Sevar Studios: „In Krisensituationen können Sozialunternehmen flexibler sein als NGOs”

Seit ihrer Machtübernahme im August 2021 haben die Taliban eine lange und wachsende Liste von Regeln und Richtlinien erlassen, die vor allem Frauen und Mädchen umfassend daran hindern, ihre Grundrechte auszuüben. Freie Meinungsäußerung, Bewegungsfreiheit, Arbeit und Bildung gehören der Vergangenheit an. Wir haben mit den Schwestern und Sozialunternehmerinnen Hila und Wana Limar gesprochen. Im Interview erläutern sie die aktuelle Situation in ihrem Heimatland und erzählen, welchen Einfluss diese auf ihr Schmucklabel Sevar Studios hat.

Titelbild Sevar Studios, zwei Frauen in schwarzer Business Kleidung.

Genau zwei Jahre sind vergangen seit unserem letzten Gespräch mit den deutsch-afghanischen Schwestern und Sozialunternehmerinnen Hila und Wana Limar. Damals stand Afghanistan an der Schwelle einer tiefgreifenden Veränderung – der Abzug des US- und europäischen Militärs und die bevorstehende Machtübernahme der Taliban. Seit jenem kritischen Moment haben die Taliban eine Fülle von Regeln und Richtlinien erlassen, die Frauen und Mädchen in ihren Grundrechten massiv einschränken. Freiheiten, die einst selbstverständlich waren, sind nun nur noch entfernte Erinnerungen. 

Heute teilen Hila und Wana Limar erneut ihre Einsichten in die aktuelle Situation in ihrer Heimat und erklären, wie sich die politischen Veränderungen auf ihr Schmucklabel Sevar Studios auswirken.

Hila und Wana Limar: Unterstützung für Afghanistan durch Sevar Studios

Die Schwestern Hila und Wana Limar sind seit vielen Jahren bei der Non-Profit-Organisation Visions for Children e. V. aktiv – Wana als ehrenamtliche Botschafterin und Hila als Vorstandsvorsitzende und seit 2018 auch hauptamtliche Geschäftsführerin. Der in Hamburg ansässige Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lernbedingungen und -qualität an Schulen in Krisen- und Kriegsgebieten, insbesondere in Afghanistan, zu verbessern. Aus ihrer intensiven Arbeit entstand der Wunsch, den Mädchen dort auch nach ihrem Schulbesuch eine Ausbildungsmöglichkeit zu bieten.

Diese Überlegung führte zur Gründung ihres eigenen Schmucklabels Sevar Studios Ende 2020. Durch die Verbindung zur jahrhundertealten Tradition des Goldschmiedens setzen sie sich dafür ein, eine positive Wahrnehmung Afghanistans zu fördern. Ihr Schmuck verkörpert diesen Wunsch: vergoldetes 925er Silber und kostbarer afghanischer Naturstein Lapislazuli. Der Erlös aus dem Verkauf soll dazu beitragen, Frauen in Afghanistan eine Ausbildung zu ermöglichen und sie so in die Lage zu versetzen, selbst Schmuck herzustellen und damit finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen.

Hila und Wana, welches Bild zeichnet sich aktuell in Afghanistan ab? Welche Erfahrungen und Erlebnisse teilen Freund*innen, Familienmitglieder und Kunsthandwerker*innen mit euch?

Hila Limar: „Die afghanische Bevölkerung befindet sich seit fast zwei Jahren in einem andauernden Warten, Bangen und Hoffen, was auf mentaler Ebene eine extreme Belastung darstellt. In den letzten Monaten wurden wieder neue Dekrete erlassen, die speziell Frauen immer weiter in ihren Rechten und ihrer Autonomie eingeschränkt haben – etwa ein Arbeitsverbot für weibliche Mitarbeiterinnen in NGOs oder ein übergreifendes Schulverbot für Mädchen ab der siebten Klasse

Gleichzeitig gibt es in Verhandlungen und Ankündigungen auch immer wieder Anzeichen, dass diese Verbote rückgängig gemacht werden könnten. Dieser Zustand führt zu einer enormen Unsicherheit. Begleitet wird diese Unsicherheit von der katastrophalen humanitären Krise, die eine Aussichtslosigkeit verursacht. Zwei Drittel der Bevölkerung sind auf humanitäre Unterstützung angewiesen, sie hungern und sind von großer finanzieller Armut betroffen. Die Armut zwingt die Bevölkerung, ihre Habseligkeiten oder sogar Organe oder die eigenen Kinder zu verkaufen. In dieser katastrophalen Situation ist es jetzt umso wichtiger, sichere Einkommensquellen zu schaffen.

© PR, Lukas Korschan für Sevar Studios
© PR, Joanna Legid für Sevar Studios

Wie wirkt sich diese Situation auf euer Schmucklabel Sevar Studios aus?

Wana Limar: „In unserer Arbeit als deutsches Sozialunternehmen, dessen Produktion in Afghanistan stattfindet, sind wir häufig denselben Schwankungen und Unsicherheiten unterworfen wie die afghanische Bevölkerung. Das ist auch für uns enorm frustrierend und demotivierend. Wir machen einen Schritt nach vorne und werden durch äußere – etwa politische oder wirtschaftliche – Umstände um mehrere zurückgeworfen. 

Gerade in dieser kräftezehrenden Phase müssen wir uns immer wieder besonders auf positive Entwicklungen und Anzeichen für Hoffnung fokussieren. Ein wichtiger Fortschritt im letzten Jahr war es, dass wir nun den sicheren Transport der Sevar-Schmuckstücke aus der Werkstatt in Kabul nach Deutschland gewährleisten können. Damit können wir neue Bestellungen in Auftrag geben und die Goldschmiedewerkstatt, in der alle Stücke handgefertigt werden, kann unter anderem dadurch ihren Betrieb aufrechterhalten.”

Letztes Jahr gab es Befürchtungen um das Goldschmiedeprogramm, das Sevar anbietet. Wie sieht es aktuell damit aus?

Hila Limar: „Neben dem Handel fair produzierter Schmuckstücke ist es auch Teil unserer Mission mit Sevar, einer neuen Generation von Schmuckschmied*innen in Afghanistan die Ausbildung zu ermöglichen, sodass sie die jahrtausendealte Tradition weiterführen und mit neuem Leben füllen können. Eine Angst betrifft daher weiter das Ausbildungsprogramm für Frauen zu Goldschmiedinnen, in das die Gewinne investiert werden. Dieses sollte im vergangenen Herbst durch die Nichtregierungsorganisation Visions for Children e.V. in Kabul gestartet werden. Aufgrund des Arbeitsverbots für Frauen in NGOs musste dieses jedoch wieder pausiert werden. Wir stehen weiterhin in engem Austausch mit unseren Partner*innen in Deutschland und Afghanistan, um dafür schnellstmöglich eine Lösung zu finden und die Ausbildung endlich starten zu können.” 

Wie wichtig sind Labels wie Sevar Studios, inklusive des Ausbildungsprogramms, in Krisengebieten? 

Wana Limar: „Enorm wichtig! Sozialunternehmen, die ein wirtschaftliches Geschäftsmodell mit sozialem Impact verbinden, können in Krisensituationen häufig noch flexibler agieren als politische oder gemeinnützige Organisationen. Sie arbeiten häufig direkt mit der lokalen Bevölkerung zusammen und können daher besser und schneller auf ihre Bedürfnisse eingehen. Zudem schaffen sie zum Beispiel durch Handelskooperationen langfristige Lösungen, die Menschen auch über eine akute Krise hinaus unterstützen, um sich ein selbstbestimmtes Leben und neue Perspektiven zu erschließen.”

© PR, Sevar Studios

Gleichzeitig seid ihr von internationalen, politischen Gegebenheiten abhängig. 

Hila Limar: „Im Falle Afghanistans sehen wir, dass die politischen und wirtschaftlichen Sanktionen, die seitens internationaler Staaten gegen die afghanische de facto Regierung implementiert wurden, der Bevölkerung stark schaden. Vor August 2021 stammten über 80 Prozent des Staatshaushaltes aus internationalen Geldern. Diese Unterstützung fiel plötzlich weg und internationale Geldüberweisungen waren für mehrere Monate fast unmöglich. Große Teile der Infrastruktur – wie etwa Logistik – sind beispielsweise komplett zusammengebrochen, da internationale Anbieter das Land verlassen haben und so Exportmöglichkeiten massiv behindert werden. Auch wir konnten monatelang keine neuen Bestellungen in Auftrag geben – dadurch fehlte es der Schmiede an Einnahmen.” 

Was wünscht ihr euch in diesem Zusammenhang?

Wana Limar: „In diesen Situationen sind Sozialunternehmen oder andere, die aktiv bleiben wollen, gezwungen, neue Wege zu erschließen, was extrem viel Kraft kostet und hohe Risiken mit sich bringt. Hier würden wir uns einen stärkeren Support und vor allem Klarheit durch die internationale Gemeinschaft wünschen, damit Lösungen, die sich direkt an die Zivilbevölkerung richten, weiter bestehen bleiben können. Im Falle von Sevar Studios haben wir uns ganz bewusst für die Kreation von Schmuckstücken entschieden, um die afghanische Tradition der Goldschmiedekunst Menschen in Deutschland zugänglich und konkret erfahrbar zu machen. Um zu zeigen, dass Afghanistan so viel mehr ist als Krieg und Krisen. All das ist natürlich nur möglich, wenn auf der anderen Seite Kund*innen und Supporter*innen stehen, die an die Mission der Unternehmen glauben und diese durch ihre Kaufentscheidungen unterstützen und am Leben erhalten.”

Wie können DACH-Bürger*innen und Kund*innen aktuell unterstützen? 

Hila Limar: „Zum einen ist da natürlich die direkte finanzielle Unterstützung durch Spenden an Visions for Children e.V. oder den Kauf von Produkten wie die von Sevar Studios. Darüber hinaus ist es aber auch auf anderen Wegen möglich, Solidarität mit der afghanischen Bevölkerung zu zeigen. Folgt den Social Media Accounts von Sevar und Visions for Children e.V. und teilt Beiträge, die auf die Situation im Land aufmerksam machen. Hört Afghan*innen zu, die sich auf politischer Ebene dafür einsetzen, dass Afghanistan von der internationalen Gemeinschaft nicht vergessen wird.” 

Hila und Wana – vielen Dank für dieses aufschlussreiche Interview.

Wie ihr Afghanistan und die Menschen vor Ort weiterhin unterstützen könnt

SPENDEN

INFORMIERT EUCH

Informiert euch weiterhin über die Lage in Afghanistan. Wir können beispielsweise das Buch „Der längste Krieg” (erschienen im August 2021) von Emran Feroz empfehlen. Der Autor ist selbst fassungslos darüber, dass alles eingetroffen ist, was er in seinem Buch vorhersagt. Gemeinsam mit Hila Limar spricht er außerdem im Podcast „Die Taliban sind zurück” über die letzten 40 Jahre afghanischer Geschichte und wie es zur heute herrschenden Krise kommen konnte. 

Wir möchten außerdem das Buch „Die Löwinnen von Afghanistan” von Waslat Hasrat-Nazimi nahelegen. Durch Gespräche, die sie mit Afghaninnen sowohl lokal als auch im Ausland geführt hat, sowie durch ihre eigenen familiären Erfahrungen, liefert Waslat Hasrat-Nazimi Einsichten in den Widerstand der afghanischen Frauen gegen systematische Unterdrückung. Sie teilt ihre Hoffnungen und Ängste, ihren Mut, Verzweiflung und Kraft. Ein rührendes, kämpferisches und aufklärendes Buch – und eine emanzipatorische Sicht auf die Frauen Afghanistans.

Wer doch lieber Videos schaut: Karakaya Talks hat im August 2021 ein Youtube-Video veröffentlicht, in dem unter anderem auch Hila Limar spricht. Die Journalistin reiste nach der Machtübernahme selbst nach Afghanistan und sprach mit Familienmitgliedern und anderen Afghan:innen dazu, wie sie die Situation im Land erleben – die Reportage ist ebenfalls bei YouTube zu finden.

Unterstützt weiterhin andere Aktivist*innen, die über die Situation berichten. Wir empfehlen euch beispielsweise die Instagram-Accounts von:

Titelbild: © PR, Lukas Korschan für Sevar Studios

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