„Eine Marke sollte immer die persönliche Beziehung suchen und offen über Probleme sprechen“

Pandemie, Krieg, Energiekrise, Inflation: Wir leben in einer Zeit multipler Krisen, die auch die Fair-Fashion-Branche auf die Probe stellt. Wir sprechen mit Marian von Rappard, Gründer von Dawn, über die aktuellen Herausforderungen und wie man auch als faire Brand dazulernen und besser werden kann – und diese Reise transparent kommuniziert, auch wenn es manchmal weh tut.

Gründer Marian von Rappard im schwarzen Pullover und schwarzer Jeans im Gespräch über existenzsichernde Löhne

Wie fair ist eigentlich die Fair-Fashion-Branche? Wie werden existenzsichernde Löhne berechnet? Und brauchen wir eine Erneuerung des Begriffs „fair“? Über diese Fragen und wie faire Arbeitsbedingungen konkret aussehen können, haben wir letztes Jahr mit dem Modelabel Dawn Denim im Fashion Changers Magazin gesprochen.

Inzwischen liegt ein weiteres Corona-Jahr hinter uns, die Ukraine verteidigt seit Februar gegen den russischen Angriffskrieg, die Energiepreise steigen, die Inflation drückt den Konsum und viele Modemarken, darunter auch viele Fair Fashion Brands, sind von der Insolvenz bedroht. Zeit, um mit Dawn-Gründer Marian von Rappard einzuchecken, wie das Label mit den allgegenwärtigen, multiplen Krisen umgeht.

In der hauseigenen Evolution-Fabrik in Saigon/Vietnam produziert Dawn auch für andere Marken.

Neuer Brand Performance Check: Leader-Status trotz enger Produktionszeitpläne und Überstunden

Seit 2018 ist Dawn Mitglied der Fair Wear Foundation (FWF). Im Rahmen der Mitgliedschaft werden die Arbeitsbedingungen in der eigenen Näherei in Saigon/Vietnam sowie in drei Wäscherei-Subunternehmen unabhängig überprüft. Die Ergebnisse sind im 36-seitigen Brand Performance Check der Fair Wear Foundation öffentlich einsehbar. Bereits zum dritten Jahr in Folge schneidet Dawn hier mit dem besten Score ab. Nachdem das Denim-Brand die letzten zwei Jahre 100 von 100 Punkten erzielt hat, erreicht es dieses Jahr 97 Punkte. Der Grund: Überstunden und eine fehlende Evaluierung der FWF-Mitgliedschaft.

Wir sprechen mit Marian von Rappard, Gründer von Dawn Denim und der vietnamesischen Fabrik Evolution, offen und ehrlich über die aktuellen Herausforderungen, den FWF-Brand Performance Check und wie man auch als faire Brand mit Leader-Status dazulernen und besser werden kann.

Fashion Changers: Letztes Jahr haben wir darüber gesprochen, ob die Fair Fashion-Branche eine Erneuerung des Fairness-Begriffs braucht und welche Rolle die Pandemie dabei spielt. Nun liegt ein weiteres Corona-Jahr hinter uns. Was bedeutet das für Marken und Produzenten?

Marian: Die ersten beiden Corona-Jahre haben, zum Teil, tiefe Gräben geschaffen – zwischen Brand und Produzenten, aber auch innerhalb der Lieferkette. Man muss dazu die Geschäftspraktiken verstehen, die in der Modebranche und anderen produzierenden Gewerbe vorherrschen: Wenn ein Brand eine neue Saison bei seinen Produzenten bestellt, geht die komplette Lieferkette in Vorleistung. Finanziert wird diese Vorleistung zu großen Teilen vom Produzenten. Dieser kauft die unterschiedlichen Materialien ein, koordiniert und bezahlt den Materialversand und zahlt natürlich auch die Gehälter der Arbeiter*innen (innerhalb der Branche als Tier 1 bekannt). Die Fracht vom Produzenten in das Lager der Marke übernimmt dann erstmalig der*die Auftraggeber*in. Die Bezahlung des Auftrages an den Produzenten erfolgt aber viel später. Bis zu 90 Tage nachdem die Ware bei der Marke angekommen ist, wird der Auftrag bezahlt. Die Vorleistung und Vorfinanzierung des Produzenten beläuft sich, beim oben genannten Zahlungsziel, auf ungefähr 130-160 Tage. Im Klartext: der Produzent bekommt den Auftrag, bezahlt, finanziert Materialien und Produktion und bekommt erst 160 Tage später die Bezahlung des Kunden beziehungsweise der Marke. In dieser Zeit hat die Marke das Produkt dann schon verkauft. Oder anders gesagt: Stellt euch vor, ihr geht in ein Café, bestellt einen Kaffee und zahlt den erst nach 160 Tagen.

Und dann wird der bereits zubereitete Kaffee abbestellt…

Genau, durch die Pandemie waren all diese platzierten Aufträge nichts mehr wert. Der Produzent ist in Vorleistung getreten und haftet natürlich innerhalb der Lieferkette. Aufträge werden storniert, von der Marke als nichtig erklärt oder zum Teil nur noch mit riesigen Rabatten akzeptiert. Die Konsequenzen sind eine absolute Katastrophe. Unser Lager ist zum Beispiel voll mit Knöpfen von anderen Marken und Unmengen an Stoffen, die kunden- und produktspezifisch gewebt und gefärbt wurden. Das sind stornierte Aufträge, mit denen ich nichts anfangen kann. Den finanziellen Schaden tragen wir als Produzent und all diejenigen in der Lieferkette, die ebenfalls noch auf bestellten und unbezahlten Materialien sitzen.

In unserem Kaffee-Beispiel heißt das: Der bestellte Kaffee steht jetzt seit 160 Tagen unberührt auf dem Tisch. Du ‚stornierst‘ deinen Kaffee. Bezahlen willst du ihn nicht, er ist ja schließlich kalt. Der Café-Besitzer ist natürlich sauer, möchte potenzielle Kund*innen aber nicht verlieren und hofft, dass sich nicht alle so rücksichtslos verhalten.

Um Überstunden künftig zu reduzieren, hat Dawn die komplette Produktionsplanung überarbeitet

Im aktuellen Brand Performance Check der Fair Wear Foundation steht unter anderem, dass es durch die Stornierungen anderer Marken entweder zu Phasen mit kaum vorhandener Arbeit oder mit hohem Produktionsdruck und Überstunden kam. Welche Lösungen implementiert ihr, um die Produktionsabläufe zu verbessern und Überstunden zu verringern?

Wir haben tatsächlich einiges gemacht: die komplette Produktionsplanung überarbeitet, mehr Transparenz und Kommunikationstools geschaffen, Materialien frühzeitig geblockt, die Anzahl der Verschiffung reduziert, 3D-Design im Entwicklungsprozess implementiert und Verarbeitungsprozesse produktionsfreundlicher gestaltet. Wir sind mit anderen Brands in den Dialog gegangen, um Liefertermine zu entzerren. Das ist alles sehr komplex. Wir probieren verschiedene Ansätze aus und müssen immer wieder aufs Neue feststellen, dass es unglaublich schwer ist, eine ganzheitliche Lösung zu finden. Wir geben aber nicht auf!

Fair Wear Foundation: Leader-Status und Auditierungen während der Pandemie

In der Fair Wear Foundation weisen Leader verantwortungsvolle Einkaufspraktiken auf und demonstrieren Best Practices in komplexen Bereichen wie existenzsichernde Löhne und Vereinigungsfreiheit. Außerdem überprüfen sie kontinuierlich ihre internen Prozesse und ihre Lieferkette und nehmen regelmäßig Verbesserungen und Anpassungen vor.

Auditierungen waren auch im Jahr 2021 angesichts der Pandemie herausfordernd, sodass die Fair Wear Foundation und die Mitgliedesunternehmen auf Auditierungsinstrumente, wie zum Beispiel Beschwerdeberichte, Umfragen und die Befragung lokaler Stakeholder, setzen mussten, die weniger detaillierte Einblicke wie die vergangenen Audit-Berichte geben. Der 2021-Performance-Check von Dawn basiert auf einer Selbsteinschätzung, die von der FWF überprüft wurde.

Was im Performance Check von Dawn steht – eine grobe Zusammenfassung:

Im Produktionsstandort Vietnam gab es 2021 wegen der Pandemie eine dreimonatige Sperre, sodass einige Überstunden unmittelbar vor und nach dem Lockdown anfielen. Um Engpässe zu verhindern, arbeitet Dawn an der Entwicklung neuer Produkte und Kollektionen mit einem besseren Zeitplan. Dabei setzt das Denim Label insbesondere auf Never Out of Stock-Teile, da eine hohe Anzahl an verschiedenen und saisonalen Styles häufig mitverantwortlich für Überstunden ist.

Um sicherzustellen, dass die FWF-Richtlinien in den Fabriken implementiert werden, müssen Mitgliedsunternehmen eine jährliche Evaluierung mit dem Top-Management und den Produktionsstätten durchführen. Aufgrund der Pandemie fand diese Evaluierung 2021 bei Dawn nicht statt.

Was im Fairness-Begriff oft verloren geht, sind unsichtbare Diskriminierungsformen wie Gewalt am Arbeitsplatz. Ihr selbst konntet laut Auditierungsbericht aufgrund der Pandemie 2021 keine Trainings zu geschlechtsspezifischer Gewalt und Gewerkschaftsfreiheit durchführen. Wie kann man in Zukunft sicherstellen, dass diese Themen nicht vernachlässigt werden?

Das kann man leider nicht. Gerade in diesen Zeiten liegt der Fokus des Managements darauf, dass das Unternehmen durch die Krise kommt. Der finanzielle Rahmen wird kleiner und somit auch die Möglichkeiten, Schulungen und Trainings umzusetzen. In einem mehrmonatigen Workshop mit der Fair Wear Foundation erarbeiten wir allerdings gerade neue Wege für eine bessere Kommunikation zwischen Arbeiter*innen und Manager*innen. In Rollenspielen arbeiten wir an neuen Kommunikationspraktiken mit einem Team der Fair Wear Foundation aus Hanoi. Darüber hinaus haben wir kürzlich ein „Communication Committee“ gegründet aus Factory Management, CSR (Corporate Social Responsibility), HR (Human Ressources), Marken- und Gewerkschaftsvertreter*innen. Hier werden monatlich alle Sorgen, Probleme und Fragen der Arbeiter*innen besprochen. Ziel ist es, unsere internen Prozesse zu optimieren und jede Anfrage auch zeitnah zu beantworten.

Also ist dein Tipp die Kommunikation zwischen Marke und Produzent zu stärken?

Ja, absolut. Wichtig ist, dass die Produzent*innen ernst genommen und als wichtiger Bestandteil des Teams wahrgenommen werden. Um dieses Vertrauensverhältnis zu schaffen, bedarf es viel Kommunikation. Eine Marke sollte immer die persönliche Beziehung suchen und offen über Probleme sprechen, aber auch Erfolge teilen und die Produzent*innen von der eigenen Vision überzeugen.

Für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit müssen Produzent*innen als wichtiger Bestandteil des Teams wahrgenommen werden, findet Marian von Rappard.

Und dann ist Corona ja auch nicht die einzige Krise… Wie wirken sich der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, die Energiepreiskrise und die Inflation aus deiner Sicht auf die Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie aus?

Der Druck wird immer größer und die Branche und der Handel werden ‚ungesünder‘. Die großen Unternehmen mit ihrer ‚Marktmacht‘ werden das überstehen. Viele kleine Händler und Boutiquen stehen aber zum Teil vor unüberwindbaren Herausforderungen. Für uns als Produzent und den Rest der Lieferkette bedeutet das, dass wir Sparmaßnahmen treffen müssen und es mit viel Ungewissheit und Planungsunsicherheit zu tun haben.
Wir werden uns zum Jahreswechsel leider von bis zu 15 Mitarbeiter*innen trennen müssen. Gerade letzte Woche haben außerdem fünf Mitarbeiter*innen sogar ihre Kündigungen eingereicht, weil sie gerne die Branche wechseln möchten und die Ungewissheit spüren.

Das klingt hart. Schafft ihr es trotz Krisen und Kündigungen weiterhin existenzsicherende Löhne zu zahlen?

Wir zahlen weiterhin existenzsichernde Löhne. Allerdings mussten wir eine Reihe zusätzlicher Benefits erstmals reduzieren. Seit Corona gibt es keine Massage und Akupunktur mehr, wir haben unsere Vitamin-Bar geschlossen, versichern Arbeitnehmer*innen nur noch mit einer privaten Krankenversicherung und können, außer einem 13. Monatsgehalt, zum ersten Mal keinen zusätzlichen Bonus zum Jahresende zahlen. Trotz existenzsichernder Löhne trifft das die unteren Einkommensgruppen hart, weil sie es über viele Jahre gewohnt waren, vor und nach dem Tet, also dem vietnamesischen Neujahrsfest, einen Bonus zu bekommen. Wir hoffen, dass sich das in Zukunft wieder ändern wird.

Was sind existenzsichernde Löhne?

Unter existenzsichernden Löhnen versteht man einen Lohn, der ausreicht, um einen angemessenen Lebensstandard für eine*n Arbeitnehmer*in und seine*ihre Familie zu gewährleisten. Dabei betragen die Wochenarbeitsstunden nicht mehr als 48 Stunden und der Lohn reicht für die Grundversorgung aus – Essen, Wasser, Unterkunft, Bildung, Gesundheitsversorgung, Transport, Kleidung und Freizeitaktivitäten – und ermöglicht darüber hinaus, Ersparnisse zur Seite zu legen. Existenzsichernde Löhne sind dabei keine Obergrenze, sondern ein Minimum für ein menschenwürdiges Leben.

Es gibt verschiedene Berechnungsmodelle für existenzsichernde Löhne, wie etwas der Europe Floor Wage von der Clean Clothes Campaign oder die Anker-Methode, jedoch keinen übergreifenden und anerkannten Standard. Die Vereinten Nationen schreiben dazu: „[…] ein fehlender Konsens ist keine Entschuldigung für Untätigkeit.“

Übrigens: Die Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen halten fest, dass eine gerechte Bezahlung Teil der unternehmerischen Sorgfaltspflicht ist.

Danke für deine Offenheit. Auch in eurer Kommunikation setzt ihr auf Ehrlichkeit, zum Beispiel mit dem Slogan „Beste Fair Wear Brand und immer noch nicht nachhaltig“. Was genau meint ihr damit?

Mit dem Slogan wollen wir ein bisschen polarisieren. In der Wahrnehmung vieler ist die Nachhaltigkeit von Materialien auch immer mit fairen Arbeitsbedingungen gleichgesetzt. Ein Bio-Baumwoll-T-Shirt kann aber, genau wie das 3-Euro-Polyester-Oberteil, unter den schlimmsten Arbeitsbedingungen zusammengeschustert worden sein.
Andersherum ist es ebenfalls wichtig zu verstehen, dass wir zwar seit drei Jahren den besten Score aller Brands in der Fair Wear Foundation haben. Wir müssen und wollen aber noch so viel machen, um uns selbst als fair oder nachhaltig betiteln zu dürfen. Dies zeigt zum einen, wie viel ‚schlechter‘ viele Brands arbeiten oder aufgestellt sind, zum anderen aber auch unseren eigenen Struggle, die richtigen Botschaften für die öffentliche Wahrnehmung zu senden. Wir möchten ehrliche Botschaften senden und wollen uns gleichzeitig auch unterscheiden zu Marken und Produkten, die diesen Standards nicht folgen. Mir fällt es unglaublich schwer, die richtige Balance zu finden zwischen Marketing und richtiger, wichtiger Information. Manchmal sind wir vielleicht zu brav und wollen falsche Claims einfach nicht benutzen. Ich glaube, dass sich alle, die sich etwas mehr mit uns, unseren Initiativen und Bemühungen beschäftigen, unsere ehrliche Kommunikation wertschätzen. Die Reichweite ist aber bisher noch beschränkt und wir haben den ‚richtigen‘ Weg hier noch nicht gefunden, aber arbeiten daran.

Danke für das offene Gespräch, Marian!

Probleme sichtbar machen

Die gegenwärtigen Krisen stellen die Modebranche auf eine harte Probe. Auch die Fair-Fashion-Branche leidet unter den Folgen der Pandemie und den steigenden Energiepreisen. Damit Arbeitsbedingungen und hiermit zusammenhängende Themen, wie die Debatte um existenzsichernde Löhne, im Krisenmodus nicht vernachlässigt werden, ist es wichtig, die Probleme sichtbar zu machen. Dafür braucht es Brands, wie Dawn Denim, die transparent Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze kommunizieren. So wird letztlich nicht nur das Vertrauensverhältnis in der Zulieferkette, sondern auch zu den Konsument*innen gestärkt.

Wie nimmst du die aktuellen Diskussionen um faire Arbeitsbedingungen wahr?

Fotocredits:

Marian von Rappard (c) Andrea Katheder
alle anderen Fotos (c) Dawn Denim

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.