Wie toxische Positivität Rassismus unterstützt

„Warum muss es immer so politisch sein?“, lautete die Frage meiner Freundin. Wir waren beim Essen und sie war genervt. Von mir, der Omnipräsenz von rassistischen Themen, von unbequemen Gesprächen. Ich verstehe es: Rassismus zieht schon ziemlich runter. Vor allem diejenigen, die davon betroffen sind. Deshalb ist es eigentlich nicht wirklich vereinbar mit der Dauer-Happy-gefühlten-Werbesendung auf Instagram. Hier werden „Good Vibes Only“ und „Happiness“ mit hochschnellenden Herzchen belohnt. Ein Blick auf die erfolgreichsten Influencer*innen Deutschlands zeigt – wer politisch ist, bleibt in der Nische und wer eher auf der Oberfläche dümpelt, wird belohnt. Immerhin lautet die Devise (zumindest wenn man nach dem altbewährten Knigge geht), dass am Esstisch weder über Politik, noch über Geld oder Religion gesprochen werden sollte  – also über all das, weshalb Kriege geführt werden. Diese Faustregel gilt auch im Netz. Dieser Prozess – das vehemente Festhalten an Good Vibes – wird als toxische Positivität bezeichnet. Warum es den Schmerz anderer untergräbt und warum es vor allem im Diskurs über Rassismus hinderlich ist? Über diese Fragen denkt Ciani vom RosaMag in diesem Beitrag nach.

Du bist ja selbst schuld!

Der Ausdruck „toxische Positivität“ bezieht sich auf das Gedankenkonstrukt, dass die Einbahnstraße hin zu einem großartigen Leben einzig lautet: stets positiv zu bleiben. Es bedeutet, sich nur auf positive Dinge zu konzentrieren und alles abzulehnen, was negative Emotionen auslösen könnte. Was verführerisch, gar utopisch klingt, aber in Wahrheit eindimensional ist. Aus mannigfaltigen Gründen. Einer ist die Wertung. Positive Emotionen, negative Emotionen. Gute Gefühle, schlechte Gefühle. Weg damit, her damit. Dabei sind psychologisch betrachtet alle Emotionen neutral, denn sie haben eine Funktion: Sie beliefern uns mit Informationen, an denen wir uns orientieren oder Entscheidungen treffen können. Das wird vor allem dann relevant, wenn es schlechte sind. Wenn ich unglücklich mit meiner Arbeit bin, weil ich mies bezahlt werde und einen beschissenen Chef oder Chefin habe, dann kann ich das so lange ich will „weglächeln“. Das löst nicht mein Problem. Stattdessen ist die toxische Positvitätsbewegung der Überzeugung, dass es eine Frage der Einstellung ist. Das suggeriert, dass ich als Individuum für strukturelle Herausforderungen verantwortlich bin, obwohl das nicht so recht hinhaut.

Toxische Positivität kann aktiv schädlich sein.

Rassismus ist ein strukturelles Problem. Keines, dass sich durch ein wenig Meditation löst. Cleopatra Kamperveen, Ph.D., Assistenzprofessorin für Gerontologie und Psychologie an der University of Southern California, mit der die Journalistin Tonya Russell von Self sprach, betrachtet die Positivitätskultur als ein Nebenprodukt durch Social Media und der Bewegung für persönliche Entwicklung. Dankbarkeit und positives Denken können hilfreich sein – sie sind Schlüsselfaktoren für den Aufbau von Resilienz – Widerstandsfähigkeit. Aber die toxische Positivität, darauf zu bestehen, dass jemand beständig dankbar und optimistisch sein sollte – selbst angesichts des systemischen Rassismus – kann aktiv schädlich sein. „Die Kehrseite der Positivitätskultur ist, dass sie den normalen Bereich der menschlichen emotionalen Erfahrung verunglimpfen kann.“ Doch die Folgen von toxischer Positivität gehen noch weiter. Wenn ich, als Person, die von Rassismus betroffen ist, die toxische Positivität als Reaktion auf Gespräche über Rassismus abbekomme, kann es dazu führen, dass man seine eigene Realität in Frage stellt, sich entkräftet fühlt oder versucht, seine Emotionen aus Scham abzuschalten.

Lange Zeilen, essentieller Sinn: Es ist okay, sich nicht okay zu fühlen. Es ist normal, harte Tage zu haben. Es ist vor allem normal, sich als Reaktion auf schwierige Erfahrungen traurig, verletzt und wütend zu fühlen. Die Psychologin resümiert:  „In Wirklichkeit müssen schwierige Emotionen gefühlt, angemessen ausgedrückt und verarbeitet werden.“ Also, zur Hölle mit dem alten Knigge, der von alten weißen Männern geschaffen wurde, damit sie ihre eigene Vorherrschaft bestärken konnten. Lasst uns mehr über Politik, Religion und Geld reden. Bei Tisch, im Netz – überall!

Dieser Beitrag erschien zuerst im RosaMag. Wir freuen uns, dass wir ihn auch hier veröffentlichen können.

Titelbild: Ashley Whitlatch | Unsplash

Ciani gründete mit dem Rosa Mag 2019 das erste deutsche Lifestyle-Onlinemagazin für Schwarze Frauen. Mit einem Team aus tollen Autor*innen schreibt sie dort über Lifestyle, Beauty und politische Themen, immer mit dem Anspruch andere Schwarze Frauen zu inspirieren, informieren und zu empowern. Dabei streifen sie auch immer wieder Nachhaltigkeitsthemen, die hier mit der Fashion Changers Community teilen.

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