„Ökostrom bei einem fossilen Energiekonzern zu beziehen, ist wie ein ‚nachhaltiges‘ Shirt bei einem Fast-Fashion-Anbieter zu kaufen“

Gründe zu Ökostrom zu wechseln, gibt es viele – und einfach ist es noch dazu. Doch worin unterscheiden sich Grünstromanbieter eigentlich, warum ist Ökostrom für die Modebranche so relevant und ist dieser wirklich teurer? Ein Gespräch zwischen Fashion Changers Autorin und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Phoebe Nicette und Florian Henle, Gründer des unabhängigen Ökostromanbieters Polarstern.

Wie es für die großen Fast-Fashion-Riesen zum guten (Greenwashing-)Ton gehört eine „nachhaltige Kollektion“ zu launchen während weiterhin fröhlich neues Plastik verarbeitet wird, ist es für große Stromversorger oft gängig einen Grünstromtarif anzubieten, während weiterhin gegen einen früheren Kohleausstieg lobbyiert wird. Polarstern hingegen ist eines der Energieversorgungsunternehmen, die es wirklich ernst meinen mit der Energiewende – und das seit ihrer Gründung im Jahr 2011. So ist Polarstern nicht nur unabhängig von großen Energiekonzernen und damit weit weg von fossilen Energieträgern, sondern engagiert sich auch aktiv als Projektentwickler für die Energiewende. Eine Privatperson oder Unternehmen bekommt bei Polarstern nicht nur Ökostrom, sondern auch Ökogas. „Das ist etwas Besonderes, weil die meisten anderen Anbieter den Fokus auf Ökostrom legen, dabei entstehen 85 Prozent der CO2-Emissionen von privaten Haushalten durch das Heizen und die Warmwasseraufbereitung“, so Gründer Florian Henle. Im Gespräch spricht er über ganzheitliches Denken im Energiebereich und was es für einen echten Wandel in der Branche braucht.

Florian Henle, Gründer von Ökostrom Anbieter Polarstern.

Phoebe Nicette: „Woher kommt der Ökostrom bei Polarstern und wie treibt ihr die Energiewende in Deutschland voran?“

Florian Henle: „Zunächst einmal kann man sich bei uns auch ganz klassisch für einen Ökostrom- oder Ökogasvertrag entscheiden. Dann liefern wir allen, die einen Strom- oder Gaszähler haben, erneuerbare Energien aus Photovoltaik und Wasserkraft oder eben Wärme aus Biogas. Aber das alleine treibt die Energiewende nicht voran. ‚Einfache‘ Lösungen alleine reichen nicht. Deshalb entwickeln und bauen wir auch Photovoltaik-Anlagen auf Mehrparteiengebäude – das sind sogenannte Mieterstrommodelle – aber auch auf Gewerbedächer. Das Coole daran ist, dass so zwischen 30 und 80 Prozent des vor Ort erzeugten Stroms vor Ort genutzt werden – und auch Wärmepumpen versorgt werden können. Polarstern ist dann der Betreiber der Anlagen, unterstützt bei ihrer Finanzierung und übernimmt die Versorgung. Das sind dann Lösungen für ein ganzes Unternehmen oder ein (Wohn-)Quartier. Also echt ganzheitlich, für Immobilienbesitzende und Firmen vergleichsweise einfach umgesetzt und echte Energiewende-Treiber.“

Phoebe Nicette: „Ihr betont außerdem eure Unabhängigkeit. Warum ist es denn wichtig, Ökostrom von einem unabhängigen Energieunternehmen zu bekommen?“

Florian Henle: „Man kann auch bei McDonalds einen Salat essen, aber die verkaufen trotzdem weiterhin Burger. So ähnlich ist es auch beim Ökostrom. Als unabhängiger Energieversorger arbeiten wir ausschließlich mit erneuerbaren Energien und sorgen dafür, dass die Energiewende auch wirklich vorangetrieben wird. Das ist grundlegend anders als wenn zum Beispiel nur ein bisschen Ökostrom verkauft und trotzdem noch in Kohle investiert wird. Das sind genau die gleichen Gründe, warum es einen Unterschied macht, ob ich jetzt die ‚Ökolinie‘ eines großen Fast-Fashion-Konzerns kaufe oder bei einem nachhaltigen Label, das nichts anderes macht.“

Phoebe Nicette: „Die Analogie zum Modebereich finde ich treffend. Konventionelle Modeunternehmen bieten inzwischen teilweise Kleidungsstücke an, die sich von der Qualität und der Materialauswahl nicht unbedingt von nachhaltigen Modelabels unterscheiden. Wieso also nicht dort kaufen? Das Problem bleibt natürlich, dass man trotzdem ein nicht-nachhaltiges Businessmodell unterstützt. Mal abgesehen von den Arbeitsbedingungen.“

Florian Henle: „Genauso ist es auch bei Energieunternehmen. Wir müssen uns anschauen: Für was steht das Unternehmen? Für welche Art von Wirtschaften? Wie stark treibt das Unternehmen die Energiewende voran oder setzt sogar neue Standards? Wenn man sich mit diesen Fragen beschäftigt, wird nochmal ein großer Unterschied sichtbar. Ein Wandel im Markt erfolgt durch ein neues Wirtschaften und nicht durch eine Portfolio-Erweiterung.“

Phoebe Nicette: „Apropos Modeunternehmen. Die Modeindustrie ist ja sehr geprägt von produzierenden Unternehmen. Wieso ist gerade dann Ökostrom ein wichtiges Thema?“

Florian Henle: „Energie ist ein zentraler Hebel, um Treibhausgasemissionen in jeder Industrie einzusparen, insbesondere in ressourcen- und energieintensiven Bereichen wie auch die Modeindustrie eine ist. Es gibt ja direkte und indirekte Treibhausgasemissionen. Die direkten Emissionen werden vor Ort erzeugt und können direkt dem Unternehmen zugerechnet werden, zum Beispiel einem Büro oder einem Store eines Modelabels in Deutschland. 

Die meisten Fabriken stehen allerdings nicht mehr in Deutschland, sondern im Ausland. In der Modeindustrie fallen etwa 80-90 Prozent der Treibhausgase im Ausland an – das sind die indirekten Emissionen. Wenn man in der Modeindustrie an dem großen Anteil der Emissionen etwas ändern will, muss man also stärker auf die Lieferketten gehen – und darauf achten, wie viele Emissionen beim Lieferanten entstehen.

Es ist letztlich am wichtigsten, dass CO2 eingespart wird. Und da ist Energie der größte und tatsächlich auch der einfachste Hebel. Das ist das Schöne an der Sache. Ich kann einfach einen Ökostrom-Versorger wählen, idealerweise einen, mit dem ich auch noch den Ausbau der erneuerbaren Energien fördere – das ist bei uns der Fall.“

„Technisch gesehen ist es tatsächlich kein Problem zu 100 Prozent auf erneuerbare Energie umzubauen – auch global.“

Phoebe Nicette: „Spannend fand ich dazu einen Bericht des World Economic Forums wie die Lieferketten der Modeindustrie dekarbonisiert werden könnten. Allein der Wechsel auf Ökostrom spart rund 45 Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes entlang der Lieferkette. Weitere 20 Prozent können durch den Wechsel der Quelle der Wärmeversorgung erreicht werden. Das Potenzial für erneuerbare Energien und Ökostrom ist also riesig. Und trotzdem gibt es trotz Lieferkettengesetz noch keine Handhabe, wie man die Energiewende direkt in den Lieferketten unterstützen kann. Es ist vielleicht auch zu viel verlangt, aus Deutschland heraus in anderen Ländern erneuerbare Energieprojekte umzusetzen. 

Florian Henle: „Technisch gesehen ist es tatsächlich kein Problem zu 100 Prozent auf erneuerbare Energie umzubauen – auch global. Es geht vor allem um die Dynamiken in der Lieferkette. Wenn wir dort eine Chance haben wollen, dann muss das indirekt über die Nachfrage passieren. Deutschland ist immer noch ein großer Konsummarkt für Mode. Wenn hier die Nachfrage bei den Lieferanten steigt und die Standards steigen, gibt es auf jeden Fall einen Weg. Aber das Brett ist dick. Das ist mir bewusst.“

Phoebe Nicette: „Damit wären wir auch bei der Verteilung der Verantwortung. Wenn deutsche Unternehmen, die selbst keine Stoffe färben oder Garne spinnen, plötzlich einen Standard haben und sagen: ‚Ich möchte jetzt alles mit erneuerbaren Energien produziert haben, sonst entziehe ich euch den Auftrag‘, ist das Machtgefälle ganz klar. Das kennen wir bereits aus anderen Bereichen in der Modeindustrie. Es heißt dann zum Beispiel: ‚Ich möchte alles kreislauffähig produzieren lassen, aber ich möchte auch, dass mein Produzent alles alleine umstellt und das ganze Risiko trägt.‘ Das ist natürlich ein Problem. Müssen wir hier am Ende nicht auch einen Weg finden, die Umstellung gemeinsam zu tragen?“

Florian Henle: „Da gehe ich wieder auf uns, die Konsumentinnen und Konsumenten, zurück. Wenn wir nicht bereit sind, für diese Zusatzanforderung zu bezahlen, dann wird es nie möglich sein, dies wirklich umzusetzen.“

Phoebe Nicette: „Ich muss da gerade an diesen Vorschlag denken, Bekleidungslabels mit einem Hinweis wie ‚Wurde mit Ökostrom produziert‘ zu versehen. Dann könnten Konsument*innen entscheiden. Aber viele Labels wissen gar nicht, ob in der Fabrik tatsächlich mit Ökostrom produziert wird. In letzter Zeit sind natürlich außerdem die Energiepreise ein großes Thema. Wie siehst du das: Ist Ökostrom wirklich teurer und was können wir gegen zu hohe Strompreise unternehmen?“

Florian Henle: „Bei uns kostet Photovoltaik-Strom 4-6 Cent in der Erzeugung und ist deutlich günstiger als anderer Strom aus fossilen Quellen. Auf dem Energiemarkt setzen allerdings den höchsten Preis immer die fossilen Energieträger. Hätten wir in Deutschland nicht schon einen gewissen Anteil an erneuerbaren Energien im Netz, wären die Strompreise also deutlich höher. Und wenn ich dann noch die Energie selbst vor Ort produziere, zum Beispiel mit einer eigenen Photovoltaik-Anlage, ist sie noch günstiger. Denn dann mache ich mich unabhängiger vom Markt und vom Strom aus dem Netz – und spare mir die Netzentgelte, Abgaben und Umlagen. Auch das macht erneuerbare Energien günstiger als fossile Energien.“

Phoebe Nicette: In den letzten 1,5 Jahren sind die Preise von fossilen Energien aus bekannten Gründen sehr gestiegen. Aber warum ist auch der Preis vom Ökostrom ebenfalls extrem gestiegen?

Florian Henle: „Das Stichwort heißt Merit Order. Wir haben insgesamt mehr Kraftwerkskapazitäten als wir brauchen und es gibt, vereinfacht gesagt, ein Bieterverfahren, wer Strom zu welchem Preis produzieren und verkaufen kann. Das Kraftwerk, das hier den teuersten Preis erzielt, setzt den Preis für alle anderen Kraftwerke. Daher kommt der insgesamte Preisanstieg.“

Ausserdem auf Fashion Changers
Nachhaltigkeit – Markenkern oder Zusatzwert?

Phoebe Nicette: „Schauen wir mal in Richtung Zukunft: Welche Maßnahmen braucht es für eine energieeffiziente und dekarbonisierte Zukunft der Energie- und damit auch der Mode- und Textilbranche?“

Florian Henle: „Es braucht bei Kund*innen, Unternehmen und der Energiebranche vor allem Investitionssicherheit. Es braucht einen Rahmen, in dem investiert werden kann. Dabei rede ich nicht von Subventionen. Erneuerbare Energieanlagen rechnen sich und das wissen die meisten Menschen. Es braucht maximal eine Anschubfinanzierung, für die der Staat eine Sicherheit geben könnte. Noch wichtiger finde ich allerdings, dass es schneller geht und bürokratische Hürden abgebaut werden.

Um Energie einzusparen und mehr Energieeffizienz zu erreichen, braucht es außerdem einen Strommarkt, der viel besser aufeinander abgestimmt und digitalisiert ist. Dann könnten die Verbraucher*innen zum Beispiel per App die Information und damit den Anreiz erhalten, Strom dann zu verbrauchen, wenn sehr viel Grünstrom und dann auch automatisch günstige Energie im Netz ist. So etwas ist aktuell leider noch extrem kompliziert in Deutschland. Hier muss einiges passieren.“

Phoebe Nicette: „Manchmal scheint es so, als würde das große Ganze aus den Augen verloren. Wir haben aktuell einen Solar-Boom in Deutschland und alle Energieunternehmen merken ja, dass es nur noch mit den Erneuerbaren vorwärts geht…“

Florian Henle: „…das kann ich nur unterstreichen. Medial und gesamtgesellschaftlich hat sich teilweise leider ein falsches Framing etabliert. Die Erneuerbaren sind ein riesiges Mammutprojekt für die Gesellschaft und unsere Wirtschaft, aber es ist auch eine Riesenchance für unsere Gesellschaften, die Wirtschaft, Politik und uns alle.“

Phoebe Nicette: „Vielen Dank für das interessante Gespräch!“ 

Über die Autorin

Phoebe ist Unternehmensberaterin und ausgebildete Nachhaltigkeitswissenschaftlerin. Bei Fashion Changers schreibt sie über die Verbindung von Mode und Klima, erneuerbare Energien und andere Umweltfragen. Dabei ist sie sich nicht zu schade dafür, auch die unbequemen Fragen zu stellen. Sie treibt die Suche nach dem “Warum” und vor allem dem “Warum geht das nicht anders?” um. Außerdem ist Phoebe immer wieder als freiberufliche Content Creatorin unterwegs und schreibt seit 2015 über Fair Fashion und Nachhaltigkeit.

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