Ist Minimalismus nur was für Reiche?

Dass es befreiend sein kann seinen Besitz zu minimieren, ist spätestens nach der neuen Netflix-Serie “Aufräumen mit Marie Kondo”bei vielen angekommen. Doch manche gehen noch einen Schritt weiter. Minimalismus nennt sich die etwas radikalere Einstellung, die auch ich seit zwei Jahren umsetze und lebe. Die Besitztümer sehen nicht nur verdammt gut und ordentlich in der Wohnung aus, sondern werden auf das Nötigste reduziert. Viele haben bei einem anstehenden Besuch meiner Wohnung zunächst eines im Kopf: einen weißen, leeren Raum, einen Stuhl und einen Tisch. Oder wie andere meinen, einen weißen Raum voller Designer-Möbel, die sich nur “konsumgelangweilte Gutverdiener*innen” leisten können. Letztendlich sind wahrscheinlich beide Interpretationen ein Fehlschuss.

Es muss nicht alles schwarz und weiß sein, aber natürlich bringt die Reduktion auf das Wesentliche auch eine gewisse Ästhetik mit sich. © Elizabeth Lies/Unsplash.com

Minimalismus kurz erklärt

Minimalismus wird als Gegenbewegung zum Materialismus verstanden und soll dabei helfen, mehr Einfachheit, Klarheit und Freiheit ins Leben zu bringen. In der Nachhaltigkeitsszene etabliert sich der Minimalismus immer mehr, da viele nur noch bewusst das kaufen möchten, was sie wirklichen brauchen. Letztendlich auch eine logische Schlussfolgerung, denn wer massenhaft nachhaltige Produkte konsumiert, hat am Ende auch keinen nachhaltigen Fußabdruck.

Auch ich habe mich vor über zwei Jahren dazu entschlossen minimalistisch zu leben und verschenkte im Studentenwohnheim viele materielle Dinge, die ich nicht benötigte. Die Zahl an materiellen Dingen reduzierte sich enorm. Doch selbst nach mehreren Ausmistaktionen lebte ich nicht in einem völlig leeren, weißen Zimmer. Klar, dass Minimalist*innen, einschließlich mir, keine 10.000 Dinge besitzen, die Durchschnittseuropäer*innen heutzutage horten. (Quelle: Deutschlandfunk)

Aber nur, weil wir weniger Dinge besitzen, gönnen wir uns nicht unbedingt immer die teuersten Designer-Möbel, weil uns das Geld etwas lockerer sitzt. Erst recht nicht, wenn man Student*in ist. Meine Einrichtung ist bis heute wahrscheinlich für viele eher bescheiden. Zwei Schreibtische, ein Bett, ein Holzregal und eine Kleiderstange reichen meinem Mann und mir bis dato aus, um ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Eine Küche und ein kleines Badezimmer teilen wir uns in einer WG mit vier Jungs. Minimalismus braucht also keinen Prunk oder Designer-Möbel, wenn man sich auf das Wesentliche beschränkt. Aber natürlich können wir nicht alle Minimalist*innen in eine Schublade stecken. Jede*r lebt und interpretiert den Lebensstil etwas anders.

Meine Intention minimalistisch zu leben war und ist immer noch, nicht nur mehr Einfachheit, Klarheit und Freiheit ins Leben zu bringen, sondern auch Ressourcen wertzuschätzen und den CO2-Fußabdruck zu minimieren. Und dies kann ich eben nicht ermöglichen, indem ich aufgrund eines neuen Lifestyle-Trends alles neu einrichte und kaufe, sondern mich bewusst für wenig Dinge entscheide, die ich lange benutze.

Auch beim Kaufen von Lebensmitteln werden minimalistische Entscheidungen getroffen. So zum Beispiel der Verzicht auf Umverpackung. © Laura Mitulla

Die Vorurteile des Pinterest-Minimalismus

Tatsächlich entstand der Minimalismus, den wir jetzt von Blogger*innen und Influencer*innen kennen, größtenteils durch den Überfluss an materiellen Dingen. Die ständige Reizüberflutung durch Werbung, der tägliche Aufruf der Medien mehr zu kaufen, damit wir noch schöner und schneller werden, verleitet uns immer mehr Dinge zu kaufen. Und genau diesen Überfluss haben jetzt eben viele satt und lernen nach und nach wieder mit weniger Dingen glücklich zu sein. Weniger, dafür aber nachhaltige(re) Produkte lautet meine und die Devise vieler anderen Minimalist*innen.

Natürlich ist die Entscheidung so zu leben, wie man möchte, immer ein Privileg. Und so ist es auch ein Privileg selber entscheiden zu können, ob man nun minimalistisch leben möchte oder eben nicht. Das kann hier wahrscheinlich niemand bestreiten. Aber ich denke nicht, dass es verwerflich ist, wenn sich Minimalist*innen bewusst entscheiden ihr Geld lieber in verpackungsfreie Bio-Lebensmittel, Fairtrade-Produkte, faire Mode, mehr Gebrauchtes oder eben in ein kleines Tiny House investieren, um Ressourcen und Energie zu schonen und sichere und faire Arbeitsbedingungen zu garantieren. Wenn ich mir selbst als Student*in plötzlich mehr verpackungsfreie Bio-Lebensmittel leisten kann, kann auch bei anderen durch eine Umverteilung des Geldes der minimalistische Lebensstil eine nachhaltige Zukunft garantieren, der nicht nur uns, sondern auch der Umwelt gut tut.

Was mir oft zu kurz gedacht vorkommt, ist die Behauptung, dass Minimalist*innen Selbstdarsteller*innen sein müssen. Denn wie eben erwähnt, geht es vielen Minimalist*innen nicht nur um sich selbst, sondern vor allem um ihre Umwelt. Nicht umsonst verbringen die meisten Minimalist*innen lieber mehr Zeit mit Freund*innen und Familie als in das nächste Kaufhaus zu strömen, um wieder etwas Neues, aber nicht unbedingt Nötiges, zu ergattern.

Die Aussage “Mainstream-Minimalismus ist vor allem eines: Ein Hobby von konsumgelangweilten Gutverdiener*innen” von Silvia Follmann bei Edition F kann ich daher leider so nicht unterschreiben, denn auch Studierende mit nahezu keinem Einkommen und wenig Möbeln können ein minimalistisches und glückliches Leben führen.

Lauras eigenes Zuhause strotzt nicht unbedingt vor Designermöbeln und durchgestyltem Lifestyle. Und doch fühlt man sich von der minimalistischen Ästhetik angezogen. © Laura Mitulla

Sind Minimalismus-Praktizierende also nun Besserverdienende?

In Berlin gibt es monatlich einen Minimalismus-Stammtisch, an dem jede*r teilnehmen kann. Bei diesem Stammtisch unterhalten sich Minimalist*innen oder Minimalismus-Interessierte über Konsum sowie Konsum-Alternativen. Letztes Jahr wollte ich Einblick in diesen Stammtisch erhalten und fühlte mich bestätigt. Der Wunsch eher einem Teilzeitjob als einer Vollzeitstelle nachzugehen, ist nicht nur mein, sondern auch der Wunsch vieler anderen Minimalist*innen. Das Thema Nachhaltigkeit stand oft im Mittelpunkt. Nicht nur der Besitz, sondern auch der ökologische Fußabdruck soll minimiert werden. Mit Tipps und Inspirationen tauschte man sich stundenlang aus. Was mir in Erinnerung bleibt, ist, dass es sich zwar um privilegierte Menschen handelt, die die Überflussgesellschaft satt haben, aber es sich keineswegs durchgängig um Besserverdiener*innen handelt. Und so fühlte ich mich auch an diesem Tag bestätigt, dass das Streben nach dem Wesentlichen nicht die Welt kosten muss.

Empfindet ihr Minimalismus als zu privilegiert für Besserverdienende oder haltet ihr das auch für Quatsch? Habt ihr euch schon mal an dem Lebensstil versucht?

Beitragsbild: © Henry & Co./Unsplash.com 

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