Plastikfrei leben

Plastikfrei einkaufen? Nicht so perfekt, wie du denkst!

Deutschland liebt Verpackungen. Im Gegensatz zum Durchschnitt aller EU-Länder, die jährlich rund 32 kg Verpackungsabfall pro Kopf produzieren, liegt Deutschland mit einer stolzen Zahl von 38 kg Verpackungsabfall pro Kopf deutlich darüber. (Quelle)

Dieser Plastikwahnsinn bleibt natürlich nicht ohne Folgen: Rund 10 Millionen Tonnen Plastik befinden sich mittlerweile in den Meeren und wird von Meeresbewohnern und anderen Tieren mit Nahrung verwechselt. Mit Plastik im Magen verhungern viele von ihnen. Laut der Deutschen Umwelthilfe sind mittlerweile sogar schon mehr als 663 Tierarten betroffen. (Quelle)

Dass es so nicht weitergehen kann, sieht auch die Politik ein. Die EU-Kommission hat im Dezember 2018 ein Gesetz verabschiedet, welches ab 2021 Einweggeschirr wie Plastikbesteck, Pappbecher, Plastik-Strohhalme oder Lebensmittelbehälter aus Plastik verbietet. Ein erster Schritt. Auch unsere Gesellschaft stört sich immer mehr an dem Verpackungswahnsinn. Plastikfrei zu leben ist mittlerweile ein Trendthema geworden. Immer mehr Menschen möchten auf Plastik verzichten und auf alternative Verpackungen wie beispielsweise Glas umsteigen. Spürbar ist diese Entwicklung einerseits durch die Zero Waste-Bewegung und neue Unverpackt-Läden, andererseits aber auch durch Petitionen an den Deutschen Bundestag, die dazu aufrufen, ein erweitertes Verpackungsgesetz hinsichtlich einer Reduzierung der Verwendung von biologisch nicht abbaubaren Verpackungen im Lebensmittelsektor umzusetzen.

Plastikfrei einkaufen

Ziel: plastikfreier Lebensstil

Die Vorteile eines plastikfreien Lebens sind schnell nennbar. Durch einen geringeren Plastikverbrauch kann im Idealfall auch weniger Plastik in die Meere, Natur und den menschlichen Organismus gelangen.

Besonders problematisch ist Plastik, wenn es sich in kleine Teile unter fünf Millimeter zersetzt – wir reden dann von Mikroplastik. Es entsteht, indem sich größere Plastikteile im Meer oder der Natur durch das Einwirken Wasser oder Sonne langsam zerkleinern. Bei dieser kleinen Größe ist das Plastik kaum mehr sichtbar. Doch Mikroplastik entsteht nicht nur durch die Zerreibung von größeren Plastikteilen, es kann sich auch beim Waschen von Kleidung herauslösen oder in Kosmetika als Inhaltstoff zugesetzt sein. Kleidungsstücke aus Polyester sollten daher immer in einem Wäschenetz mit Mikoplastik-Filterfunktion (wie dem Guppyfriend) gewaschen werden. Bei Kosmetika ist eine Umstellung auf Naturkosmetik sinnvoll, da bei Naturkosmetik Mikroplastik nicht erlaubt ist.

(Übrigens: Plastik finden wir mittlerweile auch im menschlichen Organismus. Das haben vor kurzem erst Forscher bei einer Pilotstudio in Österreich herausgefunden. Wie genau sich Plastik auf den menschlichen Organismus auswirkt, wurde allerdings noch nicht herausgefunden. (Quelle) )

Weniger Plastik zu verbrauchen oder es ganz zu vermeiden, finde ich folglich ein sehr nachvollziehbares Bestreben. Immer wieder begegnen mir aber Situationen, in denen die plastikfreie Wahl ebenfalls hinterfragt werden sollte.

Wie sinnvoll sind Verpackungsalternativen wirklich und bringen sie vielleicht nicht sogar noch weitere Probleme und Umweltfolgen mit sich?

Bio-Gurke oder plastikfrei – im Supermarkt muss man sich entscheiden

Wer kennt das Dilemma nicht: Die in Plastik verpackte Bio-Gurke liegt neben der konventionellen. Die ist dafür aber plastikfrei. Und obwohl die verpackungsfreie Alternative ein gutes Gewissen hinterlässt, unterstützen wir die konventionelle Landwirtschaft mit ihren Umweltfolgen, wenn wir uns für sie entscheiden.

Darunter fallen die Schadstoffbelastung von Luft, Boden und Wasser; eine zunehmende Erosion und Verdichtung der Böden; ein Artenschwund bei Pflanzen und Tieren sowie ein hoher Energie- und Rohstoffverbrauch. (Quelle)

Grund dafür ist unter anderem der Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden oder leicht löslichen Mineraldüngern. Der Einsatz von Pestiziden erfolgt auf Kosten von Mensch und Natur. Die Rückstände von Pestiziden können auch als Nervengifte auf den Menschen wirken.

Die leicht löslichen Mineraldünger der konventionellen Landwirtschaft stehen nicht besser da. Durch diese Mineraldünger gelangt zu viel Nitrat auf die Felder und in das Grundwasser, welches wir später als Leitungswasser zu uns nehmen. (Quelle) Die ökologische Landwirtschaft kommt ohne chemische Pestizide aus und stellt eine gesündere Alternative für Böden, Gewässer und uns selbst dar.

Mein Tipp: Für die Vermeidung von Plastikverpackungen bei ökologischen Produkten setze ich auf lokale Wochenmärkte, welche nicht nur den regionalen Nachhaltigkeitsaspekt beinhalten, sondern auch das Obst und Gemüse frisch und verpackungsfrei anbieten.

Das nicht sichtbare Problem der Glasalternative: die Ökobilanz

Für ein plastikfreies Leben greifen viele auf Glasverpackungen zurück. Glas erscheint uns meist nachhaltiger, da es leicht recycelbar ist. Recycelbar ist Glas tatsächlich oft und lässt sich durch Einschmelzen immer wieder zu neuen Produkten verarbeiten. Jedoch werden für den Schmelzprozess über 1000°C benötigt, was die CO2-Emissionen und die damit verbundene Ökobilanz von Glas ziemlich in die Höhe treibt.

Die Ökobilanz wird aber am Ende durch zwei Komponenten berechnet. Zunächst werden alle relevanten potenziellen Schadwirkungen auf die Umwelt wie Boden, Luft und Wasser berechnet und als zweitens alle Stoffströme, die beispielsweise den Rohstoffeinsatz und die Emissionen aus Vor- und Entsorgungsprozessen beinhalten. Die zwei Komponenten werden nochmals in Wirkungskategorien wie beispielsweise dem Treibhausgaseffekt, fossilen Ressourcenverbrauch und weiteren unterteilt. Diese einzelnen Kategorien erhalten eine ökologische Priorität. Laut einer Analyse der Genossenschaft Deutscher Brunnen eG sind Glas- und PET-Mehrwegflaschen immer den Einwegflaschen in den einzelnen Wirkungskategorien überlegen. Allerdings ist in vielen Kategorien die Mehrweg-PET-Flasche „besser“ als die Mehrweg-Glasflasche. Das IFEU-Institut ist nach ihrer Ökobilanz-Analyse zu dem Ergebnis gekommen, dass zwar Mehrweg immer umweltfreundlicher ist als Einweg, die PET-Mehrwegflasche mit einem Inhalt von 1,5 Litern allerdings am besten in der Klimabilanz abschneidet. (Quelle)

Es liegt daher in unserer Verantwortung alle Verpackungen – auch wenn es Glas ist – weiterzuverwenden und zu versuchen so wenig wie möglich Einweg-Verpackungen, zu produzieren. Das bedeutet auch, zum Beispiel größere Behältnisse zu kaufen, um dann wenigstens nur ein Behältnis zu brauchen und nicht mehrere. Kann der Kauf von einem Glas nicht vermieden werden, können wir ebenfalls darauf achten, dass die Transportwege kurz gehalten wurden.

Mein Tipp: Einen kurzen Transportweg können wir ermöglichen, indem wir regionale Produkte kaufen und lokale Bauern unterstützen. Durch den Kauf regionaler Produkte unterstützen wir daher lokale Bauern und reduzieren durch kürzere Transportwege Schadstoffemissionen.

Bio-Plastik als alternative Verpackung

Plastik hat viele Eigenschaften, die sowohl Verbraucher*innen als auch Produzent*innen schätzen: Es ist leicht, gut formbar und einfach einzusetzen. Es liegt also nahe eine alternative, aber ähnliche Verpackung zu nutzen. Eine alternative Verpackung könnte „Bio-Plastik“ sein, welches optisch kaum unterscheidbar ist von herkömmlichem Plastik. Bio-Plastik findet aktuell immer mehr Anklang, doch es hat auch seine Tücken.

Zunächst einmal zu dem Begriff, der leider schon etwas falsch verstanden werden kann und oft zu Verwirrungen führt. Das Dilemma beginnt nämlich bei der Vorsilbe „bio”, welche zwei Bedeutungen haben kann. Entweder steht das bio für „biobasiert”, sodass das Material aus nachwachsenden Rohstoffen wie aus Mais oder Kartoffeln besteht. Oder die Vorsilbe steht für die Fähigkeit, dass die Verpackung biologisch abbaubar ist. Die Verpackung aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais oder Kartoffeln muss nicht zwangsläufig biologisch abbaubar sein. Dies gilt auch für den Umkehrschluss: Nicht alle biologisch abbaubaren Verpackungen werden aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. (Quelle)

Mit bloßem Auge ist der Unterschied für uns nicht erkennbar. In so einem Fall müssen wir uns auf die Angaben und Begrifflichkeiten der Verpackung verlassen.

Doch wie umweltfreundlich sind diese Alternativen wirklich?

Das biobasierte Plastik stellt sich laut Umweltbundesamt leider nicht als umweltfreundlichere Verpackung als herkömmliches Plastik heraus. Die nachwachsenden Rohstoffe wie Mais, Kartoffeln oder Zuckerrohr bringen schädliche Umweltfaktoren mit sich, da beim Anbau der Rohstoffe Pestizide oder gentechnisch veränderte Organismen zum Einsatz kommen können.

Die wahrscheinlich optimalere Alternative ist die biologisch abbaubare Verpackung. Allerdings treten hier nun auch weitere Probleme auf, da die biologisch abbaubare Verpackung nur unter bestimmten Bedingungen wirklich vollständig zerfällt. Das Umweltbundesamt macht darauf aufmerksam, dass diese Verpackung leider nicht auf den eigenen Komposthaufen gehört, sondern, so wie die herkömmliche Verpackung auch, in den Hausmüll. Die biologisch abbaubare Verpackung schneidet allerdings bei der energetischen Verwertung besser als das herkömmliche Plastik ab, da sich die biologisch abbaubare Verpackung bei der Verbrennung in CO2 und Wasser auflöst.

Plastikfrei leben Gemüse vom Markt

Zusammenfassung

So absurd es klingen mag, ist ein plastikfreies Leben nicht immer nachhaltiger oder ökologischer und bringt einige Tücken mit sich. Davon abgesehen, dass zu einem nachhaltigen Leben schlussendlich sowieso noch mehr Themen wie beispielsweise Mobilität, Mode oder die Ernährungsweise insgesamt eingerechnet werden müssen, sollten wir bei einem plastikfreien Lebensstil in Bezug auf den Lebensmittelsektor auf einige Punkte achten:

  • Mehrweg aus Glas (mit kurzen Transportwegen)
  • Einweg aus Glas weiterverwenden
  • wenn Glas, dann große Behältnisse
  • ökologische Landwirtschaft unterstützen
  • regional/ saisonal einkaufen

Wer mehr auf Plastik verzichten möchte, sollte auf Mehrweg-Glas setzen oder, wenn nicht vermeidbar, Einweg immer weiterverwenden. Ebenfalls können wir auf große Behältnisse setzen, die insgesamt weniger Verpackungsmüll entstehen lassen. Bei der Entscheidung zwischen den verpackten Bio-Lebensmittel und verpackungsfreien konventionellen Alternativen findet täglich immer noch bei vielen im Supermarkt ein Abwägen statt. Die optimale Lösung wäre auf verpackungsfreie Lebensmittel in Bio-Qualität zu setzen, die regional und saisonal sind.

Und selbst die Verpackungsalternativen wie biobasiertes Plastik oder biologisch abbaubare Verpackungen machen es nicht leichter. Da allerdings das biobasierte Plastik nicht umweltfreundlicher ist als herkömmliches Plastik, stellt das biologisch abbaubare Plastik wenigstens keine Gefahr für Tier und Mensch dar. Auch, wenn es am Ende dennoch Müll ist, welcher verbrannt wird, kann dieser immerhin energetisch verwertet werden. Wichtig ist dabei, dass diese Verpackung über den Recycling-Müll und nicht über den Bio-Müll entsorgt wird.

Wie geht’s weiter?

Man merkt: es ist alles andere als einfach und es müssen neue Lösungen her.

Eine innovative Technik ist das „Natural Branding“, mit dem mittels Laserbeschriftung Bio-Lebensmittel von herkömmlichen Obst und Gemüse unterscheidbar sind.

Sogar Logos oder personalisierte Beschriftungen sind mit der Lasertechnik möglich. Umsetzbar ist es auf vielen Lebensmitteln. Neben Obst und Gemüse können auch Backwaren wie Brot oder selbst Fleisch- und Wurstwaren gekennzeichnet werden. Durch diese Verpackungstechnik wäre bei flächendeckender Umsetzung in der Lebensmittelabteilung der Verpackungswahnsinn drastisch minimierbar.

Mit dem Natural Branding sind wir allerdings noch lange nicht am anzustrebenden Ziel. Auch, weil es natürlich nicht alle Verpackungen ersetzen könnte (z.B. feuchte Lebensmittel). Manche Verpackungsforscher lassen sich sogar dazu hinreißen zu sagen, dass in den letzten 30 Jahren kaum etwas passiert ist und wir endlich anfangen müssen, wirkliche Alternativen zu entwickeln. Ein geschlossener Kreislauf entlang der Wertschöpfungskette aller Verpackungen wäre das große Finale, bei dem wir am Ende so wenig Müll wie möglich produzieren. Doch bis dieses Ziel für alle Verpackungen erreicht ist, müssen wir leider noch selbst für Veränderung sorgen.

Welche Erfahrungen und Erkenntnisse konntet ihr bereits zum Thema plastikfrei(er) Leben sammeln?

Titelbild: Laura Mitulla

Lauras Interesse gilt seit Ende 2016 dem nachhaltigen Minimalismus. Im April 2017 launchte sie das Blogazine The OGNC, mit dem sie zeigt, wie vielfältig eine nachhaltige Lebensweise sein kann, und beweist, dass Nachhaltigkeit nichts mit Verzicht zu tun hat.

1 Kommentar

  • Lary
    08/05/2019
    reply

    Ein sehr spannendes Thema, wie ich finde. ich habe mich schon länger gefragt ob Bioplastik und diverse Folien die als super nachhaltig ANGEPRIESEN werden, es wirklich sind.

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