Degrowth – Warum die Modeindustrie weniger produzieren muss

Warum sprechen wir nicht mehr über Degrowth oder Postwachstum in der Mode, wenn wir Marken hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeitsbemühungen bewerten? Und wie können Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsstrategie beispielsweise komplett auf Suffizienz ausrichten?

Collage mit halber Weltkugel, dahinter ein Mülleimer mit Kleidung, der in Flammen steht, eine Hand darüber, auf dem Bild steht Überproduktion vs. Degrowth

Im Durchschnitt hat sich die Bekleidungsproduktion 2000 bis 2014 verdoppelt. Doch viele Kleidungsstücke werden aussortiert, ohne jemals getragen worden zu sein. Das Europäische Parlament geht zum Beispiel davon aus, dass jede in der EU lebende Person jährlich etwa 26 Kilogramm Kleidung kauft und 11 Kilogramm entsorgt. 

Labels produzieren weiterhin im Überschuss, der Konsum geht durch die Decke. Warum sprechen wir also nicht mehr über Degrowth oder Postwachstum in der Mode, wenn wir Marken hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeitsbemühungen bewerten? Können Modeunternehmen weniger produzieren und können wir, Kund*innen, unser Konsumverhalten verändern?

Warum Überproduktion problematisch ist

Überproduktion ist das direkte Ergebnis eines Produktionsprozesses, der von kurzfristigen Trendzyklen und Arbeitsverträgen angetrieben wird. Bestellungen werden häufig innerhalb von maximal vier bis fünf Wochen abgeschlossen, versendet und empfangen. Allein H&M produziert Schätzungen zufolge jedes Jahr rund drei Milliarden Kleidungsstücke.

Zudem sind Produktionsziele in den meisten Fällen eine grobe Überschätzung der Nachfrage. Um ein gewisses Maß an Größenflexibilität zu gewährleisten, kaufen Einzelhändler*innen oft zu viel. Der verbleibende unverkaufte Bestand wird manchmal sogar von den Marken verbrannt oder geschreddert. 2017 veröffentlichte ein dänischer Fernsehsender eine Reportage über H&M: Das Unternehmen verbrenne tonnenweise ungetragene Kleidung. Der Konzern bestätigte die Vorwürfe später, meinte jedoch, es würde nur Kleidung mit Qualitätsmängeln verbrennen. 

Auch Luxusunternehmen zerstören gelegentlich nicht verkaufte Ware, um zu verhindern, dass sie beispielsweise auf gefälschten Marktplätzen und inoffiziellen Vertriebsplattformen unterbewertet werden. Sie erhoffen sich dadurch, die Exklusivität der Marke zu erhalten. Im Jahr 2018 geriet Burberry unter Beschuss, weil es im Vorjahr angeblich 32 Millionen Euro seines eigenen Inventars verbrannt hatte. Erst neulich ging ein Video viral, in dem eine Kundin berichtet, sie hätte mehrere zerstörte Coach-Handtaschen in einem Container gefunden. 

Der Transparenzindex von Fashion Revolution, der jedes Jahr die Lieferkettenangaben von 250 Bekleidungsmarken bewertet, hat zusätzlich angefangen, Informationen zur Produktionsleistung aufzunehmen. Nur 14 Prozent der von Fashion Revolution analysierten Marken veröffentlichen die Warenmenge, die sie pro Jahr produzieren. Bei den anderen 86 Prozent fehlt es diesbezüglich an Transparenz. 27 Prozent bieten ein Recyclingprogramm an, 18 Prozent Produktreparaturen an und 14 Prozent nutzen alternative Geschäftsmodelle wie Vermietung und Wiederverkauf.

Warum die Modeindustrie dringend weniger produzieren muss

Diese Zahlen zeigen, dass die Textil- und Bekleidungsindustrie ein riesiges Problem mit Überproduktion hat. Lösungen wären also nachhaltige Degrowth-Strategien – geplante Reduzierungen des Produktvolumens und des Energieverbrauchs in Ländern mit hohem Einkommen. Degrowth, oder Postwachstum, bezeichneteine Verringerung von Konsum und Produktion und damit auch des BIPs als ein Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit und Wohlbefinden.“ (BIP = Bruttoinlandsprodukt)

Somit soll beispielsweise auch ein verlangsamter Kleidungskonsum erreicht werden. Es ist eine Alternative zu dem aktuellen Wirtschaftssystem, das auf Wachstum beruht. In der Modeindustrie ist die Verlängerung der Lebensdauer von Kleidungsstücken – etwa durch den Weiterverkauf oder Kleidervermietung – eines der effektivsten Mittel, um ihren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren und den Konsum neuer Kleidung zu verlangsamen.

Mode-Detox-Herausforderungen wie das #NoNewClothes-Vesprechen von Remake, die #30Wears-Kampagne von Eco-Age oder der #SecondhandSeptember scheinen erfolgreich zu sein, um Menschen auf Social Media zu sensibilisieren und sind Teil der Introspektion von Konsummustern. Im Jahr 2020 nahmen über 1.000 Personen die dreimonatige #NoNewClothes-Herausforderung an. Das führte dazu, dass schätzungsweise nach Angaben von Remake über 16 Millionen Liter Wasser erhalten, knapp drei Millionen Tonnen CO2-Emissionen eingespart und mehr als zehn Tonnen Abfall vermieden wurden.

Immer mehr Menschen setzen zudem auf Kleidertausch oder Kleiderreparatur. Manche Unternehmen verwerten mittlerweile ausschließlich Textilabfälle, upcyceln alte Vintage-Stoffe oder recyceln alte Textilien.

 

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Dem Wachstum Grenzen setzen

Wesentlich für Degrowth ist Suffizienz. Maren Ingrid Kropfeld, Doktorandin im Bereich Ökologische Ökonomie, erklärt: „Suffizienz ist neben technologieorientierten Effizienzansätzen (relative Reduzierung des Energie- und Materialverbrauchs) und Konsistenz (Cradle-to-Cradle-Design) eine spezifische Art der verhaltensbasierten Nachhaltigkeitsstrategie, die sich mit dem Thema ‘Weniger’ befasst.“

Gemeinsam mit Maike Gossen und André Reichel, erklärt Kropfeld in dem Papier „Suffizienz und Unternehmen”: „Suffizienzorientierte Wertschöpfung umfasst die Verwendung umweltfreundlicher Materialien, die Gestaltung zeitloser, langlebiger und reparaturfähiger Produkte, die Reduktion von Verpackungen und des Energieverbrauchs bis hin zum Angebot von Dienstleistungen für Reparatur, Sharing oder Secondhand.“ 

Anhand des Outdoor-Labels Vaude, veranschaulichen die Wissenschaftler*innen, wie Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsstrategie komplett auf Suffizienz ausrichten können. 

Vaude nutzt beispielsweise ausschließlich hochwertige Materialien und effiziente Verarbeitungstechnologien, um lange Haltbarkeit und beste Qualität zu gewährleisten. Es bietet zudem eine zwei- beziehungsweise fünf-jahrelange Gewährleistung an und haftet so für vermeintliche Mängel. Außerdem setzt die Marke auf Reparatur – ob in der eigenen Reparaturwerkstatt, durch DIY-Reparaturanleitungen oder in Repair-Cafés, mit denen es kooperiert.

Kund*innen, die ihre gebrauchten Vaude-Produkte weitergeben wollen, sei es durch den Weiterverkauf oder durch Spenden, können dies via eBay auf der vom Label betriebenen Secondhandplattform tun. Des Weiteren können Produkte via iRentit by Vaude gemietet werden. Secondhand und Vermietung sind also nicht nur Trend, sondern auch Suffizienz-Strategien. Die Wissenschaftler*innen verdeutlichen zudem, wie wichtig transparente Kommunikation und Aufklärung sind, um „gut informierte Kaufentscheidungen“ zu fördern.  

Auch das schwedische Label ​​Asket zeigt, wie sich Unternehmen selbst Wachstumsgrenzen setzen können. Es wurde 2015 gegründet und ist in den ersten fünf Jahren jedes Jahr um durchschnittlich 150 Prozent gewachsen. Nun besteht ihre Strategie darin, das Wachstum zu verlangsamen.

„Von nun an streben wir ein Wachstum von maximal 60 Prozent pro Jahr an, um sicherzustellen, dass wir alles richtig machen“, sagt Mitgründer August Bard Bringéus. 60 Prozent sind immer noch viel, aber das Unternehmen setzt sich und seinem Wachstum eine Grenze, die es nicht zu überschreiten gilt. Dies tut es beispielsweise durch seine permanente Kollektion. Die einzigen Änderungen, die jedes Jahr vorgenommen werden, sind Verbesserungen der bestehenden Designs oder die Aufnahme einer neuen Produktkategorie, wie zum Beispiel die 2021 eingeführten Badeshorts. 

Ist Degrowth realistisch?

Fakt ist, es wird mehr produziert und konsumiert als jemals zuvor. Es werden immer mehr Unternehmen gegründet, die Waren herstellen, Produktkategorien werden erweitert, bereits bestehende Produkte werden verbessert. Zwar gibt es auch immer mehr öko-faire Labels, aber auch die produzieren Kleidung, Accessoires, Schuhe. Hinzu kommt, dass viele Fast-Fashion-Unternehmen Umsätze in Milliardenhöhe verzeichnen

Die Mainstream-Kultur feiert und setzt Erfolg mit Reichtum gleich. Doch je reicher ein Mensch ist, desto mehr ökologischen Schaden richtet er durch seinen Lebensstil und seine Konsumentscheidungen an. Als Folge der wirtschaftlichen Entwicklung wird bis 2030 eine Zunahme der Mittelschicht prognostiziert, mit einer damit verbundenen steigenden Nachfrage nach Konsumgütern. 

Dabei ist klar, dass solch ein suffizienzorientiertes Geschäftsmodell politische Flankierung braucht, um seine volle Wirksamkeit zu entfalten.
Maike Gossen, Maren Ingrid Kropfeld und André Reichel, „Suffizienz und Unternehmen“

Die meisten Unternehmen, die sich dafür entscheiden, weniger schnell zu wachsen, sind nicht nur klein, sondern werden oftmals auch privat geführt. Das bedeutet, dass sie nicht unter dem Druck der Aktionärsrenditen stehen, wie es große, öffentliche Unternehmen tun. Kann diese Idee also, weniger zu produzieren, jemals in großem Maßstab Realität werden? 

Kropfeld, Gossen und Reichel sind sich einig: Es braucht sowohl politische als auch rechtliche Unterstützung bei der Umsetzung. Eine „ökologisch-soziale Steuerreform, bei der Preise auf Energie- und Ressourcenverbrauch steigen, während auf der anderen Seite arbeitsintensive Dienstleistungen und Lohn­zusatzkosten (v. a. Sozialversicherungsbeiträge) sinken“ könnte zum Beispiel hilfreich sein. Zudem sollte, unter anderem, das „Kreislaufwirtschaftsgesetz sowie die Elektronikschrottverordnung in Deutschland verschärft und auf möglichst alle Branchen und Produktbereiche erweitert werden.“ 

Nur mit Degrowth kann das Ziel des Pariser Klimaabkommens eingehalten werden

In einer kapitalistischen, wachstumsgetriebenen Wirtschaft ist das am weitesten verbreitete Maß für diese Kriterien das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Viele Leute glauben, dass ein höheres BIP einer gleichberechtigteren, glücklicheren, gesünderen und wohlhabenderen Gesellschaft gleichkommt. Immer mehr Menschen stellen diese Definition in Frage. Unendliches Wachstum innerhalb eines endlichen Systems mit endlichen Ressourcen ist grundsätzlich fehlerhaft. 

Der diesjährige Copenhagen Fashion Summit, eine der wichtigsten Veranstaltungen der Branche zum Thema Nachhaltigkeit, stand unter dem Motto „Prosperity vs. Growth”, also „Wohlstand vs. Wachstum“. Der Veranstalter des Summits, Global Fashion Agenda, veröffentlichte letztes Jahr einen Bericht. Dieser ergab, dass die Modebranche, wenn sie ihren aktuellen Weg fortsetzt, ihr im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen festgelegtes Ziel zur Reduzierung der CO2-Emissionen bis 2030 um 50 Prozent verfehlen wird.

Global Fashion Agenda erklärt, dass Unternehmen die Möglichkeit hätten, die aktuelle Wachstumslogik neu zu bewerten und einen systemischen Wandel zu fordern. Die Neugestaltung des Wachstumskonzepts sei eines der größten systemischen Themen unserer Zeit. Traditionelle Konzepte von Wachstum und Wohlstand sollten infrage gestellt werden. Global Fashion Agenda versucht, das anhaltende Streben nach Wirtschaftswachstum herauszufordern und fördert das Verständnis, dass Wachstum nicht auf Kosten des Planeten und der Menschen gehen darf.

Degrowth ≠ Verzicht

Degrowth heißt nicht Verzicht. Im Gegenteil, es kann Unternehmen zu Innovationen und Zusammenschlüssen anregen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Kropfeld, Gossen und Reichel meinen: „Das Geschäftsmodell des Genug ist ein vielversprechender Weg für Unternehmen in Zeiten des Klimawandels und der Bereitschaft von Bürger*innen, sich aktiv für den Schutz der Umwelt einzusetzen und die vorherrschende Konsumkultur kritisch zu reflektieren.“

 

Was denkt ihr? Wollt ihr mehr zum Thema Degrowth wissen? 

Titelbild: Jana Braumüller

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