Warum Aktivismus evidenzbasierte Fakten braucht

Nachdem ich mit einer Freundin kurz über Detox-Programme und anderen Healthy-Trends diskutiert habe, nannte sie ihr Totschlagargument gegen evidenzbasierte Erkenntnisse: „Ich vertraue keiner Studie.“ Puh, das musste ich erst mal sacken lassen, bis ich meine Gedanken dazu ordnen konnte.

Warum sind die Themen Forschung, Studien, Fakten und Analysen so wichtig für uns Fashion Changers?

Wir sind hier kein Wissenschaftsmagazin und keine Forschungsgruppe. Aber um die Themen, die uns beschäftigen, unter die Leute zu bringen, müssen unsere Argumente auf Fakten beruhen. Wie können wir Menschen davon überzeugen, mehr pflanzlich basiert zu essen, wenn wir nicht unmissverständlich klarmachen können, dass die vegane Ernährung besser fürs Klima ist? Wie können wir das Umsetzen von Petitionen und Regelungen einfordern, wenn wir die Auswirkungen der Fast Fashion-Industrie unserem Gegenüber nicht glaubwürdig anhand von Zahlen und Fakten erklären können? Wie können wir feministischen Themen ohne Daten und Fakten das politische Gewicht geben, das sie brauchen? Wie können wir uns durch den Dschungel an Daten kämpfen und Greenwashing in der Modeindustrie erkennen?

Auch in der fairen Mode brauchen wir Fakten, um unsere Anliegen glaubwürdig zu vermitteln und unsere Forderungen zu untermauern.

Facts Matter

Wir brauchen also verlässliche Zahlen und Fakten für unsere Mission und Ziele statt aufmerksamkeitsstarker Fake News. Aber wie trennen wir nun die Spreu vom Weizen?

Das Problem: Nicht jede Studie ist eine gute Studie

Leider ist es so: Nicht jede wissenschaftliche Studie ist eine gute Studie, verwendet einwandfreie Methoden oder ist reproduzierbar (sprich bei der nochmaligen Durchführung einer Studie entstehen ähnliche Ergebnisse).

Es kann zum Beispiel ein sogenannter “Publication Bias” bestehen. Das heißt, wissenschaftliche Journals veröffentlichen eher statistisch signifikante Ergebnisse (also ganz grob gesagt, dass der beobachtete Effekt nicht auf einen Zufall zurückgeführt werden kann) als nicht-signifikante Ergebnisse. Ein eindeutiges Resultat klingt immer für die wissenschaftliche Welt “sexier” als kein Resultat (Quelle).

Andere Gründe, warum eine Studie nicht einwandfrei glaubwürdige Ergebnisse liefern kann, sind zum Beispiel das sogenannte “p-hacking” (das heißt, man sucht in einem Datenset mit verschiedenen Tools und Methoden nach statistisch signifikanten Ergebnissen, nachdem man nach der ersten Analyse keine Effekte sehen konnte), Nachlässigkeit bei der Studienplanung und Datensammlung sowie “Data peeking” (das heißt, man analysiert die Daten vor dem Ende der Datensammlung; im Detail hier nachzulesen: Quelle).

Nur ein verschwindend geringer Teil kann wirklich auf grobe Fahrlässigkeit und Betrügerei zurückgeführt werden (Quelle).

6 Tipps, wie ihr “gute” Studien erkennt

Laut Eva Vivalt, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Australian National University, gibt es folgende Kriterien, anhand derer man eine “gute Studie” erkennt:

1. Verlasst euch nicht zu sehr auf eine Studie. Wenn möglich, sucht nach Meta-Analysen oder systematischen Bewertungen, die die Ergebnisse mehrerer Studien zum gleichen Thema miteinander vergleichen. Dies liefert eher glaubwürdige Aussagen und kann erklären, warum sich unterschiedliche Ergebnisse gezeigt haben.

2. Wenn es nur wenige Studien zu einem Thema gibt, achtet darauf, dass ihr Ergebnisse, Meinungen von Expert*innen und Erfahrungsberichte aus vielen unterschiedlichen Quellen analysiert.

3. Schaut euch die Stichprobengröße an. Wissenschaftler*innen können seltener ein Studienergebnis reproduzieren, wenn die Studie nur eine kleine Gruppe an Menschen oder Unternehmen untersucht hat.

4. Genauso ist ein Blick auf die Besonderheiten der Stichprobe sowie die verwendeten Methoden wichtig. Wie kam die Forschungsgruppe genau auf diese Stichprobe? Welche Faktoren könnten die Ergebnisse verfälschen?

5. Wenn die Ergebnisse zu gut klingen, um wahr zu sein, dann muss man erst recht kritisch sein.

6. “Stronger by Science”-Autor Greg Nuckols ergänzt noch einen letzten Punkt: den Blick auf die Finanzierung des Projekts. Wer finanziert die Studie, wer steht hinter der Forschungsarbeit? Die Antwort darauf kann uns auch einige Schlussfolgerungen über die Glaubwürdigkeit der Analysen bieten.

Zur Interpretation von Studien

Ein wichtiger Punkt ist auch die Interpretation von Studienergebnissen. Reißerische Überschriften von Artikeln über krasse, neue Erkenntnisse spiegeln nicht wirklich immer die echten Studienergebnisse wider. Es lohnt sich bei Magazin-Artikeln auch einen kurzen Blick auf den Abstract (die Zusammenfassung) der Original-Studie zu werfen (Ich nenne hier speziell den Abstract, da meistens leider nur dieser umsonst für die Öffentlichkeit zugänglich ist). Fasst der Artikel die Studie korrekt zusammen, oder wird zugunsten reißerischer Headlines übertrieben oder werden Inhalte gar falsch dargestellt? Diesen Vorgang sehen wir auch oft in pseudowissenschaftlichen Claims auf Blogs, dubiosen Unternehmensseiten und mehr. “Pseudowissenschaftlich” deshalb, weil sie nicht evidenzbasierte Informationen wiedergeben und bewerben, aber in einer vermeintlich wissenschaftlichen Sprache die Studienergebnisse darstellen.

Ein Beispiel, um diesen Punkt besser zu erklären: 2008 wurde eine Studie mit dem Titel “Evidence for Sugar Addiction: Behavioral and Neurochemical Effects of Intermittent, Excessive Sugar Intake” im Neuroscience and Biobehavioral Reviews Journal veröffentlicht. Die New York Daily News nahm diese Studie daraufhin mit dem Titel  “Sugar as addictive as cocaine, heroin” (leider nicht in der Europäischen Union verfügbar, mehr Infos zu dem Artikel hier) auf und erklärte, dass die Studie von Princeton University-Professor Bart Hoebel besagt, dass Zucker beim Menschen genauso süchtig machen soll wie Kokain. Ein Blick auf die Original-Studie zeigt aber, dass die Untersuchung nur mit Ratten gemacht wurde, und weitere Forschung für eine zuverlässige Interpretation für den Menschen nötig wäre.

Bei der Faktenrecherche ist die größte Herausforderung der sogenannte “Bestätigungsfehler”, den es regelmäßig zu überprüfen gilt.

Confirmation Bias oder “Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt”

Diesen Punkt möchte ich auch kurz ansprechen, da mir dieser in unserer Community sehr oft begegnet. Wir alle haben eine bestimmte Vorstellung von der Welt, auch ich natürlich, und wir fühlen uns am wohlsten, wenn diese Vorstellung bestätigt wird. Wir alle neigen automatisch dazu, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass diese unsere eigenen Erwartungen erfüllen (Quelle). Dies nennt man auch “Confirmation Bias” oder auf Deutsch “Bestätigungsfehler”. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass wir genau die Studienergebnisse auswählen, die unserem Confirmation Bias entsprechen und diese als einzige Wahrheit darstellen. Gerade in der Politik spielt der Confirmation Bias eine große Rolle und erklärt, warum insbesondere rechtsgerichtete Parteien und deren Anhänger*innen Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen (Quelle). Denn die Krux ist: Auch wenn Informationen Personen präsentiert werden und diese Informationen nicht dem Bestätigungsfehler entsprechen, aber dennoch korrekt erscheinen, kann genau dieser Confirmation Bias sogar noch verstärkt werden (Quelle). Wir glauben also sogar noch mehr daran, dass die eigene Weltanschauung die korrekte sein muss. Der Confirmation Bias ist also eine große Herausforderung.

Was bedeutet das konkret für uns? So unangenehm es sein mag: Probiert immer mal wieder, Informationen näher zu betrachten, die vielleicht nicht sofort dem eigenen Weltbild entsprechen. Fokussiert euch auf Neugier, statt auf eure eigene Überzeugungen. Hört euch die andere Seite an, lasst uns versuchen diese zu verstehen, um gemeinsam Lösungen zu finden.

Fazit: Aktivismus braucht evidenzbasierte Fakten

Ich habe noch einen kurzen Gedankenanstoß für euch, warum dieses Thema so wichtig für uns sein sollte: Wie sollen wir zum Beispiel mit dem Promoten von Veganismus, pflanzlicher Ernährung etc. von Expert*innen, Entscheidungsträger*innen und Politik ernst genommen werden, wenn Veganismus auf Social Media & Co. mit immer mehr pseudowissenschaftlichen Detox-Programmen in Verbindung gebracht wird? Wie kann jemand im Bereich Fair Fashion als seriöse Quelle und Expert*in aufgefasst werden, wenn diese Person regelmäßig Fake News verbreitet?

Lasst uns also kritisch bleiben, aber nicht in Pseudowissenschaften und Fake News abdriften. Lasst uns Fakten regelmäßig checken, den eigenen Confirmation Bias überprüfen und offen für Diskussionen und andere Quellenangaben sein. Das kann uns viele neue Erkenntnisse bringen. Lasst uns auch mehr Wissen darüber aneignen, wie wir uns korrektes Wissen aneignen, also die richtigen Fakten finden, analysieren, interpretieren und für uns verwenden können. Because facts matter!

P.S. Ich gebe zu, ich konnte hier viele Punkt nur anreißen, ich bin auch keine wissenschaftliche Expertin. Wenn ihr euch mehr für dieses Thema interessiert, empfehle ich euch zum Beispiel folgende Artikel und Studien:

 

Titelbild: (c) The Climate Reality Project via unsplash
Vorschaubild: (c) Elijah O’Donnell via unsplash

Mia hat sich vor ein paar Jahren mit heylilahey als einer der ersten Modeblogs Deutschlands auf Fair Fashion konzentriert und das Thema Conscious Shopping zu ihrem Markenzeichen gemacht. Mia ist Diplom-Psychologin, PR-Beraterin, Bloggerin und YouTuberin und berichtet mittlerweile auf ihren Kanälen über mehr als „nur“ Fair Fashion, sondern auch über Veganismus, einen gesunden Lebensstil, Achtsamkeit, Naturkosmetik, Reisen und über das Thema Nachhaltigkeit.

1 Kommentar

  • Olivia
    14/06/2019
    reply

    Es gibt tatsächlich eine Bewegung namens effektiver Altruismus, Die SICH genau damit beschäftigt. Ich BIN selbst Psychologin und habe selber IN der Uni schon Studien geleitet-die Tipps die du oben gegeben hast sind gut. Ich finde es unheimlich WICHTIG seine Ideen und Überzeugungen mit Fakten zu stützen. Doing good Better ist ein Wundervolles Buch um tiefer EINZUSTEIGEN. Danke für den Beitrag.

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