Cupro – nachhaltige Alternative zu Seide?

Cupro, auch unter den Namen Kupferseide, Kupferfaser, vegane Seide oder dem Markennamen Bemberg bekannt, hat eine lange Geschichte, die bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückreicht. Obwohl seitdem an dieser Faserart geforscht wird, blieb der große Durchbruch bisher aus. Wieso?

In einer Lupe, sieht man ein graues Hemd und das Wort "Cupro" in weißer Farbe auf orangem Hintegrund. Über der Lupe steht "Textilien verstehen"

Fließend, elegant schimmernd und vegan: Cupro, die als nachhaltig deklarierte Alternative zu Seide, taucht immer wieder auf, aber ist nie so ganz da. Die Kleidungsstücke im eigenen Schrank, die aus Cupro hergestellt sind, kann ich leicht an einer Hand abzählen. Trotzdem sehe ich in letzter Zeit vermehrt die Werbung „Cupro – cruelty free and vegan silk“. Was steckt dahinter?

Was ist Cupro?

Cupro ist eine Hybridfaser, die aus einem Abfallprodukt der Baumwollproduktion hergestellt wird. Es hat damit eine natürliche Basis, welche im Anschluss chemisch ausgerüstet wird. Beim Anbau von Baumwolle bilden sich die sogenannten Linter. Das sind kleine Härchen, die sich an den Baumwollsamen bilden und für die weitere Verarbeitung der Baumwolle nicht benötigt werden. Damit zählt Cupro zu den Zellulosefasern (eine ausführliche Beschreibung über weitere Zellulosefasern findet ihr hier). Da der Anbau von Baumwolle sehr viel Wasser und Fläche benötigt, klingt es zunächst sehr überzeugend, die Abfallprodukte von diesem Prozess für eine neue Faser zu nutzen, anstatt sie wegzuschmeißen.  

Linter sind günstig einzukaufen und werden anschließend in einem chemischen Bad gemeinsam mit Kupfersalzen und Ammoniak verbunden, sodass sich eine dickflüssige Masse bildet. Diese Masse wird dann im Anschluss durch ein Sieb gepresst, um Fäden herzustellen. Aus diesen Filamenten wird dann in der weiteren Verarbeitung das Garn hergestellt.

Durch die glatte Oberfläche und einen runden Faserquerschnitt hat Cupro eine sehr weiche und fließende Haptik, die an Seide erinnert – nur eben auf pflanzlich-chemischer statt tierischer Basis. Das finale Produkt zeichnet sich durch die folgenden Eigenschaften aus:

  • sehr leichter, fließender, seidenähnlicher Stoff
  • knitterarm
  • leicht schimmernd 
  • hohe Reißfestigkeit im Vergleich zu herkömmlicher Seide
  • feiner als Viskose

Auch in der Materialpflege ist Cupro relativ einfach zu handhaben. Produkte aus Cupro können im Wollwaschprogramm oder bei Handwäsche gereinigt werden und halten niedrige Hitze beim Bügeln aus.

Trotz all dieser positiven Eigenschaften lag der weltweite Absatz im Jahr 2019 bei weniger als ein Prozent, mit rund 16.000 Tonnen. Gleichzeitig gibt es nur noch einen Hersteller, der Cupro unter dem Markennamen Bemberg vertreibt. Um zu verstehen, wieso sich das Material bisher nicht als vegane Seide durchgesetzt hat, gibt es folgend einen Einblick in die Geschichte dieser besonderen Faser. 

Wie entstand Cupro?

Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wird an der Cupro-Faser geforscht. Der Chemiker Matthias Eduard Schweizer fand heraus, dass sich Cellulose in einem Ammoniak-Kupfer-Gemisch lösen lässt. Seit diesem Zeitpunkt forschten verschiedene Menschen an dem Vorhaben, Fäden aus Cellulose herzustellen.

Dies gelang Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Die entstandenen Fäden wurden zunächst in Glühlampen eingesetzt. Kurze Zeit später folgte die Verwendung als Garn in der Textilindustrie. Entsprechend bildeten sich zwei große Firmen, die Cupro herstellten und vertrieben: J.P.Bemberg und Vereinigte Glanzstoff-Fabriken in Wuppertal. Die Faser hat sich in Europa schnell verbreitet. Während des zweiten Weltkrieges wurde Cupro aufgrund der seidenartigen Eigenschaften für Fallschirme verwendet. Doch im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts wurde immer deutlicher, dass die Herstellung von Cupro für Mensch und Umwelt aufgrund des Einsatzes von massiven Chemikalien extrem schädlich ist. Aus diesem Grund ist die Herstellung von dieser Faser in Deutschland und den USA beispielsweise verboten.

Einsatz von Cupro

Cupro wird klassisch in Bekleidung verwendet, beispielsweise für Innenfutter von Mänteln oder für Kleider, Lingerie und Heimtextilien. Gleichzeitig findet Cupro auch in der textilen Medizintechnik Anwendung, beispielsweise in Form von künstlichen Nieren oder als Einsatz zur Blutfiltration.

Wie und wo wird Cupro heute noch hergestellt?

Es gibt weltweit nur noch eine Firma, die Cupro herstellt: die japanische Firma Asahi Kasei. Durch den weltweit führenden und einzigen Hersteller aus Japan wird Cupro unter dem Namen Bemberg vertrieben. Dies geht auf die oben genannte erste Firma zurück, die Kunstseide in Deutschland herstellte.

Asahi Kasei hat nach eigenen Angaben ein Verfahren entwickelt, dass die Bedürfnisse der Umwelt im Produktionsprozess berücksichtigt. Durch geschlossene Wasserkreisläufe werden die Wirkstoffe fast vollständig zurückgewonnen. Wie die Chemikalien nach dem Prozess entsorgt werden, ist jedoch unklar. Die „Bemberg-Seide“ ist Oeko-Tex zertifiziert und biologisch abbaubar. Es entsteht außerdem kein Mikroplastik, da die Faser zellulosischen Ursprungs ist. Die herstellende Firma wirbt zudem damit, dass die benötigte Energie zu 40 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammt. Zu den konkreten Produktionsstätten liegen keine Informationen vor. 

Ist Cupro denn nun nachhaltig? 

Jein. Cupro wird von Asahi Kasei als einzigartiges Material beworben, gleichzeitig gibt es jedoch ebenso Gründe, wieso die Faser lange vom Markt verschwand und auch heute nur einen Anteil von weniger als einem Prozent ausmacht. Für eine Einschätzung, ob das Material wirklich nachhaltig ist, betrachten wir also im Folgenden die sozialen, ökologischen und ökonomischen Auswirkungen.

Auf den ersten Blick ist Cupro eine recycelte und vegane Faser und bietet deswegen eine tolle Alternative zu Seide. Auch das Argument, dass ein Abfallprodukt aufbereitet und weiterverarbeitet wird scheint sinnvoll, denn uns allen wird allmählich bewusst, dass wir Ressourcen nicht mehr verschwenden können. Auch der Fakt, dass eine Faser hergestellt wird, die der Seide sehr ähnlich ist, aber im Herstellungsprozess keine Tiere tötet, klingt super. Jedoch sind die Umweltbelastungen so extrem, dass die Verwendung von Cupro grenzwertig zu betrachten ist. Auch die fehlenden Informationen zu Auswirkungen auf Arbeitskräfte und der Fakt, dass es schwer ist, inhaltlich fundierte Informationen über Cupro herauszufinden, beeinflussen die Frage, ob Cupro als Material uneingeschränkt zu empfehlen ist.

Umweltskandale

Während des Booms der Kupferseideherstellung in Europa wurden die Auswirkungen der chemischen Belastung schnell klar: Im italienischen Gozzano gelangten seit 1927 Kupfer und Ammoniak-Sulfat der ansässigen Produktion der Firma J.P. Bemberg in den Ortasee. Bereits zwei Jahre später lebten dort keine Fische mehr und er galt als biologisch tot. Daraufhin wurden 1956 Kupferfilter eingesetzt, die zu einer Renaturierung des Sees führten. 

Zu den konkreten gesundheitlichen Auswirkungen von Cuproherstellung auf Arbeiter*innen liegen keine Informationen vor. Bekannt ist jedoch, dass die verwendeten Chemikalien, die für die Produktion von Rayonfasern verwendet werden, unter anderem zu folgenden Gesundheitsschäden bei Arbeiter*innen führen können: Kopfschmerzen, Hautkrankheiten, Muskelschmerzen, Schlaflosigkeit.

Für eine umweltfreundliche Herstellung von Cupro müsste also sichergestellt werden, dass die verwendeten Chemikalien innerhalb der Produktionsstätte in einem geschlossenen Kreislauf genutzt und kontrolliert entsorgt werden. Gleichzeitig müsste sichergestellt werden, dass die Textilarbeiter*innen keinem hohen gesundheitlichen Risiko ausgesetzt sind.

Fazit: take or toss?

Cupro ist eine Faser voller Gegensätze. Wenn sichergestellt ist, dass das Material in einem Prozess gewonnen wird, der Chemikalien und Wasser sorgfältig entsorgt, stellt Cupro eine nachhaltigere Alternative zu Seide dar. Auch die Verwendung von Abfallprodukten und die generellen Fasereigenschaften finde ich super. Dennoch bin ich der Meinung, dass die Umwelteinwirkungen und möglichen gesundheitlichen Auswirkungen auf die Fabrikarbeiter*innen nicht vertretbar sind, nur um ein Kleidungsstück aus einem bestimmten Material zu tragen. Trotz aller positiven Eigenschaften bleibt mir die Frage: Wie nachhaltig kann eine Faser sein, die im Herstellungsprozess so toxisch ist, dass sie in vielen europäischen Ländern verboten ist? 

Wie steht ihr zu diesem Material? Habt ihr Kleidung aus Cupro?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.