Warum wir einen
kritischeren Blick auf Secondhandkleidung brauchen

‚ÄěSecondhandkleidung ist das Nachhaltigste √ľberhaupt!‚Äú ‚Äď das oder etwas √Ąhnliches haben wir schon hundertfach geh√∂rt und nat√ľrlich: Kleidung gebraucht zu kaufen oder seine eigene Kleidung weiterzugeben, hat viel Positives: Es flie√üt kein Geld an einen gro√üen Fast-Fashion-Konzern, Kleidungsst√ľcke werden wiederverwendet und niemand wird an der N√§hmaschine ausgebeutet. Es scheint fast, als h√§tte Secondhandkleidung so viel auf der Pro-Seite, dass wir vergessen zu fragen: An wen flie√üt das Geld denn eigentlich stattdessen? Wer verwendet die Kleidung wieder? Und wer bereitet sie auf?

Das Geschäft mit der Secondhandmode

Mit dem globalen Anstieg der produzierten Bekleidungsmenge (Verdopplung zwischen 2000 und 2014 auf 100 Milliarden Kleidungsst√ľcke, Quelle: Greenpeace), stieg auch die Menge der Secondhandkleidung. So weit, so logisch. Und wo Ressourcen liegen, liegt in der Regel auch Geld. Der An- und Verkauf von Secondhandmode ist l√§ngst ein lohnendes Gesch√§ft. 2014 wurden 4,3 Millionen Tonnen Altkleider gehandelt (Quelle: Greenpeace). Diese Tatsache an sich klingt noch nicht unbedingt problematisch. Wenn wir aber weitergehen und uns mal Seondhandunternehmen, die wir aus der Fu√üg√§ngerzone kennen, genauer anschauen, lassen sich erstaunlich wenig Informationen finden. Wo kommt die Kleidung denn eigentlich genau her und von wem wurde sie aufgewertet?

Ich habe einmal eine Mitarbeiterin von Picknweight, die nach eigenen Angaben zu den gr√∂√üten Secondhandmode-Anbietern in Deutschland geh√∂ren, gefragt, woher sie ihre Kleidung beziehen. Alles, was ich zur√ľckbekommen habe, war ein Schulterzucken. Keine Ahnung also. Secondhandkleidung ist nachhaltig, was muss man da noch hinterfragen? Inzwischen habe ich gelernt, dass Picknweight den Gro√üteil von der Soex Group kauft. Das ist praktischerweise auch gleich die Muttergesellschaft der Picknweight GmbH. Die Soex Group geh√∂rt zu den gr√∂√üten Altkleiderverwertern weltweit und steht immer wieder in der Kritik.

Warum? Weil sie Gesch√§fte mit “Kleiderspenden‚Äú macht. Denn ein Teil der Kleidung kommt zum Beispiel aus den Altkleidercontainern des Deutschen Roten Kreuzes. ‚ÄěIrgendjemand muss sich schlie√ülich um die riesigen Abfall-Berge k√ľmmern‚Äú, sagt Soex-Chef Alex Buchholz in einem Interview mit dem Stern. Klar, stimmt ja auch. Aber war da nicht noch was? Richtig, Altkleiderverwerter-Unternehmen stehen oftmals nicht nur in der Kritik, weil sie mit Spenden ein Business betreiben, sondern auch, weil sie einen gro√üen Teil der Kleidung in diverse afrikanische L√§nder exportieren und dort die eigenen Textilm√§rkte zerst√∂ren (Quelle: Die Altkleider-L√ľge). Inzwischen haben 42 Nationen (haupts√§chlich in Afrika, S√ľdamerika und Asien) den Import von gebrauchter Kleidung beschr√§nkt oder verboten (Quelle: Otexa).

Nat√ľrlich sind es nicht nur gro√üe Unternehmen, die ein paar Euro mit den Kleidern aus zweiter Hand verdienen wollen. Auf Plattformen wie Kleiderkreisel, M√§dchenflohmarkt, Etsy und Ebay (Kleinanzeigen) verkaufen oder verschenken auch viele Privatpersonen ihre Kleidungsst√ľcke. Auch der lokale, kleine Secondhandladen um die Ecke verkauft m√∂glicherweise Kleidung von Privatpersonen gegen eine Provision. Zum Anteil dieser privaten Verk√§ufe am Gesamt-Secondhand-Markt gibt es allerdings keine Zahlen. Allzu hoch d√ľrfte er nicht sein.

Kleidung wegwerfen ‚Äď wohin denn eigentlich?

Durchschnittlich besitzen die Deutschen 92 Kleidungsst√ľcke (Quelle: Greenpeace). Also weit mehr als wir brauchen ‚Äď und wollen. Der aufger√§umte Kleiderschrank ist sp√§testens seit der k√ľrzlich angelaufenen Netflix-Serie ‚ÄěAufr√§umen mit Marie Kondo‚Äú hoch im Kurs. Die aussortierten St√ľcke wandern in gro√üe Plastiks√§cke. Und dann? Was in der Serie nicht thematisiert wird, sieht in der Realit√§t oft so aus: ein paar wenige Dinge verkaufen, mehrere S√§cke zur Kleiderspende und den Rest in den M√ľll. Das Zuhause ist aufger√§umt und etwas Gutes hat man vermeintlich auch getan, denn mit der Spende kann die Kleidung wenigstens noch von jemandem genutzt werden, der sie wom√∂glich braucht.

Abgesehen davon, dass es gut sein kann, dass das aussortierte Teil nicht bei ‚Äějemandem‚Äú sondern beim gro√üen Altkleider-Verwerter landet, fragt man sich auch, ob die Teile, die da in den Container geworfen werden, √ľberhaupt zweckm√§√üig weitergegeben werden k√∂nnen. Auf Nachfrage erkl√§rt das Deutsche Rote Kreuz, dass der gr√∂√üte Teil der gespendeten Kleidung aus Damenbekleidung besteht, w√§hrend es an gen√ľgend Spenden f√ľr M√§nner fehlt: ‚ÄěIn der Wintersaison ben√∂tigen wir Kleidung f√ľr die Klienten unseres W√§rmebusses (Winterjacken, Pullover, Schals und so weiter f√ľr Obdachlose), ganzj√§hrig fehlt es an gut erhaltener Herrenbekleidung in kleineren Gr√∂√üen (f√ľr gefl√ľchtete junge M√§nner).‚Äú

Wenn Kleidung nicht mehr getragen werden kann, kann sie aber immer noch recycelt werden, oder? Naja. Alte Fasern werden aktuell so gut wie gar nicht zu brauchbaren Garnen und Stoffen f√ľr neue Kleidung recycelt. Viel h√§ufiger werden Stoffe zerkleinert und zu Putzlappen oder F√ľllstoffen weiterverarbeitet. Und landen auch dann fr√ľher oder sp√§ter wieder auf dem M√ľll. (Quelle: Greenpeace)

 

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Like you, we’ve been enjoying following the #10yearchallenge, but it’s got us thinking about the everyday challenge of discarded garments that are piling into landfills and the lifespan of our clothing. In Zine 2, Loved Clothes Last, we published a guide looking at how long it takes different garments and textiles to decompose in landfill. Sadly, most of the garments discarded in 2009 have probably yet to decompose or biodegrade. Considering that around 350,000 tonnes of UK clothing are sent to landfill each year, maybe the real challenge of 2019 should be demanding clothing made from biodegradable materials and closing the loop! #FashionRevolution #LovedClothesLast ūüé® @liedirkx

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Auch der Secondhandmarkt beutet aus

All das soll nat√ľrlich nicht bedeuten, dass Secondhandmode schlecht ist oder Verbraucher*innen nicht den Anspruch haben sollten ihre getragene Kleidung weiterzugeben. Bereits bestehende Konsumg√ľter zu nutzen, erscheint in einer Gesellschaft, die jetzt schon genug Textilien f√ľr die n√§chsten Jahrzehnte produziert hat, mehr als sinnvoll. Wir haben aber trotzdem ein Problem, denn die positiven Aspekte der Secondhandmode √§ndern nichts daran, dass es auch Schattenseiten gibt √ľber die bisher kaum gesprochen wird.¬†Zeit¬†Online hat k√ľrzlich in einem Artikel (‚ÄěDer Hinterhof der Fast Fashion‚Äú) die ausbeuterischen Zust√§nde der Secondhandbranche recherchiert: In Bulgarien entwickelt sich aktuell ein ganz neuer Markt f√ľr Kleideraufbereitung. In gro√üen Fabrikhallen sitzen zumeist Frauen, die Kleidung sortieren und nicht nur von Feinstaub belastet sind, sondern auch keine Gewerkschaft haben, die sie vertritt. Ungef√§hr 1,7 Tonnen soll ein*e Arbeiter*in in einer Sortierfabrik am Tag schaffen. Zust√§nde, die an Fast-Fashion-Fabriken erinnern.

Ansonsten finden sich aktuell noch wenig Recherchen zum Thema. Bezeichnend? Ja. Es scheint wirklich als w√§re der Umgang mit den Textilmassen ein blinder Fleck. Fast so, als h√§tten wir gar nicht bemerkt, dass wir jedes Jahr 100 Milliarden Kleidungsst√ľcke produzieren und schlicht noch nie so richtig dar√ľber nachgedacht haben, was eigentlich nach dem Tragen passiert.

Und jetzt?

√úber all das sollten wir uns √ľberlegen, ob wir in Zukunft nicht nur fragen sollten, wer unsere Kleidung gemacht hat, sondern auch wer sie aufgearbeitet hat. Wir sollten Privatverk√§ufe gr√∂√üeren Secondhandketten vorziehen, kritisch bleiben und vor allem auch bei der Secondhandkleidung nicht aufh√∂ren zu fragen: Wo kommt das eigentlich her? Eine schnelle L√∂sung gibt es aktuell f√ľr die Schattenseiten der Secondhandkleidung wohl nicht. Ein Ansatz sind sicherlich neue Gesch√§ftsmodelle, die langlebige, reparier- und kreislauff√§hige Kleidungsst√ľcke hervorbringen, wie es einige Fair Fashion Labels bereits tun.

Wie steht ihr zum Thema? Waren euch die Problematiken rund um Secondhandmode schon bewusst?

Titelbild: © Chuttersnap/Unsplash.cm Р© Henri Meilhac/Unsplash.com

Vreni kann sich zwischen den Themen Fair Fashion, Vintage, Feminismus und Nachhaltigkeit nicht entscheiden und muss das vielleicht auch nicht? Nachdem sie schon seit 2013 √ľber Vintagemode schreibt, Ausfl√ľge zum feministischen Magazin Edition F gemacht und sich 2017 beruflich ganz der fairen Mode verschrieben hat, hat sie mit Fashion Changers endlich das mitgegr√ľndet, was alle Interessen zusammenbringt. Sie glaubt au√üerdem daran, dass gegenseitiger Support und viele Flaschen Rotwein Berge versetzen k√∂nnen. #vrenivinovintage

2 Kommentare

  • Kristin
    16/02/2019
    reply

    Interessanter Artikel. Ich kaufe ganz gern bei Kleideekreisel, √ľberlege in letzter Zeit aber, wieviel Sinn das macht, wenn die Verk√§uferin das Geld von mir dann wieder in Fast Fashion steckt. Alles nicht so einfach.

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