Warum Kleidung aus 100% Bio-Baumwolle doch Plastik enthalten kann

In der Bekleidungsindustrie kommt Plastik zum Beispiel in Form von (recyceltem) Polyester oder Elasthan zum Einsatz. Doch wie sieht es bei Kleidung aus, die aus 100 Prozent Bio-Baumwolle besteht? Wir klären, warum Kleidung aus natürlichen Rohstoffen oftmals trotzdem Plastik enthält und welche Alternativen es mittlerweile gibt.

The Slow Label, eine Frau mit einem in khakifarbenen T-Shirt und einem beigen Pullover, Womenswear

Plastik ist allgegenwärtig. So kam es im Fashion Changers Magazin schon öfters zur Sprache: Wir erläuterten zum Beispiel die Unterschiede von konventionellem Plastik zu Bioplastik, warum Mikroplastik umweltschädlich ist, und wie viel Chemie in recyceltem Polyester steckt. Diese chemischen Fasern sind so relevant, dass ihr euch im Magazin sogar ein komplettes E-Book zum Thema „recyceltes Polyester“ herunterladen könnt.

Gründe auf Plastik in Kleidung (und auch sonst im Alltag) zu verzichten gibt es also genug. Zum Glück gibt es tolle, natürliche Rohstoffe wie Baumwolle und Leinen am besten biologisch angebaut. Wenn ich von nun an nur noch Kleidung aus 100 Prozent Bio-Baumwolle kaufe, dann helfe ich der Umwelt. Es handelt sich hierbei schließlich um plastikfreie Kleidung, oder? Leider nicht immer, denn Plastik in Baumwollkleidung (oder generell in Kleidung aus natürlichen Rohstoffen) ist ein reales Problem.

100% Baumwolle ≠ Plastikfrei

Wie kann ein Kleidungsstück aus natürlichen Rohstoffen Plastik enthalten? Das Etikett besagt doch, dass meine Bluse aus 100 Prozent Baumwolle ist? Der Teufel steckt hier, wie so oft, im Detail. So kann beispielsweise das Etikett selbst aus Plastik bestehen. Sehr häufig bestehen auch die verwendeten Fäden für Stickereien oder zum Zusammennähen der Einzelteile aus Polyester. Obwohl diese Elemente durchaus Teil des Kleidungsstückes sind, werden sie oft nicht angegeben. So kann ein T-Shirt aus 100 Prozent (Bio-)Baumwolle doch sehr wohl Plastik enthalten!

Das ist problematisch, denn sobald Polyester oder Elasthan verwendet werden, mindern sie die Recyclingfähigkeit des Kleidungsstückes, beziehungsweise machen eine gleichwerte Wiederverwertung gänzlich unmöglich. Ein Extrembeispiel ist dieser Versuch einer Australierin ihre abgetragene Stretch-Jeans zu kompostieren:

Um einem fest gewebten Baumwollstoff wie Denim Flexibilität zu geben, wird Elasthan verwendet. So entsteht eine klassische „Stretch-Jeans“. Welche Menge an Elasthan verwendet wird, könnt ihr euch beispielsweise auf dem Bild oben anschauen. Hinzu kommen sehr wahrscheinlich auch das Etikett und die Fäden, die oftmals selbst aus Polyester bestehen.

Zusätzlich kann Plastik auch im Rahmen der Lieferkette entstehen zum Beispiel als Verpackungsmaterial, um die Rohstoffe und fertige Jeans auf dem Transportweg zu schützen. Plastik kann deswegen wahrscheinlich nie ganz vermieden, aber definitiv eingeschränkt werden.

Plastik in Baumwollkleidung: Geht es auch ohne?

Vor allem im Fair Fashion Bereich gibt es inzwischen immer mehr Marken, die versuchen auf Polyester, Elasthan und Plastik generell zu verzichten. Für diesen Artikel haben wir uns beispielhaft zwei Fair Fashion Labels herausgesucht und gefragt, wie sie auf Plastik in Kleidung verzichten. Zusätzlich beziehe ich mich auf die Informationen der Webseiten der befragten Labels, und habe ebenfalls meinen eigenen Kleiderschrank nach plastikfreien Fair Fashion Alternativen abgesucht.

Das von Unternehmerin, Autorin und Influencerin Madeleine Darya Alizadeh gegründete Label „Dariadéh“ verzichtet beispielsweise vollständig auf die Verwendung von Polyester. Doch das sei nicht immer einfach, gibt sie zu: „Einschränkungen gibt es total viele. Sowohl in Qualität, Verfügbarkeit und Langlebigkeit, aber auch im Design (der Kleidung, Anm. der Redaktion). Dadurch, dass wir auf viele Fasern verzichten, müssen wir auch auf spezielle Styles verzichten. Außerdem gibt es eine große Lücke an Wissen. Dadurch, dass kaum jemand ohne konventionelle Synthetik arbeitet, gibt es viele Erfahrungswerte, die man erst sammeln muss“, erklärt Madeleine.

Welche plastikfreien Alternativen gibt es mittlerweile?

Kann Kleidung aus natürlichen Rohstoffen überhaupt 100 Prozent plastikfrei sein? Wir haben die Einzelteile mal genauer unter die Lupe genommen und festgestellt: Es gibt durchaus Alternativen zu Plastik in Baumwollkleidung.

Faden: Polyester wird aufgrund seiner Langlebigkeit und Reißfestigkeit verständlicherweise als Allzweckfaden angepriesen und sowohl im privaten als auch im unternehmerischen Bereich gerne für die Textilverarbeitung verwendet.

Auch Anna-Laura Kummer, Influencerin und Gründerin von „The Slow Label“, hatte mir vor ein paar Monaten erzählt, wie schwierig es sei Produzent*innen davon zu überzeugen, einen Baumwoll- oder Tencelfaden zum Nähen zu verwenden. So entstand auch die Idee, diesen Artikel zu schreiben. Mit viel Mühe und Arbeit ist es The Slow Label jedoch gelungen, die Produzent*innen umzustimmen, und so werden die Produkte nun mit konventionellen Baumwollfäden genäht. „Wir betiteln uns zwar nicht als plastikfrei, geben aber dennoch unser Bestes, möglichst wenig bis gar kein Plastik zu verwenden”, meint Anna-Laura.

Das Ziel vom Label ist es, einen Tencelfaden zu verwenden und auch hier werden Fortschritte gemacht: „Wir haben Anfang des Jahres einige Tencelgarne getestet. Nach mehrmaligen Wasch- und Nähtests mussten wir feststellen, dass Tencelgarne im Vergleich zu gewöhnlichen Polyestergarnen schneller verfärben, pillen oder reißen. Wir haben gemeinsam mit unserem Garnlieferanten an einer Optimierung des Garns gearbeitet und es geschafft, die Qualität und Langlebigkeit zu verbessern. Die Qualität ist immer noch nicht 100 Prozent da, wo wir sie gern hätten, aber wenn man Nachhaltigkeit bis ins kleinste Detail durchziehen möchte, muss man manchmal Kompromisse eingehen. Wir sind stetig auf der Suche nach noch besseren Alternativen und hoffen, dass Nähgarne aus plastikfreien Materialien in naher Zukunft mit Polyestergarnen mithalten können.”

Dariadéh ist es schon gelungen ausschließlich mit Tencelgarn zu arbeiten, doch auch hier gab es eine große Lernkurve: „Wir verwenden nur Tencelnähgarn. Dieses ist viel ‘rutschiger’ von der Oberfläche und wir hatten den Fall, dass Knöpfe bei vielen Blusen abgefallen sind. Bis wir festgestellt haben: Man kann Knöpfe mit Tencelgarn nicht so annähen, wie man es mit einem Polyestergarn machen würde. Einerseits, weil die Oberfläche glatter ist, andererseits, weil der Faden beim Abschneiden mehr ausfranst. Wir haben dann verschiedene Annähtechniken und Maschinen ausprobiert, um den Fehler zu beheben. Solche Dinge lernt man dann aber erst, wenn man die Erfahrung dazu gesammelt hat”, berichtet Madeleine.

Care Labels: Für die Etiketten, die die Informationen über Stoffzusammensetzung, Produktionsort und Pflegehinweise enthalten, gibt es mehrere Optionen, damit diese nicht mehr aus neuem Polyester hergestellt werden müssen. Die vielleicht einfachste Option ist es, ein Care Label aus recyceltem Polyester einzunähen, wie ich es bei einer Fair Fashion Marke in meinem Kleiderschrank entdeckt habe.

Als ich weiter durch meine Kleidung gegangen bin, ist mir eine weitere Möglichkeit aufgefallen: ein Care Label mit aufgeführten Informationen direkt auf die Innenseite des Kleidungsstückes drucken. Hier besteht jedoch das Risiko, dass Informationen sich mit der Zeit auswaschen und somit verblassen.

Eine dritte Option sind Care Labels aus bedruckter (Bio-)Baumwolle, wie es beispielsweise The Slow Label und einige andere Fair Fashion Marken schon tun.

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Elasthan und Gummibänder: Zur Erinnerung: Elasthan wird verwendet, um Kleidung Stretch und Flexibilität zu verleihen. Dariadéh und The Slow Label verwenden stattdessen ein Garn namens Roica® V550, das biologisch abgebaut werden kann ohne schädliche Stoffe freizusetzen und mit dem Cradle to Cradle Gold Level zertifiziert ist.

Andere Unternehmen versuchen auch in gerippten Materialien komplett auf den Zusatz von „stretchigen” Fasern zu verzichten und stattdessen nur 100 Prozent Baumwolle zu verwenden.

Ebenso werden Gummibänder häufig aus einer Polyestermischung gefertigt, um zum Beispiel bei Hosen auf einen Hosenknopf verzichten zu können. Für einen elastischen Hosenbund kann eine Mischung aus 50 Prozent Naturkautschuk und 50 Prozent Bio-Baumwolle durchaus sinnvoll sein.

Ein Unternehmen kann auch vollständig auf Schnitte verzichten, die Stretch benötigen. Dadurch wird es jedoch schwieriger Kleidung zu produzieren, die möglichst vielen verschiedenen Körpertypen passt.

In meinem Kleiderschrank habe ich aber auch Fair Fashion Unternehmen gefunden, die konventionelles Elasthan bewusst in ihrer Kleidung verwenden. Auch wenn ich diese Entscheidung aus Gründen der Langlebigkeit eines Produktes nachvollziehen kann, wünsche ich mir, dass für diese Kleidungsstücke beispielsweise ein Programm entwickelt wird, mit welchem die abgetragenen Kleidungsstücke sachgemäß recycelt werden können.

Plastikbeutel: Kleidung unabhängig davon, ob es sich um Kleidung aus natürlichen Rohstoffen oder aus Polyester handelt wird oftmals in Plastik verpackt, um beim Transport und bei der Lagerung geschützt zu werden. Plastiktüten können inzwischen zwar aus recyceltem Plastik oder sogenanntem Bioplastik bestehen, doch ihre Produktion ist ressourcenaufwändig und sie sollten deshalb im besten Fall vermieden werden. Ist dies jedoch nicht möglich, sollten sie (und andere Verpackungsmaterialien!) so oft wie möglich wiederverwendet werden, bevor sie im Müll landen.

Vor allem für höherwertige Kleidung lohnt sich hier zum Beispiel die Verwendung eines Staubbeutels, da dieser gewaschen und immer wieder verwendet werden kann: zum Verstauen des Kleidungsstückes oder als Schutz während Reisen. Diese Option habe ich schon bei einigen Fair Fashion Labels gesehen.

Plastik in Baumwollkleidung muss nicht sein

Das Gespräch mit Anna zum Thema Plastikgarn hatte mir damals ganz schön zu Denken gegeben, denn wie soll ich als Konsumentin herausfinden, welches Garn in meiner Kleidung verwendet wird? Die Antwort ist: Nachfragen. So suggerieren wir den Unternehmen ebenfalls, dass ein Umdenken dringend notwendig ist. So wird auch ein möglichst einfaches und flächendeckendes Recycling von Kleidung möglich.

Ich freue mich wieder einmal, dass Fair Fashion Unternehmen hier die anstrengende Pionierarbeit übernehmen, um wirklich zu 100 Prozent plastikfreie Kleidung zu kreieren und zu einem neuen Normal zu machen. Inzwischen gibt es zum Glück schon viele gute Lösungen für die weit verbreiteten „Plastikfallen” in Kleidung, doch diese müssen noch weiter ausgebaut und von vielen Unternehmen umgesetzt werden. Also: Let’s spread the word!

 

Wusstest du, dass Plastik in Baumwollkleidung immer noch ein reales Problem ist?

Titelbild © PR, The Slow Label

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2 Antworten auf „Warum Kleidung aus 100% Bio-Baumwolle doch Plastik enthalten kann“

Danke für diesen tollen Artikel! Das Thema ist super spannend und ich bin gespannt, wie sich die Innovationen rund uns Thema plastikfreie Mode in den kommenden Jahren entwickeln.

Liebe Grüße vom The Slow Label Team <3

Hi liebe Anna-Laura,
Vielen Dank an dich und Phoebe! Toller Artikel und auf jeden Fall ein Thema, über das wir mehr reden müssen. Bin auch super gespannt, wie sich die Textilindustrie diesbezüglich weiterentwickelt.
Viele Grüße von den Fashion Changers!