„Data is gold for fashion brands — and now, there’s more places than ever to get it“– damit beginnt ein Artikel des Modefachmagazins Business of Fashion, in dem eine „neue Welle von unabhängigen Fashion Data Brokers“ beschrieben wird. Im Vergleich zu Big Data sollen diese qualitativ hochwertigere und wertvollere Konsumierendendaten für immer schärfer zugeschnittenes Targeting im Modemarketing anbieten. Akkurate Konsumierendendaten sind für die Modeindustrie essentiell. Sie ermöglichen es nicht nur Mikrotrends, die sich im Wochentakt verändern, an die entsprechenden, sehr spezifischen Zielgruppen zu vermarkten; sondern auch, Entscheidungen zu treffen, was überhaupt produziert wird. Das Zusammenarbeiten mit Data Broking Unternehmen und unabhängigen Data Brokers ist daher gängige Praxis. Daten aus Social Media-Profilen, Shopping Apps, vernetzten Online-Bewegungen und den daraus hervorgehenden Vorhersagen sind im Datenkapitalismus so wertvoll wie nie.
Viele Internet- und App-Nutzer*innen haben spätestens seit dem Cambridge Analytica Skandal 2018 ein erhöhtes Bewusstsein dafür, wie wertvoll persönliche Daten sein können und in welchem Ausmaß sie – oftmals unreguliert – genutzt werden. Die Einstufung durch Data Brokers in bestimmte Bevölkerungsgruppen, die bei Wahlen den Unterschied machen können, sich besser oder schlechter für eine Wohnung, einen Kredit oder einen Versicherungstarif eignen und die damit einhergehenden möglichen Diskriminierungen und ethischen Bedenken wurden in den letzten Jahren viel diskutiert. Eine Konsumgüterindustrie wie die Modeindustrie erscheint in diesem Licht zunächst unbedeutender. Doch ist sie das? Cambridge Analytica-Whistleblower Chris Wylie macht bei einer Modekonferenz 2018 deutlich, wie spezifische Modeinteressen von Nutzer*innen auch bei politischem Targeting genutzt werden. So wären Fans der Marken L.L. Bean und Wrangler von Cambridge Analytica als rekrutierbar für populistische Ideen und damit als interessant für die Trump Kampagne 2016 eingestuft worden. Chris Wylie berät interessanterweise übrigens seit Ende 2018 den Modekonzern H&M und arbeitet dort heute als „Head of Insight and Emerging Tech“.
Doch es gibt auch andere Bewegungen im Modebereich, Stichwort Counter Surveillance, der Versuch Überwachung aktiv zu verhindern oder zu neutralisieren. Ich treffe das Modelabel „Urban Privacy“ zum Gespräch. Mit ihrer Marke stellen Nicole Scheller und David Preuß nicht nur Fragen danach, wie Privatsphäre heute im öffentlichen Raum aussehen kann, sondern auch, welche Rolle ein Modelabel dabei spielen kann und wieso all das heute besonders wichtig ist.
Euer Label heißt Urban Privacy, Privatsphäre im öffentlichen, städtischen Raum. Worum geht es euch?
Daniel Preuß: „Uns geht es im Grunde um zwei Themen: Einerseits wollen wir das Thema Privatsphäre sichtbarer machen. Andererseits wollen wir Individuen mehr Autonomie geben, wenn es um ihre eigenen Daten geht. Es geht darum, automatisierte Systeme auszubremsen und das Zwischenmenschliche zu stärken.“
Nicole Scheller: „Fashion ist immer auch ein expressives Medium. Mit der Art, wie man sich kleidet kommuniziert man eine Haltung. Es gibt Mode für Leute, die das sportliche hervorhebt, Kleidung für Business etc. Unsere Produkte betonen explizit die Wichtigkeit von Privatsphäre und Datenschutz im Zeitalter von Surveillance Capitalism und KI.“
Surveillance Capitalism – Überwachungskapitalismus – ist ein von Shoshana Zuboff geprägter Begriff.
Zuboff beschreibt den Überwachungskapitalismus als globale, ökonomische Architektur, die menschliche Erfahrung zum kostenlosen Rohstoff deklariert, der für unsichtbare, kommerzielle Praktiken genutzt wird. Das Ziel dabei ist, menschliches Verhalten vorherzusagen und so anzupassen, dass mehr Verkäufe generiert werden. Für Zuboff entsteht im Überwachungskapitalismus ein Wettbewerb der besten Vorhersagen und der besten „Prediction Products“, der zu einem weiter ansteigenden Bedarf führt „Behavioral Surplus Data“ zu sammeln. Das sind Daten, die über „normale“ Produkt- und Servicedaten (wie Kontaktdaten, Geschlecht, etc.) hinaus gehen. Das können unter Anderem sehr sensible Daten wie Gesundheitsdaten oder detaillierte Informationen zu Emotionen sein). Für Konsument*innen ist es in der Regel sehr schwer, herauszufinden, welche Daten genau erhoben werden und welche Vorhersagen oder Beeinflussungen damit erzielt werden sollen.
(Zuboff, 2019. The Age of Surveillance Capitalism)
Wie ist Urban Privacy entstanden?
Nicole Scheller: „Während meines Auslandssemesters in Schweden 2015 funktionierte damals schon vieles bargeldlos und alltägliche Dinge, wie Nahverkehr waren nur mit digitalen Bezahlkarten nutzbar. Ich habe mich dabei irgendwann gefragt ‚Was passiert eigentlich mit den ganzen Daten, die dabei gesammelt werden?‘ Wenige Jahre vorher hatte ja Edward Snowden die globale Überwachung durch die USA mit PRISM öffentlich gemacht.
Ich bin schnell in einem Rabbit Hole gelandet. Inspiriert haben mich auch einige Countersurveillance-Design- und Kunstprojekte, wie zum Beispiel von Adam Harvey oder Leo Selvaggio. Meine Bachelorarbeit “IP/Privacy” hat sich dann intensiv mit Algorithmen zur Gesichtserkennung auseinandergesetzt und wie man sie mittels Kleidung austricksen kann. Daraus entstanden ist eine Strickkollektion mit schwarz-weiß Mustern, die überall auf dem Körper Gesichter erkennen lässt. 2021 habe ich mich dann für ein EXIST-Gründungsstipendium beworben. Damit konnte ich 2022 Vollzeit an der Idee weiterarbeiten, der Name ‚Urban Privacy‘ hat sich entwickelt und Daniel ist eingestiegen.
Mich bewegt es gerade total, dass wir eine so tolle Community haben. Das soll wirklich nicht abgedroschen klingen. Wir haben wirklich bei Null angefangen und nun zu erleben, dass Leute unsere Sachen tragen, das Thema dadurch in die Welt tragen und uns auf den sozialen Plattformen supporten, bewegt mich sehr und ich bin sehr dankbar.“

Urban Privacy Hoodie: Mit Muster Gesichtserkennung verwirren
Wie bereit sind Kund*innen denn für euer Counter-Surveillance-Modelabel? Wie stark müsst ihr zunächst erklären, was euer Anliegen ist?
Daniel Preuß: „Wir bemerken eine ganz deutliche Veränderung darin, wie die Leute auf uns und das Thema anspringen. Ganz am Anfang kamen immer wieder Aussagen wie ‚damit kann ich ich dann unerkannt bei Leuten einsteigen‘ oder ‚Mode für Kriminelle‘. Das hat sich deutlich verändert. Sachen wie der Social Score in China oder die gerade laufenden ICE-Aktionen in den USA sind real. Und sie werden eben befeuert und überhaupt erst möglich durch riesige Datenmengen, die wir alle hinterlassen. Das wird mehr und mehr Leuten klar.
Wir haben schon viel darüber nachgedacht, wie viel Erklärung unser Konzept braucht. Manche kennen zwar die Kombination aus Mode und Datenschutz noch nicht, haben aber selbst schon komische Privacy-Situationen erlebt, zum Beispiel wenn Werbung auf dem Handy zu Themen angezeigt wurde, über die man sich am Vortag mit Freunden unterhalten hat. Das Thema ist präsenter, als man im ersten Augenblick denkt.“
Gleichzeitig ist mehr Datenschutz aktuell nicht unbedingt ein Wahlkampfthema…
Nicole Scheller: „Aktuell hängt sich die politische Diskussion in Deutschland viel am Thema Sicherheit auf und da ist man anscheinend gewillt, Einschnitte in der Privatsphäre hinzunehmen. Zumindest auf politischer Ebene, wenn man auf die Forderungen nach mehr Videokameras in Verbindung mit Kooperationen zwischen Bundesländern und US-Techkonzernen, wie Palantir, schaut.“
Daniel Preuß: „Dadurch, dass wir komplett vernetzt sind, alles online machen und für alles eine App haben, ist der Alltag an vielen Stellen augenscheinlich komfortabler geworden. Es gibt Rabatte beim Einkaufen, ich kann alles vom Smartphone aus steuern. Die Belohnungen gibt es sofort, die Rechnung kommt erst sehr, sehr viel später.“

Keine Lust auf verstecktes App-Tracking im Hintergrund? Mit der Urban Privacy Bag ist das Handy wirklich ausgeschaltet.
In meinem Umfeld höre ich immer wieder die Aussage „die haben sowieso alle meine Daten“? Wie geht ihr mit dieser Haltung um?
Daniel Preuß: „Das bekommen wir auch immer wieder zu hören. Entweder das, oder ‚ich habe doch nichts zu verbergen. Das ist wie umgekehrte Beweislast, als müsste man begründen, warum man nicht mit jedem alles teilen möchte. Die Frage sollte doch sein: Welches Recht und welchen Grund haben fremde Personen, Konzerne oder der Staat auf persönliche Informationen zuzugreifen? ‚Das geht Dich nichts an‘ ist eine völlig legitime Aussage.
Wir werben nicht für paranoide Geheimhaltung oder Abkopplung von allem Digitalen. Wir möchten Aufmerksamkeit dafür erzeugen, dass es wichtig ist zu verstehen, wie der Datenkapitalismus funktioniert und was die Risiken sind.“
Nicole Scheller: „Ob man etwas zu verbergen hat oder nicht, ist auch stark davon abhängig, was andere interessant finden. In Deutschland und den meisten europäischen Ländern ist man frei im Ausleben sexueller Neigungen oder religiöser Ansichten. Das ist einerseits nicht überall so und kann sich eben auch ändern, abhängig vom Machtgefüge. Wie schnell sowas gehen kann, sieht man gerade in den USA.“
Wieso ist Mode für euch das passende Medium, um Datenschutz und Privatsphäre zu thematisieren?
Nicole Scheller: „Mich fasziniert, dass es bei diesen Technologien immer um die Erfassung der Identität geht – also um ein asymmetrisches Machtverhältnis, dem man sich nur schwer entziehen kann. Man wird gefilmt oder muss Umwege gehen, um nicht erfasst zu werden. Mode wiederum beschäftigt sich ebenfalls mit Identität und Ausdruck. In unserem Fall nutzen wir Mode, um Identität zu verschleiern. Wir arbeiten mit einem spannenden Widerspruch, indem unsere Kleidung sehr auffällig ist. Durch die Muster und die weiten Formen. Beim Thema Anonymität ist das erstmal irritierend. Aber so können sie Erfassungssysteme stören und gleichzeitig zum Dialog einladen. Dadurch kommt man ins Gespräch und das Thema wird mehr diskutiert. Bisher hat das ziemlich gut funktioniert.“

Keine Lust, fotografiert zu werden? Der Urban Privacy Schal mit QR-Codes sendet eine unmissverständliche Botschaft an die ungefragten Fotograf*innen.
Ihr habt bereits über die Verbindungen zum aktuellen Geschehen in den USA angesprochen. Wie hängt eine Gegenbewegung zu konstanten Datensammlungen mit eurem Demokratieverständnis zusammen?
Nicole Scheller: „Privatsphäre ist ein wichtiger Pfeiler in der Demokratie. Nur wer sich unbeobachtet fühlt, kann sich frei entfalten und auch entwickeln. Unsere Eltern haben erlebt, was es heißt keine Privatsphäre zu haben. In der DDR wusste man nicht, wer einen ausspioniert und welche Daten über einen gesammelt werden. Das führt natürlich zu Vertrauensverlust anderen Menschen gegenüber und ist schwer rückgängig zu machen. Keine Privatsphäre zu haben heißt, dass man bewertet und kontrolliert werden kann. Das führt dazu, das man sich anpasst, um keine Nachteile zu haben. Was ironisch ist, da sich nicht ausleben zu können eine enorme Einschränkung ist.“
Daniel Preuß: „Was wir als sehr schwierig empfinden ist die Tatsache, dass es immer mehr darum zu gehen scheint, den zwischenmenschlichen Kontakt zu reduzieren. Es soll großflächig Videoüberwachung zum Einsatz kommen, die mithilfe von KI Situationen bewertet. Da wird dann immer das Argument der erleichterten Polizeiarbeit und Strafverfolgung ins Feld geführt. In der Praxis wird der Kontakt mit Polizist:innen – also Menschen – durch gesichtslose Maschinen ersetzt. Das ist super gefährlich, weil es die Kluft zwischen Staatsgewalt und Bürgern vertieft. Überwachung ist letztendlich ein Zeichen von Misstrauen. Und das wir dann auf beiden Seiten verstärkt. Demokratie braucht aber Offenheit, Toleranz und Vertrauen.
Vielen Dank für das schöne und offene Gespräch!
