„Mein Beruf als Talent Scout im Modebereich machte es mir schwer, von meiner Essstörung zu erzählen“

Triggerwarnung: In diesem Text werden Essstörungen und ihre Auswirkungen besprochen.

Eine Fotocollage: In der Mitte steht eine Frau, um sie herum Blumen und Steinstatuen, es geht um Körperbilder und Essstörungen in der Modebranche

Triggerwarnung: In diesem Text werden Essstörungen und ihre Auswirkungen besprochen.

„Wow! Hast Du abgenommen?“

„Du siehst gut aus, irgendwie gesünder!“

Typische und vermeintlich gut gemeinte „Komplimente“, die wahrscheinliche jede essgestörte Person kennt. Wenn Menschen meinen, mir sagen zu müssen, dass sie an Hand meines Körpergewichtes sehen könnten, wie es mir geht, finde ich dies nicht nur äußerst ignorant, wie generell jede Art von ungefragten Kommentaren zu meinem Essverhalten oder meinem Erscheinungsbild, sondern es zeigt auch, wie wenig unsere Gesellschaft nach wie vor über Essstörungen weiß.

„Komplimente“, die triggern

Eine Essstörung ist eine psychische Erkrankung, welche zwar körperliche Symptome mit sich bringen – aber in allen Größen und Formen auftreten kann. Sie kann da sein, wenn Du sie gerade nicht zu sehen meinst. Und sie kann sich im Hintergrund befinden, auch wenn dir mein Gewicht gerade nicht passt. Kommentare oder die gut gemeinten “Komplimente” von Außen können Betroffene triggern oder gar in alte Verhaltensmuster zurückwerfen. Ist nichts anderes interessant an mir außer meinem Gewicht?

Oft ist das Stigma, dem Menschen mit psychischer Erkrankung begegnen, schlimmer als die körperliche Verfassung selbst. Und so sterben jährlich mehr essgestörte Menschen durch Suizide als durch das Versagen ihres Herzens. Es ist Zeit, diese Stigma aufzulösen, die vor allem Schwarze Menschen daran hindern, die Hilfe zu suchen und zu erhalten, die sie brauchen.

Wo sind die Schwarzen Stimmen?

Schwarze Stimmen und Geschichten finden in der sogenannten „Eating Disorder Recovery Community“ genau so viel Platz wie überall anders auch: gar nicht. Wenn wir in den deutschen Medien von Essstörungen hören, dann sehen oder lesen wir meistens die reibungslosen Genesungsgeschichten weißer Teenager:innen, die am Ende ihrer Reise die magische Linie zwischen krank und gesund überschreiten und alles scheint wieder gut. Abgesehen davon, dass man eine akute Essstörung nicht mal so eben wieder loswird, ist der Mythos, dass Essstörungen sogenannte „White Girl Issues“ sind, die auf gewisse Castingshows oder Social Media zurückzuführen sind, ebenfalls lebensbedrohlich.

Mehr als der Wunsch nach dem „perfekten Körper“

Selbstverständlich können die oft unrealistischen Schönheitsideale in der Modewelt oder Hollywood ein gestörtes Essverhalten oder Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild unterstützen, aber hinter der Entwicklung einer psychischen Erkrankung wie einer Anorexie (Magersucht), einer Bulimie (Ess-Brechsucht), Binge Eating und den zahlreichen Mischformen steckt weitaus mehr als der Wunsch nach dem „perfekten Körper“. So können diese für Betroffene unter anderem als vermeintliche Lösung für tief liegende, ungelöste innere Konflikte dienen. Hungern oder Fressen als Betäubungsmittel. Nichts mehr aushalten müssen. Eine Methode, die temporär auch funktioniert, dich aber binnen kürzester Zeit in einen gefährlichen Teufelskreis zieht, aus dem es anschließend schwer einen Ausweg gibt.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Sandy Adaolisa (@sandy.adaolisa)

Anders als die anderen

Schlank und sportlich war ich immer, aber dass ich anders war als die zarten, blonden Mädchen aus meiner Klasse, gab mir mein Umfeld, insbesondere die Lehrer an meiner Schule, schon früh zu spüren. Ich war weder süß, noch war ich verletzlich. Ich war anders und fest davon überzeugt, dass mit mir etwas nicht stimmte. Mit meinen (heutigen 1.80m) war ich zu groß, zu laut, zu schüchtern, zu frech. Zu viel von allem. Zu Schwarz. Diese lästige Rolle „der Schwarzen“ hatte ich daher im Alter von 16 Jahren erfolgreich hinter mit gelassen. Ich war nun „die Dünne“. Die Zielstrebige – die man nie essen sah, die vor Hunger nicht einschlafen konnte, die ständig lügen musste, um ihr Image aufrechtzuerhalten und die mithilfe von Haar Relaxern zwanghaft versuchte, ihr Selbstbewusstsein aufzubessern.

Die Flucht vor dem White Gaze

Ich versuchte vor dem White Gaze – welcher mich bis heute in den Wahnsinn treibt – zu fliehen, indem ich meine neue Rolle als „die Dünne“ um jeden Preis aufrecht hielt. Dass ich dafür Schulnoten und mein Sozialleben größtenteils hinten anstellen musste oder meine Periode bereits zwei Jahre verspätet war, interessierte mich nicht. Es war sowieso alles egal. Und ein Leben ohne Essstörung? Wer wäre ich dann noch gewesen? Spoiler: Mein Plan, mich in eine andere Identität zu fliehen, war zu meiner Enttäuschung letztendlich nicht aufgegangen.

Ich könnte jetzt mehrere Seiten darüber schreiben, wie ich mich von einem Tiefpunkt zum nächsten hangelte oder wieso ich mich letztendlich für das Leben und gegen die Angst vor dem „Anders sein“ entschieden habe. Interessanter als die Details meines persönlichen Struggles finde ich aber die Tatsache, dass ich erst Jahre später herausfand, dass eigentlich White Supremacy der Auslöser für meine gesundheitlichen Probleme war, trotz mehrerer Behandlungsanläufe in weißen Umgebungen.

Wie soll man das aushalten?

Und wenn ich heute mit vollem Bewusstsein und Stolz auf meine Identität zurückblicke, frage ich mich manchmal heimlich wie andere Geschwister dieses Gefühl der Erschöpfung, die Mikroaggressionen und überhaupt diesen unangenehmen Beigeschmack des Schwarzseins in dieser rassistischen Gesellschaft, welchen nun auch ich wieder schmecken muss, so lange ausgehalten haben.

Es ist frustrierend, dass deutschen Therapeut:innen der Zusammenhang zwischen Racial Trauma und der Entwicklung einer potenziellen Essstörung auf professionellem Wege nicht vermittelt wird. Dass ich als Teenager wohl „Identitätsprobleme“ aufwies, dies aber im Zusammenhang mit meiner Hautfarbe liegen könnte, kam niemanden in den Sinn. Vielleicht wollte man es auch nicht sehen. Immerhin wurden mir meine alltäglichen Rassismuserfahrungen von meinen Therapeutinnen grundsätzlich ebenfalls abgesprochen.

Zu Rassismus in Deutschland gebe es keine Statistik, hieß es meistens. Und überhaupt, ich habe doch die Wahl. Ich könne mit dem ganzen Mist einfach aufhören. Ich weiß nicht, ob ich einfach Pech mit der Auswahl meines behandelnden Teams hatte oder ob meine Ärtz:innen ihren weißen Patientinnen ebenfalls so wenig Empathie entgegenbrachten wie mir. Schwarze Therapeutinnen mit dem Schwerpunkt Essstörungen konnte ich, nebenbei bemerkt, gar nicht erst finden.

Essstörungen als Luxusproblem weißer Mädchen?

Mein Beruf als Talent Scout, in den ich über mehrere Umwege nach der Schule hineingerutscht war, machte es mir schwer, überhaupt von meiner Geschichte zu erzählen. Denn die Behauptung, das Essstörungen Luxusprobleme oberflächlicher, weißer Mädchen und Frauen sein, hatte sich auch bei mir lange verankert. Sie ließ mich daran zweifeln, ob mein Leiden von Bedeutung war. Wer würde einer „Ex- Magersüchtigen“ glauben, welche nun auch noch die Dreistigkeit besaß, junge Mädchen an internationale Modefirmen zu verkaufen? Wer wurde ihr glauben, dass sie nicht von Anfang an bloß Teil irgendeines Fashiontrends sein wollte. Eine Schwarze, die nicht essen kann, wo gibt es denn sowas? Sollte ich nicht strong and independent sein?

Internalisierte Rassismuserfahrungen

Mein Selbstwertgefühl lag grundsätzlich tiefer als mein Traumgewicht, da ich meine Rassismuserfahrungen über zu viele Jahre internalisiert hatte. Unabhängig davon, dass meine Arbeit mir gut lag und mir früh ein selbstständiges Leben ermöglichte, hatte ich sowieso erstmal keine andere Wahl, als mich fleißig durch eine rassistische Industrie zu kämpfen.

Eine Jugend mit Essstörungen wirkt sich nämlich langfristig auf alle Lebensbereiche aus und spiegelt sich bei den Betroffenen so oft auch im Lebenslauf wieder. Angebrochene Berufsausbildungen. Ein paar Praktika hier und da. Einen ganzen Tag im Büro unter der Beobachtung von Kolleg:innen ? Nein, danke! Ein normaler Arbeitsalltag oder eine Festanstellung waren mit 18 Jahren keine Option für mich. Denn von Außen bestimmte Strukturen erlaubten mir nicht, mich an meine krankhaften Essenspläne zu halten. Ich nannte es auch Prioritäten setzen.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Sandy Adaolisa (@sandy.adaolisa)

Wut & Stolz

Wenn ich an meine extremen Jahre zurückdenke, bin ich wütend darüber, wie viel Zeit ich verschwendet habe. Ich bin aber auch stolz darauf, wo ich inzwischen angekommen bin. Meine Arbeit ermöglicht mir heute gegen die Unterrepräsentation von Schwarzen Frauen in französischen Beauty- Kampagnen anzukämpfen und motiviert mich auch weiterhin meinen eigenen Weg zu gehen und den Raum einzunehmen, den ich mir eine lange Zeit verboten lies. Wir sollten überall sein, wo wir sein möchten. Egal ob auf den Laufstegen, in der Politik oder in den Medien. Und wir müssen weiterhin daran arbeiten, Raum für einander – aber in erster Linie für die Schwarze Generation nach uns – zu schaffen.

Falls Du mit einer Essstörung kämpfst, solltest du wissen, dass der Tag, an dem Du krank genug bist, nicht kommen wird. Du wirst nie dünn genug sein. Du wirst deine Fressanfälle nicht aufhalten können, indem Du dir Nahrung verwehrst. Egal auf wie viele Montage, wie viele Neuanfänge Du es ankommen lässt. Dein Plan, von dem Du meinst dich jeder Zeit lösen zu können, wenn Du es denn wolltest, der wird nicht aufgehen. Und du sollst wissen, dass deine Diagnose nichts über deine Persönlichkeit aussagt. Dein Gewicht nichts über deine Krankheit, nichts darüber, ob du Hilfe verdienst, nichts darüber, wie einzigartig Du bist, und nichts darüber, wie wertvoll dein Leben ist.

Erste Anlaufstellen, an die Du dich wenden kannst, wenn Du eine Essstörung hast:

https://www.waage-hh.de

https://www.anad.de


Sandy Adaolisa ist International Talent Scout im High Fashion Bereich.
Geboren und aufgewachsen ist die heute 28-jährige in Kiel. Mit 18 zog es sie „ohne Plan“ nach Hamburg. Dort machte sie sich 2011 selbständig und arbeitete lange frei, bis sie 2017 für ihre Arbeit nach Paris weiterzog. Seit März wohnt sie wieder in Hamburg. Im November 2020 gründete sie @brownskinmermaids, eine privat finanzierte & unabhängige Organisation, die sich auf das Empowerment junger Schwarzer Mädchen in Deutschland fokussiert. „Quasi das, was ich gebraucht hätte“, sagt Sandy.

Dieser Artikel erschien zuerst bei unserem Content-Partner Rosa Mag. Wir freuen uns sehr, dass wir ihn auch hier veröffentlichen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.