Beatrace Angut Oola: „Die Dekolonisierung der Mode ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Branche”

Die Dekolonisierung der Mode gewinnt zunehmend an Bedeutung – insbesondere in den USA und im UK. Doch wie steht es um diese Entwicklung in der DACH-Region? Das haben wir Beatrace Angut Oola gefragt. In unserem Gespräch erklärt sie, warum die Dekolonisierung der Modebranche so wichtig ist, gibt Einblick in die Herausforderungen und Möglichkeiten dieses Wandels und bietet konkrete Handlungsansätze für Unternehmen, um kollektiv dazu beizutragen, die Dekolonisierung der Mode voranzutreiben.

Die Dekolonisierung der Mode gewinnt zunehmend an Bedeutung – insbesondere in den USA und im UK. Doch wie steht es um diese Entwicklung in der DACH-Region? Das haben wir Beatrace Angut Oola gefragt. In unserem Gespräch erklärt sie, warum die Dekolonisierung der Modebranche so wichtig ist, gibt Einblick in die Herausforderungen und Möglichkeiten dieses Wandels und bietet konkrete Handlungsansätze für Unternehmen, um kollektiv dazu beizutragen, die Dekolonisierung der Mode voranzutreiben.

Take-Aways
  • Die Dekolonisierung der Mode verlangt eine gründliche Überprüfung bestehender Strukturen und ein Bewusstsein für die eigene Rolle innerhalb dieser. Critical Whiteness, also die Reflektion über eigene Privilegien und vorherrschende Normen, ist dabei ein Schlüsselelement. Entscheidend sind dabei die Einbindung und das aktive Zuhören der BIPoC-Perspektiven. Echte Dekolonisierung zielt auf einen authentischen, inklusiven Dialog ab, der die Basis für eine vielfältigere und gerechtere Modeindustrie bildet.
  • „Deconstructing Fashion” steht für einen aktiven Veränderungsprozess in der Modebranche auf Basis einer vorherigen Sensibilisierung und kritischen Auseinandersetzung. Dabei werden bestehende Strukturen hinterfragt und sie umgestaltet, um gerechtere Verhältnisse zu schaffen. 
  • Für eine signifikante und nachhaltige Veränderung in Richtung Diversität und Inklusion in der Modebranche ist ein holistischer  Ansatz erforderlich. Dieser beginnt mit intensiver Selbstreflexion und Sensibilisierung, insbesondere von weißen Personen und Unternehmen. Ein aktiver Lern- und Entdeckungsprozess ist hierbei für alle Beteiligten in der Branche essenziell.

Die Modebranche ist ein Spiegel der Gesellschaft. Historisch gesehen ist sie daher nicht nur ein Ausdruck von Stil und Individualität, sondern auch von Machtverhältnissen und kultureller Dominanz. Die Notwendigkeit, diese kolonialen Strukturen zu erkennen und aktiv zu dekonstruieren, ist zentral für die Schaffung einer gerechten und inklusiven Modeindustrie.

Beatrace Angut Oola, Gründerin der Plattform Fashion Africa Now, setzt sich bereits seit Jahren für die Dekolonisierung in der Mode ein. Mit ihrem Engagement möchte sie die Sichtbarkeit Schwarzer Menschen in der Modeindustrie erhöhen. Während in Nationen wie den USA und Großbritannien bereits signifikante Fortschritte zu verzeichnen sind, stellt sich die Frage nach dem Status dieser Bewegung in der DACH-Region.

Beatrace, du bist Fürsprecherin für Dekolonisierung. Wie definierst du das Konzept?

„Für mich ist die Dekolonisierung der Mode eine tiefe und kritische Auseinandersetzung mit der Branche. Es geht darum, bestehende, oft kolonial geprägte Denkweisen und stereotype Darstellungen in Frage zu stellen und zu verändern. Besonders wichtig ist dabei, dass weiße Modeschaffende sich ihrer eigenen Rolle und Position bewusst werden. Das Konzept der Critical Whiteness spielt hier eine große Rolle, denn es fordert eine kritische Reflexion des eigenen Weißseins und der damit verbundenen Privilegien und Strukturen. Ein echter Wandel kann aber nur erfolgen, wenn die Perspektiven und Stimmen von BIPoC integriert und gehört werden. Ohne diese Perspektiven bleibt das Bild unvollständig und die Dekolonisierung der Mode nur ein leeres Versprechen.“

Warum ist die Modebranche kolonialisiert?

Die Kolonialisierung der Modebranche manifestiert sich auf verschiedenen Ebenen:

  • Die Praxis der Aneignung traditioneller Designs und Handwerkskunst kolonialisierter Länder durch die Kolonialmächte setzt sich heute fort in Form von kultureller Aneignung: Dominierende Kulturen nutzen Elemente aus marginalisierten Kulturen für die Mode, oft ohne angemessene Anerkennung oder Verständnis für deren kulturelle Bedeutung.
  • Die Modeindustrie hat eine lange Geschichte der Ausbeutung von Ressourcen und Arbeitskräften in kolonisierten Ländern. Von Baumwollplantagen, die durch Ausbeutung  versklavter Menschen bewirtschaftet wurden, bis zu modernen Sweatshops, perpetuiert die Modebranche globale Ungleichheiten, die in der Kolonialzeit begründet wurden.
  • Menschen aus kolonisierten Ländern und deren Nachkommen erleben in der Modebranche oft Unterrepräsentation und Stereotypisierung. Das ist sowohl in unternehmerischen Führungspositionen als auch in der medialen Darstellung zu beobachten. Werden sie repräsentiert, dann geschieht dies oft durch stereotypisierte und eindimensionale Darstellungen.
  • Die globale Marktdominanz und Konsumkultur ist überwiegend von Marken und Designer*innen aus ehemaligen Kolonialmächten geprägt. Diese Dominanz verstärkt eine Konsumkultur, die häufig die Wertschätzung für die Vielfalt der Kulturen und die Nachhaltigkeit der Produktion vernachlässigt.
  • Altkleiderexporte aus westlichen Ländern in afrikanische Länder können die lokale Textilindustrie beeinträchtigen, Umweltschäden verursachen und Probleme wie niedrige Preise, Mülldeponierung und schlechte Arbeitsbedingungen mit sich bringen – ähnlich den Auswirkungen der kolonialen Vergangenheit.

Warum ist die Einbeziehung der BIPoC-Perspektive in den Prozess der Dekolonisierung so wesentlich?

„Die Einbeziehung der BIPoC-Perspektive ist von entscheidender Bedeutung, weil das Wort ‚Dekolonisieren’ oft metaphorisch verwendet wird, um Veränderungen in Bereichen wie Design, Mode und Musik anzudeuten. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass in dem Wort ‚dekolonisieren’ auch das Wort ‚kolonisieren’ steckt, was auf die historischen Ereignisse der Kolonisierung verweist. Diese Ereignisse werden oft übersehen oder als irrelevant betrachtet.” 

Kannst du ein Beispiel für die problematische Nutzung des Begriffs der Dekolonisierung nennen?

„Heutzutage behaupten Institutionen, die selbst an der Kolonisierung beteiligt waren – denken wir an Museen und die Raubkunst –, sie würden sich dekolonisieren. Das erscheint mir widersprüchlich. Ohne die aktive Beteiligung und Sichtweise der von Kolonialismus betroffenen Gemeinschaften – also der BIPoC –, fehlt uns ein wesentliches Verständnis dafür, was ‚Dekolonisierung’ wirklich bedeutet und wie sie erreicht werden kann.“

Glossar
  • BIPoC steht für „Black, Indigenous, People of Color“. Der Begriff beschreibt Menschen afrikanischer, indigener und anderer nicht-weißer Herkunft. Er zielt darauf ab, die einzigartigen Erfahrungen und Geschichten dieser Gruppen innerhalb von Diskursen über Rassismus und soziale Ungleichheit anzuerkennen. 
  • White Fragility ist ein Begriff, den die amerikanische Soziologin Robin DiAngelo prägte. Er beschreibt die Schwierigkeit oder Unfähigkeit weißer Menschen, rassismuskritische Diskussionen zu ertragen oder daran teilzunehmen, oft begleitet von Reaktionen wie Wut, Abwehrhaltung oder Schweigen. Der Begriff soll erklären, wie die mangelnde Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien und Rassismus zu einer Verstärkung bestehender rassistischer Strukturen führen kann. 
  • Critical Whiteness (Kritische Weißseinsforschung) ist ein akademisches Feld, das sich mit der Analyse und Dekonstruktion von Weißsein und dessen Rolle in der Aufrechterhaltung von Rassismus und sozialer Ungleichheit befasst. Ziel der Critical Whiteness Studies ist es, oft unsichtbare Strukturen, Privilegien und Normen zu untersuchen, die Weißsein als Norm etablieren und aufrechterhalten. Es geht darum, bewusst zu machen, wie Weißsein etwa in gesellschaftlichen Strukturen, Kultur und Bildung verankert ist und wie dies zur Marginalisierung und Unterdrückung von BIPoC beiträgt.

Du selbst verwendest oft den Begriff Deconstructing Fashion”. Was unterscheidet dieses Konzept von Decolonizing Fashion”?

Deconstructing Fashion’ bezieht sich auf konkrete Handlungen und Veränderungen, die auf einer bereits erfolgten Sensibilisierung aufbauen. Nachdem eine kritische Auseinandersetzung mit der Mode stattgefunden hat, geht es darum, den nächsten Schritt zu machen und gesellschaftlichen Wandel zu fördern. Deconstructing’ bedeutet, nicht mehr tragbare Strukturen zu erkennen und diese nicht nur zu hinterfragen, sondern auch aktiv zu verändern. Wir bauen neue, gerechtere Strukturen auf und integrieren dabei auch die von BIPoC geleiteten Strukturen.” 

Was ist das Ziel dieses Konzepts? 

„Das Ziel von Deconstructing’ ist es, eine gleichberechtigte Teilhabe zu erreichen und diese in einer neuen, gerechten Grundlage zu verankern. Im Gegensatz zu Decolonizing’, das oft mit der kulturellen Aneignung in Verbindung gebracht wird, steht Deconstructing’ für eine Kultur der Wertschätzung und des Respekts. Es geht um ein Umdenken in der Art, wie wir Wirtschaft betreiben und wie wir die kulturelle Vielfalt in der Modeindustrie repräsentieren und wertschätzen.“

Wie interagieren die Konzepte Decolonize”, Diversity” und Deconstruct” miteinander?

Decolonize’, Diversity’ und Deconstruct’ sind eng miteinander verknüpft und ergänzen sich in ihrem Bestreben, die Modebranche grundlegend zu verändern. Decolonize’ konzentriert sich auf den Denkansatz, bestehende, kolonial geprägte Strukturen zu hinterfragen. ,Deconstruct’ bedeutet, den politischen und gesellschaftlichen Wandel zu implementieren. ‚Diversity’ zielt darauf ab, eine Vielfalt an Menschen und Perspektiven einzubringen und sicherzustellen, dass diese auch in Entscheidungspositionen vertreten sind. Es reicht nicht aus, nur Kampagnen zu starten. Wir müssen fragen: Wer sind die Führungskräfte? Wer trifft die Entscheidungen? Wohin fließt das Geld?”

Wie können diese Fragen zu einem Wandel und echter Dekolonisierung beitragen?

„Sie führen uns direkt zu den zugrundeliegenden Machtstrukturen. Oft mangelt es Unternehmen an einer neuen Denkausrichtung, die für die Dekolonisierung und das Erreichen echter Diversität erforderlich ist. Es geht darum, Decolonize’ und Diversity’ nicht nur zu diskutieren, sondern Deconstruct’ als praktische Lösung anzubieten und umzusetzen.

Dies erfordert eine bewusste Anstrengung und kann auch Einschränkungen bedeuten – etwa kurzfristig weniger Profit, weil zunächst die Grundlage für eine inklusive und gerechte Unternehmenskultur geschaffen werden muss. Doch dies ist eine notwendige Investition in die Zukunft – eine Investition in eine Branche, die Vielfalt und Gerechtigkeit nicht nur proklamiert, sondern lebt und fördert.“

Wie hat sich der Prozess der Dekolonisierung in der Modebranche in den letzten Jahren entwickelt?

„Die Dekolonisierung der Mode hat besonders im akademischen Bereich an Dynamik gewonnen. Doch trotz dieses Fortschritts erreicht das Konzept noch immer nur eine spezifische Gruppe von Menschen. Es bewegt sich sehr langsam hin zum gesellschaftlichen Mainstream, was zeigt, dass noch viel Arbeit vor uns liegt. Umfassende Konzepte wie Critical Whiteness und White Fragility sind entscheidend für diesen Prozess, müssen aber noch fest in unserem Verständnis und Handeln verankert werden.

Wie lassen sich diese Konzepte konkret anwenden?

„In der Modeindustrie selbst wird die Umsetzung dieser Ideen sichtbar, wenn wir uns fragen: Welche Bilder und Texte werden verwendet? Wie kommunizieren wir in der Branche? Diese Fragen helfen uns zu erkennen, ob und wie koloniale Kontinuitäten in der Mode noch bestehen. Es geht darum, nicht nur die Oberfläche, sondern auch die zugrundeliegenden Strukturen und Botschaften kritisch zu hinterfragen und aktiv zu gestalten.“

„Zuerst ist es entscheidend, dass insbesondere weiße Personen und Unternehmen eine gründliche Vorarbeit leisten.“
Beatrace Angut Oola, Gründerin von Fashion Africa Now

Was sind die Herausforderungen bei der Sammlung von Daten in der Modebranche in Bezug auf Dekolonisierung, Diversität und Inklusion?

„Ein zentrales Hindernis ist der auffällige Mangel an konkreten Daten, Zahlen und Fakten. Diese Informationslücke ist weitreichend – wir wissen zum Beispiel nicht genau, wie viele kreative Modeschaffende es in Deutschland gibt. Noch problematischer ist das Fehlen spezifischer Daten über BIPoC. In der DACH-Region sind solche Informationen nahezu nicht vorhanden, was es ungemein schwierig macht, ein präzises Verständnis der gegenwärtigen Verhältnisse zu entwickeln und zielgerichtete Maßnahmen zur Förderung von Diversität und Inklusion einzuleiten.”

Wie sollte darauf reagiert werden?

„Um dieses Problem anzugehen, müssen wir den Mangel an Daten überwinden und fundierte Studien durchführen. Dies würde es uns ermöglichen, ein klares Bild der Situation zu gewinnen und darauf basierend konkrete Schritte zur Schaffung einer inklusiveren und gerechteren Modebranche einzuleiten.“

Welche konkreten Schritte empfiehlst du?

„Um eine echte Veränderung zu bewirken, müssen wir einen holistischen und respektvollen Ansatz verfolgen. Zuerst ist es entscheidend, dass insbesondere weiße Personen und Unternehmen eine gründliche Vorarbeit leisten. Dies beinhaltet eine tiefgehende Sensibilisierung, das Überdenken und Ablegen veralteter Ansichten sowie das Erlernen neuer Perspektiven. Es ist zum Beispiel nicht ausreichend, wenn ich als Dozentin Informationen vermittle; die Studierenden müssen aktiv an diesem Prozess teilnehmen, selbst entdecken und lernen. Dieser Prozess der Selbsterkundung und des kritischen Diskurses ist unabdingbar, besonders für junge Menschen, die oft offener für solche Veränderungen sind.”

Was ist neben dieser Haltung noch essenziell? 

„Des Weiteren ist es wichtig, zuzuhören, BIPoC den nötigen Raum zu geben und als weiße Person die eigene rassistische Prägung zu erkennen und anzuerkennen. Diese Anerkennung ist grundlegend. Ohne sie ist es schwierig, echte Fortschritte zu machen. Wir müssen uns auch bewusst sein, dass wir alle irgendwie geprägt sind, wie ich selbst bei meinen Reisen nach Ghana oder Uganda feststelle. Dort sind die Menschen immer noch kolonial geprägt. In den Schulen wird die ehemals koloniale Sprache gesprochen und gilt in vielen Ländern immer noch als Amtssprache. Die Herausforderung besteht darin, sich der eigenen Abwehrhaltung zu stellen, sie zu überwinden und sich für den Lernprozess zu öffnen.“

Stößt du in deutschen Unternehmen oft auf eine solche Abwehrhaltung?

„Ja, tatsächlich begegne ich dieser Haltung häufig. Viele Unternehmen scheinen nicht bereit zu sein, ihre eigenen Machtstrukturen und die damit verbundenen Privilegien zu hinterfragen. Es mangelt an Bildungsangeboten, die über den akademischen Kontext hinausgehen und der breiten Gesellschaft zugänglich sind, um ein tieferes Verständnis für diese komplexen Themen zu schaffen. Oft fehlt es an grundlegendem Zugang zu dieser wichtigen Bildung.”

„Des Weiteren ist es wichtig, zuzuhören, BIPoC den nötigen Raum zu geben und als weiße Person die eigene rassistische Prägung zu erkennen und anzuerkennen.“
Beatrace Angut Oola, Gründerin von Fashion Africa Now

Was passiert, wenn du solche Beobachtungen mit deinem Gegenüber teilst?

„Ein spezielles Problem, das ich oft beobachte, ist die sogenannte White Fragility, also die Empfindlichkeit vieler weißer Personen, wenn es um das Thema Rassismus geht. Diese Empfindlichkeit führt oft zu Konfrontationen, besonders wenn versucht wird, bestehende Strukturen und Verhaltensweisen zu hinterfragen. Für mich als Schwarze Frau ist es besonders ermüdend und belastend, mit dieser Abwehrhaltung konfrontiert zu werden und dennoch versuchen zu müssen, einen konstruktiven Dialog aufrechtzuerhalten. Es ist eine zusätzliche Herausforderung, die über die alltäglichen Anforderungen meiner Arbeit hinausgeht und zusätzlich nicht vergütet wird.

Wie gehst du mit solchen Situationen um? 

Aus der Erfahrung heraus, werde ich in der Zukunft dieses Problem proaktiv und pragmatisch angehen. Bevor ich Partnerschaften eingehe, werde ich direkt fragen, ob die betreffenden Personen oder Unternehmen bereits Workshops zu diesen Themen besucht haben. Haben sie sich schon mit Themen wie Rassismus, Critical Whiteness, oder der Dekolonisierung auseinandergesetzt? Diese Vorbereitung ist für mich ein entscheidender Faktor. Es ist wichtig, dass ein Verständnis und eine Sensibilisierung für diese Themen bereits vorhanden sind, bevor wir zusammenarbeiten.”

Warum genau?

„Es erspart uns viele Missverständnisse und unnötige Konflikte. Diese Vorgehensweise hilft mir, sicherzustellen, dass die Basis unserer Zusammenarbeit auf gegenseitigem Verständnis und Respekt aufbaut. Nur so können wir eine wirkliche, tiefgehende und produktive Partnerschaft aufbauen.”

Welche Best-Practice-Beispiele zeigen, wie Unternehmen aktiv an der Dekolonisierung der Modebranche und der Förderung von Diversität arbeiten?

„Ein gutes Beispiel ist die Marke Wildling. Sie haben den Mut bewiesen, sich dem Thema zu stellen und mit Fashion Africa Now und dem Modelabel Nkwo zusammenzuarbeiten. Obwohl die Zusammenarbeit für die Community von Wildling herausfordernd war und auch negative Reaktionen hervorrief, war es ein wichtiger Schritt. Es verdeutlicht, dass der Weg zu einer authentischen und tiefgehenden Auseinandersetzung mit diesen Themen anspruchsvoll ist, aber genau diesen Weg müssen wir beschreiten.”

Gibt es noch andere Beispiele in Deutschland?

„Ein interessantes Beispiel, das ich kürzlich gesehen habe, ist die Reaktion der Düsseldorfer Brand LFDY auf die Situation in Kenia. Ihre überproduzierte Ware landete dort ohne Handelsrechte und statt sofort rechtliche Schritte einzuleiten, entschied sich die Marke, den Händler aus Nairobi zu treffen und kennenzulernen. Sie integrierten ihn und seine Freund*innen in die Planung ihrer Sommerkollektion. Das zeigt eine gewisse Bereitschaft zur Zusammenarbeit und zum Verständnis der lokalen Kontexte. LFDY unterstützt sogar die Gründung einer eigenen Marke für junge Kreative vor Ort, was einen positiven Beitrag zur Dekolonisierung in der Modeindustrie leistet.”

Wagen sich auch globale Marken an diese Herausforderung?

„Ja, Gucci in Zusammenarbeit mit Dapper Dan, einem Modedesigner aus Harlem, New York. Dapper Dan ist bekannt dafür, in den 1980er Jahren Luxusmarken für die afroamerikanische Community neu interpretiert zu haben, lange bevor die sogenannte Streetwear in der Hochmode anerkannt wurde. Seine Designs waren ein wesentlicher Bestandteil der Hip-Hop-Kultur. Doch er wurde weitgehend ignoriert.

Jahrzehnte später hat Gucci eine Jacke herausgebracht, die stark an Dapper Dans Designs erinnerte, was zunächst Kritik wegen kultureller Aneignung nach sich zog. Gucci reagierte jedoch unerwartet: Das Unternehmen suchte die Zusammenarbeit mit Dapper Dan und eröffnete sogar ein Atelier für ihn in Harlem, was einen historischen Moment darstellte.”

Warum ist dieses Beispiel so wesentlich für die Modebranche?

„Diese Aktion von Gucci, nach Harlem zu gehen und direkt mit Dapper Dan zu arbeiten, repräsentiert einen signifikanten Wandel – von der kulturellen Aneignung hin zur Anerkennung und Wertschätzung der Kultur und des Erbes, das Dapper Dan repräsentiert.

Diese Partnerschaft zeigt, wie Unternehmen ihre Praktiken ändern können, um kulturelle Einflüsse nicht nur zu respektieren, sondern sie auch wertzuschätzen. Dieses Beispiel setzt Maßstäbe für die Branche und demonstriert, dass echter Wandel möglich ist, wenn Unternehmen bereit sind, neue Wege zu gehen und authentische, respektvolle Partnerschaften zu bilden.”

„Echte Veränderung benötigt Zeit, Beständigkeit und tiefergehende Beziehungen, die durch langfristige Partnerschaften gefördert werden können.“
Beatrace Angut Oola, Gründerin von Fashion Africa Now

Welche Wünsche und Hoffnungen hast du für die Zukunft der Modebranche im Kontext der Dekolonisierung und Diversität?

„Meine Wünsche sind klar und zielen darauf ab, echte Veränderungen in der Modebranche zu bewirken. An oberster Stelle steht der Wunsch nach mehr BIPoC in Führungspositionen. Wir müssen in den höchsten Ebenen der Entscheidungsfindung vertreten sein, um sicherzustellen, dass unsere Perspektiven und Erfahrungen Gehör finden.

Darüber hinaus ist die finanzielle Unterstützung für BIPoC von zentraler Bedeutung. Es geht nicht nur darum, uns in Positionen zu bringen, sondern auch um die Bereitstellung der notwendigen Ressourcen, um erfolgreich zu werden. In den USA gibt es bereits spezielle Fördermittel für Schwarze Kreative, ein Modell, das auch in Deutschland als positiver Schritt in die richtige Richtung dienen könnte.”

Worauf setzt du persönlich, um diese Entwicklung voranzutreiben?

Ich setze mich für langfristige, auf Augenhöhe basierende Partnerschaften ein. Echte Veränderung benötigt Zeit, Beständigkeit und tiefergehende Beziehungen, die durch langfristige Partnerschaften gefördert werden können. Ein starkes Netzwerk ist ebenfalls unerlässlich. Es geht nicht nur darum, BIPoC in Positionen zu bringen, sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem wir Ressourcen teilen, Erfahrungen austauschen und uns gegenseitig in unseren Bestrebungen unterstützen können.

Außerdem ist es wichtig, den Dialog aufrechtzuerhalten, auch wenn es schwierig sein kann, bestimmte Themen zu kommunizieren. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Stimmen gehört und verstanden werden. Und schließlich brauchen wir strukturelle Veränderungen im Bildungssystem, die Wissen über afrikanische Geschichten und Perspektiven nicht nur integrieren, sondern auch wertschätzen, wie es beispielsweise durch die Black Studies in den USA oder durch die Arbeit von der Gastprofessorin an der Universität der Künste in Berlin, Prof. Dr. Natasha A. Kelly, bereits ansatzweise geschieht.“

Wenn du Unternehmen eine Message mit auf den Weg geben könntest, wie würde diese lauten?

Wirtschaften, ja, aber nicht auf Kosten anderer!”

 

Vielen Dank für deine Expertise, Beatrace. 

Über Beatrace Angut Oola

Beatrace Angut Oola arbeitet als freie interdisziplinäre Kuratorin und Creative Consultant mit einem Fokus auf Fashion Installationen und Editorial sowie als Gast Dozentin an der Hochschule für Künste in Bremen. Außerdem berät sie mit ihrer Kreativagentur (APYA) Unternehmen und kulturelle Institutionen. Seit 2010 arbeitet sie in der Kultur- und Kreativbranche und fördert die Sichtbarkeit für zeitgenössische Modedesigner*Innen afrikanischer Herkunft. Im Jahr 2012 gründete sie die erste High-End-Modeplattform für Designer*innen afrikanischer Herkunft (Africa Fashion Day Berlin) im Rahmen der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin und eine Kreativagentur (APYA) in Deutschland; darauf folgte 2016 (Fashion Africa Now), ein internationales Netzwerk, und Plattform, wurde 2022 als Kultur-und Kreativpilotin ausgezeichnet. 2023 folgte die Nominierung der Top 10 Culture for Impact List von den United Nations Museum. Fashion Africa Now dient als Brückenschlag afrikanischer Kreativer nach Deutschland/Europa, sowohl auch als Zugang für deutsche Kreativschaffende und Unternehmen. In Deutschland hat sie Modeschauen realisiert, Ausstellungen kuratiert (Kunstgewerbemuseum Berlin), POP UP Formate initiiert und Talks moderiert. Unter anderem organisierte sie in afrikanischen Ländern Netzwerk Veranstaltungen. Darüber hinaus zählt sie zu den globalen Pionierinnen der African Fashion Bewegung und ist im Beirat Dekolonisierung Hamburg. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert