Der Bangladesh Accord läuft ab. Und jetzt?

Aktuell wird wieder sehr viel über den Bangladesh Accord berichtet. Dieser läuft am 31. August 2021 ab. Welche Folgen dies für Textilbeschäftigte haben könnte und was wir noch tun können, damit das Abkommen doch noch verlängert wird, lest ihr hier.

Eine rosa Sprechblase, auf der steht, dass das Ende des Bangladesh Accords viele Textilbeschäftigte freiwilligen Programmen ausliefern würde

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2013 stürzte das Rana-Plaza-Gebäude ein – ein tragischer Unfall, der nicht nur hunderten von Textilbeschäftigten das Leben kostete, sondern vor allem auch vermeidbar gewesen wäre. Als eine der Reaktionen auf den Einsturz wurde der Bangladesh Accord ins Leben gerufen, eine rechtsverbindliche Vereinbarung, die es möglich macht Marken und Fabriken zur Rechenschaft zu ziehen. Am 31. August läuft das Abkommen ab. Doch welche Auswirkungen wird dies auf die Textil- und Bekleidungsindustrie haben?

Was ist der Bangladesh Accord?

Der Bangladesh Accord wurde nach dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes ins Leben gerufen. Rana Plaza war ein achtstöckiges Gebäude in Bangladesch, in dem sich fünf Bekleidungsfabriken befanden, die Kleidung für viele der weltweit größten Marken herstellten – darunter beispielsweise auch Mango und Primark. Arbeiter*innen in den Fabriken bemerkten schon vor dem Einsturz Risse im Gebäude, Anzeichen für gefährliches strukturelles Versagen, aber die Fabrikbesitzer*innen bestanden darauf, dass sie ihre Arbeit entweder fortführen oder gefeuert werden. Am 24. April 2013 stürzte Rana Plaza ein, wobei mehr als 1.100 Textilarbeiter*innen getötet und über 2.600 weitere verletzt wurden.

Der öffentliche Aufschrei über den Zusammenbruch und offensichtliche Gesetzeslücken zwangen Bekleidungsunternehmen – die ihren Sitz überwiegend im Globalen Norden haben – Maßnahmen zu ergreifen und die Sicherheit der Arbeiter*innen in ihren Lieferketten zu gewährleisten. Mehr als 200 Marken – darunter beispielsweise Adidas, Esprit und Hugo Boss – und Einzelhändler*innen schlossen sich zusammen, um gemeinsam eine historische Vereinbarungen zu entwickeln: Sie unterschrieben am 15. Mai 2013 den Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh (kurz: Bangladesh Accord).

Der Accord ist die erste rechtsverbindliche Vereinbarung zwischen globalen Marken, Einzelhändler*innen und Gewerkschaften, die Textilbeschäftigte vertreten. Sie wird von einem Lenkungsausschuss geleitet, in dem Bekleidungsunternehmen und Gewerkschaften paritätisch vertreten sind und einen neutralen Vorsitz der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) haben.

Der ursprüngliche Accord war eine Vereinbarung, die für fünf Jahre,bis 2018,unterzeichnet wurde. Im Jahr 2018 wurde er mit einigen Verbesserungen neu unterzeichnet. Schließlich wurde im Jahr 2020 der RSC (Ready Made Garments Sustainability Council) gegründet. Der RSC wurde das lokale Durchführungsorgan des Accords. 

Der Accord sollte eigentlich schon am 31. Mai 2021 ablaufen. Doch der Druck globaler Gewerkschaften, internationaler Medien und Nichtregierungsorganisationen war so groß, dass er um drei Monate verlängert wurde und nun doch bis zum 31. August 2021 in Kraft ist. Die aktuellen Verhandlungen deuten wenig darauf hin, dass der Accord wieder verlängert wird.

Auswirkungen des Bangladesh Accords

Der Bangladesh Accord ist und bleibt ein entscheidender Durchbruch für Arbeitnehmer*innen und ihre Rechte. Die Vereinbarung gewährleistet beispielsweise unabhängige Sicherheitsinspektionen von Fabriken, die Behebung von Problemen, die von der unabhängigen Aufsichtsbehörde festgestellt wurden, Sicherheitstrainingsprogramme für Textilbeschäftigte in Fabriken, sowie ein Beschwerdeverfahren für Arbeitnehmer*innen.

Der Accord hat zudem auch die Transparenz der komplexen, oft unübersichtlichen Lieferketten verbessert. Die Unterzeichneten müssen zum Beispiel ihre Zulieferfabriken öffentlich aufführen. Inspektionsergebnisse, Maßnahmen und Fabrikleistung müssen veröffentlicht werden. 

Seit seiner Einführung hat der Accord eine dringend benötigte Veränderung in der Textil- und Bekleidungsindustrie in Bangladesch bewirkt und zu enormen Fortschritten bezüglich der Arbeitsbedingungen in Fabriken geführt. Die Zahlen sprechen für sich: Über 1.300 gemeinsame Sicherheitsausschüsse wurden eingerichtet, um die Sicherheitsmessungen regelmäßig zu überwachen. Seit 2013 wurden mehr als 145.000 Sicherheitsverstöße in Fabriken festgestellt – davon wurden circa 93 Prozent bei der Erstinspektionen behoben.

Außerdem wurden mehr als 1,7 Millionen Arbeiter*innen in Arbeitssicherheit geschult. Auch der Beschwerdemechanismus des Accords hat sich bei der Lösung von über 700 Sicherheitsbeschwerden von Fabrikarbeiter*innen und ihren Vertreter*innen als wirksam erwiesen. Schließlich hat der Accord dazu beigetragen, dass Textilbeschäftigte aktiv in den Entscheidungsprozess einbezogen werden. 

Jede Marke, die das Abkommen unterzeichnet, wird letztendlich für das, was in ihrer Lieferkette passiert, verantwortlich gemacht. Die Modeunternehmen müssen beispielsweise sicherstellen, dass ihre Zulieferer über die nötigen Mittel verfügen, um Sicherheitsrisiken schnellstmöglich zu beheben.

Dass der Accord wirkt, zeigt zum Beispiel ein Rechtsverfahren aus dem Jahr 2018. Hier wurde nach einem zweijährigen Schiedsverfahren mit einer am Bangladesh Accord beteiligten Marke eine wegweisende Einigung erzielt. Wegen Verzögerungen bei der Beseitigung lebensbedrohlicher Gefahren bei ihren Zulieferern, musste die Marke zwei Millionen US-Dollar zahlen. Dieses Geld diente zur Behebung von diversen Problemen – wie verschlossene Tore, strukturelle Mängel und das Fehlen von Brandschutztüren und Sprinkleranlagen – in mehr als 150 Fabriken. Weitere 300.000 US-Dollar kamen den Gewerkschaften zu. 

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Der Bangladesh Accord läuft ab. Und jetzt?

Der letzte gemeldete Vorfall in Bangladesch ereignete sich am 8. März 2021 in einer Textilchemiefabrik, bei dem eine Person ums Leben gekommen ist und weitere 20 Menschen verletzt wurden. Unfälle wie diese machen deutlich, wie wichtig das Abkommen und verbindliche Sicherheitsinspektionen sind. 

Die Wirksamkeit des Bangladesh Accords ist weitgehend auf die Einbeziehung von Gewerkschaften zurückzuführen, die die Mitgliedsmarken und Einzelhändler*innen zur Rechenschaft ziehen können. Wenn das Abkommen bald ausläuft, werden Textilbeschäftigte freiwilligen Programmen – ohne rechtliche Durchsetzung – ausgeliefert sein. 

Wie schwierig solche freiwilligen Programme sind, erklärt Remake. Viele Marken hätten schon vor dem Bangladesh Accord Beschwerdemechanismen in einigen Fabriken. Dieses System wäre jedoch wenig vertrauenswürdig gewesen, weil sich nichts in den Fabriken geändert hätte. Der Beschwerdemechanismus des Abkommens hätte aber zu echten, greifbaren Ergebnissen geführt.

Laut Laura Guttierez von Worker Rights Consortium ist der Beschwerdemechanismus eine der Schlüsselkomponenten für den Erfolg des Abkommens. Die Beschwerden von Arbeitnehmer*innen reichen von fehlendem Mutterschaftsgeld bis hin zur Feststellung von Rissen in Gebäuden. Einige Beschwerden „führten zur sofortigen Evakuierung von Fabriken, die nicht wiedereröffnet werden konnten, bis das Problem behoben war“.

Das Wichtigste für Guttierez ist jedoch, dass Textilbeschäftigte am gleichen Tisch sitzen wie die Marken und Fabriken – sie werden durch lokale und globale Gewerkschaften vertreten und können über ihre Arbeitsbedingungen mitentscheiden. Freiwillige Programme sind jedoch oftmals prekäre Systeme, die nicht überwacht werden – hier haben Arbeitnehmer*innen kein Sagen mehr. 

Deine Stimme für den Bangladesh Accord

Als Konsument*innen können wir unseren Teil dazu beitragen, indem wir die Erweiterung des Accords unterstützen und Marken auffordern, Maßnahmen zu ergreifen. 

Quellen

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3 Antworten auf „Der Bangladesh Accord läuft ab. Und jetzt?“

Leider nicht besonders gut Bzw unvollständig recherchiert, denn es gibt keine Möglichkeit den Accord zu verlängern. Dies ist von der Regierung Bangladesh’s bestimmt und wird sicher nicht durch eine Petition gekippt, da die Entscheidung schon seit über einem Jahr feststeht. Auch die Marken können nichts daran ändern! Es gibt auch eine Nachfolge Organisation, die die Aebeit weiterführt und da wird derzeit zwischen Regierung/Brand Vertretern und den Gewerkschaften verhandelt Bzw alles ausgearbeitet.

Hi Sina, danke für deinen Kommentar. Könntest du vielleicht die dazugehörigen Quellen mit uns teilen? Wir haben da nämlich etwas anderes gefunden.

Die Clean Clothes Campaign hat erst neulich ein Legal Paper veröffentlicht, in dem das gut erklärt ist. Der Accord kann durchaus verlängert werden mit einer sogenannten Folgevereinbarung, die den ursprünglichen Accord erneuert, verlängert und ihn ggf. sogar erweitert (die Gewerkschaften wollen den Accord zum Beispiel in andere Länder ausweiten). Die originale Vereinbarung von 2013 wird also durch eine Folgevereinbarung (oder ähnliches) sowohl erneuert als auch verlängert.

Du meinst, dass es eine Nachfolge-Organisation gibt. Welche Organisation meinst du genau? Vielleicht den RSC (Ready-Made Garments Sustainability Council)? Der wurde im Juni 2020 gegründet und ist nun das nationale Durchführungsorgan des Accords. Er führt den Accord aber nicht weiter, denn er übernimmt nur die Inspektionen vor Ort und wurde nicht gegründet, um den Accord zu ersetzen. Er besteht vor allem aus Marken und Fabrikbesitzer*innen. Gewerkschaften besetzen hier nur 1/3 der Sitze und werden so quasi bei jeder großen Entscheidung von Marken und Fabrikbesitzer*innen überstimmt – beim Accord ist die Repräsentation zum Beispiel ausgeglichen. Der RCS hat außerdem kein Rechenschaftspflicht-Verfahren, das vergleichbar ist mit dem Schiedsverfahren unter dem Accord. Ohne den rechtlich verbindlichen Accord (oder einer anderen rechtlich verbindlichen Vereinbarung) macht der RCS nur wenig Sinn und gleicht einem freiwilligen Programm.

Im Legal Paper der Clean Clothes Campaign steht: „Aus diesem Grund haben sowohl die bangladeschischen als auch die globalen Gewerkschaften klar zum Ausdruck gebracht, dass sie ohne ein internationales verbindliches Abkommen nicht Teil des RSC bleiben werden, denn Markenverantwortung muss die notwendige Ergänzung zu lokalen Inspektionen sein.“ (Seite 5)

Hier kommt zum Beispiel die Petition ins Spiel, um Druck auf Unternehmen auszuüben. Es laufen durchaus „Verhandlungen zwischen den Marken und den Gewerkschaften, um die Laufzeit des Abkommens zu verlängern und auf andere Länder auszudehnen.“ (Quelle: Remake).

Ich hoffe, das hilft.

Liebe Grüße,
Medina