Weißt du, wie viel Textilbeschäftigte wirklich verdienen?

Ein T-Shirt für drei Euro? Ein Rock für sieben Euro? Yay, ab in den Warenkorb! Doch, Moment Mal. Wie ist es eigentlich möglich, dass Kleidung derart günstig angeboten werden kann? Die Antwort ist alles andere als lustig: Ausbeutung. Unsere Redakteurin Medina erklärt, warum Mindestlöhne nicht reichen und wie viel Textilarbeiter*innen wirklich verdienen.

Neue Untersuchungen der Initiative The Industry We Want zeigen: Der Unterschied zwischen dem, was Textilbeschäftige verdienen, und dem, was sie verdienen sollten, liegt im Durchschnitt bei 45 Prozent. Textilarbeiter*innen bekommen nur einen Bruchteil von dem, was wir am Ende zahlen. Ihr Gehalt reicht nicht einmal aus, um Grundbedürfnisse zu decken und die Familie zu ernähren. Was sie brauchen, sind existenzsichernde Löhne, aber die meisten Unternehmen zahlen diese (noch) nicht.

Was ist ein existenzsichernder Lohn?

Ein existenzsichernder Lohn, der von den Vereinten Nationen als Menschenrecht anerkannt wird, ist ein Lohn, der ausreicht, um einen angemessenen Lebensstandard für eine*n Arbeitnehmer*in und seine*ihre Familie zu gewährleisten. Dieser Lohn sollte in einer Standardarbeitswoche von nicht mehr als 48 Stunden verdient werden und muss ausreichen, um Essen, Wasser, Unterkunft, Bildung, Gesundheitsversorgung, Transport, Kleidung und Freizeitaktivitäten zu bezahlen, Ersparnisse für unerwartete Ereignisse mit eingeschlossen. Kurz gesagt: Ein existenzsichernder Lohn ist das absolute Minimum, das Arbeiter*innen benötigen, um ein menschenwürdiges Leben zu führen. 

Wie werden existenzsichernde Löhne berechnet?

Die Berechnung eines existenzsichernden Lohns ist nicht immer einfach. Forschende, Gewerkschaften und Arbeitsrechtsgruppen haben dafür verschiedene Methoden entwickelt. (Anm. d. Red.: Diese Liste ist nicht vollständig.)

Es gibt beispielsweise den Wage Indicator, der jeden Monat Berechnungen der existenzsichernden Löhne für fast jedes Land der Welt veröffentlicht – basierend auf den Lebenshaltungskosten in diesem Gebiet. Die Clean Clothes Campaign ist Teil der Asia Floor Wage Alliance, einem Zusammenschluss asiatischer Gewerkschaften und Arbeiter*innengruppen, der eine existenzsichernde Lohnformel für Asien errechnet hat. Der Lohn wird mithilfe einiger Schlüsselannahmen berechnet: 

  • Ein existenzsichernder Lohn ist immer ein Familienlohn. In den meisten Produktionsländern sind die Renten- und Versicherungssysteme nicht ausreichend und auch öffentliche Pflegedienste fehlen oft. Ein echter existenzsichernder Lohn muss dem Rechnung tragen und den Grundbedarf unbezahlter Pflegekräfte im Haushalt zumindest teilweise decken.
  • Ein existenzsichernder Lohn muss Einsparungen ermöglichen. Andernfalls bleiben Arbeitnehmer*innen in einer prekären Situation, können ihr Leben nicht mittel- und langfristig planen und laufen Gefahr, sich zu verschulden, wenn zusätzliche unvorhergesehene finanzielle Ausgaben erforderlich werden.
  • Ein existenzsichernder Lohn muss eine Untergrenze – keine Obergrenze – für die Lohnzahlung darstellen und ein Mindesteinkommen für alle Arbeitnehmer*innen sichern. Idealerweise sollte ein existenzsichernder Lohn einen regionalen Ansatz verfolgen, um den Lohnwettbewerb zwischen den Ländern nicht zu verstärken, sondern das Grundlohnniveau für alle Arbeitnehmer zu erhöhen.

Die Clean Clothes Campaign hat anhand dieses Modells den Europe Floor Wage entwickelt – eine grenzüberschreitende Benchmark für existenzsichernde Löhne, der auf den Lebenshaltungskosten in 15 europäischen Produktionsländern (darunter sieben EU-Mitgliedstaaten) basiert. Er dient als Maßstab für Unternehmen und kann von Gewerkschaften genutzt werden, um ihre Verhandlungsmacht zu stärken.

In den USA gibt es den MIT Living Wage Calculator, der das Existenzminimum für jeweils jeden US-Bundesstaat ausrechnet. Zudem gibt es die Anker-Methode, benannt nach Richard und Martha Anker (einem Ökonom und einer Statistikerin), die die Methode in Partnerschaft mit der Global Living Wage Coalition entwickelt haben. Während die Anker-Methode zu einem etwas niedrigeren Lohnergebnis führen kann, ist sie so konzipiert, dass sie auf die meisten weniger entwickelten Länder in einer Reihe von Situationen anwendbar ist.

Die Fair Wear Foundation bietet zusätzlich einen Arbeitsminutenrechner sowie andere Tools, die Marken, Lieferanten, Gewerkschaften und anderen dabei helfen sollen zu verstehen, wie sich steigende Löhne auf die Produktkosten auswirken.

Zwischen Versprechen und Realität

Die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte legen die Rolle und Verantwortung von Unternehmen fest, das Menschenrecht auf eine gerechte Entlohnung zu respektieren. Dort heißt es, diese Verantwortung „besteht unabhängig von den Fähigkeiten und/oder der Bereitschaft der Staaten, ihre eigenen Menschenrechtsverpflichtungen zu erfüllen (…) und sie besteht über die Einhaltung der nationalen Gesetze und Vorschriften zum Schutz der Menschenrechte hinaus.“ Mit anderen Worten: In Produktionsländern, in denen gesetzliche Mindestlöhne das Existenzminimum für Arbeiter*innen nicht erreichen, sind Unternehmen verpflichtet, staatliches Versagen zu beheben.

Doch davon sind wir in der Realität sehr weit entfernt. In einem Bericht der University of Sheffield heißt es, dass trotz ehrgeiziger öffentlicher Zusagen von Bekleidungsunternehmen, existenzsichernde Löhne zu zahlen, Niedriglöhne weiterhin den Status quo bilden. Die Wissenschaftler*innen untersuchten 20 globale Marken (die Namen werden nicht genannt) und stellten fest, dass der Großteil ihre Verpflichtungen zu existenzsichernden Löhnen an externe Initiativen ausgelagert hatten, anstatt ihre Einkaufspraktiken zu ändern und sicherzustellen, dass die Lieferanten angemessene Löhne zahlen.

Hat die Modeindustrie seit dem großen Rana-Plaza-Unfall 2013 denn gar nichts dazu gelernt? Die Sheffield-Studie ergab, dass es auch Jahre nach dem Einsturz der Textilfabrik weitverbreitete Unstimmigkeiten und Verwirrung über die Definition eines existenzsichernden Lohns gibt sowie einen Mangel an Transparenz über die Löhne, die tatsächlich gezahlt werden.

Die meisten Unternehmen würden behaupten, dass Beschäftigte in ihren textilen Lieferketten existenzsichernde Löhne verdienen und verdienen sollten. Doch die Realität sieht oft anders aus. Nehmen wir zum Beispiel H&M (​​ja, wieder einmal). Der schwedische Fast-Fashion-Riese hat sich bereits 2013 dazu verpflichtet, Mitarbeiter*innen in seiner Lieferkette bis 2018 einen existenzsichernden Lohn zu zahlen. Laut der Clean Clothes Campaign folgten auf dieses Versprechen jedoch bis heute keine konkreten Taten. Im Gegenteil: H&M wird sogar von mehreren NGOs (darunter Clean Clothes Campaign) des Lohndiebstahls beschuldigt sowie mit Lieferanten in der Region Xinjiang in China in Verbindung gebracht. (Seit einigen Jahren wird der chinesischen Regierung vorgeworfen, in Xinjiang Zwangsarbeit zu betreiben – auch in Textilfabriken.)

Laut einer Studie aus dem Jahr 2014, die von Clean Clothes Campaign durchgeführt wurde, gaben 85 Prozent der befragten Fast-Fashion-Marken an, dass ihre Löhne ausreichen sollten, um die Grundbedürfnisse der Arbeitnehmer*innen zu decken. Im Jahr 2019 konnte jedoch keine dieser Marken nachweisen, einen existenzsichernden Lohn zu zahlen. Zudem gibt es bis heute keine klaren, zeitgebundenen Pläne, wie in Zuliefernetzwerken der existenzsichernde Lohn gezahlt werden soll.

Die Clean Clothes Campaign und das Collectif Ethique sur l’Étiquette haben Untersuchungen zu Löhnen und Arbeitsbedingungen von Arbeiter*innen in der Sportbekleidungsbranche durchgeführt. Dabei stellten sie fest, dass Adidas und Nike keine existenzsichernden Löhne zahlen und die Produktion von China (wo die Löhne stetig steigen) in Länder wie Vietnam, Kambodscha und Indonesien mit niedrigeren Lohnstandards verlagern. Dies zeigt, dass Labels ständig auf der Suche nach günstigeren Produktionskosten sind und faire Löhne keine Priorität sind.

Das Good On You-Verzeichnis zeigt Ähnliches auf. Von den knapp bewerteten 3.000 Marken werden nur 154 als „großartig“ für Arbeitsrechte eingestuft.

Kleidung herzustellen ist nicht günstig. © Fashion Revolution

Aber wir zahlen doch den Mindestlohn?!”

Marken entziehen sich oftmals ihrer Verantwortung, indem sie sagen, dass sie „den gesetzlichen Mindestlohn“ zahlen. Allerdings betragen die Mindestlöhne in vielen Produktionsländern innerhalb der Modebranche nur die Hälfte dessen, was vor Ort als existenzsichernder Lohn gelten würde.

In vielen Fällen übertragen Marken die Verantwortung für die Sicherstellung eines existenzsichernden Lohns auf den Hersteller, bei dem sie einkaufen. Das Problem: Diese Marken nutzen gleichzeitig ihre Kaufkraft (und Machtposition), um so günstig wie möglich zu produzieren. 

Und das ist nicht die einzige Mauschelei. Viele Unternehmen behaupten zudem, existenzsichernde Löhne seien zu kostspielig. Sie behaupten, eine solche Umstellung würde sie weniger wettbewerbsfähig machen, weil sie Konsumierenden keine günstigen Preise mehr anbieten könnten.

Die Ausmaße dieser Entscheidung sind drastisch. Studien von Deloitte für Oxfam Australia zeigen, dass im Durchschnitt nur zwischen zwei und vier Prozent des Preises eines in Australien verkauften Kleidungsstücks als Entlohnung dienen. Die Clean Clothes Campaign berichtet Ähnliches und erklärt, dass „die Löhne für die Produktion kaum mehr als drei Prozent des Preises betragen“, den wir im Geschäft zahlen. 

NGOs erklären, dass Regierungen die Mindestlöhne unter dem Druck von Marken und Einzelhändlern bewusst niedrig halten, um Arbeitsplätze zu schaffen und ihre staatlichen Volkswirtschaften anzukurbeln. Folglich ist der Mindestlohn, sofern er als rechtlich verbindlicher Standard existiert, nicht gleichbedeutend mit einem existenzsichernden Lohn. Die Höhe des Mindestlohns ist von Land zu Land unterschiedlich, reicht aber in fast allen Produktionsländern bei Weitem nicht aus, um die Grundbedürfnisse der Arbeiter*innen und ihrer Familien zu decken. In vielen Produktionsländern lässt der Mindestlohn eine Familie unter der nationalen Armutsgrenze, obwohl diese von der Regierung festgelegt wird.

Wirkliche Hoffnung auf Besserung besteht leider nicht. Die Kluft zwischen dem gesetzlichen Mindestlohn und einem existenzsichernden Lohn wird immer größer. Untersuchungen in den asiatischen Ländern aus dem Jahr 2019 zeigen, dass der Mindestlohn zwischen 13 Prozent in Sri Lanka und etwa 42 Prozent eines existenzsichernden Lohns in Indien liegt. In europäischen Produktionsländern kann der Unterschied sogar noch größer sein: In Georgien werden beispielsweise nur zehn Prozent eines existenzsichernden Lohns gezahlt. Mindestlöhne bleiben oft jahrelang unverändert, während die Lebenshaltungskosten steigen. Konkret bedeutet das, dass der reale Wert der Löhne immer weiter sinkt.

Dabei würde die Zahlung eines Existenzminimums die Unternehmen gar nicht mal so viel kosten. Die Nichtregierungsorganisation Labour Behind the Labour errechnete im Jahr 2016 Folgendes: Wenn H&M seinen Textilarbeiter*innen in Kambodscha einen existenzsichernden Lohn zahlen würde, würde es das Unternehmen nur 1,9 Prozent seines Jahresgewinns kosten. 

Auch Oxfam hat ordentlich nachgerechnet. Demnach würde es 2,2 Milliarden Dollar pro Jahr kosten, „um die Löhne aller 2,5 Millionen vietnamesischen Textilarbeiter*innen vom Durchschnittslohn auf einen existenzsichernden Lohn zu erhöhen.“ Also weniger als das, was an Aktionär*innen ausgezahlt wird.

Wie viel verdienen Textilbeschäftigte wirklich?

Die Löhne der Arbeiter*innen machen aufgrund der tief verwurzelten strukturellen Machtdynamik nur einen Bruchteil dessen aus, was Konsumierende am Ende für die Kleidung bezahlen. Ein bekanntes Beispiel ist das Nationaltrikot der englischen Fußballmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2018, das mit dem Nike-Logo verziert war. Die Trikots wurden für bis zu 180 Euro an Fans verkauft – während die Arbeiter*innen in Bangladesch, die sie herstellten, weniger als zwei Euro pro Tag verdienten. 

Labour Behind the Label befragte Arbeitnehmer*innen in Sri Lanka, die berichteten, dass sie zehn bis zwölf Stunden am Tag arbeiteten und manchmal sogar 100 Überstunden pro Monat machten. Obwohl sie bis zu 40 Stunden mehr pro Monat arbeiteten als gesetzlich erlaubt, verdienten sie keinen existenzsichernden Lohn. Sie erhielten durchschnittlich nur 3,23 £ pro Tag. Deswegen waren viele gezwungen, sich eine kleine (etwa 3 × 3 Meter) Wohnung mit mehreren anderen Mitarbeitenden zu teilen. Etwa drei Viertel der Befragten gaben an, dass sie keinen Zugang zu fließendem Wasser hatten.

Das Onlinemagazin Vox befragte Textilbeschäftigte in Indien zu ihrem Lohn. Sie gaben an, dass sie im Durchschnitt 6.284 Rupien (92 US-Dollar) pro Monat verdienen. Doch um ihre Grundbedürfnisse zu decken, müssten sie mindestens 13.000 Rupien (190 US-Dollar) verdienen – also mehr als das Doppelte ihres tatsächlichen Lohns.

Die Nichtzahlung von existenzsichernden Löhnen hängt mit einer Vielzahl an Probleme zusammen: schlechte Wohnverhältnisse, Mangelernährung, unzureichender Zugang zu Gesundheitsversorgung, das Risiko von Kinderarbeit, Arbeitsunfälle und (männliche) Gewalt gegen Frauen.

Die Zahlung von Armutslöhnen zwingt Arbeiter*innen dazu, mehr zu arbeiten, um Überstunden oder Prämien zu verdienen. Sie können die Arbeit aufgrund unsicherer Arbeitsbedingungen oftmals nicht verweigern und sich nicht freinehmen, wenn sie krank sind. Arbeitnehmer*innen haben häufig keine Ersparnisse und sind auf Kredite angewiesen, um über die Runden zu kommen. Wenn sie arbeitslos sind oder mit unerwarteten Ausgaben konfrontiert werden, stürzen sie in noch tiefere Armut.

Transparency is key

Um die Zahlung existenzsichernde Löhne branchenweit zu beschleunigen, ist eine viel größere Transparenz von grundlegender Bedeutung. Dabei gibt es keinen Lohn, der aussagekräftiger ist als der niedrigste Lohn

Manche Marken (darunter auch H&M und Nike) veröffentlichen in ihren Jahresberichten die sogenannten „Arbeitskosten“, die für die Herstellung eines Kleidungsstücks aufgewendet wurden, oder den „Durchschnittslohn“ in ihren Fabriken. Das Teilen der Arbeitskosten ist ein Schritt nach vorn in Sachen Transparenz, aber es trägt nur sehr wenig dazu bei, sicherzustellen, dass eine faire Bezahlung stattfindet. Denn das Problem besteht darin, dass sie oft den profitablen Aufschlag (also, den Gewinn) enthalten, den Fabrikbesitzer*innen erfassen – die Arbeiter*innen jedoch nie zu Gesicht bekommen. 

Auch die Durchschnittslöhne sind oftmals irreführend. Durchschnittslöhne berücksichtigen in der Regel nämlich auch die Löhne von Verwaltungs- und Führungskräften von Herstellern. Auf diese Weise wird das Endergebnis verzerrt. Ein*e Näher*in braucht ein paar Jahre, um das zu verdienen, was ein CEO in einer Mittagspause verdient.

Die Kenntnis des niedrigsten Lohns bildet also eine kritische Ausgangsbasis und hilft uns zu verstehen, ob sich die Löhne von Marken und Fabriken auf dem Weg zu existenzsichernden Löhnen befinden oder nicht. Indem Marken den niedrigsten Lohn identifizieren und offenlegen, können wir herausfinden, wie groß der Unterschied zum Existenzminimum tatsächlich ist. 

Lohndiebstahl in Milliardenhöhe

Ein weiterer Punkt, der oft verschwiegen wird: der milliardenschwere Lohndiebstahl. Vor allem während der Pandemie wurden Textilbeschäftigte auf der ganzen Welt massiv unterbezahlt oder gar nicht bezahlt. Die Clean Clothes Campaign veröffentlichte im Juli 2021 einen Bericht mit dem Titel „Still Un(der)paid”, der sich auf Untersuchungen in Bangladesch, Kambodscha, Indien, Indonesien, Myanmar, Pakistan und Sri Lanka stützt. Die Studie schätzt, dass Textilarbeiter*innen weltweit zwischen März 2020 und März 2021 knapp zwölf Milliarden US-Dollar in unbezahlten Löhnen und Abfindungen verloren haben.

In Tunesien zum Beispiel sind Bekleidungsfabriken, die hauptsächlich europäische Modemarken beliefern, noch immer schwer von der Pandemie betroffen. Tausende Menschen verloren ihren Arbeitsplatz, Beschwerden über Arbeitsrechtsverletzungen nahmen zu – einschließlich der Nichtzahlung von Abfindungen und regelmäßigen Löhnen, da der Export nach Europa einbrach.

Eine Textilarbeiterin, die in der Fada-Fabrik arbeitet und Hemden für italienische Marken wie die Renato Balestra Group, Lancetti und Il Granchio liefert, erzählt im Interview mit Reuters, dass sie seit März 2021 keinen Lohn mehr erhalten hätte und nun sogar Schulden macht. Drei weitere Arbeiter*innen gaben an, wegen des Lohnstopps aus ihren Häusern vertrieben worden zu sein, da sie die Miete nicht bezahlen konnten.

Garantiert ein existenzsichernder Lohn ein besseres Leben?

Wo die Löhne steigen, besteht auch die Gefahr, dass lokale Dienstleister die Preise für Miete und Lebensmittel erhöhen. Das bedeutet, dass eine Erhöhung der Löhne, wenn sie nicht sinnvoll umgesetzt wird, möglicherweise nicht vollständig zu einer Verbesserung der Lebensqualität führt. Und wenn eine solche Erhöhung nicht branchendeckend erfolgt, können Erhöhungen in einer Fabrik dazu führen, dass Arbeitsplätze aufgrund von Kürzungen verloren gehen, wenn internationale Marken ihre Produktion an günstigere Wettbewerber verlagern.

Existenzsichernde Löhne: eine Frage der Priorität

Bei der Frage nach einem existenzsichernden Lohn geht es vor allem darum, welche Lebensqualität ein*e Näher*in zusteht. Denn Fakt ist: Es ist genug Geld da, um Textilhersteller*innen existenzsichernde Löhne zu zahlen – es ist alles nur eine Frage der Priorität. Ohne wesentliche Veränderungen seitens der Branche und den Regierungen werden Textilbeschäftigte jedoch weiterhin niedrige Löhne erhalten, die die Grundbedürfnisse an Nahrung, Unterkunft, medizinischer Versorgung, Kleidung und Transport für sich selbst und ihre Familien nicht decken können.

Die Definition eines existenzsichernden Lohns ist also nicht unbedingt ein Endziel, sondern eines, das sich kontinuierlich weiterentwickelt und inklusive Diskussionen und Verhandlungen erfordert. 

Wusstet ihr, dass die meisten Fast-Fashion-Unternehmen keine existenzsichernde Löhne zahlen? Quellen und weiterführende Links zum Thema existenzsichernde Löhne findest du unten.

Titelbild: Pawel Szvmanski via Unsplash

Quellen und weiterführende Links zum Thema existenzsichernde Löhne:

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