“Wo bleibt die Diversität in der Klimadebatte?”

Diskussionen über das Klima sind seit einigen Monaten weder aus dem politischen Tagesgeschäft noch vom Stammtischgespräch wegzudenken. Während die einen sich vermehrt mit der Frage auseinandersetzen, wie viel unser Planet noch verkraften kann bis zum endgültig menschengefährdenden Kollaps, versuchen die anderen per business as usual alles zu verdrängen, was mit dem Thema und der eigenen Verantwortung im Sinne von handlungsbezogenen Konsequenzen zusammenhängt. 

Die Ersten fordern lautstark die Höherbepreisung oder gar Kontingentierung von Flugreisen, Fleisch und anderen besonders klimaschädlichen Konsumgütern, die überwiegend von westlichen Gesellschaften in Massen beansprucht werden, während Letztere schon längst die (kommunistisch motivierte) Ökodiktatur am Horizont aufziehen wähnen und sich mit der gesamten Bandbreite polemischer Verunglimpfungen, die man so aufbieten kann, gegen jede Beschneidung individueller Selbstverwirklichungsrechte wehren. Und sei es nun der dritte Mallorca-Flug in diesem Jahr. 

Die Auseinandersetzungen werden laut, bissig und mit der Leidenschaft geführt, die einem existenzbedrohenden Thema angemessen ist. 

Das Klimakrisen-Thema hilft Talkshows über das gefürchtete Sommerloch hinweg, die Sessel sind gefüllt mit unterschiedlichster Prominenz. Dokus und Themenserien zu den Veränderungen in unserer Umwelt und was das für uns Menschen bedeutet, sprießen wie Pilze aus dem Boden und laden immer mehr Zuschauer*innen zur Reflexion des eigenen Verhaltens ein. 

Wäre man naiv, könnte man meinen, eine so dringliche und eigentlich wissenschaftlich eindeutige Angelegenheit wie die Klimakrise vereine die Menschen und jetzt werde endlich einmal von den Vertreter*innen der unterschiedlichsten Interessengruppen an einem Strang gezogen. Im Angesicht drohender Points of no Return muten politische Grabenkämpfe schlicht und ergreifend lächerlich an. 

Der Traum einer politischen Weltrettungsunion, er war lange ausgeträumt, bevor er überhaupt konkrete Züge hätte annehmen können. 

Und – Moment mal: Wer hat ihn eigentlich geträumt – oder träumt ihn auf allfreitäglichen Demonstrationen, in den Sitzungssälen der Kommunalpolitik, auf Regierungsebene und der versteckten Gehirnschreibtischschublade immer noch? 

Teilnehmende von Fridays for Future geben in einer (nicht repräsentativen) Umfrage an, zu 58% weiblich zu sein und zu 44% aus der (oberen) Mittelschicht zu stammen. Als Menschen mit Migrationshintergrund definierten sich lediglich 17% der 343 Teilnehmenden (der Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug 2017 knapp 24%).

Schaut man sich die Redeführenden in der politischen Debatte an, ebenso wie die Gäste, die es sich auf den Talkshow-Stühlen bequem machen dürfen, fällt vor allem die Homogenität der Diskutierenden auf. 

Das irritiert insofern, als dass doch von jeder Seite andauernd bekräftigt wird, wie wichtig der aktuelle Zustand unseres Heimatplaneten für jeden auf ihm lebenden Menschen ist, unabhängig von Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sozioökonomischem Status und sonstigen vermeintlichen Unterschieden. 

Wo die Nicht-Privilegierten, die Nicht-Weißen in dieser Debatte angesiedelt sind und vor allem: Welche Rolle ihnen von den Wortführenden zugewiesen wird, rückt erst jetzt langsam in den Fokus der Aufmerksamkeit, und das auch nur zögerlich. 

Und leider müssen (wieder) Menschen mit Zuwanderungsgeschichte explizit darauf hinweisen. 

Einige von ihnen sind Şeyda Kurt, die in einem kürzlich erschienen Artikel auf zett.de verkündete, auch weiterhin ins Flugzeug zu steigen – und zwar ohne schlechtes Öko-Gewissen – sowie Yasmine M’Barek, die nicht nur einmal für die taz von der Überpräsenz der weißen Teilnehmenden von Klima-Demonstrationen in der öffentlichen Darstellung geschrieben hat. 

Diesen Diskursfaden griff Nadire Biskin, Autorin und Journalistin mit den Schwerpunkten Gesellschaft und Diskriminierung, in einem neuen Artikel auf, in welchem sie den „überlegenen Unterton“ in der medialen Auseinandersetzung mit Klimafragen kritisiert. 

Ich habe mich mit ihr zum Telefoninterview verabredet. Wir sprechen über Perspektiven, Hoffnungen und Verbote. Und stellen fest: Es ist alles mal wieder nicht so einfach, wie es aussieht. 

Jennifer Hauwehde spricht mit Nadire Biskin über die fehlende Perspektive in der Klimadebatte. © Ksenia Lapina

Nadire, um einmal kurz beim erwähnten Artikel zu bleiben: Du schreibst schon in der Überschrift vom „überlegenden Unterton“, der die Debatten um Klima und Umweltschutz dieser Tage durchzieht. Was genau meinst du damit? 

Nadire Biskin: Generell kann man sagen, es gibt Beteiligte, die den Diskurs dominieren und es scheint so, als hätten sie die ultimative Lösung für die Klimakrise, auf die kein anderer gekommen wäre. Dabei sollten wir mit solchen Annahmen vorsichtig sein und unseren eigenen Ansichten gegenüber eine gewisse Skepsis aufbringen. Es kann sein, dass wir uns irren und Dinge nicht so einfach sind, wie sie aussehen oder wir etwas nicht im Blick haben. 

Gleichzeitig beinhaltet der Diskurs auch einen Überlegenheitsgedanken in dem Sinne: Wer bin ich, dass ich dir vorschreibe, was du zu tun hast, wenn ich dich nicht kenne? Wenn ich deine Lebensumstände nicht berücksichtige und somit mich als unsichtbare Norm festlege? Das ist ein wichtiger Punkt, der selten bis gar nicht thematisiert wird: Indem ich diese Konklusionen treffe, die dann beispielsweise in geforderten Verboten münden, werden bestimmte Umstände als Norm vorausgesetzt.

Es wird häufig so getan, als sei Klimaschutz eine absolute Priorität, die alle haben müssten. Ich will nicht sagen, dass das Thema unwichtig ist, aber es gibt individuelle Prioritäten, die sich aus den jeweiligen Lebenssituationen ergeben, und darum geht es mir. 

Also, dass im Prinzip soziale Dispositionen, Hintergründe und Möglichkeiten sich unterscheiden? 

Nadire Biskin: Genau. Es gibt unterschiedliche Aspekte, mit denen das zusammenhängt – dass ich auf einer übergeordneten Ebene beispielsweise nicht genug Bildung besitze oder dass mir die Möglichkeiten fehlen, mich zu informieren. Es kann aber ganz praktisch gesehen auch sein, dass ich beispielsweise im Moment ganz viel fliegen muss, weil meine Familie woanders lebt und ich gerade einen Pflegefall habe. 

Man kann sich selbst meinetwegen weiterbilden und informieren und klimabewusst sein – doch dafür braucht es Zeit und Raum. 

Du hast gerade gesagt, es gibt eine Norm, die vorausgesetzt wird. Wer ist denn diese Norm? Wer ist das „Wir“, an dem gemessen wird? Und wer wird nicht in den Blick reingenommen? 

Nadire Biskin: Es ist eigentlich wie bei allen anderen gesellschaftspolitischen Themen: Die sogenannte „weiße Mittelschicht“ ist die Norm. 

Die ist interessanterweise besonders kosmopolitisch eingestellt – ich nenne sie gerne die Sneaker-Träger– die aber gleichzeitig auch diejenigen sind, die sich für das Klima einsetzen. Es gab neulich vom Tagesspiel eine Umfrage, welche Wähler von welchen Parteien am meisten verreisen. Auf dem ersten Platz standen die Grünen – das sind die mit dem größten schlechten Gewissen. Wer war an letzter Stelle? Die AfD. 

Die Kontrastierung, die es gefühlt schon gibt, wird dadurch nochmal verstärkt. Das wird natürlich weiter perpetuiert, wenn man sich die Art des Unterrichts in Schulen anguckt: Zwischen gymnasialem und nicht-gymnasialem Unterricht hat man gravierende Unterschiede festgestellt. Die Schere geht dann also auch hier noch weiter auseinander, das potenziert sich. 

Wer dazu gehört zum „Wir“, wird auch wesentlich darüber definiert, dass alle Mitglieder es ziemlich gut finden, wenn man sich für Nachhaltigkeit und Klimaschutz einsetzt. Dass man umweltbewusst ist, gehört zum guten Ton. Das ist auch ein wichtiger Faktor, der da reinspielt: Die Motivation, umweltbewusst zu handeln, steigt, wenn man gesellschaftliche Anerkennung dafür bekommt. 

Im Prinzip reproduzieren sich die gesellschaftsprägenden Diskurse und Diskriminierungsformen nochmal im Klimawandeldiskurs – obwohl man eigentlich davon ausgehen sollte, dass das Thema alle Menschen gleichberechtigt angeht und betrifft. 

Nadire Biskin: Genau. Die Machtasymmetrie, die es in anderen Bereichen gibt, gibt es natürlich auch im Bereich der Klimapolitik. Irgendwie denkt man sich dann: Das weiß man doch aus anderen Diskursen, dass man diese Kategorien mitberücksichtigen sollte. 

Und trotzdem passiert es nicht. 

Nadire Biskin: Ich denke, es ist auch sehr unangenehm, sich das einzugestehen. Dass etwas, was alle betreffen kann und teilweise Leute im globalen Süden, aber auch Menschen, die hierzulande der Unterschicht angehören und in bestimmten Regionen wohnen, größere und schnellere Konsequenzen der Klimakrise spüren werden – und sie gleichzeitig diejenigen sind, die weniger am aktuellen System teilhaben. 

Wenn man das mitberücksichtigt, wird das Ganze natürlich immer komplexer, immer intersektionaler. Gleichzeitig denke ich auch, dass wir berücksichtigen sollten, dass es keine ethische oder politische Vollkommenheit gibt. Wir setzen alle unsere Prioritäten, das fängt mit Kleinigkeiten an. 

Wenn zum Beispiel eine Person eine Behinderung hat und sich für Inklusion und gegen Stigmatisierung von Menschen mit Behinderung einsetzt, kann ich da nicht hingehen und sagen: So, jetzt musst du auch noch fürs Klima streiten. Dieser Mensch hat begrenzte Ressourcen, wie zum Beispiel den Faktor Zeit – das betrifft alle Menschen. In diesem Fall kommt dann noch die Diskriminierungserfahrung hinzu, die auch viele Ressourcen benötigt. Und dann wirft man ihm zusätzlich noch mangelndes Engagement vor – das ist problematisch.

Das betrifft nicht nur die Klimadebatte, die in den Medien und in der Wissenschaft stattfindet, sondern erlebt man auch im Alltag. Der Blick, der einem zugeworfen wird, wenn man dieses und jenes nicht macht. 

Das Thema Klima und ökologisches Handeln sind furchtbar komplex – und diese Komplexität wird häufig runtergebrochen. 

Wenn das alles so unfassbar komplex ist, stellt sich ja auch irgendwo die Frage: Darf man von einem universellen „Wir“ in der Klimadebatte sprechen? Also, dürfen wir solche Sätze sagen wie: „Wir als Menschheit müssen weniger Fleisch essen, weniger fliegen, weniger konsumieren?“ Die Differenzierungen für Minderheiten laufen zwar als Fußnote in der Debatte mit – hat es trotzdem eine ethisch-moralische Relevanz zu sagen: „Wir als Menschheit haben ein Problem und müssen das gemeinsam lösen“? 

Nadire Biskin: Erst einmal zu dem universellen „Wir“, was du gerade ansprichst: Ein „Wir“ kann sehr emotional auf Menschen wirken. Bei ethisch-politischen Themen kann ein „Du“ wie eine Pistole auf der Brust sein. Im Gegensatz dazu kann ein „Wir“ bedeuten: „Hey, ich stehe hier neben dir, an deiner Seite, wir schaffen das gemeinsam.“ Es hat eine starke emotionale Kraft. Dass man die rhetorisch nutzt, kann ich absolut verstehen. 

Allerdings lese ich dieses „Wir“ auch manchmal in Artikeln und frage mich automatisch: Wer ist das, dieses Wir? Gleichzeitig fragen sich das auch andere Menschen, wenn sie ein „Wir“ lesen: Gehöre ich dazu oder nicht? Und wenn man sehr oft in einer Gesellschaft Exklusionserfahrungen gemacht hat, dann fragt man sich das erst recht. Gerade, wenn man sich vielleicht nicht sofort mit dem Inhalt identifizieren kann. Dann entsteht aus dem „Wir“ ganz schnell ein „Ihr“, zu dem man sich dann zugehörig fühlt. 

Das ist auch aus der Soziologie bekannt: Wenn diejenigen, die gesättigt sind, den anderen etwas vorschreiben im trügerischen Wir-Duktus, kann das ganz schnell Abwehrreaktionen hervorrufen. Dann ist auch die Frage: Ist „Wir“ die Menschheit, Europa, Deutschland, „Wir“ mit dieser konkreten Einstellung, „Wir“ mit diesem Background? Das gehört auch mit dazu, wenn wir von begrifflicher Gruppenbildung sprechen. 

Findest du die Verzichts-Debatte angemessen? Brauchen „wir“ Verbote?

Nadire Biskin: Es gibt Menschen, die reagieren darauf und meinen: Ja, können wir so machen, Demokratie ist anstrengend und wenn jemand etwas vorschreibt, wird das als Erleichterung empfunden. Gleichzeitig wird es nun einmal trotz Verboten immer Wege geben, das zu machen, was verboten ist. 

Wenn es – im Optimalfall – eine innere Erkenntnis und hohe Motivation geben würde, dann bräuchte man diese Verbote nicht. 

Es wird zum Beispiel gerade diskutiert, ob man die Flugpreise anheben sollte. Die Bahnpreise seien zu teuer sind und die Leute würden deswegen das Flugzeug wählen. Anstatt dass aber die Preise fürs Bahnfahren gesenkt werden, will man die Preise fürs Fliegen anheben. (Anm. d. Red.: Im Zeitraum zwischen Gesprächsaufzeichnung und Interviewveröffentlichung hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder verkündet, die Preise für Bahntickets deutlich senken zu wollen.)

Dann wird die Schere natürlich noch weiter auseinandergehen und noch weniger Leute werden einen würdevollen Handlungsspielraum haben und noch frustrierter dasitzen. Wir können das Endziel „Klimawandel aufhalten“ nicht erreichen, ohne diese soziologischen Identitätsaspekte zu berücksichtigen. Das ist schade, weil es etwas ist, was uns alle betrifft. Eigentlich haben wir alle davon einen Schaden und trotzdem gibt es nach wie vor diese krassen Ungleichheiten. 

Wie müsste sich der Diskurs oder das politische Handeln in dem Rahmen verändern, dass alle Leute das Gefühl haben, sie sind ein Teil davon? Da würde sich dann vermutlich die intrinsische Motivation, die du eben angesprochen hast, ja fast von allein ergeben: Wenn die Menschen merken: Ich gehöre dazu und bin akzeptiert mit dem, wer ich bin und was ich kann. 

Nadire Biskin: Das ist eine schwierige Frage und wenn ich die Lösung hätte, würde ich sie sehr teuer verkaufen. Vollkommen wird das nie passieren, das ist wie Chancengleichheit: Dennoch sollte man diesen Zustand anstreben. Ich denke trotzdem, dass es einen Wandel gibt und geben muss. 

Jetzt gerade werden ja auch in den Medien Stimmen laut, die genau das thematisieren. Da wird es eine Welle geben und man wird sich differenzierter mit der Thematik beschäftigen – nicht nur auf Konsumentenseite, sondern auf verschiedenen Ebenen. 

Allerdings: Nur auf Staat und Unternehmen fokussiert zu sein, macht auch keinen Sinn. Das entmündigt uns als Individuen. Gleichzeitig müssen wir diese Interaktionen berücksichtigen und genau wissen, wie viel Macht wir haben und auch, wie viel Lobbyismus zum Beispiel in politische Entscheidungen mit hineinspielen. Menschen müssen klimafreundlich handeln können und es muss alle gleich viel kosten.

Das ist aber nicht möglich, wenn es zwar ethische Alternativen gibt – die aber dann finanziell aufwendiger oder nur mit zusätzlichen Informationen zugänglich sind. Dann kostet ethisches Handeln den einen mehr und den anderen weniger: Der eine kann ethisch handeln und eine Alternative konsumieren, der andere muss Komplettverzicht ausüben. 

Es müssen auf jeden Fall mehr Stimmen gehört werden. Man sollte der Sache nicht trauen, wenn es so einfach klingt wie aktuell noch in der öffentlichen Debatte. Egal, worum es geht: Wenn es einfach klingt, traue ich der Sache nicht. Wichtig dabei ist natürlich auch: „Mehrere Stimmen hören“ bedeutet nicht, dass Nadire Biskin jetzt mit ihrem sozial-ethnischen Background einen klugen Text schreibt. Sondern, dass diese Stimme auch als gleichwertig angesehen wird, dass diese Stimme gleichwertig gehört wird. 

Aktuell ist die Situation immer noch die: Ein DJ legt auf. Deine Musik wird lauter gespielt und meine Musik wird leiser gespielt. Come on! Wir sind keine kleinen Kinder, die man mit Schokoweihnachtsmännern vertrösten kann. Es reicht nicht, wenn ich am Tisch dabeisitzen darf.

Auch die Wählerfrustration kann daran liegen: Wenn deine Stimme einfach nicht gehört wird, wenn du dich 365 Tage im Jahr nicht in den Medien und auch sonst nicht repräsentiert siehst – egal, welcher Gruppe du jetzt angehörst – und dann alle vier Jahre wählen sollst, was soll das aus deiner Perspektive bringen? Wenn die Gesellschaft dir die ganze Zeit zeigt, dass sie dich nicht hört und hören möchte? Wählen erscheint dann ein bisschen pro forma, und dann lassen es die Leute. 

Die Diskursethik meint: Erstmal sollte man etwas zur Ethik des Diskurses machen, bevor man sich in die inhaltliche Debatte begibt. Beziehungsweise, wie der Diskurs geführt wird, beeinflusst die inhaltliche Debatte: Wenn verschiedene Stimmen gehört werden, wenn ich gleichermaßen gehört werde, beeinflusst das natürlich auch den Content innerhalb des Diskurses. 

Das auf der einen Seite: Wenn man nur eine bestimmte Perspektive im Diskurs hat, dreht man sich im Kreis. Auf der anderen Seite kann ich mir vorstellen, dass auch eine Art Sprengstoff entsteht, wenn von einer Seite über die Köpfe hinweg zu denen, die gar nicht am Diskurs teilhaben, gesagt wird: Das und das dürft ihr jetzt alles nicht mehr. Obwohl diese Gruppen unter Umständen nie sozioökonomisch in der Lage dazu waren, am System zu partizipieren. Da fand ich deinen Satz aus dem angesprochenen Artikel ganz passend: „Die Party, zu der ihr nie eingeladen wart, ist jetzt vorbei.“ Und wir beschließen das für euch. 

Nadire Biskin: Genau. Ich bin gesättigt und ich sag dir jetzt: „Ich habe jetzt zehn Tafeln Schweizer Schokolade gegessen und kann es schon nicht mehr sehen, so voll bin ich davon. Du aber darfst die nicht essen, weil, naja, die ist ungesund.“ Du aber hast dir das nach einem langen Monat malochen aus deiner Perspektive eigentlich verdient. Das kann eine Abwehrreaktion auslösen. Weil es unter anderem um Sehnsüchte und Selbstbestimmung geht. 

Fokuspunkt ist dieses eine Milieu, das weiter voran ist – wie auch immer man das benennt. Das sind vielleicht die, die im Studium viel reisen und auch sonst viel mitnehmen und konsumieren können, wenn sie wollen.

Wenn ein bestimmtes Stadium beim Fortschritt erreicht ist, gibt es in der Regel eine Form der Rückbesinnung. Viele von uns haben jetzt zum Beispiel Smartphones und sehnen sich nach einer smartphonefreien Ära. 

Im Nachhaltigkeitsbereich ist es ähnlich. Die Gesättigten sehnen sich wieder zurück und meinen: Lass uns doch nach Brandenburg an den See fahren. Und ich, die ich jetzt als Bildungsaufsteigerin endlich Geld verdiene, soll also nach Brandenburg fahren, nachdem alle die ganze Welt geeasyjettet haben. 

Ich habe jetzt rausgehört, dass die Öffentlichkeit wichtig ist. Nicht nur, dass über das Thema Klima und Diversität geschrieben wird, sondern auch, dass Vorbilder und Identifikationsfiguren super wichtig sind. Denn wenn man sich die aktuell präsenten Personen rund um den Klimadiskurs anschaut, ist die Bandbreite nach wie vor sehr homogen. Wäre es ein erster Schritt, Menschen gezielt beispielsweise in Talkshows einzuladen und in Interviews zu Wort kommen zu lassen? Wenn ja – in wessen Verantwortung liegt das? 

Nadire Biskin: Das ist nicht einfach zu beantworten. Wenn neue Gesichter auftauchen, tauchen sie auch nicht von heute auf morgen auf, das ist eine Entwicklung. Und wenn, dann neigen sie leider häufig dazu, das Alte mit einem leicht neuen Farbanstrich zu wiederholen. Da kann man dann immer noch relativ weit weg sein von den Leuten, die im Alltag konkret betroffen sind. 

Es ist unklar, wer die Verantwortlichen sind und es ist auch Tatsache, dass alle irgendwie verantwortlich sind. Es gibt nicht die absolute Ebene, die man zur Verantwortung ziehen kann. Man könnte jetzt den Staat nennen, aber wir als Bürger wählen und sind der Staat, also ist das auch nicht die Lösung. 

Angesichts der Thematik kann ich das gut nachvollziehen – vor allem, weil wir ja eben sagten, dass das Diversitäts-Thema bezogen auf Nachhaltigkeit auch nur eine Spielart von einem wesentlich größeren systeminhärenten Problem ist, was wir mehr oder weniger seit Jahrhunderten haben. 

Nadire Biskin: Genau. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass es den Leuten nicht bewusst war. Man sieht seine eigenen Privilegien nicht so gut. Ich glaube, diese Perspektive ist für viele Menschen nicht einfach. Da greift dann schnell dieses „Aber ich meinte es doch gut! Und ich dachte, ich sei auf dem richtigen Weg! Und jetzt sagst du mir, ich habe alle anderen abgehängt. Was soll ich denn noch machen, ich bin total verzweifelt.“ 

Aber das ist ja auch gar nicht das, was ich sage. Ich sage ja nicht, du bist ignorant. Ich sage: Bedenke, dass es auch diese Perspektive gibt, zusätzlich zu deiner eigenen, und dass ein wichtiges übergeordnetes Problem dahintersteckt.

Manche Leute identifizieren sich so krass mit der Thematik und leiten ihren Wert daraus ab, wie nachhaltig sie unterwegs sind – dann so eine Perspektive zu hören, ist dann vielleicht auch nicht so einfach zu verkraften. Aber manchmal lernt man auch nur durch diesen Schmerz und durch diese Kritik. 

Das kennt man ja auch aus dem Alltag: Dass man immer wieder lernen muss, zu gucken – wie wahrscheinlich auch bei der Gender-Diskussion – die eigenen Privilegien zu hinterfragen und zu wissen: Ja, ich meine es gut. Aber gut gemeint ist halt nicht immer gut gemacht. Diese Offenheit zu bewahren und sich nicht in einem Ideal, das für alle gelten soll, zu verrennen. 

Ich verstehe deine Stoßrichtung. Du sagst ja nicht: Fridays for Future ist scheiße – sondern, das was sie machen, ist gut. Aber sie dürfen gerne noch weitere Perspektiven mit reinnehmen. Oder auch im alltäglichen Umgang miteinander: Dass man nicht jeden Menschen schief anguckt, weil man ja gar nicht weiß, warum sie*er in der konkreten Situation nicht klimafreundlich gehandelt hat.

Nadire Biskin: Genau diese Aspekte. Dass man da ein bisschen aufpasst, weil man die Hintergründe nicht kennt. Wenn man jetzt eine gute Freundin hat und die jetzt sehr widersprüchlich handelt, obwohl sie die Ressourcen hat, es anders zu machen, also quasi Wasser predigt und Wein trinkt – dann kann man sagen: Come on! Dass man darüber redet, das ist eine ganz andere, konkrete und intime Beziehung. Aber das große Ganze, und Leute auf der Straße verurteilen, das ist noch einmal eine andere Dimension. 

Im Prinzip brauchen wir doch eigentlich einen Systemwandel. Wir müssten das gesamte spätkapitalistische System von Grund auf umkrempeln, damit wir diese Probleme fundiert angehen können. 

Nadire Biskin: Vielleicht wird das auch irgendwann passieren. 

Aber der Anfang ist auf jeden Fall schon mal damit gemacht, dass man die Probleme erkennt und benennt.

Nadire Biskin:Das sagt man ja auch: Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.  

Das ist ein ermutigendes Schlusswort. 

Ich danke dir für das Gespräch und die spannenden Gedanken, Nadire!  

Titelbild: © Ksenia Lapina, © Markus Spiske/unsplash.com

Jenni war schon immer neugierig auf das, was die Welt hinter ihrem Erfahrungshorizont ausmacht. Einfache Antworten machen sie misstrauisch. Denn die gibt es selten. Jenni findet, dass wer wir sind und sein wollen, eng damit zusammenhängt, wie wir die Welt formen und vice versa. Sie schreibt und setzt ihre Stimme aus der Überzeugung dafür ein, dass sich das gute Leben für möglichst viele Menschen erfüllt. Das macht Jenni als Bloggerin auf Mehr ist Grünzeug, als Instagrammerin, Vortraghaltende, Alltagsinspiration und hoffentlich-bald-Buchschreibende.

2 Kommentare

  • ANTONIA
    24/08/2019
    reply

    GEGEN EINEN “ÜBERLEGENDEN” UNTERTON IST SICHER NICHTS EINZUWENDEN, ABER DER ZITIERTE ARTIKEL HEISST “DER ÜBERLEGENE UNTERTON”, OHNE d.

    • Fashion Changers
      26/08/2019
      reply

      Recht hast du. Vielen Dank für den Hinweis, haben wir korrigiert.

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