Die Frauenkooperative Saheli Women zeigt, welche empowernde Kraft Mode hat

Indien ist geprägt von zahlreichen sozialen Normen. Vor allem in ländlichen Gebieten müssen Frauen oft zu Hause bleiben und können so weder Bildung noch Arbeit nachgehen. Im Interview erzählen uns Madhu Vaishnav und Debbie Kirsch, wie sie versuchen Frauen in einem kleinen Dorf in Indien zu empowern und ihnen so zur finanziellen Unabhängigkeit verhelfen.

Indien ist geprägt von zahlreichen sozialen Normen. Grund dafür ist unter anderem das Kastensystem, das die Bevölkerung in verschiedene Gruppen einteilt. Dadurch herrscht eine gewisse Rangordnung, die oft über das Leben in der Gesellschaft entscheidet. So ist es zum Beispiel nicht immer selbstverständlich, dass Menschen aus unterschiedlichen Kasten oder Religionen zusammenarbeiten.

Frauen haben es in diesem System besonders schwer: An die sozialen Normen koppelt sich oftmals eine strenge patriarchalische Gesellschaft, die ihnen zahlreiche Verbote auferlegt. Vor allem in ländlichen Gebieten müssen Frauen oft zu Hause bleiben und können so weder Bildung noch Arbeit nachgehen.

Mit der indischen Frauenkooperative Saheli Women versucht Madhu Vaishnav deshalb diese Normen nicht nur zu hinterfragen, sondern auch zu brechen. Die Organisation bietet Frauen aus verschiedenen Kasten und Religionen einen sicheren Ort und ermöglicht ihnen sich weiterzubilden und als Näherinnen ihr eigenes Geld zu verdienen. Auch gesundheitliche Dienstleistungen spielen eine große Rolle. „Mir war ein holistischer Ansatz sehr wichtig“, erklärt die Gründerin. 

Als sie 2014 in ihr Heimatdorf zurückkehrt, ist sie fest entschlossen, Frauen zu helfen unabhängig zu werden. Monatelang klopfte sie an fremde Türen, in der Hoffnung Frauen zu finden, die bereit wären bei ihrem Projekt mitzumachen. „Saheli Women war die erste Initiative im Dorf. Es war eine sehr seltsame Idee für die Dorfgemeinschaft, denn die Menschen sahen keine Notwendigkeit darin, die Frauen zu empowern“, erzählt Madhu. 

 

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Trotz Skepsis seitens der Gemeinschaft gab sie nie auf. „Ich weiß, wie die Frauen sich fühlen und was sie durchmachen. Auch ich musste sehr hart arbeiten, um jetzt dort zu sein, wo ich bin. Nun möchte ich anderen Frauen, die gleiche Möglichkeit bieten. Sie sollen sich frei bewegen können und ihre Meinung frei äußern dürfen“, erklärt sie. So startete das Projekt mit nur fünf Frauen und 100 Dollar. 

Madhu erzählt, wie schwierig das Leben für Frauen in ländlichen Gebieten sein kann. Schulbildung ist ein Luxus, den sich viele Familien nicht leisten können. „Viele glauben auch, Bildung sei nichts für Frauen. Wenn die Mädchen im Alter von 15 bis 16 zu uns kommen, müssen wir ihnen erstmal das Messen beibringen, denn Meter und Zentimeter kennen sie nicht. Dann bringen wir ihnen Schritt für Schritt das Nähen bei und später das Schneidern an der Maschine. Es ist eine Reise für uns alle!“ Sie ist sehr stolz darauf, was die Frauen in so kurzer Zeit schon geschafft haben. 

Heute schneidern die Frauen für Labels weltweit, darunter auch Zazi Vintage und Savà. Hauptproduzentin ist jedoch die junge Unternehmerin Debbie Kirsch mit ihrem Label Devï. Die Zusammenarbeit entstand 2018, als Debbie ein Praktikum bei Saheli Women absolvierte. „Debbie war ein junges Mädchen aus Luxemburg. Ich kannte das Land gar nicht und musste es erstmal googeln!“, erzählt Madhu lachend. Heute verbindet die Frauen eine innige Freundschaft.

Geeta, Quality Control Managerin bei Saheli Women und Debbie, Gründerin von Devï. © Debbie Kirsch

Mode von Frauen für Frauen

„Ich habe lange nach einem Namen gesucht“, erinnert sich Debbie. „Die Frauen hier beten jeden Morgen zu Devï – das heißt „Göttin“ auf Sanskrit. Für mich sind diese Frauen Göttinnen und ich bete sie an! Da kommt der Name her.“ Virtuell nimmt sie mich mit durch ihren Pop-Up-Store und präsentiert stolz die neue Kollektion. Lange Kimonos, wallende Kleider, bunte Jacken – hergestellt aus alten Saris, Vintage-Stoffen oder fehlerhaften Textilien.

„Das Label ist eine Co-Creation zwischen uns und den Saheli Women. Jeden Schnitt diskutieren wir miteinander, denn auch die Schneiderinnen müssen sich dabei wohlfühlen“, erklärt Debbie. „Wir haben das ganze Label mit den Frauen aufgebaut. Da Devï von ihnen produziert wird, ist es mir wichtig, ihre Geschichte zu erzählen.“ Mit jedem Kleidungsstück bekommen die Kund:innen deswegen ein kleines, gemaltes Porträt der Schneiderin. 

Debbie erinnert sich noch gut an den ersten Tag bei Saheli Women. Da saßen die Frauen im kleinen blauen Haus mitten im Wüstendorf, umgeben von ihren Kindern und Hunden. „Damals haben wir mit einer kleinen Gruppe von 21 Frauen gearbeitet. Heute sind es fast 50“, erzählt sie. 

Mahdu und ihr Team könnten nicht glücklicher sein. „Kunst und Kultur spielen in Indien eine große Rolle. Wir lieben Farben und tragen bunte Kleidung. Ich glaube, deshalb fällt es den Frauen hier auch einfacher, das Nähen zu lernen. Es liegt uns im Blut“, meint sie. „Wir sind glücklich, dass wir Kleidung für Frauen herstellen können und diese quasi weltweit getragen wird.“

Der lange Weg zur Unabhängigkeit

Saheli Women bietet mittlerweile fast 50 Frauen eine Arbeit in der Textil- und Modeindustrie. Doch der Weg dahin war nicht immer einfach, denn der Widerstand lokaler Gemeinschaften ist groß. „Vor allem in ländlichen Regionen ist Veränderung ein schleppender Prozess. Es ist nicht einfach kulturelle Normen zu brechen. Auch heute noch gibt es immer wieder Männer, die Gerüchte über die Frauen verbreiten. Sie wollen ihre Macht nicht verlieren“, erklärt Madhu. 

Viele der Frauen, die bei Saheli Women arbeiten, gehören keinem Kastensystem an und sind so quasi von der Gesellschaft verstoßen. Andere wurden von ihrer Familie rausgeworfen. „Es herrscht der Glaube, dass die Ehefrau dafür verantwortlich ist, wenn der Ehemann stirbt. Die Menschen gehen davon aus, sie habe sich nicht gut genug um ihn gekümmert“, weiß Debbie.

Saheli Women bietet den Frauen einen Zufluchtsort, einen Neustart. Viele von ihnen konnten sich so ihr eigenes kleines Haus leisten und bauen dort nun Obst und Gemüse an. „Andere haben jetzt Kühe und sind in der Milchproduktion tätig. Stamina pays off“, so Debbie.

Während der Pandemie hat sich die Situation für die Frauen noch einmal verändert. „Wir haben eine kurze, übersichtliche Lieferkette. Es sind nur wir und die Näherinnen!“, erklärt Debbie. Unter diesen Umständen konnten sie schnell umstrukturieren und weiter produzieren. Die Frauen  haben angefangen von zu Hause zu arbeiten; Zoom-Calls stehen nun an der Tagesordnung. 

Durch die vielen Aufträge, die während der Pandemie storniert wurden, konnten einige lokale Baumwollproduzent:innen lange nicht weiterarbeiten und somit kein Geld verdienen. „Unsere Frauen konnten jedoch jeden Tag weiternähen – ihr Einkommen war also sicher. Dadurch hat sich ihr Ansehen in der Gemeinschaft nochmal stark verbessert. Nun wollen auch viele andere Frauen bei Saheli Women arbeiten, denn sie sehen, wie sich das Leben der anderen positiv verändert hat“, berichtet Debbie. „Die Frauen, die neu dazukommen, sind anfangs immer etwas ruhiger. Das ist verständlich, denn sie wurden ihr ganzes Leben unterdrückt.“

Textilarbeiterin Bhawari, fotografiert von Debbie Kirsch.

„Das Vertrauen in der Gesellschaft wächst. Die Frauen werden zu richtigen Vorbildern und können jetzt sogar selbst Entscheidungen treffen, auch innerhalb der Familie. Ihre Ehemänner hören ihnen zu“, erzählt Madhu. Sie ist sehr stolz auf „ihre Damen“, die nicht aufgegeben haben. „Ich bin gekommen um sie zu empowern, doch sie haben mich empowert. Zusammen kämpfen wir weiter.“ Madhu plant in den nächsten Jahren ein weiteres Zentrum in einem anderen Dorf aufzubauen. „Ich sehe das hier als eine Art Pilotprojekt. In den letzten Jahren haben wir viel gelernt. Wir wissen nun besser, was funktioniert und was nicht. Das können wir nutzen.“

Während des Interviews setzt sich eine der Näherinnen, Santu, dazu. Madhu stellt sie mir als „Künstlerin der Stickerei“ vor. „Ich bin immer so glücklich, wenn die Frauen bei einem Zoom-Meeting dabei sein können“. Sie strahlt. „Diese Frauen haben gelernt, mit dem Nötigsten zu überleben“, meint Madhu. „Stell dir vor, was sie alles erreichen könnten, wenn sie nur ein bisschen mehr hätten.“

Madhu und Debbie zeigen uns eine andere Seite der Textil- und Modeindustrie in Asien. Es gibt durchaus Produktionsstätten, in denen die Arbeiter:innen fair behandelt werden. „Nachhaltigkeit bedeutet für mich weder Mensch, noch Natur zu schaden“, erklärt Madhu. „Wenn Veränderung in einem kleinen, traditionellen Dorf wie unserem möglich ist – wo wir nur wenig Ressourcen zur Verfügung haben und außerdem noch gegen strenge soziale Normen kämpfen müssen – dann ist Veränderung überall möglich.“

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