Wie viel Chemie steckt in recyceltem Polyester?

Stimmt das? Wie viel Chemie wirklich in recyceltem Polyester steckt

Die faire und nachhaltige Modebranche ist manchmal nicht so einfach zu verstehen: Wie nachhaltig sind diese neuen Materialien? Ist recyceltes Polyester unbedenklich? Heißt recycelt immer, dass es nachhaltiger ist und was darf man eigentlich als „recycelt“ bezeichnen?

Mit diesem Format „Stimmt das?“ will ich Aussagen oder Fragen aus der Community aufgreifen und aus meinem Blickwinkel als angehende Textilingenieurin beantworten und/oder richtig stellen. Hier findest du den ersten Artikel aus der „Stimmt das?“-Reihe. Wenn auch du Fragen hast, die hier bearbeitet werden sollen, lass mir gerne einen Kommentar unter diesem Artikel da.

Community-Frage: Ist in recyceltem Polyester mehr Chemie als in „normalem“ Polyester?

Ich muss ehrlich sagen, recyceltes Polyester ist ein Bauchweh-Thema für mich. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen nichts über dieses Thema zu schreiben, weil es kaum wissenschaftliche Quellen gibt und selbst Experten*innen bei diesem Thema nur noch die Augen verdrehen. Ich weiß nicht, wie viele Gespräche ich zu dem Thema schon geführt und hundert Seiten lange Berichte durchgekaut habe – meistens mit dem Ergebnis eines noch größeren Fragezeichens und tausend weiteren Fragen im Kopf.

(Achtung: dieser Text mag an manchen Teilen relativ komplex erscheinen. Ich bemühe mich zwar immer, alles einfach und klar zu formulieren, aber bitte scheut euch nicht Fragen zu stellen, wenn etwas unklar geblieben ist.)

Das Thema „Polyester Recycling“ mit dem Zusatz Chemie ist so komplex und weitläufig, dass ich zu der oben gestellten Frage kaum eine Aussage treffen kann und will. Ich will euch aber erklären warum das so ist, und welche Gedanken ich mir zu dieser Fragestellung mache.

Mechanisches Recycling

Im Recycling für die Textilindustrie wird zwischen mechanischem und chemischem Recycling unterschieden. Chemisches Recycling ist sehr kostenintensiv und nur ab großen Mengen wirtschaftlich. Es wird daher kaum verwendet. Ich werde mich deshalb im Weiteren auf das mechanische Recycling konzentrieren. Beim mechanischen Recycling wird das Ausgangsmaterial (grob zusammengefasst) sortiert, zerkleinert, gewaschen, wiederum sortiert und zu Granulat geschmolzen. Diese Granulate werden dann als Basis für die Herstellung von neuen Fasern verwendet [ 1, S.10 ].

1. Der Rohstoff

Zunächst einmal muss man verstehen, dass „recyceltes Polyester“ so ungefähr alles bedeuten kann. Das können PET-Flaschen sein, Nebenprodukte und Produktionsrückstände innerhalb der innerbetrieblichen Infrastrukturen, Bestandteile aus Überproduktionen und so weiter und so fort. Wenn wir jetzt gerade mal nur den „wie viel mehr Chemie“ -Teil  betrachten scheitert selbst an diesem Punkt schon eine pauschale Aussage, weil alleine das zu recycelnde Material sich grundlegend in seinen Strukturen, Verarbeitungsprozessen oder verwendeten Chemikalien unterscheidet.

Was allerdings in Punkt 1 im Bezug auf Chemie und Giftstoffe angesprochen werden muss, ist der oft genannte Katalysator Antimontrioxid. Dieses Antimontrioxid wird in 90% der Herstellung von Polyethylenterephtalat (PET) verwendet. Es wird als möglicherweise krebserzeugende Substanz eingestuft und ist von der US EPA, der EU und der deutschen Forschungsgemeinschaft als vorrangiger/ prioritärer Schadstoff gelistet. Es gibt Studien, die nachweisen, wie schädlich Wasser aus PET-Flaschen aufgrund dieses Stoffes ist, der sich über den Kontakt mit der Flasche im Wasser freisetzt [ 3 ].

Was in der PET-Flasche ist, ist dann auch in dem Recycling-Stoff

In Verbindung mit dieser Problematik wird auch oft der Antimon-Gehalt in recycelter Polyesterkleidung genannt. Denn was in einer PET-Flasche drin ist, ist dann auch in einem Stoff aus recycelten PET-Flaschen drin, und das kann dann ganz einfach über unsere Haut vom Körper aufgenommen werden [ 2, S.59 ]. Es ist aber so, dass je öfter man den Primärrohstoff PET recycelt, der Antimontrioxid-Gehalt sinkt [ 3 ]. Also kann an dieser Stelle auch keine klare Aussage getroffen werden, denn wer weiß denn schon wie oft die PET-Flasche recycelt wurde, bis sie eine Faser wurde. Es gibt Experten, mit denen ich gesprochen habe, die den Gehalt in der Faser am Ende als unbedenklich gering einstufen.

Außerdem kann dieses Antimontriodxid auch in klassischen Polyester Fasern zu finden sein, außer der Hersteller weist die Faser als Antimon-frei aus. Ihr seht schon, alles gar nicht so einfach. Und die nicht vorhandene Transparenz in der Industrie macht es auch nicht leichter, denn niemand kann sich zu dem Thema klar äußern. Zusätzlich wird vieles als „Betriebsgeheimnis“ verschwiegen. Das ist für mich ein Armutszeugnis und zeigt mir, dass es gerade in diesem Bereich viele Herausforderungen gibt, denen sich die Industrie schleunigst stellen sollte.

Wer sich mit dem Thema Antimontrioxid noch intensiver auseinandersetzen will, kann ich nur sehr die ausführlichen Artikel auf O ECOTEXTILES und die Quelle 3 empfehlen.

2. Das Verfahren

Grundlage für ein hochwertiges Polyestergarn ist ein homogener Primärrohstoff, also ein Grundmaterial, was sich nicht in seinen Eigenschaften unterscheidet. Wenn ich jetzt aber beispielsweise unterschiedliche PET-Flaschen in Granulat verarbeite, habe ich erstens unterschiedliche Farben, die Gefahr von PVC-Rückständen aus dem Flaschendeckel und Verunreinigungen wie Kleber und andere Schmutzpartikel. Diese Verunreinigungen, sollten sie nicht während des Sortierens und Sammelns ausgereinigt werden, erschweren den Spinnprozess und setzen die Qualität des Endproduktes immens herab [ 4, S.13 ]. Und das zusätzlich zu der Tatsache, dass bei mechanischem Recycling die Faserqualität schon herabgesetzt wird.

Wie wird gereinigt?

Da kommen wir jetzt auch wieder zur Chemie. Zunächst werden beim Reinigen dieser Verunreinigungen meist Natronlauge, zusätzliche Reinigungsmittel und Chemikalien gegen Schaumbildung verwendet. Diese sind dann später nicht unbedingt in der Faser enthalten, sollten meiner Meinung nach aber auf jeden Fall genannt werden. Im Abwasser sind sie nämlich alle mal, dasordnungsgemäß aufbereitet werden muss.

Ein weiterer Punkt ist, dass wir ja unterschiedliche Farben in unserem recyceltem Polyester haben. Aus diesem Grund kann dann Chlor-basiertes Bleichmittel verwendet werden, um eine einheitliche Farbbasis für den weiteren Färbeprozess herzustellen. Chlor-basierte Bleichmittel sind eigentlich über die Jahre durch Bleichmittel auf Sauerstoffbasis ersetzt worden, weil sie die Umwelt zu sehr belasten. Dieser Punkt hängt aber natürlich auch von Herstellern und Unternehmen ab und wie wichtig diese den Umweltschutz in diesem Bereich nehmen.

WAS PASSIERT BEIM FÄRBEN?

Recycelte Polyesterfasern weisen vermehrt Ungleichmäßigkeiten innerhalb der Faserstruktur auf. Das kann zum Beispiel passieren, wenn das Ausgangsmaterial nicht gründlich gesäubert wurde und so das Spinnmaterial nicht homogen ist.

Diese Eigenschaft führt dazu, dass das Polyester sich schlechter färben lässt und mehrfach gefärbt werden muss. Öfter Färben heißt natürlich mehr Chemie und Wasser. Das bedeutet jetzt nicht, dass am Ende mehr Chemie in der Faser ist, aber das sich eben der Färbeprozess als toxischer und ressourcenintensiver erweist.

Ob jetzt bei einer recycelten Polyesterfaser oder einer konventionellen Polyesterfaser mehr Chemie durch die Färbung auf der Faser ist? Dazu will ich keine Aussage treffen. Da mache ich ein Fass auf, dass gefühlt eine Doktorarbeit füllen könnte. Die Färberei und Nachbehandlung in der Textilindustrie ist unglaublich toxisch und undurchsichtig. Es gibt zig verschiedene chemische Färbeverfahren, je nachdem was man für ein Material hat und was für eine Farbe und Eigenschaft später in der Anwendung erreicht werden soll. Polyesterfasern werden vor allem auch im funktionellen Bereich eingesetzt. Das bedeutet, dass sie oft noch chemisch nachbehandelt und beschichtet werden, um sie wasserabweisend, antibakteriell oder knitterfrei zu machen. Wo fangen wir da bei „mehr Chemie als“ an und wo hören wir wieder auf?

Abgesehen davon muss man hier auch noch differenzieren, in welchem Land die Wertschöpfungsprozesse stattgefunden haben. Wie seriös sind die Abwasserschutzgesetze in diesen Ländern? Inwiefern ist es dem Unternehmen wichtig, Transparenz und Kontrollen in die Prozessschritte zu bringen?

Das Fazit

Das war jetzt nur ein kleiner Exkurs in die Komplexität dieses Themas, das gerade überall als die Lösung der Ressourcenfrage glorifiziert wird.

Ich persönlich frage mich, warum man an so wenig seriöse Informationen zu dem Thema kommt, wenn doch so viele Unternehmen recycelte Polyesterfasern verkaufen und sie damit angeblich die Welt retten? Warum bekommt man von Firmen keine Informationen über Verfahrensprozesse? Warum ist die Informationslage so schwammig?

Ich kann euch hier leider kaum eine Antwort geben, nur das Wissen vermitteln, um die richtigen Fragen zu stellen. Bei all diesen Themen zu Materialien und Nachhaltigkeit ist mir vor allem eines immer wichtig: Es wird in der Textilindustrie nie das hundert prozentige grüne Material geben, solange wir unser Konsumniveau nicht senken. Beim Thema Recycling kann ich immer nur folgendes Statement unterschreiben:

Eine sinnvolle Maßnahme um eine Entlastung der Rohstoffe zu erlangen, wird in einer verlängerten Nutzungsdauer der Produkte gesehen (Hopfenbeck Waldemar. Umweltorientietes Management und Marketing – konzepte und instrumente, Praxisbespiele Lech. Verlag der Modernen Industrie, 1994 , S.240).

 

Edit/ Hinweis:

Der Begriff „Chemie“ bezieht sich in diesem Artikel auf toxische Chemikalien die sich negativ auf Mensch und Umwelt auswirkenund damit  auf den umgangssprachlichen Normalgebrauch, der in der Regel die „böse Chemie“ meint.

 

  1. Lars Tegtmeier. [Online] 10.03.2016 https://www.hs-magdeburg.de/fileadmin/user_upload/Tegtmeier_-_Einfuehrung_Kunststoffrecycling.pdf
  2. Michael Braungart, William McDonough. Cradle to Cradle.Piper Verlag GmbH, Oktober 2016
  3. William Shotyk, Michael Krachler, Bin Chen. [Online] Januar 2006 https://pubs.rsc.org/en/content/articlelanding/2006/EM/b517844b#!divAbstract
  4. SIMON FILSER, JULIANE HAFERMANN, TOBIAS HELBIG, PAUL KLAR, CHRISTIAN OBERMEIER, NIKO TEKLES [ Online ] 2010/2011 https://www.ja.tum.de/fileadmin/w00big/www/Projektabschlussberichte/JATUM_10-11_Muell_als_Ressource.pdf

Titelbild: Unsplash/ Siora Photography

Franzi wünscht sich nichts Geringeres als Weltfrieden. Und Teil der „Generation Textilingenieure“ zu sein, die sich an dem David-gegen-Goliath-Spiel in der Textilindustrie versucht – in Grün natürlich. Dafür studiert sie auf der schwäbischen Alb Textiltechnologie und teilt ihr Expertinnenwissen auf ihrem Blog Un petit sourire slows down sowie im Radio und auf Vorträgen. Knowledge is Power – Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Konsument das Recht auf einen Blick hinter die Kulissen der Textilindustrie hat, um Kaufentscheidungen eigenständig und gewissenhaft treffen zu können. Ich glaube nicht an Perfektionismus, aber daran ,dass wenn ganz viele Menschen ganz viele kleine Schritte gehen, etwas Großes bewirken können.

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