„Labels wie SEVAR zeigen den kulturellen Reichtum Afghanistans. Dieses Land ist mehr als wir aus den Medien kennen.”

Ende 2020 gründeten die afghanisch-deutschen Schwestern Wana und Hila Limar ihr Schmucklabel SEVAR Studios. Es soll eine bereichernde Perspektive Afghanistans fördern und ein Goldschmiede-Ausbildungsprogramm anbieten. Aufgrund der aktuellen Lage in Afghanistan droht das Projekt nun zu scheitern. Warum die Gründerinnen die Hoffnung nicht aufgeben, erklären sie im Interview.

Titelbild Interview Wana und Hila Limar, die beiden im Porträt, daneben ein Telefonhörer

Ganze Generationen kennen Afghanistan nur als Krisengebiet. Die afghanisch-deutschen Schwestern Hila und Wana Limar setzen sich nun dafür ein, eine bereichernde Perspektive Afghanistans zu fördern: Ende 2020 gründeten sie ihr Schmucklabel SEVAR Studios und knüpfen so an die jahrhundertelange Tradition des Goldschmiedens an.

Die Ohrringe werden aus 925 Silber und dem wertvollen Naturstein Lapislazuli, welcher voranging in Afghanistan vorkommt, hergestellt. Im Anschluss werden sie vergoldet. Mit dem Verkauf der Ohrringe und dessen Erlös sollen Frauen in Afghanistan weiter ausgebildet werden und so später selbst Schmuck herstellen können. Doch aufgrund der aktuellen Lage, dem Rückzug des US- und europäischen Militärs und damit der afghanischen Regierung sowie der Machtübernahme durch die Taliban, droht das Projekt nun zu scheitern.

Im Interview erklären Hila und Wana wie es nun weitergeht und wieso sie die Hoffnung nicht verlieren.

Hila und Wana Limar sind die Gründerinnen von SEVAR Studios. Außerdem sind beide bei Visions for Children e.V. aktiv, einem gemeinnützigen eingetragenen Verein, der sich für die Verbesserung der Lernbedingungen und der Bildungsqualität an Schulen in Konflikt- und Kriegsgebieten einsetzt. 

Seit dem Abzug der Truppen im August ist die Lage in Afghanistan sehr angespannt. Was bedeutet das für euer Label SEVAR Studios?

Aufgrund der volatilen politischen Situation in Afghanistan, ist es noch zu früh, diese Frage eindeutig zu beantworten. Obgleich sich die Taliban aktuell gemäßigt geben und verkündet haben, die Entwicklungszusammenarbeit fortführen zu wollen, bleiben ihre zukünftigen Entscheidungen unberechenbar. Unsere Schmuckproduktion für SEVAR kann Gott sei Dank momentan fortgesetzt werden, da der Goldschmied, mit dem wir eng zusammenarbeiten (Name wird aus Sicherheitsgründen nicht genannt), seiner Arbeit nachgehen kann.  

Aber SEVAR ist nicht nur eine Schmuckmarke – es ist auch ein soziales Unternehmen. Wir arbeiten eng mit dem Verein Visions for Children e. V. zusammen, den ich (Hila, Anm. d. Red.) seit über zehn Jahren leite und der sich für verbesserte Bildungsqualität für Kinder in Afghanistan einsetzt. Gemeinsam haben wir uns das Ziel gesetzt, afghanischen Mädchen und Frauen in Kabul ein Goldschmiede-Ausbildungsprogramm zu ermöglichen. 

Dabei sollen die Frauen in ihrer finanziellen Unabhängigkeit und einer selbstbestimmten Zukunft unterstützt werden. Ursprünglich sollte das Ausbildungsprogramm im Herbst dieses Jahres beginnen. Die Finanzierung für das Vorhaben hatte das BMZ zugesagt, doch aufgrund der Geschehnisse in Afghanistan hat Deutschland die staatliche Entwicklungszusammenarbeit eingestellt und damit auch die uns schon zugesagten Projektgelder zurückgezogen. Dadurch ist die Finanzierung des Ausbildungsprogramms in Gefahr geraten. Des Weiteren wird die Umsetzung des Vorhabens durch die noch unklare Gesetzeslage der neuen Taliban-Regierung bezüglich Frauen und Bildung verkompliziert. Trotz allem sind wir aber nicht hoffnungslos, sondern haben auf jeden Fall das Gefühl, dass es weitergehen kann. 

Was müsste denn passieren, damit das Goldschmiede-Ausbildungsprogramm weitergeführt werden kann? 

Das Goldschmiede-Ausbildungsprogramm dient der nachhaltigen Entwicklung des Landes. Um diese zu sichern, fordern wir von der Bundesregierung, dass sie uns bei unserer Arbeit unterstützt. Zum einen finanziell, aber auch in den bilateralen Gesprächen mit den Taliban, in denen die Sicherung der Frauenrechte an die Hilfsgelder geknüpft werden muss. 

Sollte die Bundesregierung bei seiner Entscheidung bleiben und die Gelder vollends zurückziehen, werden wir aber natürlich alles dafür tun, das Ausbildungsprojekt durch private Spenden zu tragen. Hinsichtlich der Gesetzeslage, ob Frauen einer handwerklichen Ausbildung nachgehen können werden, müssen wir abwarten. Die Signale seitens der Taliban deuten darauf hin, dass sie es zulassen werden, doch diesen Aussagen ist nicht vollends zu trauen. Sollte es unserem Goldschmied verboten sein, als Mann junge Frauen in dem Bereich auszubilden, haben wir bereits mit zwei Meister-Goldschmiedinnen in Kabul gesprochen, die die Ausbildung durchführen könnten.  

Wie wichtig sind Unternehmen wie SEVAR Studios und dazugehörige Ausbildungsprogramme in Krisengebieten?

Labels wie SEVAR Studios und das damit verbundene geplante Ausbildungsprogramm können insbesondere in Krisen- und Kriegsgebieten eine wichtige Rolle spielen. So bietet SEVAR einerseits die Möglichkeit, die traditionelle afghanische Handwerkskunst zu würdigen und ein Bewusstsein für deren jahrtausendealte Geschichte sowie den kulturellen Reichtum Afghanistans zu schaffen. 

Traurigerweise ist diese Seite Afghanistans viel zu vielen Menschen überhaupt nicht bekannt, da sich die Berichterstattung über das Land auf Krieg und Terror beschränkt. Das führt zu einer verkürzten Sicht und Vorurteilen gegenüber der afghanischen Bevölkerung. Die Menschen sollen sehen, dass Afghanistan mehr ist, als das, was sie aus den Medien kennen.

Andererseits können Projekte wie das Goldschmiede-Ausbildungsprogramm auch konkret Krisen entgegenwirken, indem die ohnehin im Land vorhandenen Fähigkeiten gefördert werden, um Jobperspektiven zu bieten und die heimische Wirtschaft nachhaltig zu stärken. Dadurch kann auch die weltweite Akzeptanz für den achtbaren Geschäftszweig der Goldschmied*innen steigen. Außerdem fördert eine Berufsausbildung, die explizit jungen Frauen eine fundierte Lehre in einem hoch angesehenen Beruf bietet, deren Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein, was sich wiederum positiv auf ihr Umfeld auswirken kann.

Unternehmen wie SEVAR können also sowohl die ökonomische Lage der Zivilbevölkerung vor Ort nachhaltig verbessern, als auch die festgefahrene Sichtweise der internationalen Gemeinschaft auf ein Land verändern und aufzeigen, dass es Unterstützungsmöglichkeiten gibt. Wir wären sehr froh, sollten wir in Zukunft mehr solcher Initiativen sehen. 

Was können Bürger*innen/Kund*innen tun, damit Initiativen wie das Goldschmiede-Ausbildungsprogramm trotzdem weitergeführt werden können? 

Auch wenn die aktuellen Ereignisse und erschreckenden Bilder lähmend wirken können, ist die afghanische Bevölkerung auf eine nachhaltige Unterstützung angewiesen, die mehr als nur kurze Solidaritätsbekundungen beinhalten muss. Alle können durch ihren Aktivismus zur Verbesserung der Situation beitragen. 

Eine einfache Möglichkeit besteht zum Beispiel im Unterschreiben einer Petition, die Visions for Children e.V. in Deutschland ins Leben gerufen hat, um Druck auf die Regierung auszuüben.  Klassische Geldspenden an Organisationen wie Visions for Children e.V. zur Durchführung der Goldschmiede-Ausbildung sind ebenfalls sehr wertvoll.  Und zu guter Letzt gilt es, die Aufmerksamkeit für die Thematik nicht mit dem Abebben der medialen Präsenz verschwinden zu lassen. 

Wir bitten euch alle, nicht das Interesse zu verlieren. Informiert euch und andere Menschen und schafft Bewusstsein für das Schicksal von Millionen von Menschen, deren Leben sich durch die Machtübernahme der Taliban dramatisch gewandelt hat und wandeln wird. Unterstützt NGOs in ihrer Entwicklungszusammenarbeit, damit die Erfolge der letzten Jahre, darunter ein verbesserter Zugang zu Bildung und zur Gesundheitsversorgung, nicht verloren gehen. 

Hila, Wana – vielen Dank für dieses aufschlussreiche Interview.

Hila (links) und Wana (rechts) tragen Ohrringe von SEVAR Studios. © Lukas Korschan

Was sagt das BMZ dazu?

Wir haben außerdem beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) nachgefragt, wie es nun mit den finanziellen Hilfen für Projekte in Afghanistan weitergeht. Ein Sprecher des Ministeriums hat wie folgt Stellung genommen:

Die staatliche deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit Afghanistan ist seit der Machtübernahme der Taliban Mitte August vorerst ausgesetzt. Derzeit sind die Voraussetzungen für eine Fortführung der Entwicklungszusammenarbeit mit Afghanistan nicht mehr gegeben. Dazu gehören vorrangig die Sicherheit der Mitarbeitenden deutscher Organisationen vor Ort, aber auch die Achtung der Menschenrechte im Land.

Aufgrund der grundlegend veränderten Lage in Afghanistan musste die Bewilligung des Projekts im August leider zurückgezogen werden. Visions for Children ist darüber informiert.

Eine Wiederaufnahme der Projektarbeit ist in der aktuellen Situation nicht absehbar. Wir tun derzeit alles, um die Grundversorgung der afghanischen Bevölkerung sicherzustellen und eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Das BMZ arbeitet dazu eng mit dem Welternährungsprogramm und UNICEF zusammen, die vor Ort mit großem Einsatz dringend benötigte Hilfe leisten.”

Wie ihr Afghanistan und die Menschen vor Ort weiterhin unterstützen könnt

Petitionen

Spenden

Informiert euch

Informiert euch weiterhin über die Lage in Afghanistan. Wir können beispielsweise das Buch „Der längste Krieg von Emran Feroz empfehlen. Der Autor ist selbst fassungslos darüber, dass alles eingetroffen ist, was er in seinem Buch vorhersagt.

Wer doch lieber Videos schaut: Karakaya Talks hat neulich ein Youtube-Video veröffentlicht, in dem unter Anderem auch Hila spricht.

Unterstützt weiterhin andere Aktivist*innen, die unermüdlich über die Situation berichten. Wir empfehlen euch beispielsweise die Instagram-Accounts von:

Vergesst vor allem auch nicht euren Abgeordneten zu schreiben. Hier könnt ihr eure Postleitzahl angeben und direkt eine vorgefertigte Email an die entsprechenden Politiker*innen schicken. Es gilt weiterhin politischen Druck auszuüben.

Titelbild: Lukas Korschan

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