Über die Diskriminierung von nicht-weißen Content Creator*innen – ein Erfahrungsbericht

Meinen Blog habe ich 2015 gegründet. Seit 2016 schreibe ich als Woman of Color fast ausschließlich über nachhaltige Themen. Während sich inzwischen auch im nachhaltigen Bereich die ersten deutschsprachigen Content Creator*innen oder #sinnfluencer mit diesem Business-Model selbstständig gemacht haben, kenne ich darunter keine einzige Person, welche nicht weiß ist oder nicht dem heteronormativen Lebensstandard entspricht.  

Fashion Changers Autorin Phoebe Nicette trägt einen schwarzen Pullover

Disclaimer: Dieser Artikel ist weder ein Rant, noch motivierend. Stattdessen ist es ein ehrlicher Text, damit Menschen sich vielleicht besser in die Situation marginalisierter Gruppen hineinversetzen können. Dieser Artikel behandelt nur wenige, ausgewählte Aspekte der Diskriminierung von nicht-weißen Menschen und nur eine Branche, dabei ist dies ein vielschichtiges Problem, welches sich über alle Lebens- und Arbeitsbereiche erstreckt. 

Du kannst nicht alles erreichen, was du willst 

Als Person of Color, welche von Colorism profitiert und damit eine Bevorzugung aufgrund ihrer etwas helleren Haut und der Tatsache, dass sie dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entspricht, kann ich nur beispielhaft von Erfahrungen aus der BIPoC+-Community in Deutschland sprechen und diese sind: Nicht so gut. Doch warum? 

Janina Kugel, ehemaliges Vorstandsmitglied der Siemens AG und zu ihrer Zeit die einzige Woman of Color im Vorstand eines DAX Konzerns in Deutschland, hat in einem TED Talk aus dem Jahr 2015 darüber gesprochen, dass Personen außerhalb „der Norm“, also nicht weiß und hetero, bereit sein müssen, härter zu kämpfen, als Menschen, welche sich innerhalb dieser gesellschaftlichen Norm bewegen. Diese Aussage verfolgt mich bis heute, denn sie beschreibt meine Lebensrealität – und die vieler anderer Menschen – nur allzu gut.  

Nein, diese Aussage bedeutet nicht, dass weiße-heteronormative Menschen nicht hart arbeiten. Es bedeutet: Marginalisierte Gruppen müssen in der Regel härter arbeiten, um das Gleiche zu erreichen wie ihre weißen Mitstreiter*innen. Diese Situation bedeutet für nicht-weiße Menschen, dass sie mit demselben Arbeitspensum und derselben Qualität an Arbeit nicht so viel erreichen können, wie zum Beispiel eine weiße Person mit gleichen Qualifikationen.  

Das bedeutet für mich in meiner Arbeit als Content Creatorin vergleichsweise weniger Kooperationsanfragen, weniger Geld und überhaupt gar nicht erst die Perspektive aus meinem Vollzeitjob, welchen ich als Hobby tarne, einen tatsächlich ausreichend bezahlten Vollzeitjob zu machen. Nur wegen einem Umstand, auf den ich beim besten Willen keinen Einfluss nehmen kann: meine Hautfarbe. Ich arbeite also meistens genauso viel wie meine Kolleg*innen und erreiche dabei (viel) weniger. Vielleicht ein gar nicht so unwichtiger Grund, warum viele Content Creator*innen aus marginalisierten Gruppen es gar nicht erst versuchen oder ganz aufgeben. Wer kann es ihnen verübeln?

Die Marken und das diskriminierende Budget

Eins vorweg: Es gibt im nachhaltigen Bereich durchaus Unternehmen, welche Content Creator*innen fair bezahlen. Hier muss ich aus persönlicher Erfahrung jedoch offen gestehen, dass diese Unternehmen für mich die Minderheit darstellen.  

Meine persönlichen, und dadurch teilweise subjektiven Wahrnehmungen und Erfahrungen sind, dass Content Creator*innen aus marginalisierten Gruppen auch in diesem Berufszweig strukturell benachteiligt sind. Damit meine ich Menschen aus den BIPoC+- (Black, Indigenous, People of Color) oder LGBTQIA+- (Lesbian, Gay, Bi-, Trans-, Queer, Inter-, Asexual) Communities und Menschen, die aufgrund anderer Merkmale zum Beispiel ihrer Religion von (struktureller) Diskriminierung betroffen sind.

In der Zusammenarbeit mit Marken bedeutet es, dass Content Creator*innen aus marginalisierten Gruppen oft gar nicht erst oder nur vergleichsweise in viel geringerer Anzahl für Kampagnen angefragt werden. Das beobachte ich vor allem bei größeren Marken im nachhaltigen Bereich, welche teilweise große Kampagnen fahren, aber viele kleinere Influencer*innen nicht mehr anfragen. Obwohl gerade diese nachhaltigen Content Creator*innen mitgeholfen haben die Unternehmen ​​damals meist noch umsonst zu pushen, und somit an den heutigen Punkt des Erfolgs zu bringen. 

Dies gilt jedoch nicht, wenn es sich um Kampagnen für den Black History Month (im April) oder Pride Month (im Juni) handelt. Denn da möchten sich viele Unternehmen als sehr divers und woke präsentieren und arbeiten gerne mit Menschen aus marginalisierten Communities. Doch auch diese Kampagnen sollen viel zu oft unbezahlt von Content Creator*innen durchgeführt werden. In dem Zusammenhang habt ihr vielleicht schon einmal von “Black-”, “Woke-” oder “Rainbowwashing” gehört.  

Liegt es unterbewusst doch daran, dass wir uns mit der Person auf dem Bildschirm aufgrund einer anderen Hautfarbe oder Kultur nicht so richtig identifizieren können?

Wenn ich für Kampagnen oder Kooperationen angefragt werde oder selbst anfrage, möchte ich natürlich auch für meine Arbeitsleistung fair bezahlt werden. Als sogenannte Nanoinfluencerin, mit weniger als 10.000 Follower*innen auf Instagram, ist dies jedoch gar nicht so einfach: Marken haben beispielsweise „kein Budget“ (für mich), bieten anderen Creator*innen jedoch durchaus bezahlte Kooperationen an. Andere reden von dem „Potenzial einer längerfristigen Kooperation“, also unbezahlte Arbeit.

Wenn die Verhandlungen nicht scheitern, schaffe ich es bei besagten Marken vielleicht etwas mehr als meine Arbeitszeit für den Post zu kompensieren – mit Glück. Jedoch nicht, um all die Zeit zu finanzieren, in der ich zum Beispiel unbezahlten Content für Social Media erstelle. Denn dann würde die Entlohnung eine Vollzeitstelle möglich machen und wie bereits erwähnt davon kann ich aktuell nur träumen.

Oft schauen Unternehmen bei Kooperationen immer noch nur auf die Zahlen hinter den Creator*innen – also die Anzahl ihrer Follower*innen, Likes, Kommentare und Story Views. Dementsprechend wird dann, auf Basis meiner zu niedrigen Zahlen, mein Wunsch nach Bezahlung abgelehnt. Und genau hier kommst du, liebe:r Leser:in in Spiel.

Eine unpopuläre Meinung über Social Media Nutzer*innen

Menschen auf Social Media werden auf zwei Arten diskriminiert: Durch den Algorithmus und die Nutzer*innen. Es ist frustrierend, aber wir können nur bedingt den tendenziell diskriminierenden Algorithmus auf Social Media direkt beeinflussen.  

Internalisierter Rassismus und Diskriminierung findet jedoch nicht selten durch jeden Menschen statt, der Social Media nutzt. Also auch durch dich und mich. Damit meine ich nicht die offensichtlich diskriminierenden Kommentare, von denen eh schon zu viele im Internet kursieren, sondern die (Nicht-)Nutzung des „Folgen“-Buttons auf dem Account eines marginalisierten Content Creators, obwohl der veröffentlichte Content dich durchaus anspricht. Durch solches Verhalten bekommen die tollen Accounts von nicht-weißen Content Creator*innen leider nicht jene Aufmerksamkeit, die sie verdienen beziehungsweise jene Aufmerksamkeit wird anderen, von weißen Menschen geführten Accounts zugesprochen. 

Liegt es unterbewusst doch daran, dass wir uns mit der Person auf dem Bildschirm aufgrund einer anderen Hautfarbe oder Kultur nicht so richtig identifizieren können? Sprechen wir dadurch vielleicht der*dem Content Creator*in Authentizität ab, obwohl die Person deutlich zeigt, dass sie ein*e Expert*in auf dem Gebiet ist?

Ein weiterer Punkt, welcher mich vor allem als Woman of Color sehr erschüttert, ist der sogenannte Racism Porn vieler Social-Media-Nutzer*innen. Die Beiträge, die im Jahr 2020 die größte Reichweite auf meinem Instagram-Account hatten, handeln von Rassismus. Meine zwei Posts, die ich zu diesem Thema verfasst habe, haben alle anderen Posts zu meinen Kernthemen nachhaltige Mode, Aktivismus und bewusstes Leben abgehängt. Denn, wenn ich als PoC über Rassismus spreche, spült es die Leute in einer Anzahl auf meinen Account, die ich mit meinem regulären Content nicht erreicht hätte. Aha. 

Diese Situation fühlt sich aus meiner Perspektive wie folgt an: Social-Media-Nutzer*innen, und damit potenzielle Follower*innen, holen sich Informationen über einen nachhaltigen Lebensstil und Fair Fashion lieber von weißen Kolleg*innen ab. Sie vertrauen eher wenig oder gar nicht auf die Tipps und Insights einer Woman of Color. Dennoch scheinen BIPoC+ gut genug, um von ihren realen Schmerzen und Diskriminierungserfahrungen zu berichten, welche aus eben jenen Strukturen resultieren.  

Mein Wunsch für Unternehmen ist es, dass diskriminierte Gruppen ebenfalls in gleichem Maße für Kooperationen angefragt werden und vor allem für ihre Arbeitsleistung gerecht entlohnt werden. Auch bei geringeren Followerzahlen denn genau diese Zahlen resultieren oftmals aus einem diskriminierenden Algorithmus und einer internalisierten Diskriminierung von Social-Media-Nutzer*innen. Geringere Followerzahlen bedeuten außerdem nicht, dass eine Kooperation zwangsläufig weniger erfolgreich ist, denn hier ist die Interaktion der vorhandenen Follower*innen ausschlaggebend (die sogenannte Engagement Rate). 

Diesen Accounts solltest du folgen

Hier habe ich eine kleine Liste an coolen, kleinen Fair Fashion Content Creator*innen zusammengestellt. Manche sind in Deutschland ansässig, andere sind internationale Influencer*innen:

Kennt ihr noch andere, tolle Content Creator*innen? 

Mein Wunsch für jene Social-Media-Nutzer*innen ist es, dass sie ihren Kreis an gefolgten Personen bewusst erweitern und sich somit andere Perspektiven einholen. Dies können sie zum Beispiel tun, indem sie Personen folgen, die aus einem anderen Kulturkreis stammen  oder nicht so aussehen, wie das eigene Spiegelbild.  

Wie oft habe ich schon überlegt, den Versuch über ein nachhaltiges Leben aufzuklären und meine gesamte Social-Media-Präsenz aufzugeben. Stattdessen habe ich mich immer dagegen entschieden und dafür lieber andere Hobbys (ich bin Sternzeichen Zwilling) aufgegeben. Denn als PoC Content Creatorin besetze ich eine Nische, nehme dabei Raum ein und schaffe nach meinen Möglichkeiten Repräsentation für BIPoC+. Und wenn ich dabei noch so klein bleibe: Representation Matters.

Titelbild: © Domenika Dorothea

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