“, sagt Anna Yona, die Gründerin des Eco-Schuhherstellers Wildling. Mit ihrem Team hat sie inzwischen Wege gefunden, sich mit allen Lieferanten und Partnern auf eine erträgliche Kostenreduktion zu einigen.

Was es jetzt braucht

Ganz anders ist es im konventionellen Modebereich: Zu Beginn der Corona-Krise machte Adidas trotz Umsatzrekord in 2019 negative Schlagzeilen mit der Stundung von Mietzahlungen. Nach einer öffentlichen Entschuldigung will der Konzern nun doch Miete zahlen, aber angeblich auch einen Kredit in Milliardenhöhe beantragen.

Währenddessen fehlt die Unterstützung für kleine Unternehmen, wie man sie in der Fair Fashion-Branche fast ausschließlich findet. „Wir brauchen für den Moment finanzielle Unterstützung, die uns als kleines Unternehmen schützt. Derzeit werden nur Unternehmen bis 10 Mitarbeiter*innen oder Großunternehmen ab 250 Mitarbeiter*innen finanziell aufgefangen. Wir fallen mit unserer Größe von 16 Mitarbeiter*innen durchs Raster und können derzeit nicht genau absehen, was das langfristig für Folgen haben wird“, erklärt Christina Wille.

Anna Yona sieht auch bei verantwortungsbewussten Konsument*innen eine Chance für die Zukunft: „Ich glaube es braucht jetzt vor allen Dingen ein noch bewussteres Konsumverhalten als sowieso schon. Gerade in der Krise ist es unglaublich wichtig, die kleinen und unabhängigen Marken und Unternehmen zu unterstützen, damit die Diversität in der Modebranche erhalten bleibt und nicht nur die Großen überleben.“

Titelbild: Marco Bianchetti / Unsplash

„Wenn die Näherin zu wenig verdient, um ihre Existenz zu sichern, sollten wir als Unternehmen freiwillig mehr bezahlen.“

Die Frage nach der Verantwortung von Unternehmen wächst stetig. In Zeiten von Fridays For Future und dem damit wachsendem Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung für ökologische und menschenrechtliche Themen können es sich Unternehmen kaum noch leisten, diese zu ignorieren. Doch was bedeutet es eigentlich als Unternehmen, Verantwortung zu übernehmen? Und wie kann Wirtschaft dazu beitragen, gesellschaftliche Veränderung mitzutragen?

Das öko-faire Modelabel Maas Natur ist ein Urgestein, wenn es um die Herstellung natürlicher, fair produzierter Textilien geht. Seit nunmehr 34 Jahren steht das Unternehmen für ökologische Produktion und übernimmt als wichtiger Akteur Verantwortung im gesellschaftlichen System. Das Familienunternehmen aus Gütersloh beschäftigt mittlerweile fast 180 Mitarbeiter*innen, führt die Geschäfte nach dem Gemeinwohl-Ökonomie-Prinzip und setzt sich nebenbei für soziale Projekte sowie gelebte Nachhaltigkeit im gesamten Unternehmen, am Arbeitsplatz, bei Investitionen und bei der Geldanlage ein. Zudem ist Maas Natur Gründungsmitglied beim IVN, dem Internationalen Verband Naturtextilien, und verfolgt diese Philosophie weiterhin strikt.

Wir haben mit dem Maas Natur Gründer und Geschäftsführer Reinhard Maas über die Herausforderungen unserer Zeit, den stetig wachsenden Konsum und verantwortungsvolles Wirtschaften gesprochen.

Was bedeutet für Sie Verantwortung im wirtschaftlichen Kontext?

Als studierter Sozialarbeiter hatte ich schon immer einen besonderen Bezug zur Gesellschaft und auch zur Umwelt. Als vor 34 Jahren mein Sohn zur Welt kam, haben wir Maas Natur gegründet, weil wir mit den Windeln keinen riesigen Plastikberg verursachen wollten. Als Alternative haben wir waschbare Windeln gefunden. Die ursprüngliche Intention war es, damit einen Handel aufzumachen. Am Ende wurde es ein ganzes Modeunternehmen. Ich könnte nie ein Unternehmen führen, dem es nur um Umsatz und Gewinnmaximierung geht. Ich möchte vernünftige Artikel vertreiben, die Sinn machen. Als Unternehmen sollte man sich auch gesellschaftlich so einordnen, dass die Gesellschaft von dem profitiert, was man macht. Das bedeutet für mich Verantwortung.

Handeln Sie deswegen nach dem Gemeinwohl-Ökonomie-Prinzip?

Das Gemeinwohl-Ökonomie-Prinzip haben wir letztes Jahr aufgesetzt. Bislang konnte man nur Nachhaltigkeitsberichte für Unternehmen erstellen, aber die Gemeinwohl-Ökonomie geht noch weiter. Die Bewegung kommt aus Österreich und betrachtet neben der Nachhaltigkeit noch weitere Aspekte, zum Beispiel wie mit Mitarbeiter*innen, Kund*innen und Lieferanten umgegangen wird und wie die Stellung in der Gesellschaft ist. Das Aufsetzen des Gemeinwohlberichts letztes Jahr hat uns in unserer Arbeit bestärkt, aber es zeigt natürlich auch die Bereiche, die noch verbessert werden können und um die wir uns weiter Gedanken machen sollten.

Welche Bereiche betrifft das?

Bei dem Gemeinwohl-Ökonomie-Prinzip kann man eine maximale Punktzahl von 1000 erreichen. Das ist für einen Wirtschaftsbetrieb eigentlich unmöglich. Dafür müsste man alle Gewinne aufteilen, sodass keine finanzielle Reserve mehr da wäre. Aber wir sind bei unserem sozialen Engagement gut aufgestellt. Wir kennen fast alle Lieferanten persönlich, besuchen die Betriebe häufig und wissen, wie diese arbeiten. Wir bauen langfristige Beziehungen auf und wechseln nicht einfach den Betrieb, wenn ein Mitbewerber plötzlich günstigere Preise anbietet.

Langjährige Partnerschaften garantieren auch eine sichere Qualität über den ökologischen Bereich hinaus, weil wir genau wissen, dass die Mitarbeiter*innen fair behandelt werden und die Ökologie nicht zusätzlich belastet wird. Zudem produzieren wir nicht in Fernost. Wir haben in Deutschland Strickereien und die größte Produktion in der Türkei. Dort ist direkt eine Mitarbeiterin vor Ort, die dort lebt, selbst Türkin ist und unsere Lieferanten regelmäßig besucht. Natürlich wollen wir auch unseren Kund*innen gegenüber fair sein und versuchen auch den Menschen unsere Kleidung zugänglich machen, die kein hohes Einkommen haben.

Maas Natur engagiert sich sehr vielfältig: Von Geschenkaktionen für Rumänien über die Beteiligung am Klimastreik bis hin zu Spenden für regionale Projekte wie das heilpädagogische Reiten.

Sie haben zu einer Zeit mit öko-fairer Mode begonnen, als diese noch sehr unterrepräsentiert war. Was waren die anfänglichen Herausforderungen?

Zu Beginn gab es noch keine ökologische Baumwolle und wir konnten nur darauf achten, dass die Stoffe nicht chemisch verunreinigt sind und keine Kunstfasern enthalten. In den ersten zehn Jahren von Maas Natur haben wir dies im Arbeitskreis Naturtextilien entwickelt. Wir haben Kriterien für eine Bio-Baumwolle festgelegt und haben Zertifikate beschlossen. Damals war man froh, dass man eine halbwegs ökologische Ware hatte. Alle waren noch sehr unerfahren, was zum Beispiel Farben angeht. Die Kriterien dafür haben wir erst über die Jahre selbst entwickelt. Irgendwann fragten wir uns, wer eigentlich unsere Sachen kauft. Nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung kauft bewusst ökologische Waren. Das ist für einen Handelsbetrieb, der wirtschaftlich bestehen will, zu wenig.

Wir wussten, dass wir uns nicht nur um die Ökologie kümmern können, sondern die Kleidung auch modisch gefallen muss. Wir können nur andere Kundengruppen erreichen, wenn unsere Teile up to date sind. Früher hat man modisch und ökologisch stark getrennt. Da sprach man noch vom Jutesack. Daraufhin stellten wir eigene Designer*innen hier im Haus an und orientieren uns seitdem zum Beispiel an den Trendfarben, die vom deutschen Modeinstitut vorgeschlagen werden. Das ist sehr wichtig, damit unsere Kleidung auch mit anderen Artikeln gut kombinierbar ist. Es soll nicht sofort sichtbar sein, dass es ein Naturtextil ist. Für manche ist das immer noch ein Makel. Wir greifen also aktuelle Modetrends auf und setzen diese in ökologische Textilien um. Zurzeit spürt man auch, dass Verbraucher*innen viel stärker nach ökologischer Mode suchen und diese konsumieren.

Es tut sich auf jeden Fall einiges in der Branche. Es gibt immer mehr Fair Fashion-Labels und auch große Unternehmen schreiben sich Nachhaltigkeit auf die Fahne. Wie nehmen Sie die Veränderungen der letzten Jahre wahr?

Ich freue mich natürlich, wenn neue Labels dazukommen, weil sie immer wieder frischen Wind mitbringen. Teilweise sind diese ganz anders aufgestellt als wir. Wir arbeiten ausschließlich mit reinen Naturfasern, aber es gibt andere Labels, die auch recycelte Stoffe wie zum Beispiel Kunstfasern aus PET-Flaschen verarbeiten. Das ist für diese Marken ökologisch, für mich ist es das nicht. Wir möchten wissen, was in unserer Faser enthalten ist. Wenn ich alte Fasern aufarbeite, kann ich keine Garantie geben, was drin steckt. Bei Kunstfasern weiß ich außerdem nicht, wie viel Mikroplastik wieder in die Umwelt gelangt. Diesen Trend verfolgen wir also nicht. Aber jedes Label, das sich da mehr Gedanken drum macht, hat natürlich auch seine Berechtigung.

Und wie stehen Sie zu konventionellen Marken, die Nachhaltigkeit für sich entdecken?

Im konventionellen Bereich kann man sich einerseits freuen, dass mal eine Capsule-Kollektion mit Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau kommt. Andererseits bin ich davon nicht ganz überzeugt. Ich habe den Eindruck, dass das nur als Trend genutzt und größer gemacht wird, als es eigentlich ist. Es wird eine kleine Kollektion gemacht und diese ganz vorne ins Schaufenster gestellt. Natürlich ist dann eine Marke wie C&A aufgrund ihrer Größe auf einmal der größte Abnehmer von kbA-Baumwolle, aber es wird nicht die Frage gestellt, wie viel Anteil dies überhaupt am Gesamtumsatz des Unternehmens hat.

Diese Unternehmen hängen sich schnell mal das grüne Mäntelchen um, wenn sie sagen, sie benutzen GOTS-zertifizierte Bio-Baumwolle. Die Aufrichtigkeit dahinter kann ich noch nicht erkennen. Dafür müsste das Sortiment komplett umgestellt werden. Das traut sich jedoch keiner, weil alle die Käufer*innen im Blick haben, die einfach den günstigsten Preis haben wollen. Das ist auch für Verbraucher*innen ein großer Konflikt. Wenn man die Leute fragt, sind alle gegen Kinderarbeit, für Menschenrechte und gegen schlechte Produktionsbedingungen, aber wenn sie dann einkaufen gehen, machen sie sich mit Billigmode die Taschen voll. Das Bekunden und Handeln stimmen oft nicht überein.

Der CEO und Mitgründer von H&M Karl-Johan Persson hat erst kürzlich eine umstrittene Aussage von sich gegeben, in der er meinte, dass H&M weiterhin in Niedriglohnländern produzieren muss, weil sie damit etwas gegen die dortige Armut tun würden. Was entgegnen Sie solchen Aussagen?

Das ist immer das Totschlagargument. Wenn ich in Billiglohnländern, in denen die Arbeitsbedingungen menschenrechtlich nicht okay sind, bleiben möchte, sage ich einfach, dass die Menschen dort verhungern, wenn ich ihnen keine Aufträge gebe. Ich denke, den Menschen geht es unter den Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen, schlecht. Wenn ich nur Mindestlöhne zahle, ermögliche ich den Menschen geradeso das Überleben. Es ist also kein Argument, diese Produktionsbedingungen zu rechtfertigen. Man müsste hier die Gegenfrage stellen: Warum zahlen Sie nicht 50 Cent mehr? Damit würde es den Näher*innen viel besser gehen und in Deutschland würde es keinem wehtun. Warum macht man das nicht? Warum produziert man nur in Billiglohnländern?

Seit 20, 30 Jahren suchen Fast Fashion-Unternehmen immer noch günstigere Herstellungsländer. Jetzt haben sie diese endlich gefunden. Diese wieder zu verlassen, weil bei den Produktionsbedingungen vielleicht nicht alles okay ist, tut einem Einkäufer erstmal weh, weil er dann seine Preise anheben müsste und er gleichzeitig Angst haben müsste, dass die Konkurrenz das nicht macht. Das ist ein kranker Kreislauf.

Genau in solch einem Moment würde ein Unternehmen ja wirklich Verantwortung übernehmen, wenn sie Produktionsbedingungen den Rücken kehren, die nicht in Ordnung sind.

Es muss ein gesamtes Umdenken passieren – auch auf Kundenseite. Die Leute sollten sich fragen, was sie kaufen und wo das produziert wurde. Ebenso müssen die Hersteller umdenken. In Hinblick auf die Menschenrechte und unserem global vernetzten Leben haben wir auch eine Verantwortung für die Menschen in Niedriglohnländern. Uns geht es hier so gut. Wir können nicht auf deren Rücken uns immer weiter bereichern. Wenn die Näherin zu wenig verdient, um überhaupt ihre Existenz zu sichern, sollten wir als Unternehmen freiwillig mehr bezahlen. Vielleicht ist das auch Wunschdenken von mir, aber es wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Gerettete Hühner, ein selbstversorgendes Solarpanel-Dach und das firmeneigene Elektrofahrzeug – für Maas Natur bedeutet Unternehmensverantwortung auch ökologische Verantwortung.

Wie wichtig sind für Sie Siegel und Zertifikate?

Siegel sind auf jeden Fall wichtig, weil Kund*innen anhand dessen nachverfolgen können, was sie kaufen. Wir selbst sind auch GOTS-zertifiziert. Wichtig ist natürlich, dass die Standards dabei so hoch angesetzt sind, dass es einen klaren Mehrwert für die Verbraucher*innen schafft. Einige Discounter kreieren zum Beispiel ein eigenes Siegel, was aber viel weniger Regeln beinhaltet. Bei einer Zertifizierung sollte immer nachzuvollziehen sein, was wirklich bewertet wurde und welche Sicherheit den Kund*innen geboten wird. Da gibt es auch viel Wildwuchs, zum Beispiel den Grünen Knopf.

Was halten Sie vom Grünen Knopf?

Wir waren selbst lange Zeit Mitglied im Textilbündnis und sind jetzt ausgetreten, weil der Grüne Knopf nur minimale Kriterien beinhaltet, die eigentlich jedes Label leicht leisten kann. Das muss gesetzlich verabschiedet werden und nicht mit freiwilligen Bekundungen weichgespült werden. Da ist unsere Regierung ängstlich, wie bei jeder Regelung, lieber Freiwilligkeit und bloß kein gesetzlicher Druck.

Das heißt, Sie begrüßen ein Lieferkettengesetz?

Auf jeden Fall. Wir kriegen mit Maas Natur diese Standards locker hin. Aber wir sind nicht dazu bereit, einen Grünen Knopf an unsere Textilien zu hängen, wenn ebenso ein Discounter diesen ganz einfach bekommen kann. Man kann diese Unternehmen nicht mit ökologischen Anbietern und deren Kriterien gleichsetzen. Der Grüne Knopf ist einfach zu seicht, zu freiwillig und führt nicht zu wirklichen Änderungen in den Herstellungsprozessen. Ich wäre sofort dafür, dass der Grüne Knopf Gesetz wird und damit ein Mindestmaß an Anforderungen erfüllt werden muss. Man könnte doch einfach sagen, dass alles, was in die EU oder in Deutschland eingeführt wird, diese Kriterien erfüllen muss. Dann hätte man den billigen Schrott ganz schnell vom Markt. Aber das traut sich kein*e Politiker*in.

Könnte also nur ein Gesetz wirklich etwas in der Branche verändern?

Das ist ganz sicher. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ist für dieses Thema ja sehr offen. Er ist einer, der dieses Thema noch am ehesten mit antreiben würde. Die Petition #fairbylaw ist auf jeden Fall eine tolle Aktion.

Was sind die Herausforderungen, wenn es darum geht, die Kund*innen zu Konsumverzicht zu bewegen? Wie begegnet man diesem Paradoxon von Wachstum und Verzicht als Unternehmen?

Es ist ein schwieriger Grat. Wir leben vom Verkaufen. Wenn ich predige, kauft weniger und dann verkaufen wir am Ende weniger, geht es uns als Unternehmen erstmal schlechter. Kund*innen müssen sich bewusster machen, wie und was konsumiert wird. Als nachhaltiges Unternehmen legen wir Wert darauf, dass wir eine gute Qualität liefern. Wenn man sieht, wie viel Energie für Kleidung aufgewandt wird, ist weniger, bewusster Konsum der einzige Weg, den wir gehen können. Und wirklicher Konsumverzicht würde eigentlich die Unternehmen treffen, die Massen- und Wegwerfware produzieren. Da müssen aber auch die Verbraucher*innen mitmachen und bewusst sagen, dass sie ein T-Shirt für 5,99 Euro einfach nicht kaufen.

Mit Maas Natur setzen Sie sich schon allein mit ihrem Produktionszyklus von zwei Kollektionen im Jahr der Schnelligkeit der Branche entgegen.

Wir haben pro Kollektion circa 500 Artikel, aufgeteilt in mehrere Farben und Größen. Das reicht pro Saison völlig aus. Wir machen vier Kataloge im Jahr und staffeln das dann in zwei Einkaufsrhythmen. Wenn ich als Unternehmen gute Qualität anbiete, brauchen die Kund*innen nicht jeden Monat neue, frische Ware. Es werden nur mehr Kollektionen produziert, um noch mehr Umsatz zu machen. Das ist ein krankes System.

Ökologische Mode im Zeitgeist – bei der Farbauswahl achtet Maas Natur auf aktuelle Trends.

Gerade weil die Branche in den letzten Jahren so unfassbar schnell geworden ist, finden auch dauerhaft Sales statt, was wiederum den Konsum ankurbelt und die Wertigkeit von Produkten mindert. Wie handhaben Sie Sales bei Maas Natur?

Natürlich ist es bei uns auch so, dass wir bei Saisonende in den Schlussverkauf gehen müssen. Einfach weil die Schnitte und Farben in der nächsten Saison nicht mehr gekauft werden. Wir wirken dem aber schon entgegen, indem wir von Vornherein nicht im Übermaß einkaufen und produzieren. Wir machen eine Grund-Order und wenn der Katalog raus ist, sehen wir innerhalb der ersten 14 Tage ungefähr, was wie oft gekauft wird. Davon machen wir eine Hochrechnung und wissen ziemlich genau, was wir brauchen. Bei konventionellen Labels ist es eher so, dass eine riesige Menge produziert wird und wenn diese nicht abverkauft wird, geht sie in den Sale.

Wir versuchen die Sale-Menge zu beschränken, indem wir vorsichtig ordern. Es passiert aber auf der anderen Seite auch, dass ein Artikel überraschender Weise unfassbar gut läuft und wir dann zu wenig haben. Wenn das passiert, versuchen wir diesen manchmal nach zu produzieren, haben aber eine Nachproduktionszeit von acht bis zehn Wochen – schneller geht es nicht. Die Stoffe müssen gewebt, eingefärbt oder gestrickt werden. Wir erwarten von unseren Kund*innen, dass sie diese Zeit in Kauf nehmen. Wir merken aber auch, dass wir an Umsatz verlieren, weil wir so arbeiten. Aber es ist besser als Übermengen zu produzieren, nur weil man sie günstig bekommt.

Und Kund*innen lernen so auch, dass es eben nicht normal ist, dass alles immer im Überfluss vorhanden ist.

Unsere Kund*innen haben das auf jeden Fall schon verstanden. Was bei uns weg ist, ist weg. Wenn Kund*innen ein bestimmtes Teil haben wollen, müssen sie dieses auch zu einem bestimmten Preis kaufen. Es ist besser, wenn das Lager leer ist, als es übervoll zu haben und die nächste Kollektion steht schon in den Startlöchern. Bei Maas Natur vermarkten wir auch unsere Reste alle selbst. Wir haben keinen Aufkäufer, der unsere Ware nach Kilopreis billig aufkauft und diese dann in andere Märkte weiterverkauft. Am Ende bleiben so wenig Reste, dass wir diese alle selbst als Lagerverkauf oder ähnliches selbst verkaufen können. Die werden auf keinen Fall verschleudert. Klar verkalkuliert man sich auch mal, aber dann spenden wir es lieber als es in andere Märkte einzuschleusen, die von diesem Überangebot an ausländischen Waren kaputt gemacht werden. Das kommt für uns nicht in Frage.

Was halten Sie von Tagen wie Black Friday?

Das ist für mich eine unsägliche Geschichte. Dass es nun auch noch bestimmte Tage gibt, wo alles noch mal billiger ist. Der Wert eines Artikels wird damit immer weiter verwässert. Am Ende weiß keiner mehr, was so ein Artikel eigentlich kosten darf und muss, wenn an Black Friday Artikel zu 50 Prozent und noch mehr reduziert werden. Wir haben uns noch nie daran beteiligt. In den ersten Jahren haben wir es ignoriert. Seit zwei, drei Jahren versuchen wir bei Maas Natur mit einer Aktion etwas dagegen zu setzen: Zehn Prozent aller Umsätze an diesem Tag spenden wir an soziale Organisationen. In den ersten Jahren fand die Aktion nur in den Läden statt, seit letztem Jahr gilt es auch für den Onlinehandel.

Letztes Jahr kamen knapp 10.000 Euro Spenden zusammen. Wir verdoppeln an diesem Tag nicht unseren Umsatz, so wie andere Hersteller, die sich an Black Friday beteiligen, aber wir haben auch einen kleinen Anstieg der Umsätze verzeichnet. Der Zuspruch unserer Kund*innen ist sehr groß. Es gibt mittlerweile immer mehr Anbieter, die aus diesem Tag etwas Sinnvolles machen wollen. Wir überlegen in Zukunft, uns an diesem Tag mit anderen zusammen zu schließen und gemeinsam Gegenveranstaltungen zu planen, sodass wir irgendwann eine ganze Bewegung sind.

Zum einen wächst das Bewusstsein für Nachhaltigkeit, zum anderen wird aus Fast Fashion gerade Ultra Fast Fashion mit Produktionszyklen von zwei Wochen. Wohin bewegt sich ihrer Meinung nach die Branche in Zukunft?

Ultra Fast Fashion wird immer Käufer*innen finden. Für viele muss es nur hip genug sein, da wird die Frage nach der Produktion nicht gestellt. Mich lässt jedoch hoffen, dass auch wir unsere Zuwächse haben. Der Zuspruch für unsere Produkte steigt. Wir haben in den letzten drei, vier Jahren über 50 Prozent Umsatzwachstum gehabt. Mit Fridays For Future wächst gerade eine Generation heran, die diesen Wahnsinn nicht mehr mitmachen will. Dennoch ist es frustrierend, dass die andere Seite derzeit noch schneller wächst bzw. mehr produziert und mehr konsumiert.

Aber ich kann mir vorstellen, dass irgendwann eine Art Völlegefühl bei den Kund*innen entsteht und ein Umdenken passiert, weil die Leute merken, dass ihre Schränke schon komplett voll sind. Solange keine Gesetze kommen, werden die schlechten Produktionsweisen aber immer noch ihren Erfolg haben.

Vielen Dank, Herr Maas, für Ihre Zeit und den interessanten Einblick.

Fashion Changing News: „nachhaltiges“ Zalando, Petitionsübergabe für faire Mode & Pop-Ups im Dezember

Messe Frankfurt kooperiert mit UN für nachhaltige Entwicklungsziele

Die Nachhaltigen Entwicklungsziele der UN sollen auf den Textilveranstaltungen der Messe Frankfurt (über 50 weltweit) vorgestellt werden. Damit werden über eine halbe Million Fachbesucher erreicht. Erstmals Thema bei einer Veranstaltung der Messe Frankfurt waren die Entwicklungsziele während der NEONYT im Januar 2019 in Berlin. Nun besteht eine Kooperation mit der Conscious Fashion Campaign und dem United Nations Office for Partnerships. Die Conscious Fashion Campaign bringt Akteur*innen der Modeindustrie zusammen, um die Erreichung der Nachhaltigen Entwicklungsziele voranzutreiben. Die Modeindustrie habe einen enormen Einfluss auf die Erreichung der Ziele, so Robert Skinner, Executive Director beim United Nations Office for Partnerships (gegenüber Fashion United). Auch während der Berliner Fashion Week im Januar 2020 werden die Nachhaltigen Entwicklungsziele wieder eine Rolle auf der NEONYT spielen.

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Petitionsübergabe #fairbylaw am 27.11.2019

Nachdem die Berliner Unternehmerin Lisa Jaspers (Folkdays) über 154.000 Stimmen für ihre Petition #fairbylaw gesammelt hat, die ein Gesetz zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht fordert, konnten wir endlich den nächsten Schritt gehen. Am 27. November haben Initiatorin Lisa Jaspers und Fashion Changers als Medienpartnerinnen die Unterschriften gemeinsam mit Aktivist*innen, darunter Fridays For Future und Scientists For Future, sowie Unterstützer*innen und Pressevertreter*innen an die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Arbeit und Soziales, Kerstin Griese (SPD), übergeben.

In den Redebeiträgen erinnerten Lisa Jaspers und Nina Lorenzen (Fashion Changers) an den Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD, der ein Gesetz vorsieht, sollten die Ergebnisse der derzeitigen Überprüfung von 500 deutschen Unternehmen zeigen, dass eine freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen nicht ausreicht. „Fehlende Transparenz kostet Leben. Und Freiwilligkeit kostet Zeit und wir haben keine Zeit. (…) Wir stehen hier als wachsame Bürger*innen vor Ihnen, um Sie als Entscheidungstragende an Ihre ökologische und menschenrechtliche Verantwortung in einem unnachhaltigen und unfairen Wirtschaftssystem zu erinnern“, schloss Nina ihre Rede ab. Wir freuen uns, dass wir mit dem BMAS endlich einen politischen Treiber dieses Gesetzes auf unserer Seite haben. Gleichzeitig wissen wir, dass wir jetzt – mehr als vorher – Druck machen müssen, damit ein solches Gesetz auch Realität wird und die 153.000 Stimmen weiterhin gehört werden. Denn eines wurde bei der Übergabe auch klar: Die Zukunft eines Gesetzes zur unternehmerischen Sorgfaltspflichten ist noch ungewiss.

Der Klimastreik vom 29.11.2019

Am 29.11. haben Zehntausende in Berlin erneut für das Klima gestreikt und sind auf die Straße gegangen – viele weitere auch in anderen Städten. Unter dem Motto #NeustartKlima forderten sie eine angemessene Klimapolitik, die sich an das Pariser Abkommen hält und äußerten außerdem Kritik am aktuellen Klimapaket der Regierung, das während der Demonstrationen häufig als „Klimapaketchen“ bezeichnet wurde. In Berlin wurden die Demonstrationen unter Anderem auch von prominenten Musikern wie Seeed unterstützt, die ohne Gage auftraten. Außerdem kam in Berlin auch zur Sprache, wie wichtig die Betrachtung der Modeindustrie beim Klimaschutz ist: Fashion Changers-Co-Gründerin Jana hielt einen Redebeitrag (nachzusehen auf @fashionchangers).

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Wird Zalando nachhaltig?

Zalando versieht seit Kurzem Produkte mit dem Wort „Nachhaltigkeit“. Außerdem gibt es eine Filterfunktion, mit der sich Online-Shopper*innen direkt die Kleidung anzeigen lassen können, die laut Zalando nachhaltig sind. Diese Kategorisierung verwirre mehr als dass sie Klarheit schaffe, so das Handelsblatt. Anstatt die Suche nach nachhaltiger Mode wirklich einfacher zu machen, wirft Zalando hier eine neue, willkürliche Kategorisierung dessen auf den Markt, was Nachhaltigkeit bedeutet. So gelten beim Online-Riesen nämlich schon solche Produkte als „nachhaltig“, die nur eine von vielen Anforderungen erfüllen. So werden beispielweise Produkte ausgezeichnet, die nur zum Teil recyceltes Material verwenden. Hier lässt sich berechtigterweise die Frage stellen, ob dieser Schritt von Zalando nicht sogar schädlich ist, da er Verwirrung stiftet, was Nachhaltigkeit bedeutet und somit zur Verwässerung des Begriffs beiträgt.

Olympia 12/06/2020

Am 21.11. startete das Crowdfunding „12/06/2020“, das 60.000 bis 90.000 Menschen im Olympiastadion versammeln soll, um gemeinsam Petitionen zu den Themen Klimakrise und soziale Ungerechtigkeit zu unterschreiben. Es soll ein Gefühl der gemeinschaftlichen Aktivierung entstehen, zusammen etwas für Klimaschutz und Gerechtigkeit tun zu können. Initiator der Kampagne ist das Berliner Unternehmen einhorn. Das Projekt zieht seit der Liveschaltung der Crowdfunding-Kampagne sehr viel Aufmerksamkeit auf sich und so wurde auch bereits Kritik bezüglich der hohen zu finanzierenden Summe und den Motiven laut. Anfangs würde die Veranstaltung als Bürger*innenversammlung bezeichnet, davon distanzieren sich die Initiatoren aber mittlerweile. In einem ausführlichen FAQ geht einhorn-Gründer Waldemar Zeiler auf die Kritik ein. Aktuell hat das Projekt über 500.000 Euro von 1,8 Millionen eingesammelt. Die Kampagne läuft noch bis zum 24. Dezember.

Disrupting Black Friday

Die Fotografin Cherie Birkner, die außerdem die Online-Plattform Sustainable Fashion Matterz bespielt, hat gemeinsame Sache mit Tainá Guedes (Gründerin Food Art Week), Lydia Maurer (Gründerin PHYLYDA) und Camila Soares (Executive Media Producer) gemacht und eine Anti-Black-Friday-Kampagne ins Leben gerufen. Die Idee: anstatt Rabatte auf die aktuellen Kollektionen anzubieten, sollen Modelabels viel eher Produkte aus früheren Saisons, Samples oder Teile mit kleinen Makeln günstiger anbieten. Auf diese Art findet ungenutzte Kleidung neue Besitzer*innen und Modelabels können Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ohne am Rabattwahn teilzunehmen. Begleitet wird die Kampagne von kreativen Fotos, die unseren Überkonsum zum Thema machen.

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Mehrere Pop-Up-Shops im Dezember

In Vorbereitung auf die Weihnachtszeit kündigen viele Labels und Brands Pop-Up-Shops an. Das Prinzip: einen zeitlich begrenzten Shop schaffen, in dem verschiedene Brands verkauft werden – meistens kleine Labels oder Marken, die vor allem lokal bekannt sind.

Das sind die schönsten Pop-Up-Shops im Dezember:

Ode an die Freunde – Der Slow Pop-Up-Shop von Dzaino findet vom 30. November bis 14. Dezember in der Heinrich-Heine-Straße 36 in Berlin statt. Mit dabei sind u.a. Kluntje, Almost 30, New Kids In The Hood und hejhej-mats. Außerdem gibt es auch Special Events wie z.B. ein Repair Café am 07. und 08. Dezember.

FOLKDAYS & Friends Pop-up Shops – Das Fair Fashion-Label Folkdays wird gleich an zwei Standorten im Dezember präsent sein. Vom 02. bis 21. Dezember kann man in Berlin schöne, fair produzierte Waren kaufen (Mit dabei z.B. ooshi, people berlin, Sister und Conflictfood). Am 06. und 07. Dezember macht der Pop-up auch in Wien in der Burggasse 24 Halt.

Der Super Fashion Markt – In Köln hat man vom 06. – 08. Dezember die Möglichkeit im Museum für Angewandte Kunst Mode, Schmuck und Accessoires von 40 verschiedenen Labels zu shoppen. Das ist Museumserlebnis, Weihnachtsshopping und Kaffeepause in einem Event vereint.

Fashion Changing News #9: Eine Kapsel, der laute Ruf nach Transparenz und mehr Aktivismus

Mehr Aktivismus und spannende Mode-News! Einmal monatlich tragen wir in den Fashion Changing News zusammen, was sich gerade in der (fairen) Modeszene bewegt und was man nicht verpasst haben sollte. In diesem Monat haben wir schöne Mode-News für euch und natürlich auch einige Entwicklungen in Sachen Klimaaktivismus.

Fashion Changers x Fairnica

News in eigener Sache: Für die Vermietplattform Fairnica haben wir eine Herbstkapsel mit fünf Fair Fashion-Teilen gestylt, die ab sofort gemietet werden kann. Mit der Kapsel LUISE können nach dem Capsule Wardrobe-Prinzip insgesamt 30 Outfits kombiniert werden (zusammen mit eigenen Basics wie Jeans, schwarze Hose, weißes und schwarzes Shirt). Da wir Drei eigentlich einen recht unterschiedlichen Kleidungsstil haben, war es anfangs gar nicht so leicht die Teile zu finden, die für uns alle in Frage kommen.

Umso mehr freuen wir uns jetzt mit richtig tollen Statement Pieces kleine Highlights dabei zu haben. Der Zweiteiler von Jan ’n June steht im Zentrum und wird von einem schönen, rosa Farbklecks in Form eines Rollis von Shipsheip ergänzt. Dazu gibt es noch einen schlichten, schwarzen Wickelrock von esthétique, der im Prinzip zu allem kombiniert werden kann und eine kuschelige Samtjacke in einem warmen Herbst-Rot von Lana Organic. Die gesamte Kapsel kann für 1 bis 3 Monate ausgeliehen werden. Alle Outfitkombinationen könnt ihr euch online bei Fairnica ansehen.

Hallo Luise! Der Herbst wird farbenfroh. Foto © Emilie Elizabeth

Neue Petition für mehr Transparenz in der Lieferkette

Einen Tag nach dem Launch des Grünen Knopfs, dem ersten staatlichen Textilsiegel, haben 17 zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter Brot für die Welt, INKOTA und BUND, eine Kampagne für ein Lieferkettengesetz lanciert. Der Transparenz halber: Die Petition fordert einen gesetzlichen Regelrahmen für Unternehmen, wie es auch die von Lisa Jaspers initiierte Kampagne #fairbylaw tut. Auch wenn beide Petitionen dasselbe wollen, ist es wichtig, beide zu unterschreiben, insofern man ein Ende der unternehmerischen Sorgfaltspflicht möchte. Der Druck auf die Politik, ein Gesetz zu diskutieren, wird so auf jeden Fall deutlich erhöht.

Das Klimapaket der Bundesregierung ist da

Das Klimakabinett hat in der Nacht vom 19. auf den 20. September getagt und ist zu einem Ergebnis gekommen. Am Tag des globalen Klimastreiks, als allein in Berlin 270.000 Menschen für mehr Klimaschutz und politische Lösungen auf die Straßen gingen, brachte das Kabinett einen Vorschlag eines Klimapakets auf den Weg, das unter Klima- und Umweltschutzaktivist*innen für Unverständnis sorgt. Die angestrebten Maßnahmen sind nach Aussagen von Klimaschützer*innen, Wissenschaftler*innen, Fridays For Future, aber auch von Politiker*innen aus den eigenen Reihen der CDU und SPD, viel zu lasch, viel zu langsam und zu wenig innovativ.

Ein Teil der Maßnahmen im Überblick:

  • 10 Euro pro Tonne CO2 im Sektor Verkehr und Wärme ab 2021, mit jährlicher Erhöhung
  • Senkung der EEG-Umlage um 0,25 Cent pro kWh ab 2021
  • Anhebung der Pendlerpauschale ab dem 21. Kilometer auf 35 Cent bis Ende 2026
  • Erhöhung des Wohngeldes um 10 Prozent
  • Steuerliche Förderung energetischer Sanierungsmaßnahmen, auch Einzelmaßnahmen wie Heizungstausch und Dämmung
  • Bundesförderung für effiziente Gebäude
  • Förderung der seriellen Sanierung im Gebäudebereich
  • Austauschprämie für die Erneuerung von Ölheizanlagen (Förderanteil: 40%)
  • Ausbau der Ladesäuleninfrastruktur für die Elektromobilität mit Förderungen bis 2025
  • Steuerbefreiung von Elektrofahrzeugen bis 2025 verlängert
  • Kaufprämie für Elektro-, Hybrid- und Wasserstofffahrzeuge verlängert
  • ab 2021 1 Milliarde Euro jährlich für den Ausbau des ÖPNV, ab 2025 2 Milliarden Euro jährlich
  • Ausbau von Radwegen
  • Investition von 86 Milliarden Euro von Bund und Deutscher Bahn bis 2030 für den Ausbau und die Erneuerung des Schienennetzes
  • Konsequent CO2-bezogene Reform der Kfz-Steuer
  • Senkung der Mehrwertsteuer im Fernverkehr von 19% auf 7% ab 2020
  • Ausbau des Ökolandbaus (Anm. d. Red.: Generell steht beim Landwirtschaftspart sehr wenig bis gar nichts)

Alle Maßnahmen und weitere Beschlüsse findet ihr in dem Klimaschutzprogramm 2030 der Bundesregierung, das online einsehbar ist.

Anna Schunck & Marcus Werner erinnern uns daran, dass wir alle im selben Boot sitzen. © Viertel\Vor

Viertel\Vor launcht neue Kampagne

Mit der Kampagne „It’s your Climate, too“ will das Onlinemagazin Viertel\Vor auch die Menschen abholen, die sich bis dato noch nicht so ausführlich mit der Klimakrise beschäftigt haben. Das Mittel der Wahl: ein einfaches, aber wirkungsvolles, Statement-Shirt, das in Zusammenarbeit mit dem Fair Fashion-Label Armedangels entstanden ist. Die limitierte Auflage des T-Shirts war innerhalb eines Tages komplett ausverkauft. Zeitgleich launchte das Viertel\Vor-Duo einen Instagram-Kanal, der das Thema weiter bespielen soll. Wir haben bereits gehört, dass es das nicht gewesen sein soll und sind gespannt, was demnächst passiert.

Zweite Vegan Fashion Week

Mit dem Slogan „Fashion is activism“ startet am 10. Oktober die zweite Vegan Fashion Week in Los Angeles. Die Messe findet auf etwa 4.600 Quadratmetern im Penthouse des California Market statt und beinhaltet Fashion-Shows sowie einen Designer-Showroom mit veganen Marken. Neben des veganen Aspekts liegt der Fokus bei der zweiten Ausgabe auch auf ökologischen Themen. Die Vegan Fashion Week war das erste Format dieser Art weltweit. Die Gründerin – Emmanuelle Rienda – sieht im Veganismus eine große Zukunft für soziale Gerechtigkeit und eine Antwort auf die Herausforderungen, die dem Planeten aktuell gegenüberstehen. Besucher*innen erwarten auch Inhalte zu Circularity, Inklusivität und. Speziezismus. Die Medienaufmerksamkeit war bereits bei der ersten Ausgabe im Frühjahr 2019 sehr groß und das Format könnte ein Beispiel in der Modebranche sein, das Nachahmer*innen findet.

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Luisa Neubauer ruft zu mehr Aktivismus auf

In ihrem ersten TEDx-Talk appelliert Luisa Neubauer an uns, dass wir alle Klimaaktivist*innen werden können. Im Rahmen der TEDxYouth @ München hält Luisa einen fast 20-minütigen Vortrag darüber, was es bedeutet aktiv zu werden und warum heutzutage viel mehr Menschen diese Möglichkeit haben und in Angriff nehmen sollten. Der im Juli gehaltene Talk hat bis dato allein über die offizielle TED-Plattform mehr als 1,2 Millionen Menschen erreicht.

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#FairByLaw – Diese Petition fordert ein Gesetz, das Unternehmen in die Pflicht nimmt

Es ist der 24. April 2019. Seit sechs Jahren einer der wichtigsten Tage innerhalb der fairen Modeszene. Die Bilder des Rana Plaza-Einsturzes 2013 haben sich in unser Gedächtnis gebrannt. Seitdem ist deutlicher denn je klar, dass wir Fairness für alle fordern müssen. Es ist klar, dass Menschenrechte nicht an unserer Landesgrenze aufhören. Es ist klar, dass vor allem Frauen in der Textilindustrie ausgebeutet werden und viele, viele Hände unsere Kleidung unter oftmals menschenrechtsverletzenden Bedingungen nähen.

Das wollen wir nicht länger hinnehmen. Die Fashion Revolution hat längst begonnen. Und dennoch scheint es oft so als würden wir gegen Windmühlen kämpfen, da Politik und Industrie weiterhin auf Durchzug schalten. Wir müssen lauter werden, fordernder und noch klarer in unserer Ansprache an diejenigen, die etwas an der prekären Situation der Bekleidungsindustrie ändern können. Ein wichtiges Tool dafür: Petitionen.

Ein Angehöriger zeigt das Bild einer vermissten Textilarbeiterin nach dem Einsturz von Rana Plaza 2013. © REUTERS/Andrew Biraj

Warum ein Gesetz eine Win-Win-Situation für alle ist

Es ist noch nicht allzu lange her, dass wir mit Lisa Jaspers, Gründerin des Berliner Fair Fashion-Labels Folkdays, über ihre Petition gesprochen haben, die sie 2018 startete. Innerhalb kürzester Zeit unterschrieben etwas mehr als 100.000 Menschen die Forderung eines Gesetzes zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht. Und es wurde einmal mehr deutlich: Die Konsument*innen wollen klare gesetzliche Regelungen. Doch nicht nur sie. Immer mehr Unternehmen, auch aus dem konventionellen Sektor, wollen dieses Gesetz. Denn es würde endlich einen für alle verbindlichen Leitfaden geben, der für alle Akteur*innen geltend ist. So würde nicht nur verhindert werden, dass Menschenrechtsverletzungen und die Missachtung ökologischer Standards innerhalb der Wertschöpfungskette akzeptiert werden. Unternehmen, die bereits faire Arbeitsbedingungen fördern, und dafür auch Geld und Zeit in die Hand nehmen, würden für diese positiven Absichten im Wettbewerb nicht länger benachteiligt werden. Während Unternehmen, die Menschenrechtsverletzungen begehen, Vorteile aus ihren Geschäftspraktiken ziehen. Das ist doch Irrsinn.

Man möchte also meinen, ein Gesetz zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht stellt für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation dar. Dennoch gibt es noch immer zu wenig ernsthafte, politische Bestrebungen dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Für uns ist klar: Der Druck muss erhöht werden. Wir – die Zivilgesellschaft, Unternehmen und Konsument*innen – müssen den Politiker*innen zeigen, dass es uns Ernst ist und wir Fairness für alle fordern.

Deswegen geht die Petition von Lisa Jaspers anlässlich des sechsten Jahrestags von Rana Plaza in die zweite Runde. Wir rufen alle dazu auf, die Petition zu unterzeichnen und unter dem Hashtag #fairbylaw zu verbreiten. Zeigt sie euren Freund*innen, der Familie und Arbeitskolleg*innen. Man muss noch nicht mal stark engagiert im Fair Fashion-Bereich sein, um dies zu tun. Es reicht, Fairness für alle zu wollen. Egal, ob man das schon lebt oder nicht. Wichtig ist deine Stimme. Nutze sie jetzt.

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Das Ende der freiwilligen Selbstverpflichtung für deutsche Unternehmen

Eine verbindliche Regelung zu unternehmerischen Sorgfaltspflichten, die international wirksam sind, gilt bisher – trotz vereinzelter Bemühungen u.a. durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) – als politisch nicht durchsetzbar. Zumindest nicht in Deutschland.

Frankreich hingegen verabschiedete vorletztes Jahr ein bahnbrechendes Gesetz über unternehmerische Sorgfaltspflichten. Das so genannte „Loi relative au devoir de vigilance des sociétés mères et des entreprises donneuses d‘ordre“ ist in seiner Bedeutung und Tragweite für die Menschenrechte in der Textilindustrie einzigartig. Denn das neue Gesetz verpflichtet französische Unternehmen dazu, mit angemessenen Maßnahmen, Menschenrechts- und Umweltrisiken zu identifizieren und diesen vorzubeugend entgegenzuwirken, sowie öffentlich Rechenschaft darüber abzulegen. Kommen sie dem nachweislich nicht nach und missachten Menschenrechte entlang der Wertschöpfungskette, haften sie unter bestimmten Bedingungen. Frankreich zeigt, was möglich ist.

Jetzt ist es an Deutschland, nachzuziehen – und sich nicht länger hinter unverbindlichen Textilbündnissen und Aktionsplänen zu verstecken, die am Ende nur auf die freiwillige Selbstverpflichtung von Unternehmen abzielen. Wir brauchen in Deutschland ein Gesetz, das Unternehmen für Umwelt- und Menschenrechtsverletzungen haftbar macht, wenn diese ihre unternehmerische Sorgfaltspflicht im Ausland vernachlässigen.

Mit der Unterzeichnung der Petition reihst du dich neben vielen prominenten Unterstützer*innen in die Riege der nach Fairness rufenden Konsument*innen ein. Wichtige und laute Unterstützer*innen sind zum Beispiel Madeleine Alizadeh von Daridaria, Anna Schunck von dem Onlinemagazin VIERTEL/VOR, Dr. Miriam Saage-Maaß von ECCHR, Aktivistin Kübra Gümüşay, Autorin Margarete Stokowski, Influencerin & Body-Image-Aktivistin Melodie Michelberger, die Musikerin MOGLI, Schauspielerin Maria Ehrich, Mary Scherpe von Stil in Berlin, Nike van Dinther und Sarah Gottschalk von This is Jane Wayne, die einhorn-Gründer Philip Siefer und Waldemar Zeiler, die Aktivisten Raul Krauthausen und Shai Hoffmann, Grünen-Politikerin Renate Künast, Köchin Sophia Hoffmann sowie die Influencerinnen Victoria van Violence und Wana Limar.

Hast du schon unterschrieben?

Weitere Informationen zur Petition und Material zum Teilen findest du hier.

 

Titelbild: © dasprogramm