Black History Month: Diese Schwarzen Designer haben die Modeindustrie für immer verändert

Zum Abschluss des Black History Month erzählt unsere Gastautorin Beatrace Angut Lorika Oola von Fashion Africa Now, welche Schwarzen Designer die Modeindustrie für immer veränderten und wie sie heute noch die Fashion-Welt prägen.

Eine Schwarze Person posiert vor einer Treppe und trägt dabei einen braunen Mantel, graue Weste, gestreifter graue Hose und braune Stiefel mit Absatz

Vor Off-White, Kanye West, Pyer Moss oder Daily Paper gab es Dapper Dan und WilliWear. In den 70er-Jahren schuf Willi Donnell Smith von WilliWear beispielsweise integrative und befreiende Mode: „Ich entwerfe keine Kleidung für die Königin, sondern für die Leute, die ihr zuwinken, wenn sie vorbeigeht“, sagte er. Schwarze Designer*innen wie er und Daniel Day, besser bekannt als Dapper Dan, veränderten die Modeindustrie für immer.

Underground-Ikonen und ihre Street Couture

Willi Smith und Daniel Day, besser bekannt als Dapper Dan, zählen zu den legendären afroamerikanischen Designern und legten den Grundstein für weitere Schwarze Modeschaffende, die die Branche neu definieren wollten.

Nachdem Smith sein Studium an der Parsons School of Design in New York absolviert hatte, erhielt er im Alter von zwanzig Jahren seinen ersten großen Job als Designer für Glenora. Später arbeitete er für die Sportbekleidungsmarke Digits, die er bis 1973 leitete. Als er 1976 gemeinsam mit seiner Assistentin, Laurie Mallet, WilliWear gründete, etablierte sich Smith als Teil der US-amerikanischen Modewelt neben Designer*innen wie Anne Klein, Perry Ellis und Giorgio Armani. 

Doch er war nicht der einzige Schwarze Designer, der sich damals in den 70er einen Namen machte: Auch Dapper Dan gehört zu den wohl wichtigsten Designern, die Schwarze Modegeschichte schrieben. Nach seinem sechsjährigen Aufenthalt in afrikanischen Ländern wie Liberia und Kongo, entschied er sich 1974 nach Harlem, New York, zurückzukehren und in der Modeindustrie zu arbeiten. Es war jedoch zunächst nicht einfach, dort Fuß zu fassen. Die Bürgerrechtsbewegung war noch nicht ausgestanden, marginalisierte Gruppen wurden gesellschaftlich weiterhin ausgeschlossen. Es war nicht üblich, dass ein Schwarzer Designer die Modewelt stürmt.

Im Jahr 1982 gelang es Dan schließlich den ersten Fashion-Store in Harlem in Betrieb zu nehmen, der 24 Stunden, 7 Tage die Woche geöffnet war. Seine oberste Priorität war es, für seine Kund*innen jederzeit erreichbar zu sein, da diese zu Beginn vornehmlich aus dem Rotlicht- und Drogenmilieu kamen. Mitte der 80er-Jahre eroberte Hip-Hop die Musiklandschaft und auch diese boomende Szene beflügelte seinen Kund*innenkreis.

Streetwear by Willi Smith: Mode für alle 

Willi Smith gelang es, als erster Designer genderneutrale Kleidung zu entwerfen, die die Diversität der Gesellschaft aufzeigten und diese salonfähig machten. Sein Credo: simple Kleidung zu entwerfen, die jedem Lebensstil gerecht werden sollte, ob arm oder reich. So eroberten seine Kreationen die Straßen von New York. Mit seiner Vorliebe zu Sportbekleidung gelang es ihm Streetwear neu zu interpretieren. Streetwear, wie sie von Smith geprägt wurde, war ein umfassender Begriff, der darauf abzielte, die Art und Weise, wie Mode konsumiert und erlebt wird, zu dekonstruieren – und somit allen Gesellschaftsklassen zugänglich zu machen. 

Smith sprengte mit seiner Streetwear – oder „Street Couture“, wie er sie nannte – die modischen Grenzen und war so Wegbereiter für die Zusammenarbeit zwischen Künstler*innen und Performer*innen wie Grace Jones, Keith Harring oder Jean-Michel Basquiat. Sein interdisziplinärer Ansatz ermöglichte eine erhebliche Veränderung im Bereich der High End Fashion: Zum ersten Mal spiegelte sich die gesellschaftliche Entwicklung wider. Plötzlich nahm die Modewelt auch die aufstrebende Schwarze Mittelschicht, die aufsteigende Queer Community und Frauen im Berufsleben wahr. Doch trotz Smiths Popularisierung der Streetwear oder „Street Couture“ wurde sein Einfluss in der Modebranche von westlichen Marken überschattet, die in den 90-Jahren aufkamen. 

Dapper Dan: Hip-Hop-Kultur prägte die Luxusmode

Anders als Willi Smith, verfiel Dapper Dan den Luxusprints aus Paris und Italien, die die High End Fashion ausmachten. Obwohl seine Designs außergewöhnlich, elegant und einzigartig waren, wollten weder der US-amerikanische Markt noch die europäische High-End-Szene ihn als Geschäftspartner anerkennen. Doch es gelang ihm schließlich Hip-Hop und Rap-Künstler wie LL Cool JThe Fat BoysSalt-N-Pepa und KRS-One einzukleiden. Einige Rapper erwähnten ihn sogar in ihren Songs, was seine Bekanntheit Ende der 80er-Jahre rasant steigerte. 

Dapper Dan mischte die High-End-Fashion-Szene mit seinen Kreationen neu auf, denn bis dato war diese der weißen Gesellschaft vorbehalten. Plötzlich trugen auch Schwarze Künstler*innen Luxusmode und machten auf den roten Teppichen auf sich aufmerksam. Die internationale Luxusindustrie hielt sich anfangs noch sehr zurück, wenn es darum ging, Rap-Künstler*innen als Markenbotschafter*innen zu engagieren. Luxushäuser wollten nicht mit der Hip-Hop-Bewegung in Verbindung gebracht werden, da sie glaubten, sie würde den Wert ihrer Marke schädigen. 

Von Designklau zu Kollaborationen

Dapper Dan gelang es eine Printtechnik zu kreieren, die ihm nicht nur erlaubte seine eigenen Textilien zu designen, sondern auch Prints zu kopieren. Aufgrund der illegalen Print-Kopie einer Fendi-Jacke wurde Dapper Dans Geschäft im Jahr 1992 nach einer Klage geschlossen. Somit fing wieder bei null an. Im Jahre 2017 erlebte er schließlich einen bahnbrechenden Wandel: Eine Jacke, die er 30 Jahre zuvor für die damalige Olympiagewinnerin Diana Dixon designt hatte, wurde von Gucci kopiert und tauchte auf dessen Laufsteg auf. Dank Social Media wurde jedoch schnell bekannt, wer der ursprüngliche Designer war. Aufgrund der medialen Resonanz bot Gucci Dapper Dan einen lukrativen Deal an. Beide Brands kollaborierten und designten eine gemeinsame Gucci-Kollektion. 

Zwischen High End Fashion und Streetwear

Heute ist es undenkbar Hip-Hop-Künstler*innen wie ASAP Rocky oder Jay-Z nicht mit Luxusbrands zu vereinen. Der Zusammenschluss von Streetwear und High End wurde durch die Hip-Hop-Kultur vorangetrieben. Brands wie Cross Colours, Karl Kani und FUBU, die kurz nach Willi Smiths Tod populär wurden, entstanden außerhalb des konventionellen Modesystems. WilliWear erschuf mit seinen Styles die Ära der Streetwear und Dapper Dan designte Mode, die die Identität der Schwarzen Community ausmachte. Die Streetwear-Designer*innen der 90-Jahre Maurice Malone und April Walker haben Smith zugeschrieben, dass er die „erste Brücke zwischen der Straße und dem Laufsteg“ schlug und Mode schuf, die sowohl „von der Straße inspiriert als auch für alle Menschen zugänglich war“. Mehr zu diesem Thema hört ihr in der Podcast-Folge von Fashion Africa Now im Interview mit April Walker.

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Westliche und postkoloniale Machtstrukturen in der Modeindustrie 

Wir können nicht über das Leben und die Karriere von Willi Smith und Dapper Dan schreiben, ohne (und auch das gehört zum Black History Month!) westliche und postkoloniale Machtstrukturen in der Textil- und Bekleidungsindustrie zu erklären. 

Um diese zu verstehen, braucht es einen kurzen historischen Auszug: Die ersten Europäer*innen verschafften sich von den nord-, west- und ostafrikanischen Küsten, Zutritt zu den örtlichen Handelsnetzwerken. Anfang des 18. Jahrhunderts verlagerte sich der Atlantikhandel an die von den portugiesischen, niederländischen, dänischen, französischen, deutschen oder britischen Kolonialmächten eingenommenen Küsten. Zu diesem Zeitpunkt gewinnt auch die Rolle der afrikanischen Frau als Händlerin an Bedeutung.

Der Sklavenhandel wurde 1865 als Menschenhandel betitelt und somit in den USA abgeschafft. Daraufhin zwangen oder bestachen Europäer*innen, Einheimische, den lokalen Baumwollanbau zu industrialisieren. 1896 wurde das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee ins Leben gerufen – es sollte die Nutzung der Kolonien „als Rohstoffquelle für die heimische Industrie“ regeln. Die einheimische, traditionelle Textilproduktion wurde so systematisch unterbunden. Der industrielle Anbau der Baumwolle wurde mittels Zwangsarbeit, Monokultur und festgesetzten Preisen, die denen des Weltmarkts nicht entsprachen, vorangetrieben. Landwirt*innen wurden in Form von Arbeit besteuert und gezwungen, die Baumwolle an die Küsten zu transportieren und Ackerflächen zu roden. 1913 stammen 74 Prozent aller, nach Europa importierten, afrikanischen Baumwollprodukte aus britischen Kolonien. Das ist nun etwas mehr als 100 Jahre her. 

Diese westliche Perspektive erklärt auch, warum Schwarze Designer*innen bisher noch immer wenig sichtbar sind. Umso wichtiger ist es, zu zeigen, wie prägend ihr Einfluss in der Modeindustrie war (und ist).

Titelbild: Jayson Hinrichsen via Unsplash

Über die Autorin

Dieser Beitrag wurde von unserer Gastautorin Beatrace Angut Lorika Oola verfasst. Sie ist unter anderem Gründerin von @fashionafricanow – einer Informationsplattform, die sich zum Ziel gesetzt hat, Schwarze Menschen in der Modeindustrie dort sichtbar zu machen, wo sie nicht sichtbar sind. Außerdem ist Beatrace Creative Consultant, Kuratorin, Dozentin, Zukunftsdenkerin und Fürsprecherin für African Fashion. Sie zählt zu den globalen Pionierinnen der African-Fashion-Bewegung und steht für Inklusion und Repräsentanz in der Modebranche. In Deutschland hat sie Fashion Shows produziert, Ausstellungen kuratiert, Pop-Up-Formate initiiert, Talks moderiert, in afrikanischen Ländern organisierte sie Netzwerkveranstaltungen.

Quellen:

  • “Die ersten Europäer*innen verschafften sich von den nord-, west- und ostafrikanischen Küsten, Zutritt zu den örtlichen Handelsnetzwerken”: Vgl.: Kirsten Rüther: Afrika. genauer betrachtet, S. 189.
  • „als Rohstoffquelle für die heimische Industrie“: entnommen aus Beckert: King Cotton, S. 329.
  • Vgl. ebd. S. 331.
  • Zitat “die erste Brücke zwischen der Straße und dem Laufsteg schlug”: Designers of the Hottest 90s Brands Assemble at Liberty Fairs & Agenda Shows, Las Vegas, September 10, 2018; Taylor Lovaas, Maurice Malone Breaks Down Hip Hop and Fashion History from Mojeans to the Hip Hop Shop + Gives Advice to Young Designers, August 19, 2016.
  • Zitat “von der Straße inspiriert als auch für alle Menschen zugänglich war”: Elena Romero, Free Stylin’: How Hip Hop Changed the Fashion Industry (Santa Barbara, CA: Praeger Publishers, 2012).

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