Modetrends 2023: Diese Themen werden die Modebranche bewegen

Genug zurück geblickt! Was bringt uns der Blick nach vorne, welche Themen und Modetrends werden uns in 2023 in der Modebranche bewegen und wieso? Das Fashion Changers Redaktionsteam gibt Einschätzungen zu Sozialstandards, Degrowth, Klima, Emissionen, politischen Regularien, dem Secondhandmarkt und Materialtrends.

Modetrends 2023, Titelbild

Welche Themen und Modetrends erwarten uns im Jahr 2023? Die Fashion Changers Autor*innen Nina Lorenzen, Phoebe Nicette, Medina Imsirovic, Vreni Jäckle und Frederike Bartzsch blicken ins neue Jahr und geben jeweils zu einem Thema einen Ausblick.

Inflation und Wachstumsrückgang: Welche Rolle spielen Sozialstandards und Degrowth in 2023?

Nina Lorenzen: Nach zwei Pandemiejahren erholte sich die Modebranche Anfang 2022 langsam von den wirtschaftlichen Einbußen und viele Unternehmen zeigten sich optimistisch. Doch mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der daraus resultierenden Energiepreiskrise und gegenwärtigen Inflation sowie den geopolitischen Spannungen, stehen insbesondere der europäische und asiatische Markt vor neuen Herausforderungen. Der „State of Fashion 2023“-Report von Business of Fashion und McKinsey sagt mit Blick auf diese multiplen Krisen voraus, dass sich das Wachstum in der Modebranche im Jahr 2023 verlangsamen und das europäische Bruttoinlandsprodukt um weniger als ein Prozent wachsen wird. Angesichts steigender Kosten, etwa in Herstellung und im Vertrieb, und abnehmendem Konsum werden Modeunternehmen 2023 Einsparungen vornehmen müssen.

Durch die Corona-Pandemie haben wir gesehen, dass Firmen Arbeitnehmer*innen in der Textil- und Bekleidungsindustrie bis heute Löhne schulden. 2023 muss sichergestellt werden, dass trotz Inflation der wettbewerbsgetriebene Arbeitsmarkt nicht weiter durch Lohndumping und Lieferanten-Hopping destabilisiert wird. Regularien wie das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und Nachhaltigkeitsziele können einen Beitrag dazu leisten, dass Unternehmen künftig engere Beziehungen innerhalb ihrer Wertschöpfungskette pflegen, um resilientere Lieferketten aufzubauen und Risiken vorzubeugen. Um das Machtgefälle zwischen Modeunternehmen und Arbeitnehmer*innen auszugleichen, wird es gesetzliche Verschärfungen im Bereich Löhne und Einkaufspraxis brauchen. Ein Thema, das in 2023 sicherlich viel diskutiert wird – nicht zuletzt dank zahlreicher NGOs – aber von vielen Modeunternehmen wahrscheinlich ignoriert wird.

Auch die Diskussionen zu Post-Wachstum, die seit 2022 nicht nur im akademischen Diskurs, sondern auch in der Modebranche stattfinden, müssen trotz Inflation weiterhin strategisch und praktisch vorangebracht werden. Hierbei muss klar sein, dass Ressourceneinsparungen nicht im Globalen Süden, sondern bei den Verursachern der Klimakatastrophe im Globalen Norden vorgenommen werden müssen – ein Aspekt, der noch sichtbarer werden muss.
Dafür braucht es stabile Lieferketten, langfristige und vertrauensvolle Partnerschaften sowie einen ehrlichen Blick auf das eigene Produktsortiment. 2023 müssen Marken Wege finden, ihr Produktionsvolumen mit weniger verschiedenen, dafür mit qualitativ hochwertigeren, übersaisonalen und genderfluiden Styles zu reduzieren – und das bei gleichbleibenden oder höheren Einnahmen durch die Verlängerung der Nutzungsdauer, was übrigens auch im Hinblick auf einen möglichen Konsumrückgang von Neukäufen sinnvoll ist. Geschäftsmodelle müssen strategisch so ausgerichtet werden, dass diese nicht nur kurzfristig auf Krisen reagieren, sondern langfristig krisenfest agieren können. Kund*innen werden sich in Zukunft jedenfalls stärker überlegen, wo sie das knapp gewordene Geld ausgeben und welchen Unternehmen sie treu bleiben – und sich dabei genauer anschauen, wie sich Unternehmen in Krisen sozial und nachhaltig positionieren.

Fashion Changers-Mitgründerin Nina Lorenzen recherchiert und schreibt seit über 10 Jahren über Fair Fashion und ist seit 2022 Redaktionschefin vom Fashion Changers Magazin.

Titelbild: © Pexels/cottonbro studio

2023 müssen großflächige Nachhaltigkeitsmaßnahmen implementiert werden

Phoebe Nicette: Während in den letzten Jahren viel mit den Plänen für mehr Nachhaltigkeit, Emissionsminderung und Klimaschutz von fast allen großen Modehäusern geworben wurde, wird 2023 ein Jahr der großflächigen Implementierung von Maßnahmen und Umorientierung in den Unternehmensbestrebungen werden (müssen). Und das trotz der schlauchenden letzten Jahre mit all ihren bis heute andauernden Lieferkettenproblemen und Absatzschwierigkeiten. Diese hatten zuerst zu einer Senkung der CO2-Emissionen geführt, nur um dann bei den meisten Modeunternehmen wieder auf Vorkrisenniveau anzusteigen oder diese gar zu übersteigen. Wenn nicht schnellstmöglich eine radikale Kehrtwende eingeleitet wird, sind die immensen, benötigten CO2-Einsparungen bis 2030 von mindestens 55 Prozent, aufgrund der langen Lieferketten und Produktionszeiten kaum noch möglich. Zum Einhalten der Ziele des Paris Abkommmens, haben sich allein über 100 Unterzeichner*innen der Fashion Industry Charter For Climate Action in 2021 verpflichtet.

Aufgrund der stark variierenden Größe, unterschiedlichen Produkten und angestrebten zukünftigen Entwicklungen werden die Lösungen für eine klimaneutrale Produktion von Modeunternehmen sehr unterschiedlich aussehen.

Da der Großteil der unternehmensbezogenen Emissionen der Textilindustrie in der Herstellung von Materialien liegt, werden kleine, nachhaltige Fashion Brands den Weg für die großen Unternehmen bereiten. Kleinere Unternehmen werden weiterhin mit Innovationen voranschreiten, innovative Materialien, Produktions- und Geschäftsmodelle ausprobieren und diese mittelfristig massentauglich machen. Hier konnten wir in der Vergangenheit die Nutzung von Tencel beobachten, welche zuerst von kleineren, auf Nachhaltigkeit fokussierte Unternehmen verwendet wurde und seit Jahren großen kommerziellen Erfolg feiert.

Aufgrund der schieren Produktionsmenge wird es großen Modehäusern auch weiterhin schwer fallen, emissionsärmere Materialien großflächig zu nutzen. Daher befassen sich große Unternehmen vermehrt mit einer Erweiterung der Konsummodelle von Secondhand bis Leihen, sowie der Emissionsminderung ihrer Fabriken und Transportwege. Aufgrund der hohen Kaufkraft können sie hier mehr Einfluss auf die Lieferant*innen ausüben. Davon können auch kleinere Unternehmen profitieren.

Leider ist ebenfalls damit zu rechnen, dass auch weiterhin von zahlreichen Unternehmen kleinste Maßnahmen im Bereich Nachhaltigkeit und Klimaschutz größtmöglich vermarktet werden. Dementsprechend wird das Aufmerksammachen auf Greenwashing und das Einhalten der Lieferkettengesetze essentiell für Politik und Verbraucher*innen sein, um Unternehmen regelmäßig an ihre Verantwortung zu erinnern und Veränderung einzufordern.

Phoebe Nicette ist Unternehmensberaterin und ausgebildete Nachhaltigkeitswissenschaftlerin. Seit über zwei Jahren schreibt sie für Fashion Changers über die Verbindung von Mode und Klima.

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2023 – Jahr der konkreten Regularien für die Modebranche oder Verwässerung von geplanten Gesetzen?


Medina Imsirovic: 2022 war ein Jahr der Regularien. Noch nie zuvor wurden so viele Gesetzgebungen rund um die Textil- und Bekleidungsindustrie diskutiert wie jetzt. Viele dieser Gesetzgebungen werden 2023 in Kraft treten oder konkreter diskutiert werden.

Die Europäische Kommission griff erstmals das Thema Zirkularität und Greenwashing in der Modebranche auf. Als politische Entscheidungsträger*innen im Frühjahr 2022 einen Plan vorlegten, um Textilien bis 2030 haltbarer und recycelbarer zu machen, gingen sie nicht nur auf Abfallreduzierung und Kreislaufwirtschaft ein, sondern auch darauf, wie die Modebranche mit ihren Kund*innen kommuniziert. Der strategische Fahrplan zielt darauf ab, gegen „Greenwashing“ vorzugehen, indem er besagt, dass Begriffe wie „umweltfreundlich“ und „gut für die Umwelt“ „nur zulässig sind, wenn sie durch anerkannte hervorragende Umweltleistungen untermauert werden“. Die endgültige Ökodesign-Verordnung soll bis Ende 2023 vom Europäischen Parlament und Rat verabschiedet werden. Dann wird es spannend, denn Gesetzgebungen wie diese werden im Nachhinein oftmals verwässert, vor allem durch den Rat, der eher wirtschaftlich orientiert ist. Es bleibt zu beobachten, ob die aktuellen Krisen und geopolitischen Ereignisse diese Verhandlungen verzögern oder anderweitig beeinflussen werden.

Unterdessen wird die für 2023 erwartete Gesetzgebung in Frankreich Marken dazu verpflichten, sogenannte „Kohlenstoffetiketten“ auf Kleidung und Textilien anzubringen, die eine „Umweltbewertung“ von A bis E aufweisen, um Konsumierenden zu helfen, fundiertere Kaufentscheidungen zu treffen. Unternehmen haben bis 2026 Zeit, dies umzusetzen. Frankreich wird oftmals als Vorzeige-Beispiel genannt, weil sie in den letzten Jahren einige konkrete Maßnahmen aufgesetzt haben, um die Textilbranche zu regulieren: zum Beispiel das Verbot von Verbrennen von Kleidung. CO2-Etiketten sind zwar ebenfalls nicht verkehrt, Unternehmen können damit aber ohne Limit weiterproduzieren – auch Produkte mit einer sehr schlechten Umweltbilanz. Hier wurde also die Chance, den Warenstrom zu entschleunigen, wieder einmal nicht genutzt und CO2-Etiketten hin- oder her, darum geht es doch letztlich. 

Interessanterweise plant die französische Regierung zudem, finanzielle Boni für Unternehmen einzuführen, deren Textilprodukte recycelte Materialien enthalten oder besonders lange haltbar sind. Das Geld soll aus dem „Ökobeitrag“-Fonds kommen, in den Textilhändler*innen derzeit einzahlen, um die Entsorgung ihrer Produkte zu finanzieren. Positive Reinforcement also. Wird das besser klappen, als die Strafen und Bußgeldzahlungen, die das deutsche (und französische) Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz vorsieht? Warten wir es ab.

Apropos Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz: Aktuell fallen 26 Textil- und Modeunternehmen in den Anwendungsbereich des im Januar 2023 in Kraft tretenden Gesetzes. Darunter sind auch Adidas, Tom Tailor, Hugo Boss, Kik und Zalando. Doch die steigende Inflation, die Konsumierende und Unternehmen zunehmend belastet und die Ausgaben für Bekleidung wiederum senkt, führt zu vollen Lagerbeständen. Marken müssen ihre Bestellstrategien bei Lieferanten neu bewerten und in diesem Zusammenhang werden Bedenken laut, ob sich dadurch die Einkaufspraktiken wieder verschlechtern. Wie wird sich das Lieferkettengesetz letztlich darauf auswirken?

Auf der modeaktivistischen Seite geht es weiter. Besonders spannend ist aktuell die EU-Bürger*inneninitiative „Good Clothes, Fair Pay“, die bis Sommer 2023 läuft und eine europäische Verordnung zum Thema existenzsichernde Löhne in der Textilbranche fordert. Sollte die Kampagne eine Million Unterschriften sammeln, kann sie formell an die Europäische Kommission weitergeleitet werden, die dann Stellung beziehen muss. Auf deutscher Seite müssen hier 600.000 Unterschriften gesammelt werden – also mehr als die Hälfte. Heißt also: Unterschreiben und teilen!

Medina Imsirovic ist studierte Völkerrechtlerin, Juristin und beschäftigt sich als freie Autorin mit der Schnittstelle von Mode, Nachhaltigkeit und Menschenrechten. Seit knapp zwei Jahren schreibt sie bei Fashion Changers.

Der Secondhand-Trend ist gekommen um zu bleiben

Vreni Jäckle: Laut Beratungsunternehmen bleibt Recommerce ein Megatrend – auch in 2023. Dass bis 2030 Secondhandkleidung 20 Prozent des Marktes einnehmen soll, ist inzwischen eine viel zitierte Prognose. Die in den letzten Monaten erlebten ökonomischen Unsicherheiten und die Inflation dürften den Secondhandmarkt weiter ankurbeln: Konsument*innen werden aller Wahrscheinlichkeit nach in 2023 vermehrt an günstigeren Optionen und Schnäppchen interessiert sein. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für ökologisch vertretbare, qualitativ bessere und individuellere Kleidung – Secondhand kann oftmals all diese Bedürfnisse vereinen. 

Spannend zu sehen wird, wie sich die Diskussion um tieferliegende Herausforderungen der Secondhandbranche im nächsten Jahr entwickelt: Werden Recommerce-Businesses es schaffen, nicht nur ökonomisch nachhaltig zu wirtschaften, sondern auch ökologisch und sozial? Wird sich der Markt weiterhin stark auf Konsument*innen fokussieren oder womöglich sogar neue Geschäftsfelder erschließen, in dem Wege gefunden werden, bisher nicht wiederverwendbare Kleidung zu recyceln oder anderweitig zu nutzen?

Eine Frage der Zeit sind vermutlich Importverbote für Altkleider, um von Textilmüll überflutete Märkte (oftmals in afrikanischen und südamerikanischen Ländern) in den Griff zu bekommen. Ein solches Verbot gibt es schon seit 2019 in Ruanda. Weitere Länder diskutieren Regularien, scheitern aber an wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen. Verbote oder Einschränkungen wären allerdings notwendig, um den Druck auf Altkleider-Exportländer (unter den Spitzenreitern die USA und Deutschland) zu erhöhen, die aktuell oftmals ihren Textilmüll kostenlos exportieren anstatt sich im eigenen Land mit der Verwertung zu befassen oder beispielsweise Fibre-to-Fibre-Recycling zu subventionieren. Neue Regularien in diesem Bereich zeichnen sich bisher allerdings nicht für 2023 ab und werden noch länger auf sich warten lassen.

Viele bisher erfolgreiche Secondhand-Player setzen aktuell auf höherpreisige, sehr gut erhaltene Kleidung, da diese am meisten Marge versprechen. Mit Blick auf das kommende Interesse an Secondhand-Schnäppchen könnten sich aber auch mehr Modelle entwickeln, die sich (zusätzlich) auf günstigere Alltagskleidung konzentrieren und dank intelligentem Sortieren und Ankaufen erfolgreich sind.

Vreni Jäckle ist seit über 8 Jahren in der Mode-Medien-Welt zu Hause und beschäftigt sich als Fashion Changers Co-Founder und Geschäftsführer*in mit Lösungen für eine bessere Modebranche. 

Mehr zu Recommerce auf Fashion Changers
Wie sozial gerecht ist der Secondhandmarkt wirklich?

Materialtrends 2023: das große Ganze fehlt noch

Frederike Bartzsch: Materialinnovationen sprießen seit einiger Zeit aus dem Boden. Neue Attribute wie „biodegradable“ oder „compostable“ gehören immer öfter zum Vokabular, wenn es um Neuheiten geht. Aus Abfällen, Lebensmitteln oder Bakterien werden neue Materialien für die Textilindustrie hergestellt.

Das ist positiv, denn: Das Abwenden von der immensen Menge an Mode aus fossilen Rohstoffen, ist dringend notwendig. Nicht nur die Belastung für Umwelt und Klima ist verheerend, auch die Folgen von Rohstoffabhängigkeiten werden gerade in den letzten Monaten immer deutlicher.

Gleichzeitig stellt sich mit diesen Innovationen die Frage nach einem riesigen Gamechanger, über den aktuell noch zu wenig gesprochen wird: der Ausbau von langlebigen Produkten und eine ausreichende Recyclinginfrastruktur. Denn das wäre für die Umwelt eine wirkliche Innovation. Weniger Belastung durch längere Lebenszyklen und Nutzung von Rohstoffen durch vernünftiges Recycling.

Ein weiterer Trend, der notwendig ist und auch durch die EU-Textilstrategie kommen wird: Transparenz! Durch die vielen Materialinnovationen und neuen Begrifflichkeiten sind Verbraucher*innen zunehmend verwirrt. Brauche ich ein „biodegradable“ Material? Heißt das nicht, dass es ab Herstellung beginnt, sich zu zersetzen? Ist doch gar nicht langlebig? Aber brauchen wir nicht langlebigere Kleidung? Welchen Mehrwert haben pflanzenbasierte Materialien, die trotzdem irgendwie mit Chemiefasern Ähnlichkeit haben? 

Was es also braucht, ist eine klarere Kommunikation bei Materialien, damit Verbraucher*innen nicht in Greenwashing-Fallen tappen, sondern stattdessen tatsächlich die Chance zu nachhaltiger Veränderung bekommen.

Frederike Bartzsch ist studierte Design-Textil-Ingenieurin und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin mit Fokus auf Textilien, Kreislaufwirtschaft und Konsumforschung. Seit knapp 2 Jahren schreibt sie bei Fashion Changers über Materialthemen.

Welche Themen und Modetrends erwartest du in 2023?

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