Coaching-Falle, Seminar

Die Coaching-Falle – Warum Feelgood-Esoterik gefährlich ist

Werde die beste Version deiner Selbst – und alles wird sich fügen! Bullshit. Warum moderne Esoterik in Form von instagramable Lifestyle-Coaches so gefährlich ist.

„I AM SPIRIT. Ich bin grenzenloser Spirit. Ich bin so frei, wie mein Geist klar ist, mein Herz frei und meine Seele geliebt. Nichts kann mich aufhalten, denn ich bin unendlich kraftvoll. […] ICH BIN sind die besten kraftvollsten Worte, die wir nutzen können, denn alles, was danach folgt, erschafft unsere Realität!“

(− Instagramcaption unter einem Bild einer bekannten Influencerin)

Eigentlich will ich bei Satz Eins aufhören zu lesen. Ich bin nicht freiwillig hier an diesem Sonntagmorgen – Werbeanzeige brought me here. Mein innerer Bullshitdetektor leuchtet dunkelrot. Ich muss mich zurücklehnen und meine Schläfen massieren, damit die Migräne nicht sofort wieder Einzug hält.

Während ich versuche zu analysieren, wie man um alles in der Welt im 21. Jahrhundert so eine Aneinanderreihung von pseudospirituellem Schwachsinn produzieren kann, stehe ich auf und mache mir einen Tee, damit dieser Text nicht noch giftiger wird als ohnehin schon.

Bevor wir zu den generellen Problemen dieses Irrsinns kommen, möchte ich an diesem Textbeispiel erst einmal heraus arbeiten, warum moderne Esoterik eigentlich nicht nur inhaltsleer, sondern auch gefährlich ist.

Punkt 1 

„I am Spirit. Ich bin grenzenloser Spirit.“ Aha. 

Was genau soll das sein? Meint die Autorin eine Seele? Einen Weltgeist, der in allen Formen des Lebens umherwandelt – eine Art Aura? 

Abgesehen davon, dass nichts davon in irgendeiner Weise wissenschaftlich nachgewiesen ist — wir möchten das als einen Grundbaustein für Religion und Spiritualität im Allgemeinen voraussetzen und hier nicht schlechter machen als notwendig — darf sich hier jede*r Lesende seine eigene Interpretation von „Spirit“ zusammenschustern? Das wäre insofern fatal, als dass eine viel beschworene Gemeinschaft („Community“) auf die Klärung grundlegender Begriffe angewiesen ist, aber das nur am Rande. 

Punkt 2

„Ich bin so frei, wie mein Geist klar ist, mein Herz frei und meine Seele geliebt. Nichts kann mich aufhalten, denn ich bin unendlich kraftvoll.“

Puh. Wo fange ich an?

Jetzt kommt direkt ein neuer Begriff ins Spiel: der des Geistes. 

Man weiß nicht genau — ist das die Übersetzung von „Spirit“ oder etwas Anderes oder Ähnliches? Aber halt – direkt danach kommt noch die Seele! Was unterscheidet diese Begriffe jetzt voneinander? Sind sie Spielarten desselben? Was ist der Unterschied zwischen Geist und Seele? 

Ich bin verwirrt. Überhaupt irritiert die Dreifaltigkeit der psychischen Ausrichtung: Geist, Herz und Seele. Wie spielen die zusammen und woher weiß ich bitte, was genau was ist und welches davon ich gerade spüre? Fragen über Fragen. 

Das Gefährliche liegt aber nicht in den vermeintlichen Begriffs-Spitzfindigkeiten (die keine sind, denn Sprache ist so ziemlich das mächtigste Werkzeug, das wir haben), sondern in den inhaltlichen Aussagen. (Noch mehr dazu hier.)

Buchtipp: Stefanie Schramm, Claudia Wüstenhagen: “Das Alphabet des Denkens: Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt“, 2014, Rowohlt Buchverlag

Der Grundgedanke, die individuelle Freiheit daran zu knüpfen, wie frei dein Herz, wie klar dein Geist und wie sehr deine Seele geliebt ist (von mir oder von jemand anderem?), ist — gelinde gesagt — hochproblematisch. 

Denn er suggeriert: Wenn ich meine Psyche (mir scheint, hierum soll es gehen bei diesem Begriffseintopf) auf die Kette kriege, bin ich ultimativ frei. Wie genau sich diese Freiheit dann manifestiert, wird nicht gesagt. Aber Hauptsache, eine der ältesten Sehnsüchte des Menschen wird in den Raum geworfen — das zieht bestimmt. 

Was auch nicht gesagt wird, ist, wie zum Geier das Individuum in diesen Zustand gelangt. Aber ich ahne es bereits: Die Autorin hat ein umfassendes Programm zum Coaching für 1000 Euro die Stunde ausgearbeitet, in dem sie zeigt, wie sie selbst zur neoliberalen Erleuchtung gekommen ist und wie ich genau dasselbe ganz sicher schaffen kann und werde wie sie. 

Punkt 3 

Das mit dem Neoliberalismus wird auf die Spitze getrieben: „Nichts kann mich aufhalten, denn ich bin unendlich kraftvoll.“

Ich möchte ja keine Spielverderberin sein, aber ich denke, solche profanen Dinge wie Mietkosten, Essensbeschaffung und die Sicherung des Lebensunterhalts —vielleicht durch einen eintönigen 40-Stunden-Kassierer*innen-Job — können durchaus ganz viel von der seelischen Dreifaltigkeitskraft aufhalten.

Und vielleicht hält einen, sollte man so privilegiert sein wie die Autorin das mutmaßlich ist, am Ende auch so etwas wie gesellschaftliche Regeln, die sowohl ihre Begründung wie Berechtigung haben, so sehr sie uns auch manchmal auf die Nerven gehen, davon ab, unaufhaltbar zu sein. 

Denn dieser Terminus impliziert: Ich bin das Wichtigste in meinem Leben und ich gehe den Weg, den ich will – Kopfdurchdiewand – ich brauche sowieso niemand anderen als mich selbst, sprich mein Mindset, um alles zu erreichen und meine (wie auch immer geartete) innere Kraft zu aktivieren. 

Bullshit. Hallo moderne Zivilisation, in der wir nicht alle als Einsiedler*innen im Wald hocken und von der auch du profitiert hast und tagtäglich profitierst. Und hallo Widerspruch mit der energetisierenden, wachen Community, die sonst auf allen Events immer so beschworen wird. 

Die übergeordneten Probleme der Coaching-Falle

Das war nur eines von unzähligen Beispielen, die man auf Instagram oder in den Suchmaschinenergebnissen findet, wenn man nach einschlägigen Begriffen wie Spiritual Growth, Mindset und ähnlichen sucht. 

Die Angebote sind so vielfältig wie Blumen auf einer Wildwiese – das verbindende Element ist, dass häufig nicht ausgebildete Menschen anderen Menschen weitreichende Ratschläge für die Gestaltung des eigenen Lebens geben und manchmal auch anbieten, psychische Traumata und Ähnliches aufzuarbeiten. Was alle außerdem gemein haben, sind die chaotischen Anleihen aus diversen Gebieten und Wissenschaften, die zu einem bunten Potpourri eines neuen, vollkommen willkürlichen und individuellen Weltbildes zusammengeschustert werden. 

Man betreibt unter anderem gerne Rosinen-Picking in den Fachbereichen der Psychologie, Philosophie und unterschiedlichsten Religionen, Bräuchen und Traditionen (wobei in dem Zuge auch keine Rücksicht auf beispielsweise Cultural Appropriation (Kulturelle Aneignung) genommen wird) und mixt das alles zu einem neuen, pseudospirituellen Programm zusammen. 

 

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Guten Morgen ☀️😘 3 Tipps, damit Affirmationen auch wirklich wirken: 1. Affirmationen wirken natürlich nur dann, wenn du auch tatsächlich glaubst, was du sagst 🙂 Deswegen kann es mehr Sinn machen, zb. zu sagen: „Mit jedem Sonnenaufgang komme ich mehr und mehr in meine Schöpferkraft.“, anstatt zu sagen „Ich kann alles erreichen.“ ✌️Das gibt dir die Möglichkeit in dein neues Mindset hineinzuwachsen. 2. Die Magie einer Affirmation entfaltet sich vor allen Dingen darin, das gesagte auch wirklich zu fühlen! Nimm dir Zeit jede Affirmation auch bei dir im Körper ankommen zu lassen und die Energie der Worte zu fühlen. Unsere Gefühle sind die Sprache mit der wir mit dem Universum kommunizieren. Das Universum kennt nur Energie als Frequenz und wird immer deine Energie matchen. 3. Wir affirmieren immer. Eine Affirmation ist nichts anderes als eine Selbstbestätigung. Wir können entweder wählen, uns positiv oder negativ selbst zu bestätigen. Diese Wahl liegt vollkommen bei uns. Durch unseren inneren Dialog affirmieren wir non-stop, was wir über uns glauben oder auch nicht glauben. Trainiere dich darin, liebevoll, achtsam und stärkend mit Dir selbst zu sprechen. Denn die Worte, die du an dich selbst richtest, haben ein Effekt auf dein gesamtes Leben. Was ist deine Lieblingsaffirmation? Schreib sie mir super gern hier in die Kommentare und vielleicht mache ich dann bald noch mal ein Affirmationen Best-Of im Podcast 😍🤩 Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag! 😘 Und falls du es noch nicht gesehen hast, in der aktuellen Podcastfolge von mir, hab ich dir meine 101 kraftvollsten Affirmationen aufgesprochen. Kannst du dir also direkt auf dem Weg zu Arbeit anhören und dich selbst mit Liebe auffüllen ❤️ Deine Laura

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Ich sage „Pseudospiritismus“, denn ganz im Sinne des Neoliberalismus ist das Goldene Kalb, um das getanzt wird, das eigene von der Gesellschaft und Erziehung gebeutelte Ego. Und ganz im neoliberalen Sinne lässt sich damit hervorragend Geld verdienen: ausgebuchte Seminare online wie offline, Bestsellerbücher, Talkeinladungen, Speaker*innenjobs, you name it.

„Das, was jetzt häufig unter dem Titel ‚Geist und Psyche‘ läuft, ist ein großer Quatsch, der ganz Europa einlullt. Das sind Bücher, die nur von persönlicher Entwicklung und persönlichem Glück handeln. Dagegen muss man Stellung beziehen. In Frankreich leistet man leider nicht viel Widerstand, in Italien ist es genauso. Europa zieht sich hier von seinem kritischen Geist zurück und vernachlässigt seine intellektuellen Ressourcen, die Vernunft etwa – für so eine Suppe, für so schlaffe Gedanken, die dann auf einem Glücksmarkt verkauft werden! Denk-Merchandise, wenn Sie so wollen. Das ist das Schlimmste, was uns passieren kann. Vielleicht muss man noch einmal darüber nachdenken, was Philosophie ist. Sie ist auch Zumutung, Anstrengung. Man braucht bestimmte Fähigkeiten. Und jetzt haben wir diese seichten Gedanken, die sich ein wenig Philosophie ausleihen, um sich selbst zu verkaufen, das ist Betrug, und dagegen müssen wir uns kollektiv wehren.“

– Françios Jullien, französischer Philosoph in Hohe Luft 5/2019, S.44.

Es handelt sich um nichts weniger als Denken-to-go, dem wir genauso misstrauisch begegnen sollten wie Einweg-Kaffeebechern und dem Inhalt von McDonald’s-Tüten, weil es mindestens genauso gefährlich ist. 

Denn der Claim, es gebe den Weg zum Glück und wir müssten nur ein paar unbedeutende Variablen anpassen, um ihn ebenso erfolgreich zu beschreiten, wie die Manager*innen, die sich um 5 Uhr morgens schon auf dem Laufband im Fitness-Center für den anstehenden Tag stählen, ist ein spätkapitalistischer Humbug, der sich mehr oder weniger gut hinter schwammigen Formulierungen versteckt. 

Und dabei nur ein Ziel kennt: Das Individuum durchzukapitalisieren. Auf gut Deutsch: Kurse und Angebote zur Selbststeigerung und Verbesserung zu kaufen, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass wir sie überhaupt brauchen. Die fundamentalen Mechanismen des sogenannten freien Marktes werden auf das Sensibelste übertragen, was wir haben: unsere Persönlichkeit. 

Das beinhaltet die fatale Prämisse, dass du und ich nicht genug sind, so wie wir sind. Mit unserem Gefühl der Minderwertigkeit, unserer Angst, nicht mithalten zu können in einem sich immer schneller drehenden Rad der Perfektionierung, wird auch hier am Ende des Tages bares Geld verdient. 

3 Gründe, warum Lifestyle-Coaching problematisch ist

Grund 1: Es verschafft dir ein Minderwertigkeitsgefühl

Anstatt dir zu helfen, machen die pseudophilosophischen und -spirituellen Coaches, Sprüchlein und Mantras etwas ganz anderes. Zum einen verschaffen sie dir ein Minderwertigkeitsgefühl, das du schnellstmöglich beheben willst – funktionieren also genau wie konventionelle Werbung für Mode und Kosmetik, die dir haargenau dasselbe verspricht: Kauf das (in dem Fall das ultimative Paket, das dir deinen Weg zur inneren Erleuchtung / Sinn des Lebens / add anything you want zeigen wird) und du wirst ein besserer Mensch. 

„Die Idee, dass wir alle ein verborgenes Potential in uns haben, hat etwas Verlockendes. Ähnlich anziehend ist die Vorstellung der Selbststeigerung: dass wir bessere Versionen unserer Selbst werden können, emotional und spirituell. […] Wir beauftragen einen Coach etwa, unser Profil zu verschönern, in der Hoffnung, dass dies uns ein Date verschaffen wird. Wir wenden uns an Coaches, um zu erfahren, was wir eigentlich im Leben wollen. Wenn wir beginnen, Coaches in diesen Fragen zu konsultieren, machen wir aus unserer Alltagsrealität einen erweiterten Bereich der Expertise. Indem unser Intimleben an Profis ausgelagert wird, […] verlieren wir etwas Fundamentales. Wir scheinen in eine zirkuläre Suche nach Perfektion zu gelangen, wo wir länger arbeiten müssen, um es uns leisten zu können, mehr für professionellen Rat zu bezahlen. Dies ist eine Ironie, oder was man die Coaching-Falle nennen könnte […].“

– Cederström / Spicer: Das Wellness-Syndrom, S. 21-22.

 

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Grund 2: Es überträgt die Verantwortung auf dich – für alles

Indem der Weg zum Glück verkauft wird, der perfekte Mensch der Spätmoderne als unsichtbare Projektion im Hintergrund stets mitläuft und dir ein scheinbar unanfechtbarer Werkzeugkasten an Strategien an die Hand gegeben wird („Eliminate what doesn’t help you grow“), passiert ein schwerwiegender Shift von Verantwortung: Anstatt, dass solche profanen Dinge wie Zufall („Es gibt keinen Zufall, nur Möglichkeiten“) und schlechtere Startbedingungen innerhalb einer Gesellschaft, die die Teilhabe an genau dieser vielleicht erschweren, thematisiert werden, bist du aus der Coaching-Perspektive für alles verantwortlich, was dir im Leben widerfährt. 

Einen schlechten Tag gehabt? Nope, das liegt allein an deinem Mindset. Lächle dich im Spiegel an und nach fünf Minuten sieht die Welt ganz anders aus, wirst sehen! No matter, ob du fünf Kinder hast, alleinerziehend bist, von Sozialhilfe lebst, dir die Miete nicht mehr leisten kannst, mit dem Bildungssystem struggelst – einfach lächeln, und es wird! 

 

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Du fragst dich, warum Bekannte neben dir die Karriereleiter emporklettern und generell viele Menschen an dir vorbeiziehen, so am gesamtgesellschaftlichen Erfolg gemessen? Das liegt nicht etwa an der noch immer tief im System verankerten sozialen Ungerechtigkeit, die zum Beispiel dazu führt, dass von 100 Akademikerkindern 74 an eine Hochschule gehen, von Arbeiterkindern aber nur 21, sondern an deiner fehlenden inneren Disziplin. Du nimmst dir nicht genug vor, der*die Beste zu sein (mit weniger geben wir uns aus Prinzip nicht zufrieden). Dein Mindset passt nicht, du hast nicht den richtigen Flow und nicht die richtigen Menschen um dich herum. Die Konsequenz: Trenne dich von allem, was dich daran hindert, deinen Traum zu leben. Bullshit. Again. 

 

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Bildung ist ein Schlüssel für die Art, wie wir an der Gesellschaft teilhaben – und noch immer sind die Bildungschancen auch hierzulande eng an die soziale Herkunft gekoppelt. Solche Dinge lassen sich nicht einfach weglächeln oder -meditieren, egal, wie hartnäckig man das versucht. 

„Der Coach macht nicht die Ängste des Klienten vergessen, sondern zwingt ihm die Tyrannei des Wählens auf. Eine der Standardtechniken, die von vielen Coaches angewandt wird, besteht darin, ihre Klienten mit Szenarien wie diesem zu traktieren: ‚Stellen Sie sich vor, Geld oder andere Hindernisse wären kein Thema, wie würde dann ihr Leben in zehn Jahren aussehen?‘ Solche Fragen verleiten den Gechoachten dazu, sich auf ein Fantasiespiel einzulassen.“

– Cederström / Spicer: Das Wellness-Syndrom, S. 23

Am Ende dieses Spiels steht stets die Erkenntnis: Alles, was dich davon abhält, deine Fantasievorstellung von deinem perfekten Leben zu erreichen, bist du selbst. 

 

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Das schürt nicht nur die bereits besprochenen Ängste, die wiederum zum Kauf von weiteren Maßnahmen verleiten (schließlich wollen wir gerne an die Hand genommen werden bei der Neugestaltung unseres Lebens), sondern kann auch zu Frustration und Lähmung führen. Wenn das so einfach ist, warum bekomme ich es dann nicht hin – alle anderen aber scheinbar schon? 

Grund 3: Es führt zum Rückzug nach innen

An Fragen wie dieser arbeiten wir uns dann ab und werden mit unserem Leben und uns selbst immer unzufriedener. Die beste Voraussetzung, um weiter Geld in Selbstoptimierungsmaßnahmen wie dem Lesen von Coachingbüchern, Buchen von Onlineseminaren und dem Besuchen von Workshops zu stecken. 

Und viel wichtiger: Zeit zu investieren, um weiter um uns selbst und scheinbare, weil zum Teil eben auch heraufbeschworene, Probleme zu kreisen. 

Wir kommen in Grübelschleifen, die alles sind – außer produktiv. Das ist nicht nur für unsere Psyche problematisch, sondern auch für die Gesellschaft: Die Zeit, die verunsicherte Menschen damit verbringen, einem vermeintlichen Bali-inspired Lebensideal hinterherzulaufen, fehlt, um sich um die übergeordneten Probleme zu kümmern, ja: um sie überhaupt wahrzunehmen. 

Anmerkung: Es geht hier nicht darum, jegliche Form von Selbstfürsorge zu diskreditieren. Ruhezeiten, Meditation und der zeitweilige Fokus auf sich Selbst und wie wir leben wollen, ist nach persönlicher Disposition mehr oder weniger notwendig. Hier geht es um die spätkapitalistische Perversion von Selbstfürsorge.

Wenn ich andauernd eingeredet bekomme, dass alles Glück und Unglück in meinem Leben entweder dem Universum oder meinem eigenen Versagen zuzuschreiben ist, komme ich unter Umständen gar nicht auf die Idee, dass es sowas wie die angesprochene gesellschaftliche Ungleichheit geben kann, die immer noch vor allem weiße Hetero-Männer mit bestimmtem sozio-kulturellem Hintergrund mit den besten aller Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben ausstattet. 

 

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Direkt daran angeschlossen sind Themen wie Feminismus, Diversität und generell die Frage, wie wir in einer (globalen) Gesellschaft leben wollen und was überhaupt ein gutes Leben bedeutet. Womit wir bei den wirklich philosophischen und politischen Fragen wären, die nicht nur passiv den Selbstrückzug betreiben (dabei aber andauernd etwas anderes behaupten – nämlich, dass man sich aktiv zuerst seine innere Welt und dann mit den positiven Eigenschaften wie Liebe, Empathie und Co. eine bessere äußere Welt schaffe), sondern aktiv nach außen gehen. Die Fragen, die sich mit dem Ist-Zustand und über das Ego hinaus damit beschäftigen, wie für alle eine gute Zukunft aussehen kann und dabei Unperfektion nicht nur akzeptieren, sondern als Voraussetzung für (zwischenmenschliches) Lernen betrachten. 

„Ich versuche, dem wahren Leben auf die Spur zu kommen. Auch weil die Philosophie diese Fragen vernachlässigt hat. Vor allem seitdem die Religion nicht mehr so eine große Rolle spielt, liegen diese Fragen wie einsam in der Wüste. Und von dort greift sie der Glücksmarkt auf und parliert von persönlicher Entwicklung und solchen Dingen. Also die Pseudophilosophie, die zu einem pseudobesseren Leben führt, überhaupt ein Pseudoleben. Die Philosophie muss sich also ernsthaft mit dieser Frage auseinandersetzen, sonst tun es die Scharlatane.“

– Françios Jullien, französischer Philosoph in Hohe Luft 5/2019, S. 45.

Das Schöne an dieser Sache: Ernsthaft philosophieren, sich politisch bilden und aktiv werden, kann jede*r, der*die sich wirklich dafür interessiert, die nötigen Ressourcen hat (vor allem auch hier: Zeit, aber auch: Geld) und Geist und Augen offen hält. Es ist auch eine wunderbare Prävention, um nicht in die Coaching-Falle zu tappen und – nebenbei bemerkt – vielleicht auch sowas wie eine moralische Pflicht: die Privilegien, die man hat, zu nutzen, um die Gesellschaft voranzubringen und nicht nur um sich selbst zu kreisen. 

Beitragsbild: © Madison Lavern/unsplash.com, Vorschaubild: © Antonika Chanel/unsplash.com

Jenni war schon immer neugierig auf das, was die Welt hinter ihrem Erfahrungshorizont ausmacht. Einfache Antworten machen sie misstrauisch. Denn die gibt es selten. Jenni findet, dass wer wir sind und sein wollen, eng damit zusammenhängt, wie wir die Welt formen und vice versa. Sie schreibt und setzt ihre Stimme aus der Überzeugung dafür ein, dass sich das gute Leben für möglichst viele Menschen erfüllt. Das macht Jenni als Bloggerin auf Mehr ist Grünzeug, als Instagrammerin, Vortraghaltende, Alltagsinspiration und hoffentlich-bald-Buchschreibende.

8 Kommentare

  • Mia
    30/09/2019
    reply

    So gut, danke! Ganz besonders wichtig finde ich den punkt “Es überträgt die Verantwortung auf dich – für alles” – da wir damit ausblenden, dass gesellschaftliche Probleme angegangen werden müssen, dass nicht immer ein mindset change, sondern nur ein system change uns weiterbringt.

    • Jenni
      30/09/2019
      reply

      Danke dir für das Feedback!

      Ja, der Punkt ist mir auch ganz besonders wichtig, ehrlich gesagt. Dahinter stecken nämlich nichts anderes als genau die spätkapitalistischen Mechanismen, mit denen genau diese Szene auf den ersten Blick nichts zu tun haben möchte – und ich finde es extrem wichtig, dass das thematisiert wird.

      Und: Word for the system change!

  • ulrike waste no thyme
    30/09/2019
    reply

    Danke, danke danke! Endlich spricht es mal jemand aus! Ich frage mich schon lange, was hinz und kunz dazu berechtigt “coach” zu sein und wie es klappt, dass denen auch noch sehr viele menschen folgen. ich denke das problem liegt einfach darin, dass mensch sich gerne an strohhalme klammert, wenn er/sie keinen ausweg aus seinem leben sieht. Und da kommt ein anonymes online coaching, das dir das blaue mindset vom himmel verspricht genau recht.

    • Jenni
      04/10/2019
      reply

      Liebe Ulli,

      danke dir für dein Feedback zum Artikel – ich freue mich, dass er dir gefallen hat!

      Ich denke auch, dass der Markt sehr stark auf Unsicherheit basiert und diese dann von einzelnen Menschen ausgenutzt werden. Das ist so tragisch wie schade wie ärgerlich, wie da mit Hoffnungen Profit gemacht wird….

      Liebe Grüße an dich!
      Jenni 

  • Charlette
    02/10/2019
    reply

    Ich sags mal so, wer spirituell sein möchte, soll es sein. So lange derjenige jemand anderem nicht schadet, juckt mich das nicht.
    Doch das ist in vielen Themenbereichen so. Viele Menschen sind auf der Suche nach Hilfe. Und finden sie dann in vermeintlichen Coaching Angeboten. Die dann wiederum oftmals von Laien abgehalten werden.
    Statt Hilfe in Selbsthilfebüchern oder bei Coachings zu suchen, wenn man wirklich leidet, dann zu einem Fachmann gehen. Statt an sich selbst rumzudoktorn. Oder andere an sich rumdoktorn zu lassen. Dazu gibt es Beratungsstellen und Psychologen.
    Doch gerade so ein Blödsinn verkauft sich eben gut. Da werden dann gewisse Themen schnell mal zu Trends. Weil Laien diese Bücher kaufen oder diese Angebote in Anspruch nehmen.
    Hochsensibilität ist da ein gutes Beispiel. Jeder ist es. Wissenschaftlicher stand dahinter in den Kinderschuhen. Aber die Bücher und Coachings speziell für Hochsensible sind gerade der Renner.
    Da ist von einem gesellschaftlichen Anteil von 15 Prozent die Rede. Aber alles nur Schätzungen. Denn andere meinen wiederum es seien nur ein bis drei Prozent Bevölkerungsanteil, die tatsächlich davon betroffen sind. Schätzungen, bei denen so getan wird, als seien sie heute schon in Stein gemeiselt.
    Selbstoptimierung – mehr Ruhe und irgendwelche EFT Klopftechniken, denn man ist ja so empfindsam.
    Bei sowas sitzt mein auf Wissenschaft ausgelegter Geist meist mit einem Kopfschütteln da.

    • Jenni
      04/10/2019
      reply

      Hallo Charlette,

      danke dir für dein ausführliches Feedback!

      Ich denke auch, dass viele Menschen in der Regel bei ausgebildeten Fach-Ärzt*innen besser aufgehoben sind als bei einem undurchsichtigen Coaching, das man per Werbeanzeige in den Facebookfeed gespült bekommt.
      Da geht es natürlich auch immer ein bisschen darum, auf was genau die Leute sich spezialisiert haben, die Coachings anbieten und wie tief sie in die Psyche der Menschen eingreifen (häufig, ohne das selbst zu wissen). Meditation, Motivation und Anleitungen zu einem langsameren Leben können auch fruchtbar sein – je nachdem, wie das kommuniziert wird und inwiefern man sensibel zum Beispiel auch für Themen wie der Kulturellen Aneignung ist. Da möchte ich auch nicht gleich alle unreflektiert unter einen Hut packen – aber es gibt eben sehr, sehr viele, die sich der kapitalistischen Struktur, die du ansprichst, bedienen und schamlos Profit mit Ängsten, Hoffnungen und Wünschen von Menschen machen. Selpstoptimierung for the win und so.

      Liebe Grüße
      Jenni 

      • Charlette
        13/10/2019
        reply

        Hallo Jenni,
        danke für deine Antwort.
        Was denkst du rigentlich dann über Selbsthilfebücher? Davon gibt es ja auch viele, die teilweise nicht gerade von Fachleuchten geschrieben werden, den menschen aber Hilfe bei ihren Problemen versprechen.
        Das ist ja genauso bedenklich wie solche Coachings.

  • Markus
    05/10/2019
    reply

    Es gibt durchaus einen Weg. Unser Denken bestimmt maßgeblich unser Handeln und damit unser Verhalten und wie wir die Welt sehen und ihr begegnen. Unsere Gedanken formen die Welt, die wir leben.
    Denkst du schlecht über andere, dann wird dein Handeln und dein Verhalten gegenüber dieser Person auch nicht wohlgesonnen sein. Gibst du dich Wut und Missgunst hin, wird es dir schwer fallen einem anderen, der diese Gefühle in dir hervorruft, mit Freundlichkeit und dem aufrichtigen Wunsch, dass es diesem Menschen gut gehen möge zu begegnen.
    Prüfe mich und was ich sage, prüfe die Lehren und die Lehrer, denen du vertraust. Schon Buddha sagte wir sollten nicht allem glauben. Und doch findet sich vieles aus seiner Lehre im Heute wieder. Lehren, die über Jahrtausende im Buddhismus praktiziert werden, finden Bestand in der Gesellschaft der Moderne.
    Kritisch sein ist gut. Solange es uns hilft die Blickwinkel und Perspektiven anderer einzunehmen und dadurch in unserem Mitgefühl zu wachsen.
    Hast du dich einmal mit den Lehren des Buddhismus auseinander gesetzt?
    Buddha beschreibt einen Weg, den wir alle gehen können. Ungeachet unserer Religion, Nationalität oder Sozialen Status.
    Wie wir denken kann viel verändern. Wir können wütend sein warum die Menschen nicht umdenken. Angst haben was so viel Schreckliches passiert. Oder uns an dem Positiven orientieren, An dem was die Menschen Gutes schaffen.
    Insofern liegt es an dir wie du die Dinge um dich herum betrachten möchtest. Das werden dir auch Psychologen sagen.
    Leidvoll ist es, wenn durch derartige Coachings mit den Menschen gespielt wird.

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