Bei der FASHION POSITIONS vom 10. bis 13. September 2026 zeigen 22 unabhängige Labels ihre aktuellen Arbeiten und eröffnen einen Blick auf die vielfältigen Perspektiven, mit denen Mode heute gestaltet und gedacht wird. Mode wird hier nicht ausschließlich als Produkt gedacht, sondern als eigenständige kreative Ausdrucksform verstanden. Die teilnehmenden Labels arbeiten an der Schnittstelle von Design, Handwerk, Materialforschung und gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Wir haben die Modedesignerinnen hinter den Labels HUMAN TOUCH, IMPARI, Isabella Rudzki und Marie-Louise Müller gefragt, wie sie Mode mit Kunst verbinden und was ihnen aktuell Hoffnung macht.
Human Touch

Auf der Fashion Positions verbinden sich Mode und Kunst. Welche Bedeutung hat diese Verbindung für dich?
Juliet Seger-Banks: „Kleidung ist immer auch ein Medium der Kommunikation. Wie in der bildenden Kunst wird Mode entwickelt, um von einem Publikum wahrgenommen zu werden und Assoziationen und Reflexionen anzuregen. Anders als Kunst wird Mode jedoch immer auch an ihrer Funktionalität, Tragbarkeit und Reproduzierbarkeit gemessen. Für HUMAN TOUCH verstehen wir das nicht als Einschränkung, sondern als Potenzial: die Verbindung von künstlerischem und konzeptionellem Ausdruck mit tragbarer Ready-to-wear-Kleidung. Auch unser Live-Paint-Sewing verstehen wir als künstlerische Performance – als einen Prozess, der Gestaltung, Handlung und Begegnung miteinander verbindet. Unsere Arbeit basiert auf einer ‚Paint-Sewing-technique‘, wodurch die menschliche Arbeitskraft, die in jedem genähten Kleidungsstück steckt, sichtbar wird. Soziale Nachhaltigkeit ist daher durchgehend ein zentrales Thema für unser Konzept und fließt auch in unsere Entscheidungen auf der Produktebene. Wir nutzen vorwiegend natürliche Fasern und produzieren vor Ort in Kleinserien; für unsere Upcycling-Linie HUMAN TOUCH remedy sourcen wir Second-Hand und Vintage-Kleidung.“
Soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit sind Themen, die angesichts aktueller Krisen und Kriege in 2026 eher vernachlässigt werden. Was gibt dir aktuell Hoffnung?
Juliet Seger-Banks: „Oft hilft es, den Blick wieder auf die „reale“ Welt zu richten, weg vom Digitalen, und zu beobachten, wofür Menschen sich begeistern, wofür sie sich engagieren und was sie gestalten – sei es ein crazy Outfit, ein liebevoll dekoriertes Schaufenster oder eine freundliche Begegnung. Zu sehen, dass Menschen sich aktiv um etwas oder jemanden kümmern, Dinge gestalten und ihre Umgebung mitprägen, statt das Geschehen nur passiv an sich vorbeiziehen zu lassen, kann dabei helfen, sich nicht von einer Doomsday-Perspektive vereinnahmen zu lassen.“
IMPARI

Wie siehst du deine Arbeit als Modeschaffende im Kontext Kunst?
Jana Heinemann: „Für mich sind Mode und Kunst Möglichkeiten, nicht nur Geschichten zu erzählen, sondern sichtbar zu machen, was noch nicht existiert und was wir besser machen können. Mit IMPARI bauen wir etwas Neues auf und nutzen jede Form von Gestaltung, um diese Vision erlebbar zu machen: durch Kleidung, Materialien, Technologie, Räume und Kunst. Ich möchte nicht nur darüber sprechen, wie Zukunft aussehen könnte: Ich möchte sie erschaffen, sichtbar machen und damit anderen den Mut geben, selbst größer und anders zu denken.“
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in dieser Version der Zukunft für dich?
Jana Heinemann: „Nachhaltigkeit ist für IMPARI kein Teil unserer Arbeit, sie ist der Grund, warum IMPARI überhaupt existiert. Wir wollen Kreisläufe völlig neu denken und zeigen, dass eine Zukunft der Mode ohne Nachhaltigkeit für uns nicht mehr denkbar ist: Abfall wird zum Ausgangsmaterial, Begrenzung zum kreativen Impuls und Verantwortung zur Grundlage von Innovation. Unser Ziel ist es, etwas zu schaffen, das sich radikal neu anfühlt und gleichzeitig zum Vorbild dafür werden kann, wie wir in Zukunft gestalten, produzieren und konsumieren.“
Isabella Rudzki

Wie blickst du auf die Verbindung aus Mode und Kunst? Immerhin ist Mode auch immer ein Produkt, das verkauft wird.
Isabella Rudzki: „Bekleidung hat keinen rein funktionalen Wert, ich sehe besonders momentan den Trend zum künstlerischen Maximalismus; das ist die Tragik und gleichzeitig auch das Wunderschöne an der Mode. Ich hatte schon immer eine Faszination für Menschen und Körper und mir geht es viel mehr darum, Austausch und Transformation zu entdecken, als verkäufliche Produkte rauszubringen. Ich bewege mich in einer Bandbreite von Medien, die aus demselben ursprünglichen Gedanken entstehen und die meine Pieces am Ende verständlich machen. Mir wird oft gesagt, dass man meine Designs fühlt und sie deshalb am eigenen Körper tragen möchte. Nachhaltigkeit ist für mich eine bewusste Konsequenz aus dieser gestalterischen Haltung: viele Teile sind hochwertige Unikate oder in sich sehr komplex – so etwas schafft nur ein sehr enger Austausch auf Basis eines freundschaftlichen und fairen Verhältnisses mit regionalen Manufakturen. Außerdem gefällt mir der Gedanke, das sich der Wert meiner Schmuckstücke erst dadurch entfaltet, dass sie lebenslänglich getragen werden.“
Gleichzeitig scheint das Jahr 2026 eher von Schnelligkeit geprägt zu sein. Wie bleibst du mit deiner Arbeit verbunden?
Isabella Rudzki: „Zeiten des Umbruchs bringen oft auch viel Stärke und Liebe hervor, Ich spüre sehr stark, wie kreative Menschen um mich jetzt erst recht weitermachen und mit ihrer Arbeit Freude und Inspiration verbreiten. Im August 2026 haben wir ein großes Studio in Berlin eröffnet, wo wir künstlerische Events aller Art kuratieren und ich meinen Jewelry Workshop gebe. Es gibt bereits endlos viele Ideen, wie wir dort einen Raum fürs Abtauchen und Zusammenkommen gestalten können – einen, den Menschen mit viel positiver und kreativer Energie wieder verlassen.“
Marie Louise-Müller

Wie verbinden sich Mode und Kunsthandwerk in deinen Kollektionen?
Marie-Louise Müller: „Diese Verbindung bedeutet für mich, dass ich mich nie entscheiden musste: Ich möchte Menschen an einen anderen Ort entführen, ob mit einem Kunstwerk oder einem Kleid. Beide sprechen dieselbe Sprache, das Handwerk: Details, die über hunderte Stunden entstehen und die man auf den ersten Blick erkennt. Genau das können Mode und Kunst gemeinsam: eine Traumwelt öffnen und alle einladen, ob sie ein Teil tragen oder davor stehen.“
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in diesem Prozess?
Marie-Louise Müller: „Alles, was das Atelier verlässt, muss sich an drei Fragen messen lassen: Ist die Faser natürlich, lässt sich Upcycling einsetzen, und wird das Stück Bestand haben? Wenn ja, kennt meine gestalterische Freiheit keine Grenzen, und alle Materialreste fließen direkt ins nächste Projekt. In diesem Maßstab kann ich innerhalb des europäischen Modezyklus weniger Stücke mit einer stärkeren Handschrift fertigen, und mein wichtigstes Material ist die Zeit.“
Vielen Dank für die schönen Impulse!
