Mikroplastik:
Wir haben da ein Problem in Mikrogröße

Plastik-Recycling ist im Trend – jede*r macht es. Adidas hat erst kürzlich verkündet, dass sie bis 2024 nur noch recyceltes Polyester verwenden wollen. Das klingt alles ganz cool: wir haben ja zu viel Plastik. Wir wollen doch nicht, dass es in unseren Weltmeeren und im Grundwasser landet, dann recyceln wir das einfach und ziehen es wieder an. Hört sich erst mal nach einem sinnvollen Kreislaufsystem an. Oder gleicht dieser Gedankengang eher Schizophrenie?

Wir haben da nämlich ein Problem – 10 000 Meter dieses Problems wiegen 1 Gramm. Es ist also winzig. Dieses Problem verlässt den Kreislaufgedanken, wenn es in der Waschmaschine landet – die Rede ist von Mikroplastik.

Jetzt werden sich die Ersten vielleicht wundern – Moment wir reden hier doch von Kleidung, wo kommt denn da plötzlich das Mikroplastik her?

Dafür ist es zunächst wichtig zu wissen aus welchen verschiedenen Materialien unsere Textilien produziert werden. Und deswegen fangen wir mal damit an, einen besseren Überblick über alle Faserarten zu bekommen, die wichtig für die Bekleidungsindustrie sind.

Fasern unterteilen sich in vier Oberkategorien: pflanzliche und tierische Fasern (Naturfasern) und synthetische und natürliche Polymere (Chemiefasern).

Wo steckt das Mikroplastik in unserer Kleidung?

Unser Mikroplastik wird in der Waschmaschine von Chemiefasern, auf Basis von synthetischen Polymeren, verursacht. Diese Fasergruppe ist, grob gesagt, nichts anderes als Plastik in dünner Spaghettiform. Irgendwie hast du also, wenn du ein Shirt aus 100% Polyester trägst, nichts anderes als eine gestrickte Plastiktüte an.

Statistiken der Industrievereinigung der Chemiefasern zu Folge, lag die weltweite Chemiefaserproduktion (Stand 2017) bei 75% anteilig an der weltweiten Faserproduktion – Tendenz steigend. Nur 10 % von diesen 75% sind Chemiefasern auf natürlicher Polymerbasis – also die Fasern rechts bei den Chemiefasern, wie zum Beispiel Modal, Viskose oder Lyocell. Der Rest ist Synthetik – also Plastik.

Rechnet man die Prozente in Mengen um, produzieren wir jährlich etwa 64,9 Millionen Tonnen Chemiefasern auf Basis synthetischer Polymere – das sind 64,9 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr nur für textile Anwendungen.

Okay, jetzt haben wir also 64,9 Millionen Tonnen neue Plastikfasern jährlich – warum reite ich auf diesen Zahlen so rum? Wenn wir von Mikroplastik in Weltmeeren und Grundwasser reden, dann beziehen wir das in den meisten Fällen auf populäre Beispiele wie das sogenannte Verspröden von im Meer schwimmenden PET-Flaschen, dem Reifenabrieb auf Straßen oder Kosmetika. Über was wir erst in letzter Zeit angefangen haben zu reden, ist das Mikroplastik, das jeder Haushalt täglich über seine Waschmaschine ins Abwasser spült. Die sogenannten „Mikrofasern“.

Der Begriff an sich sollte dem*der ein oder anderen bekannt sein, wer schon mal mit Mikrofasertüchern seine Brille poliert oder Staub gewischt hat. Mikrofasern sind Fasern, die weniger als 1 Gramm wiegen, wenn man davon 10 000 Meter auf eine Waage legen würde. Sie sind also super fein und winzig. Leider entstehen auch genau diese Mikrofasern ungewollt beim klassischen Waschgang in der Waschmaschine, wenn Synthetikfaser -Textil gegen Textil, oder Synthetikfaser-Textil gegen Waschtrommel und so weiter und so fort, reibt.

Besonders Kleidung aus Fleece-Stoff gibt beim Waschen viele Mikrofasern in das Grundwasser ab. © Priscilla Du Preez

Je nachdem wie locker die Fasern im Textil miteinander verwunden sind oder in der textilen Struktur hängen, desto mehr Mikrofasern werden ins Wasser gespült. Und das passiert sowohl bei 100% Synthetikfaser-Teilen als auch bei Mischungen, wie Baumwolle/Polyester. Ganz kritisch ist zum Beispiel Fleece. Wenn man mal die weiche Oberfläche eines Fleecepullis betrachtet, sieht man, dass die Fasern nicht miteinander verwunden sind, sondern eben offen von der textilen Oberfläche abstehen und sich so superleicht ins Waschwasser ablösen können.

Diese Mikrofasern, die sich in unser Waschwasser lösen, sind dann nichts anderes als Mikroplastik, weil ja ihre Urheber, Synthetikfasern, auch nichts anderes als Plastikfasern sind. 35% des Mikroplastikvorkommens in unseren Weltmeeren ist laut eines Berichts des IUCN (Primary Microplastics in the Oceans , S.21) den Mikrofasern aus Waschmaschinen geschuldet. Bildlich gesehen, sind das mehrere hundert tausend Plastiktüten, die wir da global täglich in unser Abwasser spülen.

Das ist eine so große Menge, die eigentlich so einfach verhindert werden könnte. Und da kommen wir schon zu einer der mir am häufigsten gestellten Fragen, wenn es um das Thema geht: “Warum filtern das unsere Kläranlagen nicht und warum sind da keine Filter in Waschmaschinen eingebaut?”

Eine technische Lösung muss her

Ich muss ehrlich sagen, dass mich dieses Thema auch ein wenig nervös macht. Seit einiger Zeit wird unter dem Namen “Textile Mission” geforscht und ein Lösungsansatz entwickelt. Wie das aber so mit Forschungsprojekten ist, dauern die immer eine Weile und es ist auch gar nicht so einfach einen Filter beispielsweise in eine Waschmaschine einzubauen, der nicht während jedes Waschvorgangs sofort verstopfen würde.

Was Kläranlagen angeht, muss ich im Vorhinein sagen, dass ich keine Person vom Fach bin. Es ist aber so, dass man bei Kläranlagen aktuell die Klärstufe 4 braucht, um Mikrofasern erfolgreich filtern zu können. Diese Klärstufe ist gesetzlich nicht verpflichtend und so haben verschwindend wenige Kläranlagen aus freien Stücken diese kostspielige zusätzliche Klärstufe.

Heißt aktuell also, dass man als Privathaushalt selbst handeln muss. Und so schwer ist das auch gar nicht seit die deutsche Firma Langbrett den Guppyfriend Waschbeutel entwickelt hat. In meinen Augen ist diese Innovation aktuell die einzig funktionierende Methode auf dem Markt. In diesen Waschbeutel packt ihr einfach all die Kleidung, die aus synthetischen Fasern hergestellt wurde.  Die Marke verspricht, dass während des Waschvorgangs dieser Beutel dann wie ein Filter funktioniert.

Und was ist mit den Textilien, die zwar aus 100% Baumwolle bestehen, aber möglicherweise mit einem Polyestergarn vernäht wurden? Die 100% sichere Variante wäre in diesem Fall einfach alles, bei dem man sich nicht ganz sicher ist, in den Waschbeutel zu packen. Das sind aber Fragen für Fortgeschrittene. Es wäre schon mal ein Traum, wenn überhaupt jeder Haushalt in Deutschland von so einem Waschbeutel Gebrauch machen würde.

Ich denke, es wurde jetzt klar, warum mich diese 64,9 Millionen Tonnen neue Plastikfasern so nervös machen. Sie kommen jedes Jahr zusätzlich zu den schon existierenden Synthetikfasern hinzu. Plakativ gesagt sind das 64,9 Millionen Tonnen additive Ursachen für Mikroplastik jährlich. Außerdem versteht ihr jetzt auch, dass ein 100% recyceltes Polyestertextil, auch wenn es sich so grün und toll anhört, eine ordentliche Mikroplastikschleuder ist.  Und weiter, dass “vegane Mode” auf Basis von Synthetikfasern nicht unbedingt “vegan” ist, wenn ihr Waschwasser ungefiltert in unserem Grundwasser landet.

Dieser Artikel ist übrigens rein auf die Thematik des Mikrofaserproblems anteilig an der gesamten Mikroplastik-Problematik ausgelegt, weswegen ich euch nur ans Herz legen kann, die PDF der IUCN über Mikroplastik GANZ zu lesen, um sich ein umfassendes Bild zu machen, welche Faktoren, wie zum Beispiel der Reifenabrieb von Autos, noch maßgeblichen Einfluss nehmen. 

Titelbild: © Karina Tes/unsplash.com, Vorschaubild: © Jeremy Bishop/unsplash.com

Franzi wünscht sich nichts Geringeres als Weltfrieden. Und Teil der „Generation Textilingenieure“ zu sein, die sich an dem David-gegen-Goliath-Spiel in der Textilindustrie versucht – in Grün natürlich. Dafür studiert sie auf der schwäbischen Alb Textiltechnologie und teilt ihr Expertinnenwissen auf ihrem Blog Un petit sourire slows down sowie im Radio und auf Vorträgen. Knowledge is Power – Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Konsument das Recht auf einen Blick hinter die Kulissen der Textilindustrie hat, um Kaufentscheidungen eigenständig und gewissenhaft treffen zu können. Ich glaube nicht an Perfektionismus, aber daran ,dass wenn ganz viele Menschen ganz viele kleine Schritte gehen, etwas Großes bewirken können.

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