Liebe faire Mode, wir müssen reden! Ein Brief über Inklusion und Körperformen

Liebe faire Mode,

in manchen Köpfen hängt immer noch ein arg verstaubtes Müsli-Image von dir fest, das sich nur ganz langsam wandelt. Dabei sind die Klischees von Öko-Mode längst so veraltet wie eine Ausgabe der Vogue aus dem vergangenen Sommer. Jede Saison bekommen wir in Berlin und bei weiteren internationalen Modewochen aufs Neue zu sehen, wie weit du gekommen bist und wie sehr du dich in den letzten Jahren verändert hast.

Doch ich muss es einfach mal laut sagen: dieser Wandel ist noch nicht (gut) genug. Denn liebe faire Mode, du bist leider so gar nicht inklusiv.

Das Normativ der fairen Mode

Faire Mode scheint sich primär an eine Art Mensch zu richten: weiß, weiblich, gut verdienend, in einer Großstadt lebend, einigermaßen jung (älter als ein Teenager und vor den Wechseljahren) und idealerweise irgendwo zwischen den Kleidergrößen 36 bis 40.

Neben der notwendigen Ausstattung mit entsprechendem Budget und der passenden Körperform muss diese Person auch noch über ein gewisses Kontingent an Zeit verfügen, denn oftmals ist – auch bei der stetig wachsenden Anzahl von Labels – die Suche oder vielmehr das Finden eines passenden Kleidungsstücks mit Aufwand verbunden. Denn – und auch das muss mal gesagt werden – das Kaufen von fairer Mode ist häufig mit einem gewissen Commitment verknüpft (was wir oft auch gerne eingehen, denn schließlich ist Fairness und Nachhaltigkeit in der Mode sehr wichtig für uns).

Aber ein bestimmtes Kleidungsstück zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Größe für einen bestimmten Anlass zu finden, ist oftmals gar nicht so einfach – vor allem wenn nicht alle oben genannten Parameter vorhanden oder gegeben sind.

© Nora Dal Cero für Veggie Love

Drei Kleidergrößen reichen nicht aus

Laut dem Statistischen Bundesamt wiegt eine Frau in Deutschland durchschnittlich 68,7 Kilo (bei einer durchschnittlichen Körpergröße von 1,66 Meter) und hat einen Body-Mass-Index (BMI) von 25,1. Eine Erwachsene mit einem BMI über 25 stuft die Weltgesundheitsorganisation wiederum als übergewichtig ein. Meine Einschätzung ist also, dass die „Durchschnittsfrau“ hierzulande eher zu Kleidergröße 42/44 statt 36 bis 40 greift.

Womit wir beim Thema des heutigen Briefes sind: Liebe faire Mode, Kleidergrößen außerhalb deiner selbst geschaffenen Norm bietest du leider noch viel zu selten an. Was faire Mode zu einer Mode macht, die für viel zu viele Menschen allein aufgrund ihrer Körperform nicht tragbar ist. Dabei ist das Spektrum an Formen sowie Größen vielfältig und unterschiedlich, abgebildet wird dies allerdings nicht in deinen Kleidungsstücken. Schlimmer noch: Es wird weitestgehend ignoriert. Und das sowohl für Körpergrößen unterhalb, aber eben auch oberhalb der vermeintlichen Norm.

Faire Mode: lieber inklusiv statt exklusiv

Wie schon in meinem letzten Brief an dich geschrieben: Ich weiß, dass du viel leisten musst, um am Markt zu bestehen und wachsen zu können. Schnitte und Passformen für zusätzliche Größen außerhalb deines bisherigen Normativs zu entwerfen und zu entwickeln, kostet Ressourcen und Geld. Gerade für junge und kleine Labels eine Investition, die sicherlich eine Herausforderung darstellt. Dennoch macht die Entscheidung, nur einen bestimmten Ausschnitt an Kleidergrößen und damit Körperformen zu bedienen, die faire Mode zu etwas Elitärem sowie etwas Exklusivem im negativen Sinne.

Immer wieder sprechen wir davon, dass die faire Mode eine Revolution auf den Weg gebracht hat und diese eine gesamte Branche von innen heraus verändert. Eine Herausforderung, vor der die gesamte Modewelt steht: Die Zukunft von Mode muss nachhaltig, aber auch inklusiv sein. Denn wenn die faire Mode nur eine bestimmte Auswahl an Menschen adressiert, kann sie niemals die Mode für alle und damit zur Norm werden. Und darum geht es uns doch: Mode, zu der alle Zugang haben und die von allen getragen werden kann.

Körperform ist nur eine Facette von Inklusion

Faire Mode in einem breiteren Größenspektrum herzustellen und anzubieten, ist allerdings nur eine der vielen Facetten von Inklusion. Außer Acht gelassen werden bisher oft auch Herkunft, entsprechende Kulturen oder Religionen, Behinderungen, Alter, Gesellschaftsschicht und diverse Geschlechter.

In der gesamten Modebranche geht der Weg zur Inklusion nur langsam und schleppend vorwärts. Liebe faire Mode, bitte geh du doch mit deinem Weitblick und Willen, die Modewelt zu verändern voran und lass die Moderevolution eine richtig große und eine für wirklich alle Menschen werden.

Deine Franziska

P.S. Liebe faire Mode, hier kannst du dir Modelabels anschauen, die ihre Schritte bereits inklusiv gehen. Vielleicht ein Vorbild für die ein oder andere nächste Kollektion?

Beitragsbild: © Leighann Renee/unsplash.com

Seit 2010 schreibt Franziska über Fair Fashion und Naturkosmetik. Schöne Dinge mochte sie schon immer, auf ihrem Blog Veggie Love dreht sich alles um eine andere und neue Art von Luxus. Sie hat zwei Bücher geschrieben und lebt nach Stationen in München sowie Berlin derzeit sehr entschleunigt in Konstanz am Bodensee.

2 Kommentare

  • julia
    02/03/2019
    reply

    Hallo liebe Franziska,
    mega wichtiges Thema!!!!
    hast du im bezug auf die konfektionsgrößeneine konkrete forderung oder empfehlung? ich glaub in den anderen Bereichen sind wir ganz gut unterwegs mit unserer brand, bzw wissen wo wir noch mehr machen müssen…. aber was ist ein inklusives sizing, dass auch kleine labels stemmen können? das wäre mega cool, da konsens irgendwie zu bekommen…. d

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