Anthroposophie: Waldorfschulen und Impfskepsis

Im zweiten Teil unserer dreiteiligen Reihe zum Thema Anthroposophie widmen wir uns dem Zusammenhang von Waldorfpädagogik und Impfskepsis und erklären, warum es wichtig ist, differenziert über die Anthroposophie zu sprechen.

Text "Impfskepsis ist bei Anthroposoph*innen seit jeher verbreitet"

Im ersten Teil der dreiteiligen Serie zum Thema Anthroposophie haben wir die theoretischen Grundlagen der Anthroposophie erklärt, Rudolf Steiner vorgestellt und die Abgrenzungsschwierigkeiten heutiger Anthroposoph*innen vom rassistischen und antisemitischen Erbe Steiners untersucht.

Dieser zweite Teil unserer Reihe widmet sich überblicksartig dem Zusammenhang von Waldorfpädagogik und Impfskepsis, der vor allem vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie verstärkt diskutiert wurde und wird.

Wie die Steinersche Lehre den Unterricht an Waldorfschulen heute noch prägt

Die erste Waldorfschule wurde 1919 von dem Zigarettenfabrikanten Emil Molt gegründet, der von Steiner begeistert war und ihm die Ausgestaltung des Lehrplans und Kollegiums überließ. Wohlgemerkt: Steiner hatte keine pädagogische Ausbildung (wir erinnern uns, dass er Mathematik studierte). 

Bis heute gibt es unter Waldorf-Lehrer*innen viele Quereinsteiger*innen. Wie genau die Lehrkräfte ausgebildet sind, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Es gibt zwar eine waldorfeigene Lehrer*innen-Ausbildung, doch ihre Qualität ist strittig: Einige Bundesländer erkennen Waldorf-Diplome an, andere nicht. Auch der kritische Umgang mit der Anthroposophie scheint in einigen Ausbildungswegen nicht vorhanden zu sein, wie Anthroposophie-Kritiker André Sebastiani anhand des Fernstudiums Waldorfpädagogik vom Waldorfseminar Jena herausgestellt hat.  

Durch das Klassenlehrer*innen-Prinzip unterrichten die Lehrkräfte bis zur 8. Klasse außerdem fast alle Fächer in „ihrer” Klasse. Das bedeutet zwangsläufig fachliche Überforderung und Qualitätsminderung: Keine Person kann von Biologie bis Geschichte alles studiert haben und dementsprechendes Fachwissen besitzen.

Lineare Lehrer*in-Schüler*in-Beziehung an Waldorfschulen

Zentral für den Unterricht an Waldorfschulen ist unter anderem die lineare Lehrer*in-Schüler*in-Beziehung, die Steiner entwarf und welche die Anthroposophie immun gegen Kritik von außen macht: Vermeintlich „objektive“ geschaute Wahrheiten können weder argumentativ begründet noch evidenzbasiert nachvollzogen werden – die Menschen haben entweder Zugang zu ihnen oder sie haben ihn nicht. 

Den Zugang erwirbt die*der Schüler*in, indem den Worten der lehrenden Person bedingungs- und kritiklos gefolgt wird: In Waldorfschulen gibt es in den ersten Jahrgängen beispielsweise keine Bücher, damit das Wissen direkt durch die Lehrperson in die Schüler*innen „fließen“ kann. 

Die Steinersche „Geisteswissenschaft“ steht somit dem heutigen (und auch zu Steiners Lebzeiten zeitgenössischen) Verständnis von Wissenschaft entgegen, indem sie vermeintliche Wahrheiten absolut setzt und auf das Prozesshafte der vorübergehenden Erkenntnis, einem Kernelement der Wissenschaft, verzichtet. Stattdessen gibt es wenige Auserwählte, die über mehr und vermeintlich besseres Wissen verfügen als der Rest – eine Einladung für den so oft in Anthroposophie-Kreisen beobachteten Elitarismus. 

Das Ganze beinhaltet außerdem ein erkenntnistheoretisches Problem: Die Kette der Lehrer*innen muss einen Anfang haben (Steiner) – was aber, wenn dort Erkenntnis-Fehler passieren oder auf dem Stille-Post-ähnlichen Weg Informationen verloren gegangen oder falsch gedeutet worden sind? Steiner selbst wollte von solchen Überlegungen nichts wissen: „Schon der Einwand: Ich kann auch irren, ist störender Unglaube. Er zeigt, dass der Mensch kein Vertrauen hat in die Kraft des Wahren“, schreibt er in „Theosophie. Einführung in übersinnliche Weltanschauung und Menschenbestimmung“

Ich würde sagen, in der Waldorf-Pädagogik steckt bis heute mehr Anthroposophie, als sich viele Waldorf-Eltern das vorstellen und wünschen.
Heiner Ullrich, Erziehungswissenschaftler

Von Steiner definierte Kulturstufen + Dreigliederung

Kennzeichnend für den Unterricht an Waldorfschulen ist darüber hinaus das Lernen in von Steiner definierten Kulturstufen (in der 4. Klasse wird germanische Mythologie gelehrt, in der 5. Klasse das antike Griechenland, in der 11. Klasse das Mittelalter besprochen). Auch die Steinersche Dreigliederung des Menschen in physischen Leib, der Ätherleib und Astralleib kommt hier wieder zum Tragen: Während der physische Leib von Geburt an vorhanden ist, entwickeln sich Ätherleib und Astralleib erst während der Kindheit beziehungsweise der Pubertät. 

Kindern bis sieben Jahren wird daher keine bildliche Vorstellungskraft attestiert. Der Unterricht ist auf Nachahmung ausgelegt – eigenständiges Denken, so die Idee, könnte die Schüler*innen überfordern. Erst ab 14 Jahren entwickelt sich nach Steiner zusammen mit dem Astralleib auch das begriffliche Denken. Vorher sollen Unterrichtsinhalte vorwiegend bildlich vermittelt werden, was häufig dazu führt, dass naturwissenschaftliche Erklärungen zugunsten bildlicher Anschauung ins Hintertreffen geraten. 

Waldorfschulen in der NS-Zeit: zwischen Zustimmung und Vorbehalt

Dass Anthroposoph*innen nicht nur Opfer des Nationalsozialismus waren, sondern sich teils gut mit dem Regime arrangieren konnten und wollten, haben wir bereits im ersten Teil besprochen. Die Situation der Waldorfschulen war entsprechend kompliziert: Privatschulen wurden unter dem NS-Regime samt und sonders dichtgemacht, allerdings sah mensch 1935 sowohl aus NS-Kreisen als auch von anthroposophischer Seite ausreichende Parallelen, um eine Erziehung im Sinne Hitlers garantieren zu können. 

Das Motto der Waldorfschulen im Nationalsozialismus lautete: „Die Waldorfschulen erziehen zur Volksgemeinschaft.“ Trotzdem wurden zwischen 1938 und 1941 alle Waldorfschulen geschlossen. Die esoterische begründete Reformpädagogik war vielen Nationalsozialisten doch nicht nationalsozialistisch genug. Aus den Reihen der Anthroposoph*innen erklang Enttäuschung, kämpfte man doch gegen dieselben Kräfte: „die offenen und geheimen Feinde des deutschen Wesens.“

Rechte Lehrer*innen, AfD-Klientel und Impfskeptiker*innen

Dass die Anthroposophie attraktiv für Menschen mit rechter Gesinnung ist und sogar bis ins Reichsbürgertum reichen kann, überrascht vor dem Hintergrund wenig. Immer wieder gibt es Meldungen über rechtsextreme Waldorflehrer*innen oder AfD-Mitglieder, die ihre Kinder bevorzugt auf Waldorfschulen schicken. Beobachter*innen wie der Journalist Andreas Speit registrieren, dass die Anthroposophie eine neue Wertschätzung von weit rechts erfährt. Das äußert sich unter anderem in Lobeshymnen in extrem rechten Publikationen wie dem Compact Magazin, das Rudolf Steiner in Nr. 28 (2020) zum „ersten Querdenker“ stilisiert und verlauten lässt: „Die Anthroposophen gehören zum Aktivisten-Kern der Freiheitsbewegung.“ Es versteht sich, wessen Freiheit gemeint ist.

Andreas Speit erklärt in seinem Buch Verqueres Denken”: Bei Steiner gehen esoterische Ressentiments und germanische Mystik mit einer antiaufklärerischen Kultur- und einer antimaterialistischen Wissenschaftskritik einher. Das kann in der anthroposophischen Rezeption durchaus zu einer ambivalenten Haltung gegenüber Egalität und Emanzipation führen, Widerstand gegen Humanismus und Liberalität begründen.”

Corona-Proteste und Nachlässigkeit bezüglich Hygienemaßnahmen

Auch bei den sogenannten Corona-Protesten waren und sind Figuren aus anthroposophischen Kreisen häufig anzutreffen. Waldorfschulen fallen durch Nachlässigkeit bezüglich der Hygienemaßnahmen gegen das Coronavirus auf. 

  • Auf einer Demonstration in Karlsruhe will der Leiter der Karl-Stockmeyer-Schule, Bernd Ruf, eine „Revolution“ in Gang setzen. 
  • Wilfried Kessler, Fachleiter für Eurythmie, Literatur und Theater an der Freien Waldorfschule Ulm, hält auf einer Demonstration eine Rede, in der er unter anderem den „Maulkorb“ beklagt und die Gates-Verschwörung verbreitet. 
  • An der Freien Waldorfschule Freiburg-Wiehre wehrt sich das Kollegium zusammen mit großen Teilen der Elternschaft gegen die verordneten Hygienemaßnahmen.
  • An der Waldorfschule Markgräflerland beschweren sich Schüler*innen über den laxen Umgang mit Masken vonseiten des Lehrpersonals und rufen die Polizei.
  • In einer Stellungnahme des Bunds der Freien Waldorfschulen wird der „präventive Blick“ bezogen auf Corona in den Mittelpunkt gestellt: Die „atmende Mitte“ des Menschen solle durch „einen gesunden Tagesrhythmus und eine vollwertige Ernährung“ gestärkt werden. „Eine wesentliche seelische und immunologische Stärkung erfahre jeder Mensch z.B. durch die Aufnahme von Sonnenlicht und aktiver Bewegung.“
  • Am 26. August 2020 schreiben Lehrer*innen und Erzieher*innen an Waldorfeinrichtungen an die Ministerin für Schule und Bildung NRW, Yvonne Gebauer (FDP) und beklagen, dass die Coronamaßnahmen dem Kindeswohl schaden würden. 
  • Nach Angaben des bayerischen Kultusministeriums war die Zahl der maskenbefreiten Schüler*innen an Waldorfschulen im Frühling dieses Jahres fast zehnmal so hoch wie an staatlichen Schulen.

Diese Häufung impfkritischer bis verschwörungserzählerischer Inhalte und Vorfälle hängt unter anderem mit der Nähe Rudolf Steiners zu verschwörungstheoretischem Denken zusammen. Unter anderem glaubte er, der Erste Weltkrieg sei eine Verschwörung von westlichen Geheimgesellschaften gewesen, die den Krieg jahrzehntelang vorbereitet hätten. Als verantwortlich befand er die Freimaurer*innen, Jüdinnen*Juden und Sozialist*innen. 

Auch seine Anthroposophie ist anschlussfähig für Verschwörungserzählungen, setzt sie doch voraus, dass alles mit allem zusammenhängt und es eine geheime Wahrheit gibt, die nur von Auserwählten erkannt werden kann. Studien belegen mittlerweile, dass der Glaube an Verschwörungserzählungen mit einer höheren Anfälligkeit für esoterische Inhalte einhergeht

Das anthroposophische Verständnis von Medizin ist strittig

Dazu kommt das anthroposophische Verständnis von Medizin: Impfskepsis ist bei Anthroposoph*innen seit jeher verbreitet. Steiner empfand Impfungen unter anderem als Angriff auf die menschliche Anlage zur Spiritualität und war der Ansicht, dass schwere Krankheiten eine Sache des Karmas seien: selbst verursacht durch Verfehlungen im früheren Leben. Wenn der Körper sie allein (Stichwort Immunsystem) bekämpfen könne, werde der Mensch geistig und körperlich gestärkt aus ihr hervorgehen. 

Er ging so weit zu behaupten, Impfungen seien im Grunde so etwas wie ein Placebo, das durch geistige Arbeit ersetzbar sei. Wenn die Sache mit den Impfungen überdies nicht anthroposophisch richtig gemacht werde, könne es zu „irgendeiner Geisteskrankheit“ kommen. Gegen die Pocken hat Steiner sich allerdings impfen lassen – ein beinharter Impfgegner war er also nicht. Eher ein „Pragmatiker, der es vor allem versteht, seine Weltanschauung zu verkaufen”, meint Anthroposophie-Experte Ansgar Martins gegenüber Belltower News.

Studien belegen mittlerweile, dass der Glaube an Verschwörungserzählungen mit einer höheren Anfälligkeit für esoterische Inhalte einhergeht.

Trotzdem: In Waldorf-Kindertageseinrichtungen war 2018 jedes dritte Kind im Alter von vier bis fünf Jahren nicht gegen Masern geimpft, die Impfquote liegt damit um 30 Prozent niedriger als bei Kindern, die keine Waldorf-Einrichtung besuchen. Seit Jahren kommt es deutschland- und europaweit regelmäßig zu Ausbrüchen in Waldorf-Schulen und -Kitas. Eigentlich sollten die Masern bereits ausgerottet sein – aber noch immer gibt es keine Herdenimmunität (dafür müssen 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein) in Deutschland. Die Masernfälle steigen sogar so stark, dass die WHO sich besorgt zeigt über die große Anzahl an Impfverweigerer*innen

Die kommen nicht alle, aber eben auch aus dem anthroposophischen Milieu. Hier finden sich nach wie vor Stimmen, die (ganz nach Steiner) ein Problem darin sehen, wenn Krankheiten durch Impfungen vermieden werden: „Der Sinn der Krankheit ist Stärkung. Wie stärkt man sich überhaupt? Nur durch eines: Anstrengung”, lässt das Waldorf-Magazin Erziehungskunst im Februar 2020 verlauten. Die Krankheit muss durch eigene Kraft überwunden werden – nur so wird der Mensch stärker. Im Umkehrschluss: Wer das nicht schafft, ist schlicht zu schwach zum Weiterleben. Bezogen auf Viren allgemein und das Coronavirus im Besonderen spricht die anthroposophische Kinderärztin Michaela Glöckler (Autorin des Erziehungsbuchs „Die Kindersprechstunde”) im vergangenen Jahr unter anderem davon, dass es sich um „unsere Freunde“ handele

Doch es geht nicht nur um Impfungen: Auch die Ansicht, Kinderkrankheiten seien der Entwicklung des Nachwuchses förderlich, ist in Anthroposophie-Kreisen verbreitet. Eine normalerweise für junge Menschen eher harmlose Grippe kann so tödlich enden – wenn sich gegen eine evidenzbasierte Medikation entschieden wird, wie der Journalist Tobias Rapp kürzlich im Spiegel über einen verstorbenen Waldorf-Mitschüler berichtete: „Es gibt Leute, die opfern für ihre Überzeugung im Zweifelsfall ihre Kinder.” 

Warum wir Anthroposoph*innen nicht alle in einen Topf werfen sollten

Festzuhalten ist also, dass das Steinersche Erbe auch hier oft in unschönen Ausprägungen zutage tritt. Es wäre allerdings zu kurz gegriffen, allen Eltern, die ihre Kinder auf Waldorfschulen schicken, prinzipielle Impfskepsis oder gar eine Nähe zur AfD zu unterstellen. Viele Eltern wissen nicht, wofür Waldorf neben pastelligen Tönen, viel Kunst und Musik eigentlich noch stehen kann und verorten sich selbst als links-grün. Ähnliches gilt für die Lehrkräfte: Nicht jedes Kollegium ist voller Steiner-Befürworter*innen, nicht jede*r Lehrer*in hält sich haargenau an die Steinersche Vorstellung von Lehre. 

Einer der Kardinalfehler, die mensch dem Anthroposophie-Kenner Helmut Zander zufolge bezogen auf anthroposophische Praxisfelder machen kann, ist, undifferenziert von der Anthroposophie zu sprechen. 

Helmut Zander erklärt in seinem Buch „Die Anthroposophie“:„Die Anthroposophie ist kein Monolith, sondern ein hochdifferenziertes Milieu, von freundschaftlich verbundenen bis in bittere Feindschaft verharkten Gruppen, von Einzelgängern und kampfstarken Lobbygruppen, von Über-Überzeugten und distanzierten Sympathisanten, von betonharten Dogmatikern und liberalen Diskutanten.“ 

Es gebe viele, so Zander, die mittlerweile einfach nur noch „glauben, was sie wollen”, ohne sich notwendigerweise auf Steiner zu berufen. Vielen sei das esoterische Erbe gar fremd geworden. „Manche glauben davon gar nichts mehr, andere nehmen sich das ein oder andere heraus, dritte relativieren es.“ Wie viel Anthroposophie dann am Ende übrig bleibt, ist einer der Streitpunkte innerhalb des Milieus.  

Und so fielen auch die Antworten auf die Corona-Pandemie vielfältig aus: Es gibt Anthroposoph*innen, die mit Ausbruch der Pandemie zu Corona-Leugner*innen wurden (und es bis heute geblieben sind). Es gibt aber auch anthroposophische Ärzt*innen, die sich direkt an der Eindämmung des Virus mit evidenzbasierten Maßnahmen beteiligt haben. Der Dachverband für Anthroposophische Medizin in Deutschland distanzierte sich von den Anti-Corona-Demonstrationen. Und schließlich findet die Impfung auch hier Anklang: Sehr vielen Anthroposoph*innen, schreibt Rapp, sei ihr Leben am Ende doch mehr wert als ihr Glaube. 

Es bedarf weiterhin einer tiefgründigen Aufarbeitung von problematischem Gedankengut innerhalb der anthroposophischen Gemeinschaft

Dennoch: So, wie Anthroposoph*innen sich ernsthaft damit beschäftigen müssen, dass ihre zugrundeliegende Theorie nach rechts offen ist, so bedarf es auch einer Auseinandersetzung mit der auffällig verbreiteten Wissenschaftsfeindlichkeit in den eigenen Reihen, die bis zum Verschwörungsdenken reichen kann. 

Erste Ansätze gibt es bereits – doch nach Ansicht von Kritiker*innen gehen sie noch nicht weit genug. So bekennt sich die Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland mittlerweile mittels eines Positionspapiers der Hufelandgesellschaft zur Coronaschutzimpfung, fordert die Regierung allerdings gleichzeitig dazu auf, „ihren vormundschaftlichen Kurs zu verlassen”. Gestärkt werden soll vor allem die Verantwortungsübernahme seitens der Bürger*innen. Was genau damit gemeint ist, bleibt im Unklaren.

Auch Bund der Freien Waldorfschulen tut sich des Öfteren schwer mit eindeutigen Statements. 2008 legte er die Stuttgarter Erklärung vor, die 2020 überarbeitet wurde und eine Distanzierung von Steiners rassistischen und antisemitischen Aussagen versucht. Allerdings: Auch hier wird – wie oft in entsprechenden Repliken – von „vereinzelt[en] Formulierungen” gesprochen, die „von der damaligen Zeit mitgeprägt sind”.

Außerdem wird suggeriert, die Waldorfschulen wären seit ihrer Gründung gewissermaßen frei von Rassismus und Diskriminierung. Sowohl mit Blick auf die Rolle der Anthroposophie in der NS-Zeit als auch auf die Tatsache, dass es keine von Rassismus und Diskriminierung freien Räume geben kann –  solange das System der White Supremacy (Weiße Vorherrschaft) installiert ist, erscheinen solche Aussagen zumindest streitbar. 

Im Kontext der Pandemie möchte der Bund „keine Empfehlungen zu medizinischen Fragen” geben und behält sich vor, „Handlungsspielräume aufzuzeigen, die die Schulträger nutzen können”. Auch hier ist nicht klar, was das in der Praxis bedeuten soll. Es scheint kein eindeutiges Ja zu politischen Maßnahmen während einer Pandemie zu sein. Gegenüber dem br waren die Formulierungen ähnlich schwammig: Natürlich müssten die Vorgaben des Ministeriums eingehalten werden, wird Andrea Wiericks von der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Bayern zitiert. Aber: „Wenn man sie nicht zur Gänze erfüllen will, muss man mit der Gesundheitsbehörde ins Gespräch gehen. Letztendlich haben wir da nicht alle Freiheit, die wir uns wünschen.” 

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Fazit: Es kommt auf den Einzelfall an

Da Waldorfschulen zwar dem Bund der Freien Waldorfschulen untergeordnet, aber selbstverwaltet sind und so viel Gestaltungsspielraum haben, kommt es bei ihrer Beurteilung oft auf den Einzelfall an. Nicht alle sind gleich, anthroposophische Theorie ist mehr oder weniger vertreten – und einige sind attraktiver für rechtes Klientel und offene Impfgegner*innen als andere (zum Beispiel, wenn sich in der Eltern- und Lehrer*innenschaft bereits viele Gleichgesinnte finden). 

Für Waldorf im Allgemeinen hält unter anderem Helmut Zander fest: Die Einrichtungen verlieren nach und nach die anthroposophische Radikalität – auch, weil nicht genug überzeugte Anthroposoph*innen als Lehrkräfte nachkommen. Andere sagen, das scheine nur so – kennzeichnend für anthroposophischen Unterricht sei nach Steiner ja gerade, dass er nicht offen als solcher kommuniziert werde. Vieles werde daher erst auf den zweiten Blick ersichtlich. Der Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich meint gegenüber der Zeit: Ich würde sagen, in der Waldorf-Pädagogik steckt bis heute mehr Anthroposophie, als sich viele Waldorf-Eltern das vorstellen und wünschen.” 

Es gibt jedenfalls viele Eltern und (ehemalige) Schüler*innen, die sich über die pandemischen Maßnahmenverstöße an den Waldorfschulen entsetzt gezeigt haben – einige von ihnen fordern öffentlich eine bessere Schulung des Personals sowie die Aufklärung antisemitischer, rassistischer und verschwörungsideologischer Vorfälle. 

Aber: Wie viel problematisches Gedankengut bleibt am Ende übrig?

Beobachter*innen wie Speit, Martins und Zander stellen fest: Die anthroposophische Gemeinschaft hat erkannt, dass sie (auch aufgrund der zunehmend kritischen Betrachtung durch die Gesellschaft) in die Auseinandersetzung gehen muss – über Themen wie Rassismus und Antisemitismus, aber auch über Wissenschafts- und Impfskepsis. 

Dabei knirscht es: Ansgar Martins zufolge sei mit einer zunehmenden Radikalisierung einiger Anthroposoph*innen zu rechnen, die sich missverstanden fühlen und deshalb von der Gesellschaft abwenden könnten. Auf der anderen Seite zeige diese Krise, wie sehr anthroposophische Praxisfelder mittlerweile in die Gesellschaft integriert seien: „Anthroposophische Mediziner*innen und Waldorfschulen sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und haben viel zu viel zu verlieren, um hier Fundamentalopposition zu spielen.” 

Auch sei zu vermuten, dass anthroposophische Ärzt*innen nun offener gegenüber Impfungen sein könnten. „Das macht nur Zinn und Globuli nicht wirksamer.” Die Frage, die sich stellt: Wie viel Auseinandersetzung ist authentisch – und welche geschieht nur vordergründig, um das soziale Gesicht zu wahren? Und: Wie viel problematisches Gedankengut bleibt am Ende übrig?  

Festzuhalten ist: Während die zugrundeliegende Theorie noch einigermaßen eindeutig ist, hört die Einfachheit spätestens bei den anthroposophischen Praxisfeldern auf. Zu unterschiedlich sind die Beteiligten und ihre Interessen. Zu unterschiedlich ist das, was sie sich mit oder ohne Bezug auf Gründervater Steiner aus der Anthroposophie herauspicken. Das kann eine Chance sein – für Aufarbeitung, historisch-kritische wie aktuelle Auseinandersetzung. Es kann aber auch in diffuses Abgleiten ins übrige öko-esoterische Milieu münden – mit dem Ergebnis, dass die einzelnen Strömungen und ihre teils gefährlichen Hintergründe noch schwieriger auseinanderzuhalten sind. 

Wie es bei anthroposophischen Unternehmen aussieht, untersuchen wir im dritten Teil dieser Reihe. In der Zwischenzeit könnt ihr uns gerne von euren Erfahrungen erzählen.

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