Ein Monat in Accra, Kantamanto und der kreativen Szene rund um Textilabfall
Bevor ich nach Ghana gereist bin, hatte ich bereits begonnen, mich intensiv mit den Auswirkungen der globalen Modeindustrie auseinanderzusetzen. Dies geschah einerseits durch meine Tätigkeit als Unternehmensberater und andererseits als aktives Mitglied von Fashion Revolution sowie als Gründer einer engagierten Modenschau: RE/CLAIMED. Kurz zuvor hatte ich meine Stelle als Unternehmensberater mit Schwerpunkt Menschenrechte und Sorgfaltspflichten verloren. Rückblickend war genau das wahrscheinlich der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich nicht länger nur aus europäischer Perspektive über diese Themen sprechen wollte.
Mit der Modenschau RE/CLAIMED wollte ich die Problematik des Textilsektors sichtbar machen – von Überproduktion bis hin zu den gigantischen Textilabfallbergen im Globalen Süden. Die Show verstand Mode nicht nur als ästhetisches Medium, sondern als politischen Raum. Kleidung wurde dort zum Symbol für Verantwortung, Konsum und die unsichtbaren Folgen westlicher Produktions- und Entsorgungsstrukturen.
Nachdem mein Job weg war, wollte ich mir einen eigenen, direkten Eindruck der Situation vor Ort machen – den Betroffenen zuhören und verstehen, wie lokale Gemeinschaften die Realität der globalen Textilindustrie tatsächlich erleben. Ich habe mir kurzfristig ein Visum besorgt, Flugtickets gekauft und bin einfach dem Berliner Winter entkommen.
Ich habe einen Monat in Accra verbracht, enge Verbindungen zur lokalen Community aufgebaut und Menschen kennengelernt, die trotz schwieriger Bedingungen mit unglaublicher Kreativität arbeiten. Ghana hat mir ein Spannungsfeld gezeigt: zwischen Armut, Überproduktion, Umweltbelastung – aber auch enormem Einfallsreichtum, Stolz und kultureller Kraft.
Kantamanto: Wo Europas Kleidung ein zweites Leben sucht
Ein zentraler Ort meiner Reise war der Kantamanto Market in Accra – einer der größten Secondhand-Märkte Afrikas. Über ihn wurde bereits viel berichtet, beispielsweise im Guardian oder der Vogue Business berichtet, zuletzt auch im Zusammenhang mit dem Feuer rund um den Markt im vergangenen Jahr. Jede Woche kommen hier Millionen von Kleidungsstücken an. Vor Ort werden sie oft als „Dead White Man’s Clothes“ bezeichnet – ein Begriff, der zunächst hart klingt, aber viel über die Realität des globalen Altkleiderhandels erzählt.
Viele der Kleiderspenden aus Europa und Nordamerika landen genau hier. Händler*innen kaufen die Ballen, ohne zu wissen, welche Qualität sie erwartet. Nicht selten enthalten sie beschädigte, verschmutzte oder nicht mehr tragbare Kleidung: Stücke mit Löchern, Flecken oder stark abgenutzten Stoffen. Nach Angaben der Organisation The Or Foundation sind hier rund 40 Prozent der ankommenden Kleidungsstücke nicht weiterverkaufbar. Die Folgen tragen vor allem die Händler*innen vor Ort, die das finanzielle Risiko der Einkäufe übernehmen.
Wenn die Ware nicht verkauft werden kann, entstehen Schulden. Konflikte zwischen Importeur*innen und Verkäufer*innen sind Alltag. Es war traurig zu sehen, wie viel Spannung innerhalb der lokalen Wirtschaft entsteht, obwohl die Ursache eigentlich außerhalb Ghanas liegt.
Diese Erfahrung hat mir noch deutlicher vor Augen geführt, wie stark wohlhabende Länder andere Regionen weiterhin beeinflussen – auch durch Praktiken, die unter dem Begriff „Abfallkolonialismus“ diskutiert werden. Fashion Changers hat dieses Konzept bereits hier ausführlich erläutert und zeigt, wie die ökologischen und sozialen Folgen von Überkonsum häufig in Länder des Globalen Südens verlagert werden.
Am Beispiel Ghanas wird diese Dynamik besonders sichtbar: Während große Mengen aussortierter Kleidung aus Europa und Nordamerika exportiert werden, tragen Menschen vor Ort einen erheblichen Teil der ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen.
Dabei musste ich immer wieder an Kwame Nkrumah denken, den ersten Präsidenten Ghanas. Er setzte sich für panafrikanische Einheit, politische Selbstbestimmung und wirtschaftliche Unabhängigkeit ein. Sein politisches Erbe, die Bedeutung seines Kampfes für ein unabhängiges und selbstbestimmtes Afrika, darf nicht unterschätzt werden.
Heute stehen diese Ziele vor neuen Herausforderungen. Kritiker*innen weisen darauf hin, dass die enormen Mengen günstiger Importkleidung lokale Wertschöpfungsketten unter Druck setzen und bestehende Textil- und Bekleidungsindustrien schwächen können. Die Debatte um den globalen Altkleiderhandel macht deutlich, wie eng Fragen von Konsum, Verantwortung und wirtschaftlicher Selbstbestimmung miteinander verbunden sind.
Upcycling aus Notwendigkeit – und aus Kreativität
Mich beeindruckte besonders die Kreativität der Menschen vor Ort. Auf dem Markt besitzt gefühlt jede zweite Person eine Nähmaschine. Viele Menschen betreiben Upcycling, ohne es überhaupt so zu nennen. Nicht als Trend oder Marketingstrategie – sondern aus purer Notwendigkeit. Und genau deshalb wirkt es oft so ehrlich und innovativ.
Ich habe unglaublich inspirierende Kreationen gesehen: Schuhe, die aus verschiedenen Materialien zusammengesetzt wurden, Vorhänge, die sich in extravagante Outfits verwandelten, textile Fragmente, die zu völlig neuen Silhouetten zusammengefügt wurden.
Besonders spannend war der Austausch mit jungen Kreativen und Designer*innen, die Mode als Ausdruck ihrer Identität und kulturellen Perspektive verstehen. Viele von ihnen versuchen bewusst, sich von den großen Mengen günstiger Fast Fashion abzugrenzen, die auf lokale Märkte gelangen und den Wettbewerb für regionale Produzent*innen erschweren.
In den Gesprächen wurde deutlich, wie eng Fragen von Mode, Kultur und wirtschaftlicher Selbstbestimmung miteinander verknüpft sind. Einen aufschlussreichen Einblick in diese Dynamiken bietet auch ein Beitrag der University of Manchester. Darin wird die Rolle chinesischer Hersteller im westafrikanischen Bekleidungsmarkt beleuchtet. Für Togo schätzen die Autor*innen, dass rund 90 Prozent der importierten Kleidung aus China stammen.
Obwohl sich die Rahmenbedingungen von Land zu Land unterscheiden, zeigen sich ähnliche Entwicklungen auch in vielen anderen afrikanischen Staaten. Die starke Abhängigkeit von importierter Kleidung stellt lokale Textil- und Bekleidungsindustrien vor große Herausforderungen und beeinflusst zugleich Konsumgewohnheiten sowie die Entwicklung eigener Mode- und Designmärkte.
Mir wurde deshalb klar, wie wichtig es ist, afrikanische Handwerkskunst und lokale Produktion wertzuschätzen.
Besonders prägend war für mich ein Gespräch mit Glory Adom, dem Künstler hinter diesem Werk. Seine Perspektive hat meinen Blick auf Textilabfälle grundlegend verändert. Er erzählte, dass ausgediente Schuhe nicht zwangsläufig im Müll landen müssen. Statt sie wegzuwerfen, könne man ihnen einen neuen Platz geben – etwa indem man sie sichtbar aufbewahrt oder als Erinnerung an besondere Lebensabschnitte betrachtet.
Für ihn tragen Schuhe Geschichten in sich: die Wege, die man gegangen ist, die Reisen, die man unternommen hat, und die Erfahrungen, die man gemacht hat.
Dieser Gedanke hat mich lange beschäftigt. Oft halten wir Erinnerungen in Fotos, Souvenirs oder Tagebüchern fest. Glory stellte jedoch die Frage, ob nicht auch die Gegenstände selber, die uns auf unserem Weg begleitet haben, zu Erinnerungsträgern werden können.
Das Gespräch machte deutlich, wie stark unser Verständnis von Wert geprägt ist. Was wir als Abfall betrachten, ist nicht zwangsläufig wertlos. Kleidung und Schuhe sind Teil unseres Alltags. Sie begleiten uns durch bestimmte Lebensphasen und sind mit persönlichen Erfahrungen verbunden. Vielleicht lohnt es sich deshalb, manche Dinge nicht nur nach ihrem materiellen Wert zu beurteilen, sondern auch nach den Geschichten, die sie erzählen.
The Revival: Community, Aktivismus und neue Perspektiven
Ein wichtiger Teil meiner Reise war die Begegnung mit Yayra Agbofah und seiner Organisation „The Revival“.
Yayra hat mir die Türen seiner Community geöffnet und mir ermöglicht, die Realität hinter den Schlagzeilen wirklich zu verstehen. The Revival unterstützt lokale Arbeiter:innen und Händler*innen, entwickelt Upcycling-Kollektionen und arbeitet mit Künstler*innen zusammen, um mehr Aufmerksamkeit für die Probleme rund um Textilabfälle und Waste Management zu schaffen.
Yayra selbst ist Gründer von The Revival und wurde außerdem als TIME100 Climate Influencer ausgezeichnet. Trotz eines extrem vollen Kalenders bringt er eine besondere Energie und Präsenz in jede Diskussion.
Was mich besonders beeindruckt hat, war die Art und Weise, wie dort gearbeitet wird: kollektiv, kreativ und mit einem starken Gemeinschaftsgedanken. The Revival entwirft und verkauft zudem eigene Kleidung, die nicht nur nachhaltig produziert wird, sondern auch durch ihr kreatives Design überzeugt.
Mode als politisches Werkzeug
Im Rahmen meiner Reise habe ich außerdem ein eigenes Fotoshooting konzipiert und umgesetzt. Das Projekt setzte sich mit Abfallmanagement, African Craftsmanship und Mode als Werkzeug für politische Aussagen und Identität auseinander.
Einen Teil des Shoots haben wir in Old Fadama umgesetzt, einem informellen Stadtteil im Zentrum von Accra. Der Ort ist auch deshalb von Bedeutung, weil sich dort und in den angrenzenden Gebieten die Auswirkungen des globalen Textilabfalls besonders deutlich zeigen. Wer mehr über die Geschichte und die sozialen sowie ökologischen Herausforderungen von Old Fadama erfahren möchte, findet in Berichten von UN-Habitat und Artikeln des Guardian weiterführende Einblicke.
Leider sind viele der ankommenden Kleidungsstücke nicht mehr wiederverwendbar und landen schließlich auf Deponien, in offenen Ablagerungen oder in Gewässern. Die Folgen sind sowohl ökologisch als auch sozial spürbar und betreffen insbesondere die Menschen, die in diesen Gebieten leben und arbeiten.
Ursprünglich hatte ich geplant, mit verschiedenen Modedesigner*innen zusammenzuarbeiten. Für die letzte Sektion des Editorial Shootings fehlte jedoch ein Designer. Am Ende entwickelte sich das Projekt für diese Sektion also viel organischer: Gemeinsam mit Okoko, Model und Modedesigner, sowie Shiri, die ebenfalls zum Netzwerk von The Revival gehört, entstand ein Look aus gefundenen Brand-Tags und Textilresten. Die finale Ästhetik wurde so zu einer kollaborativen Arbeit unter dem gemeinsamen Dach von The Revival.
Und genau das hat die Erfahrung für mich so besonders gemacht: Es ging nie nur um Beobachtung. Es ging um Zusammenarbeit, Austausch und echte Verbindungen.
Eric Vincent Vinsonneau
Erics Werdegang ist geprägt von der Verbindung verschiedener Branchen, Disziplinen und Regionen – und von seinem Drang, Neues zu entdecken und zu lernen. Eric hat lange im Einkauf in verschiedenen Branchen und auf drei Kontinenten gearbeitet, darunter fünf Jahre in der Automobilbranche. Sein Weg führte ihn anschließend in die Beratung – zunächst im Einkauf, später im Bereich nachhaltiger Lieferketten. Darüber hinaus arbeitet Eric als Model und Gründer von RE/CLAIMED, einer Modeveranstaltung, die sich mit der Realität von Textilabfällen auseinandersetzt. Daneben engagiert er sich in Vereinsinitiativen und glaube fest an Zusammenarbeit als Hebel für Veränderungen.












