Textilbranche in der Corona-Pandemie: Beschäftigte weiterhin stark betroffen

Die Corona-Pandemie hat weltweit verheerende Auswirkungen – auch in der Textil- und Bekleidungsindustrie. Ein Ende scheint noch lange nicht in Sicht.

Collage mit Coronavirus, Nähmaschine, Maske

Ein Bericht vom Risikointelligenzunternehmen Verisk Maplecroft verglich die Menschenrechtsindexwerte von Unternehmen in elf wichtigen Beschaffungsländern für die Jahre 2017 und 2021. Die Studie stellte eine stetige Verschlechterung der Arbeitsrechte seit und während der Pandemie fest: Verstöße (einschließlich Zwangsarbeit, moderne Sklaverei, Kinderarbeit, geringe Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmer) zwischen den beiden Zeiträumen haben teilweise stark zugenommen.

Obwohl Arbeiter*innen und Aktivist*innen in der Branche einige Erfolge erzielt haben (wie beispielsweise die Verlängerung des Bangladesh Accords), stellt die Autorin des Berichts, Sofia Nazalya, fest, dass Fortschritte nicht unbedingt die informellen und unterregulierten Ecken der Branche erreichen. „Die Komplexität der Lieferkette und die Zahl der informellen Arbeitnehmer*innen innerhalb [dieser] Lieferkette machen es schwierig zu garantieren, dass die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz allgemein gewährleistet ist.“

Lohndiebstahl in Milliardenhöhe

Vor allem während der Pandemie wurden Textilbeschäftigte auf der ganzen Welt massiv unterbezahlt oder gar nicht bezahlt. Dies führt zu einer hohen Lohndifferenz zwischen dem, was sie erhalten haben, und dem, was ihnen zusteht. Die Clean Clothes Campaign veröffentlichte im Juli 2021 einen neuen Bericht mit dem Titel Still Un(der)paid”, der sich auf Untersuchungen in Bangladesch, Kambodscha, Indien, Indonesien, Myanmar, Pakistan und Sri Lanka stützt. Die Studie schätzt, dass Textilarbeiter*innen weltweit zwischen März 2020 und März 2021 knapp 12 Milliarden US-Dollar in unbezahlten Löhnen und Abfindungen verloren hätten.

In Tunesien zum Beispiel sind Bekleidungsfabriken, die hauptsächlich europäische Modemarken beliefern, noch immer schwer von der Pandemie betroffen. Tausende Menschen verloren ihren Arbeitsplatz, Beschwerden über Arbeitsrechtsverletzungen nahmen zu einschließlich der Nichtzahlung von Abfindungen und regelmäßigen Löhnen, da der Export nach Europa einbrach.

Eine Textilarbeiterin, die in der Fada-Fabrik arbeitet und Hemden für italienische Marken wie die Renato Balestra Group, Lancetti und Il Granchio liefert, erzählt im Interview mit Reuters, dass sie seit März 2021 keinen Lohn mehr erhalten hätte und nun sogar Schulden machen würde. Drei weitere Arbeiter*innen gaben an, wegen des Lohnstopps aus ihren Häusern vertrieben worden zu sein, da sie die Miete nicht bezahlen konnten.

Existenzlohn scheint nach wie vor eine Utopie

In Kambodscha wird der Mindestlohn ab Anfang 2022 auf 194 US-Dollar steigen. Das sind 2 USD mehr als bisher. Textilbeschäftigte befürchten jedoch, dass diese Erhöhung die wachsenden Ausgaben, die teilweise durch die Pandemie hervorgerufen wurden, nicht decken wird.

Auch die Ethical Trading Initiative (ETI) berichtet, dass der neue Mindestlohn, der nach Gesprächen zwischen Arbeitgeber*innen, Gewerkschaften und der Regierung festgelegt wurde, nicht ausreicht, um die Grundbedürfnisse der Textilarbeiter*innen und deren Familien zu decken. Bei ursprünglichen Forderungen der Gewerkschaften war von 214 USD die Rede. Später wurden diese auf 204 USD runtergesetzt. Fabrikbesitzer*innen jedoch wollten den Mindestlohn aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie sogar auf 188 USD senken. 

Geschlossene Fabriken fordern Unsicherheiten

In Myanmar sind nach neuesten Angaben aktuell nur noch 445 von 734 Textilfabriken in Betrieb. Medien berichten darüber, wie die Bekleidungsindustrie Myanmars, die etwa 500.000 Arbeiter*innen beschäftigt, sowohl von Covid-19 als auch vom Militärputsch hart getroffen wurde. 

Gewerkschaftsführer*innen befürchten, dass bis Ende des Jahres weitere 200.000 Textilarbeiter*innen in Myanmar aufgrund von Fabrikschließungen und der politischen Krise ihren Arbeitsplatz verlieren könnten. Nay Lin Aung, stellvertretender Sekretär des Myanmarischen Gewerkschaftsbundes, meinte, dass bereits mehr als 100.000 Textilarbeiter*innen arbeitslos seien.

Auf der anderen Seite verursachen geschlossene Fabriken in Vietnam ganz andere Probleme. Im Sommer wurden wegen Neuinfektionen knapp 30 Prozent der Fabriken geschlossen. Doch der Rest der Welt muss trotzdem beliefert werden, was mehr Druck auf die geöffneten Fabriken ausübt, die auf Hochtouren arbeiten. Steve Lamar, Präsident der American Apparel & Footwear Association, hat zugegeben, dass einige US-Unternehmen bei ihren vietnamesischen Zulieferern eine „Drei-in-Eins“-Politik verfolgen, „wo Arbeiter*innen in Fabriken essen, schlafen und arbeiten“.

Jason Chen, Inhaber der Bekleidungsfabrik Singtex, meinte: „In diesem Jahr wollen in den USA alle einkaufen gehen. Einige Waren können nicht rechtzeitig geliefert werden. Es wird sich also wirklich auf den Urlaub auswirken.“ Die 350-Personen-Fabrik des Unternehmens in der Provinz Binh Duong arbeitet mit 80 Personen, die dauerhaft auf dem Gelände leben, was von der Regierung erlaubt ist, um die Auswirkungen auf die Exporte zu minimieren.“

Proteste und Hungerstreiks

Medienberichten zufolge treten Textilbeschäftigte in Teilen Bangladesch immer wieder in den Streik und organisieren Proteste gegen Lohnrückstände und abrupte Fabrikschließungen. Demonstrant*innen blockieren beispielsweise Straßen, protestieren vor den Haupttoren einiger Fabriken oder gehen in Hungerstreiks. Während der Proteste gibt es immer wieder Verletzte und Polizeieinsätze.

Auch in Pakistan kam es neulich zu Protesten an einem Fabriktor. Es wird angenommen, dass es sich um eine Fabrik handelt, die Handtücher für Unternehmen wie Standard Textile France und London Luxury Accor herstellt. Der Fabrikunternehmer hätte Berichten zufolge 25 Arbeiter*innen ohne Angabe von Gründen aus der Fabrik verwiesen. 

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Frauen sind am stärksten von der Pandemie betroffen

In Albanien besteht die Textil- und Bekleidungsindustrie zu etwa 95 Prozent aus Frauen beziehungsweise weiblich gelesenen Personen. Diese waren bereits vor der Pandemie einer prekären Situation ausgesetzt. Verstöße gegen Arbeitsrechte und Arbeitsplatzunsicherheit verschlimmerten sich jedoch durch Corona.

Laut einem ILO-Bericht (International Labour Organization) sind Frauen im Bekleidungs- und Schuhsektor Albaniens am stärksten von den wirtschaftlichen Problemen im Zusammenhang mit der Gesundheitskrise betroffen. Viele der in der Bekleidungsindustrie tätigen Frauen sind die Ernährerinnen in ihrem Haushalt. Ihre Ehemänner übernehmen beispielsweise die tägliche Arbeit im Baugewerbe oder die Saisonarbeit im Ausland. Das sind jedoch auch Industrien, die während der Pandemie sehr gelitten haben. Dadurch hatten die Partner oftmals keine Arbeit, was noch mehr Druck auf die Frauen ausübte. Die Bekleidungsindustrie war eine der ersten, die wiedereröffnete, nachdem Fabrikbesitzer*innen Druck auf die Regierung ausgeübt hatten.

Über die Situation in der Balkanregion wird nur wenig berichtet. Aussagen zufolge von Bekannten und Familienangehörigen, die dort leben, ist die Lage in Albanien jedoch kein Einzelfall. Die Situation in Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro, Kosovo und Nordmazedonien ist ähnlich.

Vielen ist jedoch bereits klar, wie prekär die Umstände für Frauen und weiblich gelesene Personen im Globalen Süden sind. Die Studie eines Forschungsteams der University of Aberdeen hat ergeben, dass die Arbeitsbedingungen und das Lebensumfeld von weiblichen RMG-Mitarbeiterinnen in Bangladesch extrem von der Pandemie betroffen sind und dringend verbessert werden müsste. 

Das Team hat festgestellt, dass Arbeiterinnen gezwungen sind, unbezahlte Überstunden zu leisten, um unerreichbare Produktionsziele zu erreichen. Zudem haben manche Fabriken, die wegen der Sperrung geschlossen wurden, die Verträge von etlichen schwangeren Frauen gekündigt. 

Die Pandemie fungiert als Bedrohungsmultiplikator

Der Klimawandel wird als Bedrohungsmultiplikator gesehen. Der Ausdruck vermittelt die Idee, dass sich ein Bedrohungsfaktor mit anderen Faktoren überschneidet und so zu Sicherheitsproblemen beiträgt. Die Pandemie funktioniert ähnlich. Die Ergebnisse zeigen, dass auch die Pandemie als Bedrohungsmultiplikator fungiert. Covid-19 hat zum Beispiel, die bereits bestehende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern vergrößert Frauen wird nur begrenzt Schutz geboten. Prekäre Arbeitsbedingungen in Fabriken wurden verschlimmert. Die ohnehin schon geringen Gehälter nur teils oder gar nicht ausbezahlt. 

Viele haben gejubelt, als der Bangladesh Accord Ende August erneuert wurde. Solche Entwicklungen machen Hoffnung. Aber die aktuelle Lage zeigt auch, die Textilindustrie noch einen langen Weg hin zu gerechten Arbeitsbedingungen vor sich hat und verschiedene Akteur*innen noch mehr Druck ausüben müssen, da die Branche in den letzten Monaten pandemiebedingt auf Minimalstandards zurückgefallen ist.

Wer über die aktuelle Situation und arbeitsrechtliche Entwicklungen informiert bleiben will, dem sei der Live-Ticker der Clean Clothes Campaign empfohlen.

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