Shoppen im eigenen Kleiderschrank: Das steckt hinter der Kunst des Wardrobe Styling

Nachhaltiges Styling oder #wardrobestyling wird immer beliebter. Doch was bedeutet das eigentlich? Wie schaffen wir ein neues Bewusstsein für die Kleidung, die wir schon besitzen? Wir haben bei Janine Dudenhöffer nachgefragt. Die Gründerin von The Sustainable Stylist erzählt uns von ihrem Alltag als nachhaltige Stylistin, welche Werte sie an ihre Kund*innen weitergibt und was sie selbst durch ihre Arbeit gelernt hat.

Wardrobe Styling Interview mit Janine Dudenhoeffer

Es ist mal wieder einer dieser Tage: Ich stehe vor dem prall gefüllten Kleiderschrank und habe gefühlt nichts anzuziehen. Zwar arbeite ich nur” aus dem Home-Office, aber auch daheim gibt es Tage, an denen ich – sagen wir mal – fancy aussehen möchte, an denen ich mich in meinem üblichen Outfit (sprich: Pyjama) nicht wohlfühle, an denen ein gutes Styling meinen Tag verschönern würde. Vielleicht stimmt es, was mensch sagt: Kleider machen Leute. Oder genauer gesagt: Kleider machen gute Laune. Insbesondere dann, wenn irgendwie nichts funktionieren will, wenn ich müder bin als sonst, mich besonders fühlen möchte. Oft denke ich dann: „Ich muss dringend mal wieder shoppen gehen.” Am liebsten sofort. 

Kommt euch das bekannt vor? Dann lasst vorerst mal die Finger vom Geldbeutel und schaut euch euren Kleiderschrank genauer an. Ihr seht den Style vor lauter Kleidern nicht? Dann kann euch eine nachhaltige Stylistin beraten. Ich habe letztes Jahr schon einmal über nachhaltiges Styling berichtet. Damals schrieb ich, dass mir die nachhaltige und faire Mode auf den roten Teppichen der Welt fehlte. (Spoiler Alert: Tut es immer noch.)

Shoppen im eigenen Kleiderschrank

Bald geht es für viele wieder los – mit der Uni, der Arbeit, dem Alltag. Und ich weiß, dass viele es vermutlich (noch) nicht lesen wollen, aber bald kommt auch der Herbst. Der Inhalt des eigenen Kleiderschranks wird sich also für viele nach den Sommerferien verändern, vielleicht sogar der eigene Style? Und Kleidung, die mensch bereits besitzt neu zu kombinieren, kann schon mal tricky sein. 

Ich habe mit Janine Dudenhöffer über das Shoppen im eigenen Kleiderschrank gesprochen. Janine ist Personal Stylistin mit Fokus auf verantwortungsvollen Konsum und Gründerin von The Sustainable Stylist, einer Plattform über die sie und ihr Team Kleiderschrankchecks, Personal Sustainable Shopping und Styling anbieten. Bei ihrer Arbeit setzt sie auf ein persönliches Styling-Erlebnis und hilft ihren Kund*innen dabei , ihre Kleiderschränke aufzuräumen und zu erneuern, nachhaltigere Mode zu finden und gedankenlose Einkaufsgewohnheiten zu überdenken. Janines Motto: Nachhaltig shoppen beginnt in deinem Kleiderschrank!” Na, dann mal los.

Janine, worin genau besteht der Job einer Sustainable Stylist*in?

Janine Dudenhöffer: Als Sustainable Stylists helfen wir anderen dabei, das Beste aus ihrer Garderobe herauszuholen, indem wir Vorhandenes aktivieren und neu kombinieren. Mein Team und ich besuchen Menschen in ihrem Zuhause oder digital, bevor wir Kaufempfehlungen für faire oder Secondhandmode aussprechen, falls überhaupt neue Kleidung benötigt wird. Viele Kund*innen glauben, dass sie etwas Neues bräuchten, aber in den meisten Fällen ist dem nicht so. Da sind wir schon eher auf der psychologische Ebene. ,Screenshotte ein Teil oder einen Look, der dir gefällt und versuche ihn aus deinem Schrank nachzustylen’ – das ist einer der häufigsten Tipps, die ich gebe, wenn ich merke, dass viel Ähnliches und vor allem viel Ungetragenes im Schrank hängt.”

Gibt es so etwas wie einen typischen Arbeitstag für dich?

Es gibt einen Rahmen, aber im Endeffekt sieht jeder Tag anders aus. Meine Vormittage kann ich effektiv planen und Online-Schrank-Cheks oder Social-Media-Konzepte umsetzen. Der Freitag ist ein voller Arbeitstag: Da stehen aktuell die Trainings der neuen Stylist*innen sowie Kleiderschrank-Besuche im Raum Berlin/Brandenburg an. Meist sitze ich abends noch zwei Stunden am Laptop, manchmal gehe ich aber auch zu Events. Neulich habe ich überschlagen, dass ich auf eine 40-Stunden-Woche komme – obwohl sich das gar nicht so anfühlt.”

Vor welchen Herausforderungen stehen deine Kund*innen? Und welche Werte versuchst du ihnen durch Wardrobe Styling zu vermitteln?

Mir ist am wichtigsten, dass sie erkennen, wie viel Mühe, Arbeit und Ressourcen in unserer Kleidung stecken. Ziel meiner Arbeit ist es, dass sie wieder zufriedener mit dem werden, was sie bereits besitzen. Hast du mal Passant*innen oder Mitfahrende in den Öffis beobachtet? Die wenigsten sind wirklich bei sich. Ich versuche Menschen anzulächeln, die gerade traurig oder unzufrieden dreinblicken – manchmal hilft’s. Und genau das mache ich auch bei meinen Kund*innen: Ich leiste Hilfestellung für die ersten Schritte hin zu einer Garderobe, die glücklich macht.” 

Die meisten Menschen, die dich aufsuchen, haben sich vermutlich schon mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst oder wollen etwas verändern. Wie leicht oder schwer ist es, das Konsumverhalten von Menschen zu verändern?

Viele meiner Kund*innen finden mich, weil sie Nachhaltigkeit und Styling in die Suchmaschine eingeben oder über Instagram Inhalte oder Empfehlungen auf mein Wirken aufmerksam werden – sie sind also, wie du schon sagst, offen für Veränderung. Aber auch diesen Frauen – es sind zu 99 Prozent Frauen – fällt es schwer, Versuchungen zu widerstehen und den Weg ganz allein zu gehen. Ich bin happy, wenn ich sie als Sustainable Stylistin begleiten oder ein Vorbild sein kann – weil ich das selbst alles durch habe. 

Du bist schon länger als Sustainable Stylistin unterwegs. Wie hat sich die Branche in den letzten Jahren verändert?

Laut einer Studie von Damon Centola (Anm. d. Red: Soziologe an der University of Pennsylvania, USA) können soziale Kipppunkte schon erreicht werden, wenn ungefähr 25 Prozent der Bevölkerung dem Wandel zustimmen. Es gibt international immer mehr Anbieter*innen beziehungsweise Verfechter*innen von Wardrobe Styling – das macht mir Hoffnung.” 

Was hast du selbst durch deinen Job gelernt und wie hat sich deine eigene Beziehung zu Mode verändert?

Ich denke, ich kann andere gut beim Umdenken und anders Konsumieren an die Hand nehmen, weil ich selbst früher trend- und sale-addicted war. Wer mich aus der Zeit als Moderedakteurin kennt, weiß, wovon ich spreche. Seitdem ich mich tiefer mit der Klimakrise beschäftige, habe ich kein einziges Kleidungsstück mehr gekauft! Seit 2019 konsumiere ich ausschließlich Fair Fashion, Secondhand oder leihe Kleidung.” 

Was würdest du unseren Leser*innen gerne mit auf den Weg geben?

Löst euch von Menschen oder Accounts, die Konsum verherrlichen. Investiert die Zeit, die wir bisher in Konsum gesteckt haben, in das Miteinander. Wir können Wohlstand neu definieren:über die Qualität unserer Beziehungen.”

Danke für deine Ehrlichkeit und den Blick hinter die Kulissen des Wardrobe Stylings, Janine.

Titelbild: © Chiara Doveri

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