Können wir mit
Social Media die Welt verändern?

Die Frage ist bewusst suggestiv gestellt. Dass wir das können, wird in Zeiten, in denen eine internationale Massenbewegung von einem schwedischen Schulkind angestoßen wird und sogenannte Influencer*innen auf digitalen Plattformen Millionen Follower*innen um sich scharen, niemand bei klarem Verstand bezweifeln.

Über Sinn und Zweck des Influencer-Begriffs wurde und wird viel gestritten – die Debatten sind noch lange nicht beendet. Mit guten Argumenten nehmen einige Medienschaffende Abstand von der Bezeichnung und der damit verbundenen negativen Konnotation der Publikumsmanipulation.

Social Media als Werkzeug

Einigen Politiker*innen ist scheinbar mehr als unheimlich, dass, und wie, diese neue Form der weltweiten Vernetzung funktioniert. Und dass sie professionell ablaufen kann.

“Ich bin für Realitätssinn. Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis.”  Christian Lindner zur Bild am Sonntag.

Das Zitat löste den zu erwartenden Shitstorm in den sozialen Medien aus. Fest steht aber, dass die Fridays for Future-Bewegung, auf die Christian Lindner (FDP) sich bezieht, ein Musterbeispiel für die Kraft von sozialen Medien ist: Innerhalb weniger Wochen haben überwiegend junge Menschen es geschafft, mithilfe von Plattformen wie Facebook, Instagram und Co. riesige Menschenmassen im Dienste eines spezifischen Anliegens zu mobilisieren. Mit rund 50 Prozent stellt die Altersgruppe der 18-34 Jährigen auch den Löwenanteil der Nutzer*innen.

Um konkret zu werden: Auf der bislang größten internationalen Demonstration gegen den Klimawandel (bzw. gegen die politische Untätigkeit, was Klimaschutzambitionen anbelangt) am 15. März 2019 gingen nach Angaben des Klima-Aktions-Bündnisses 350org rund eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt auf die Straße. Diese Zahl hat historische Dimension. Und sie wäre nicht ohne die Funktion von Likes, Shares und Kommentaren – und Menschen, die wissen, wie man mit ihnen umzugehen hat – erreicht worden.

 

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Social Media ist ein Werkzeug. Es bietet uns Plattformen, die auf unterschiedlichste Weise genutzt werden können. Die Bilder- und Video-Feeds dieser Welt zeigen uns jeden Tag aufs Neue, wie das unter anderem eben in Form von aktivistischen Statements, aber auch von Katzenvideos, Food-Fotografie, verwackelten Amateuraufnahmen bei Polizeiübergriffen und Interior-Fotos passieren kann.

Bespielt werden alle erdenklichen Bereiche, die Menschen interessieren und daher eine Existenzrelevanz besitzen – von Video-Reihen, die thematisieren, wie man zum*zur perfekten Grillmeister*in wird über Make-Up-Tutorials, die fünf Stunden umfassen und aus dir visuell einen komplett neuen Menschen machen, bis hin zur Anleitung, wie man eine Menstruationstasse einführt oder den eigenen Garten möglichst Zen kompatibel gestaltet.

Und auch, wenn das auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist, weil es hinter einer wohlarrangierten Fassade verborgen wird: Alle Fäden laufen beim Politischen zusammen. Alles (wirklich alles), was wir auf Social Media konsumieren – ja, sogar die Art, wie wir es konsumieren – ist politisch.

“Das Private ist politisch.”

Dass die Theorie von der Politik der ersten Person, die die sogenannte zweite Frauenbewegung Ende der 70er Jahre zum Kern ihres politischen Konzepts machte, zutrifft, machen unsere Social Media-Feeds jeden Tag mehr als deutlich.

Indem wir uns Bilder von glücklichen Menschen an glücklichen Orten mit anderen glücklichen Menschen und glücklichen Tieren und glücklichen Körpern, Wohnungen und Dingen anschauen, verändern wir unseren Blick auf uns selbst und die Welt.

Soweit, so trivial. Der Punkt an dieser Sache: Wenn sich unser Blick verändert, verändert sich nichts weniger als die Form, wie wir mit der Welt interagieren – wer wir sind. Denn ein Blick ist niemals nur passiv. Er fordert – provoziert manchmal sogar – Aktionen, Bewegung, setzt Dinge in Gang. Oder sorgt dafür, dass sie stillstehen.

Als “zoon politikon” (Hello Aristoteles!) sind wir nicht nur auf Kommunikation ausgelegt und angewiesen (es sei denn, wir leben in der berüchtigten Hütte im Wald) – wir werden durch sie geformt. Unsere Identität ist, das wusste nicht zuletzt Simone de Beauvoir, eine, die sich auch und vor allem auf die Gemeinschaft und das Politische in ihr beruft.

Social Media funktioniert deshalb so gut, weil es an diesen menschenursprünglichen Eigenschaften und dem damit zusammenhängenden Bedürfnis nach Bestätigung ansetzt. Die Drähte sind kurz wie nie und laufen nicht mehr nur heiß. Sie sind einem Dauerfeuer ausgesetzt. Nicht umsonst wird die Theorie vom Internet als intersubjektives Gehirn, vor allem in der Philosophie, immer wieder stark diskutiert.

Kommunikation in Echtzeit. Scheinbar waren sich Massen von Menschen nie so nah wie heute. Social Media ist Mittel zur Organisation von Demonstrationen rund um den Globus, Tierrettungsaktionen, Spendenaufrufen, Werkzeug für Solidarisierung, Teilhabe, Unterstützung.

Die Frage ist nicht, ob Social Media die Welt verändert hat, sondern, wie es die Welt noch verändern wird. Und das ist ja auch alles gut und schön. Wie aber gehen wir mit problematischem Content um, der massenhaft über die Knotenpunkte sozialer Netzwerke geteilt wird?

Nicht alle, die im Internet etwas teilen, verfolgen damit eine positive Absicht. Foto: © Robin Worrall/unsplash.com

Massenpublikum für Impfgegner*innen, Rechtsextreme und Ernährungsfanatiker*innen

Die Beispiele, die bisher im Text gefallen sind, waren fast ausschließlich positiver Natur. Oder zumindest augenscheinlich so harmlos, dass man dem Treiben höchstens mit gerümpfter Nase zuschaut, aber nicht ernsthaft besorgt ist – nicht um andere Menschen oder Tiere und auch nicht um die Zukunft unseres Planeten. Katzenvideos sind gut für die Psyche und auch schöne Wohnungen gucken wir uns alle gerne an. Schöne Menschen sowieso.

Wie sieht es aber bei Inhalten aus, die eine offensichtliche Bedrohung für andere Menschen darstellen – indem sie etwa die eventuelle Naivität oder Nicht-Informiertheit anderer Internetnutzer*innen missbrauchen? Vielleicht sogar, um damit noch Profit zu erwirtschaften.

Beispiele dafür gibt es zur Genüge:

Subtile Vermittlung problematischer Inhalte

Etwas weiter oben habe ich die These aufgestellt, dass die ersten Beispiele für Einflussnahme via Social Media harmloser Natur seien (wir erinnern uns an Grillmeister*in, Interior-Posts und Make-Up-Tutorials). Spätestens, als dann der Zusatz “Das Private ist politisch” hinterhergeschoben wurde, hätten bei uns alle Alarmglocken gleichzeitig klingeln dürfen.

Denn das sowohl Bemerkenswerte als auch latent Perfide, das die sozialen Medien auszeichnet, ist nicht nur in der Durchdringung der privaten Lebensräume der Follower*innen zu suchen. Sondern auch in der Art und Weise, wie alternative Lebensrealitäten und -möglichkeiten sich in unseren Alltag schleichen, in unsere privatesten Räume.

Das tun sie nämlich nicht selten höchst subtil. Vor allem demokratie- oder wissenschaftsfeindliche Kanäle vermitteln ihre Botschaften in der Tonlage, die kennzeichnend für Social Media ist und ihre jeweiligen Stars so erst hervorgebracht hat: der Lifestyle-Schiene.

„Die zahlreichen [rechtsextremen] Projekte aus dem Umfeld schmücken sich mittlerweile nicht mehr mit dem IB-Symbol [Symbol der rechtsextremen Identitären Bewegung] und wirken auch sonst auf den ersten Blick eher popkulturell als rechtsextrem. Besonders für junge Menschen ist es daher schwer, die tatsächliche Absicht solcher rechtsextremen Accounts auf Anhieb zu erkennen.“ Samira Alshata, Belltower News

Der Schlüssel zu Social Media: Sympathie

Durch die Hintertür, und immer mal wieder in zwischengeschobenen Blöcken, werden die eigentlichen Inhalte, die als Gesamtkonzept hinter dem scheinbar individuellen Gesicht stehen, vermittelt. Durch parasoziale Mechanismen (wir meinen, eine Person zu kennen, obwohl das gar nicht der Fall ist) bringen wir dem*der Vermittler*in der Botschaft Sympathie entgegen. Und wer uns sympathisch ist, dem sind wir eher geneigt zu glauben. Gerne auch vollkommen unreflektiert.

Nicht umsonst ist der Schlüssel für erfolgreiches Influencer-Marketing, und für Marketing generell, Authentizität. Wobei diese beiden Komponenten sicherlich auch in gegenseitig verstärkender Wechselwirkung stehen: Wer uns sympathisch ist, erscheint uns gleichzeitig authentisch. Und wer authentisch ist, wirkt sympathischer. Und diese Mechanismen greifen nicht erst, wenn es um Rechtsextremismus geht.

Sie greifen bereits bei häuslich-moderner Biedermeier-Feed-Idylle und dem Vorleben eines Jetset-Hotel-Lifestyles. Beim Vorleben eines jeden Lifestyles. Das, was wir zeigen und von irgendjemandem auf dieser Welt gesehen werden kann, hat das Potenzial, andere Menschen zu beeinflussen. Oder nutzen wir doch diesen umstrittenen Wortstamm: zu influencen.

Was wir ins Netz stellen, beeinflusst – bewusst oder unbewusst – andere User*innen. Foto: © Marten Bjork/unsplash.com

Jedes Foto ist ein politisches Voting

Sobald das erste Foto für die Öffentlichkeit gepostet ist, befinden wir uns streng genommen in einem politischen Raum, haben ein Voting abgegeben. Für Fliegen oder dagegen. Für dieses Hotel (das diese und jene Werte vertritt). Für jenes Produkt. Diesen Sport. Jene Marke. Diese spezielle Ernährungs- oder Konsum-Form. Alles immer und zu jeder Zeit mit den entsprechenden politischen Konsequenzen.

Das Gute an der Geschichte: Das funktioniert für alle Themen und Interessenvertreter*innen. Ob wir uns gegen Menschenrechtsverletzungen, für einen nachhaltigeren und fairen Konsum, gegen Einwegplastik, Rassismus und Antisemitismus und für mehr Frieden, Gerechtigkeit und Gleichheit stark machen: Wir haben den Werkzeugkasten vor uns stehen, wir müssen ihn nur öffnen.

Wir als Konsumierende und Medienschaffende (gleichzeitig) können uns dieselben Mechanismen zunutze machen wie jene, die Risikothemen behandeln und problematische bis gefährliche Botschaften in die Welt senden.

Was können wir tun?

Das Internet zu zensieren, kann nicht die Lösung sein. Denn nicht erst beim angedrohten (und jetzt auch beschlossenen) Artikel 13, der in Form von Uploadfiltern nichts anderes als die Selektion von Online-Inhalten zur Folge hätte, wird deutlich: Das Netz muss unbedingt der freie Ort bleiben, als das es ursprünglich konzipiert wurde. Das Recht auf freie Meinungs- und Informationsfreiheit ist verfassungsgemäß eine der Säulen unserer Demokratie. Und das ist gut so. Die Frage, wo Äußerungen nicht mehr nur problematisch, sondern menschenrechts- und damit demokratieverachtend sind, ist eine, die die Gemüter spaltet und an dieser Stelle nicht beantwortet werden kann und soll.

Was sich ändern bzw. verbessern muss, ist die Kompetenz der Konsument*innen von medialen Inhalten – auch und gerade den digitalen. Inhalte, die sich tagtäglich in unser Leben ergießen, auf Stichhaltigkeit zu überprüfen und ihre Glaubwürdigkeit ebenso wie die eigentliche Intention hinter Profilen auf Social Media einschätzen zu können, wird zunehmend eine Aufgabe, die nicht nur Menschen, die sich professionell mit Medien beschäftigen, bewältigen müssen.

In Zeiten, in denen ein Mensch mit einer Botschaft Millionen erreichen kann, ist jede*r von uns gefragt, vor dem reflexhaften Sharen und Liken reflektierend einen Moment innezuhalten (und im Fall des Falles zu recherchieren).
Gerade bei stark emotionalisierten Themen sollten wir uns die Frage stellen: Wer will mich hier eigentlich gerade zu was bewegen. Und warum?

Social Media kann nicht nur die Welt verändern – es hat sie bereits verändert und ist genau in dieser Sekunde dabei, es weiterhin zu tun. Ob das zum Positiven oder Negativen geschieht, liegt nicht unwesentlich in unserer Hand: Sobald wir die entsprechenden Apps und Websites nutzen, haben wir die Möglichkeit zu partizipieren, an unserer Version einer bestmöglichen Zukunft. Da kann jeder konstruktive Kommentar, jedes unterstützende Like für eine gute Sache, jede digitale Stellungnahme gegen rassistischen, populistischen und allgemein problematischen, weil falschen (Stichwort: Fake News) Content, jede geteilte Petition helfen – kann ein Anfang und ein Beitrag sein.

Lassen wir dieses Potential nicht ungenutzt.

Titelbild: © Alice Donovan Rouse/unsplash.com; Vorschaubild: © Elena Koycheva/unsplash.com

Jenni war schon immer neugierig auf das, was die Welt hinter ihrem Erfahrungshorizont ausmacht. Einfache Antworten machen sie misstrauisch. Denn die gibt es selten. Jenni findet, dass wer wir sind und sein wollen, eng damit zusammenhängt, wie wir die Welt formen und vice versa. Sie schreibt und setzt ihre Stimme aus der Überzeugung dafür ein, dass sich das gute Leben für möglichst viele Menschen erfüllt. Das macht Jenni als Bloggerin auf Mehr ist Grünzeug, als Instagrammerin, Vortraghaltende, Alltagsinspiration und hoffentlich-bald-Buchschreibende.

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