Nachhaltige Denim-Produktion: „Transparenz in der Lieferkette ist ein riesiger Faktor“

Die Produktion von Denimstoffen und Jeans ist nicht nur ressourcen-, sondern auch chemikalienintensiv. Wie Armedangels neue Wege findet.

Weniger Wasserverbrauch, weniger Chemikalien, mehr Zirkularität – danach strebt die DetoxDenim Kollektion des Eco Fashion Pioniers Armedangels. Wir haben mit Designerin und Produktmanagerin Sarah Maier über moderne Technologien in der Denimbranche, neue CSR-Strukturen und transparente Kommunikation gesprochen.

Im Gespräch mit: Sara Maier, Product Manager bei Armedangels

Sara Maier hat als Designerin bereits Stationen bei Esprit und Bench hinter sich, bevor sie zum nachhaltigen Label Armedangels wechselte und dort seit über 4 Jahren als Produktmanagerin intensiv mit Denim auseinandersetzt.

Warum liegt euch das Thema nachhaltige Denim-Produktion als Marke besonders am Herzen?

Sara Maier: „Weil hier der größte Bedarf an Veränderung besteht! Die konventionelle Herstellung von Jeans gilt als eines der schmutzigsten Verfahren der Modeindustrie und muss deshalb neu gedacht werden. Vergiftete Böden, verseuchte Flüsse und Unmengen an CO2 sind nur ein paar Beispiele. Von den ungemeinen Folgeschäden für die Gesundheit der Arbeiter*innen und Bewohner*innen rund um die Produktionsstätten mal abgesehen. Uns war klar: Schon im Entwicklungsprozess muss darauf geachtet werden, dass weder eine Gefahr für die Umwelt noch die Menschen besteht. In unserer DetoxDenim Kollektion vereinen wir deshalb innovative und schonende Techniken, um dieses kaputte System neu zu denken. Wir haben uns von Giftstoffen und unnötigen Chemikalien verabschiedet und kommen ganz ohne giftige Düngemittel, synthetische Pestizide und giftige Bleichmittel aus. 

Wie in jedem Fall bleibt aber auch hier Raum für noch mehr Innovation. Um noch zirkulärer zu sein haben wir 2021 unsere CircularDenim Kollektion gelauncht. In der Produktion werden dabei 20 Prozent recycelte Bio-Baumwolle aus eigenen Schnittresten sowie Materialien zweiter Wahl verarbeitet und eine Zero-Waste-Produktion erreicht. Dieses Jahr gehen wir mit RÅ Denim „back to the roots“, denn hier bleibt das Material komplett ungewaschen, es wird also raw verarbeitet. Das spart den aufwändigen Waschprozess und reduziert den C02-Fußabdruck noch weiter.“ 

Detox Denim RÅ! Das bedeutet: Für die Jacke wurde auf die Waschung verzichtet – das spart weitere Ressourcen.
Gilt auch für nachhaltige Jeans: auch ein nachhaltiger Umgang zu Hause ist wichtig!
  1. Seltener waschen: eine Jeans muss nicht ständig gewaschen werden. Manche waschen ihre Jeans fast nie und frieren sie nur ab und zu ein, um Bakterien loszuwerden.
  2. Auch auslüften funktioniert bei Jeans gut als Alternative zum Waschen. Wenn doch gewaschen werden muss: immer auf links drehen, am besten mit geringer Schleuderzahl und bei einer niedrigen Gradstufe (z.B. Einstellung „Pflegeleicht“). Danach lufttrocknen lassen.
  3. Für „raw“ Jeans, also ohne Waschung: erst einmal eintragen und zwar am besten mindestens sechs Monate. So bekommt die Jeans ihren charakteristischen Look – Knickfalten und Tragespuren – und ist ganz nebenbei auch einfach individueller.
  4. Think twice before you buy! Gerade bei einem ressourcenintensiven Produkt wie einer Jeans gilt: nicht überkonsumieren und lieber vor dem Kauf noch einmal reflektieren, ob das neue Teil gebraucht wird und lange gefallen wird.
  5. Muss es neu sein? Jeans secondhand zu kaufen, ist eine gute Option den Ressourcenverbrauch weiter zu reduzieren.
Den Jeansjacken-Klassiker selbst gestalten! Indem man diese Jacke 6 Monate einträgt, bekommt sie charakteristische Tragefalten.

Good to know: Was bedeutet das „detox“ bei Armedangels genau?

In der Produktion der DetoxDenim werden ausschließlich toxikologisch geprüfte GOTS-Chemikalien eingesetzt. Beim Bleichen wird auf Chlor und Kaliumpermanganat verzichtet. Stattdessen kommen schonendere Verfahren wie Laser- und Ozontechnolgie zum Einsatz. Ein funktionierendes Abwassermanagement mit modernen Filtrationssystemen ist außerdem essentieller Teil von „detox“, um Flüsse zu Gewässer zu schützen. Mit diesen Maßnahmen konnte Armedangels den Wasserverbrauch um 40 Prozent und den CO2-Verbrauch um 64 Prozent im Vergleich zu einer konventionellen Jeans einsparen.

Bei euren Denims wollt ihr möglichst viel richtig machen. Perfekt ist aber selten möglich. Hand aufs Herz: wo müsst ihr Abstriche machen?

Sara Maier: „Die Denim Industrie hat sich in den letzten Jahren extrem gewandelt und Lösungen geschaffen, die es uns als nachhaltige Marke leichter macht als noch vor 4 Jahren. Im Bereich Stoffentwicklung steht uns nun ein breites Portfolio zur Verfügung (z.B. Stoffe mit hoher Kreislauffähigkeit). Für die erste DetoxDenim Kollektion hatten wir kaum Auswahl und der Look und die Performance des Stoffes war nicht ansatzweise das, was wir uns gewünscht hätten. Wir mussten erst Partner*innen finden, die für uns neue Stoffe entwickeln, um unseren nachhaltigen und optischen Anforderungen gerecht zu werden. Das gilt ebenso für neue Maschinen, die die richtigen Waschungen gewährleisten sowie deutlich verbesserte Lasertechnologien, um die Hosen beispielsweise aufzuhellen oder die gängigen „used looks“ zu erzielen. 

Der Erfolg unserer DetoxDenim, hat uns sehr geholfen Gehör in der Industrie zu finden. Immer mehr Supplychain-Partner bieten neben ihren konventionellen Produkten jetzt auch nachhaltigere Optionen an. Es ist ein gemeinschaftliches Vorankommen, denn wir als Marke sind genauso angewiesen auf die Expertise der Weber*innen oder Maschinenbauer*innen wie sie auf uns.“ 

Wie sollte sich die Modebranche in Bezug auf nachhaltige Denim-Produktion eurer Ansicht nach weiterentwickeln?

Sarah Maier: „Grundsätzlich wünschen wir uns immer, dass alle Marken sich auf den Weg machen und anfangen Dinge Schritt für Schritt zu verändern. Die Möglichkeiten sind da. Man kann sich nicht mehr hinter fehlenden Alternativen verstecken. 

Es ist wichtig, Verantwortung zu übernehmen und Veränderung in Gang zu bringen. Transparenz in der Lieferkette und das Kennen aller Lieferant*innen ist ein riesiger Faktor, um weiterhin ein hohes Level an Innovation gewährleisten zu können. 

Gerade im Denim-Bereich macht es richtig Spaß die Veränderungen und Fortschritte mitzuerleben und zu nutzen. Große Hebel sind natürlich die Inhaltsstoffe der Materialien, was schon mit dem Anbau auf den Feldern startet. Zum Beispiel wenig bis keine Kunstfasern und ressourcenschonende, recycelte Fasern zu nutzen. Ein weiterer Punkt sind neue wassersparende Färbemethoden, die auch die nachfolgenden Schritte des Finishes mit neuen Technologien begünstigen. Das generelle Finishing, ein riesiger Bereich, bei dem normalerweise viel Chemie zum Einsatz kommt und Wasser verschmutzt wird. Alles, um den Denims ihren Used-Look zu geben.“ 

Trash is a resource!

Armedangels hat ein Takeback-System, bei dem Kund*innen ihre alten, verschlissenen T-Shirts und Jeans einschicken können, die dann bei Partnern in Portugal zerkleinert und zu neuem Armedangels Circular Garn verarbeitet werden. Armedangels testet außerdem gerade die circularity.ID®: mit einem eingenähten NFC-Tag im Ärmel wird die Lieferkette für Kund*innen sichtbar. Gleichzeitig werden intelligente Sortiersysteme für Alttextilsortierung, Wiederverkauf sowie hochwertiges Recycling im realen Umfeld getestet.

Ihr seid ja auch abseits von Denim bereits ein „alter Hase“ in der nachhaltigen Modebranche. Wie hat sich euer Verständnis von Nachhaltigkeit über die Jahre weiterentwickelt?

Sara Maier: „Es gibt viele neue Entwicklungen und wir haben in dieser Zeit unglaublich viel dazugelernt. Unser Verständnis der Branche und der ökologischen und sozialen Verantwortung ist deutlich gewachsen und vielschichtiger geworden. Auf der ständigen Suche nach neuen nachhaltigeren Alternativen haben sich unsere Nachhaltigkeitsanforderungen an unsere Produkte und Lieferketten kontinuierlich erhöht.“

Habt ihr in diesem Prozess auch eure internen CSR-Strukturen angepasst und erneuert?

Sara Maier: „Erst vor Kurzem haben wir unser Corporate-Responsibility-Abteilung vergrößert und den Bereich neu strukturiert. Unser sogenanntes Impact-und-Innovation-Team besteht derzeit aus einer Social-Impact-Managerin und einer Environmental-Impact-Managerin. Der bzw. die Impact- und- Innovation-Director wird die strategische Planung dieses Bereichs übernehmen. Für einen optimalen Austausch wurde eine Impact-Communications-Stelle geschaffen. Sie dient als Schnittstelle zwischen dem Impact-und-Innovation-Team und dem Creative-und-Communications-Team. An dieser Strukturierung haben wir lange gefeilt, denn Corporate Responsibility stellt bei Armedangels das Herzstück aller Entscheidungen und Produkte dar. Es ist unsere DNA, unser Core Value und in alle Geschäftspraktiken integriert.“

Was wünscht ihr euch diesbezüglich von der nachhaltigen Modebranche?

Sara Maier: „Wir finden Nachhaltigkeit allein reicht nicht mehr aus. Gemeinsam müssen wir als Unternehmen der Modebranche Verantwortung übernehmen und Kooperationen bilden. Es müssen intelligente und regenerierende Konzepte geschaffen werden, die die Langlebigkeit der Produkte gewährleisten. Die Fashion-Branche muss grundlegend neu gestaltet werden. Wir brauchen einen größeren Fokus auf zirkuläre Systeme und müssen Prinzipien implementieren, die die Kreislaufwirtschaft vorantreiben. Denn nur wenn wir von Anfang an den Impact auf Mensch und Planet bedenken und verringern, können wir eine bessere Zukunft für die nächsten Generationen gewährleisten.“ 

Und wovon wollt ihr gerne mehr in Bezug auf Reportings und ehrlicher Nachhaltigkeitskommunikation sehen?

Sara Maier: „Uns ist vor allem Transparenz wichtig. Brands sollten offen über ihre Fehler reden und sich diese vor allem auch eingestehen. Es ist niemandem geholfen, wenn man seine Erfahrungen und die daraus hervorgehenden Lösungsansätze nicht offen kommuniziert. Ehrlichkeit spielt dabei eine große Rolle. Als Marke ehrlich zu sein und zu sagen: „Das weiß ich über meine Supply Chain, und das weiß ich vor allem noch nicht“, bringt mehr Klarheit in das Meer an Fehlinformationen und veraltetem Wissen. Die Kommunikation von nachhaltigen Marken muss dem Kunden glaubwürdig erklären, welche Maßnahmen ergriffen werden und wie man sich im Bezug auf aktuelle Geschehnisse noch besser einbringen kann. Erst wenn der Austausch auf Augenhöhe stattfindet, kann man wirklich anfangen gemeinsam Probleme anzugehen.“

 

Vielen Dank für das spannende Gespräch, Sara!

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