4 Dinge, die du über (Bio-)Baumwolle wissen solltest

Baumwolle – das ist eines dieser Themen, über die im Netz alle sprechen, aber selten jemand wirklich fundiertes Wissen vorweisen kann.

Das Thema „Bio-Baumwolle versus konventionelle Baumwolle“ lag mir außerdem schon sehr lange auf dem Herzen. Aus diesem Grund habe ich mich auf die Suche nach einem Interviewpartner gemacht, der viel Ahnung und langjährige Erfahrung auf dem Gebiet der Baumwolle hat. Mir war es wichtig, dass wir diesen Nebel um die Baumwolle klar und mit fundiertem Wissen lichten. So habe ich das Unternehmen Gebrüder Elmer & Zweifel GmbH & Co. KG in Bempflingen besucht, um dort Roland Stelzer, der das Unternehmen schon seit vielen Jahren leitet, meine Fragen zu stellen. Wenn man mit Roland Stelzer spricht, merkt man relativ schnell, dass er Ahnung von seinem Gebiet – der Naturfaser Baumwolle – hat. Es liegt ihm, genauso wie mir, am Herzen, das Thema wahrheitsgetreu widerzuspiegeln und keine Geschichten zu erfinden, die sich in einer Schlagzeile gut anhören.

Wir haben uns über die Transparenz von Siegeln unterhalten. Wir haben darüber gesprochen wie es sein kann, dass es auch in Discountern günstige, zertifizierte Baumwollshirts zu kaufen gibt, was es jetzt genau mit dem Wasserfußabdruck von Baumwolle auf sich hat und wie man Baumwolle ohne Herbizide und Pestizide anpflanzen kann. Ich habe in diesem Gespräch unheimlich viel mitnehmen und lernen können. Ich hoffe, ihr könnt das auch.

1. Das große Thema Wasser

Wir müssen jetzt erst einmal alles vergessen, was wir bisher zum Thema „Baumwolle und Wasser“ gehört haben und eine ganz neue Perspektive einnehmen: die, des Farmers.

Baumwolle ist von allen Feldfrüchten (wie zum Beispiel Mais oder Gerste) die, die am wenigsten Wasser braucht. Deswegen wird Baumwolle vor allem in wasserarmen Gegenden angebaut. Klassische Feldfrüchte wie Mais würden noch viel mehr Wasser benötigen, weswegen Landwirt*innen eher zur Baumwolle greifen. Dazu kommt allerdings, dass für die Baumwolle gerade während der Reifezeit ein sehr heißes Klima wichtig ist, um überhaupt wachsen zu können. Ein heißes Klima führt auf ein heißes Anbauland zurück und so wird die Baumwolle eben in Ländern angebaut werden, in denen dieses Klima herrscht. Länder also, in denen sich Landwirt*innen eigentlich immer mit dem Thema „Wassermanagement“ auseinandersetzen müssen.

Baumwolle vs. Bio-Baumwolle

„Auch der Anbau von Bio-Baumwolle benötigt viel Wasser – allerdings ist der Wasserverbrauch niedriger als bei konventionellen Pflanzen.“ (Quelle: Utopia) Das ist eine Aussage, die man im Netz häufig liest. Sie ist aber nicht ganz richtig, weil das so nicht zusammenhängt.

Ursprünglich wurde Baumwolle nur in den Tropen und Subtropen angebaut, in denen es das Jahr über ausreichend regnet. Die steigende Nachfrage nach Baumwolle hat allerdings dazu geführt, dass die Anbaugebiete in Breitengrade ausgeweitet wurden, in denen großflächige künstliche Bewässerung notwendig ist. Bio-Baumwolle hingegen wird hauptsächlich in regenbewässerten Gegenden angebaut. So ist der künstliche Wasserbedarf der Bio-Baumwolle vor allem standortbedingt niedriger.

Das richtige Wassermanagement

Die Baumwollpflanze benötigt nur eine relative kurze Zeit Wasser: zu Beginn ihrer Vegetationsperiode etwa 60 Tage lang, danach nicht mehr. Dieser Zeitraum fällt aber meist in die trockenste Jahreszeit der Anbauländer. Das richtige Anbaugebiet und ein Bauer, der das Know-How für ein richtiges Wassermanagement besitzt, lassen diese Zeitperiode dennoch wasserarm gestalten, ohne dabei Einbüße in der Qualität oder Masse zu verzeichnen. Ein richtiges Wassermanagement bedeutet, dass der Bauer die Felder nicht unkontrolliert flutet, sondern das Wissen besitzt gezielt die Pflanzen über ein System zu bewässern. Neben der Standortwahl spielt also vor allem das Wissen und die Philosophie der Landwirt*innen eine entscheidende Rolle. Lediglich eine unkontrollierte Bewässerung ohne System führt zu einem massiven Wasserverbrauch der Baumwolle.

Was es mit dem Aralsee auf sich hat

Beim Thema Wasser fällt meist auch das Stichwort „Aralsee“. Jede*r kennt diese Bilder, in denen gezeigt wird, wie der Aralsee über die letzten Jahre dramatisch geschrumpft ist. Das liegt daran, dass der Hauptzufluss des Aralsees für die Landwirtschaft in Usbekistan abgeleitet wurde. Natürliche Niederschläge und die Zuflüsse aus Amu-Darja und Syr-Darja, den verbleibenden Zuflüssen, konnten die Wassermengen für die Bewässerung der gigantischen Baumwoll- und Reisfelder nicht ausgleichen. Begonnen wurde dieses Projekt in der Zeit als Usbekistan noch Teil der Sowjetunion war. Ziel Stalins war eine gigantische Expansion des Baumwollanbaus. Außerdem wurden 1953 für die sogenannte „Neulandkampagne“ riesige Steppenflächen durch Bewässerungskanäle für Reis- und Gerste nutzbar gemacht. Auf acht Millionen Hektar wurden Reis und Gerste angebaut, auf drei Millionen Hektar Baumwolle. Schlussendlich haben hier die extreme Profitsucht einer Diktatur gepaart mit Schlampereien im Bau eines unverhältnismäßigen Bewässerungsystems dazu geführt, dass der Aralsee auf etwa 10 Prozent seiner ehemaligen Größe geschrumpft ist.

Heutzutage ist die Gegend um den Aralsee nun so trocken, dass eben nur noch Baumwolle wächst, und keine andere Feldfrucht mehr. Auch hier wird wieder deutlich, dass nicht die Baumwolle an sich ist das Problem ist, sondern der Größenwahnsinn des Menschen und die Unfähigkeit eines funktionierenden und nachhaltigen Bewässerungssystems.

Baumwolle an sich, ist im Vergleich also eine dankbare Feldfrucht, was die Bewässerung angeht. Ihr Wasserfußabdruck wird erst dann so hoch, wenn sich die falsche Standortwahl mit Unwissen der Landwirt*innen und Abhängigkeit von Großkonzernen zusammentut.

2. Das Thema Pestizide

Das richtige Wassermanagement ist auch beim Thema Pestizide unverzichtbar. Konventionelle Baumwolle ist in den letzten Jahren durch massiven Pestizideinsatz aufgefallen.

Herr Stelzer erzählt mir, dass man Baumwolle so bewässern kann, dass auf Pestizide weitgehend verzichtet werden kann. Die Baumwollpflanze wird bei dieser Methode exakt so bewässert, dass sie richtig wächst, gleichzeitig aber nichts Weiteres um sie herum wachsen kann. In sehr trockenen Gegenden wie zum Beispiel in Israel wird diese Technik beispielsweise bereits umgesetzt. Ein intelligentes Bewässerungssystem verhindert also, neben einer enormen Einsparung der verbrauchten Wassermenge, den Einsatz von Pestiziden, da das Unkraut gar nicht erst wachsen kann.

Pestizid-Alternativen

Gefährliche Pestizide können ebenfalls mit dem richtigen Know-How komplett durch alternative und günstigere Methoden ersetzt werden. Beispiele sind: Abschreckpflanzen in Feldnähe; Pflanzen zwischen die Baumwolle sähen, die Schädlinge lieber mögen; fermentierte Blätter eines bestimmten Baumes versprühen, Tierurin verdünnen und sprühen oder Fruchtwechsel. Es gibt viele Möglichkeiten, Schädlinge ohne Pestizideinsatz zu bekämpfen.

3. Mit Bio-Baumwolle kann man sogar höhere Flächenerträge erwirtschaften als mit konventioneller Baumwolle

Herr Stelzer erzählt, dass kaum einer weiß, dass Glyphosat auch als Antibiotika patentiert wurde. Das Verwenden von Glyphosat macht das gesamte Bodenleben kaputt, wie es sich für ein gutes Antibiotika eben gehört. Es laugt die Böden aus und ist nicht zukunftsorientiert oder nachhaltig.

Landwirt*innen hingegen, die ihre Böden gesund halten, garantieren einen konstanten und nachhaltigen Ertrag. Wenn eine kompetente Person am Werk ist, kann so selbst im Bio-Anbau derselbe, wenn nicht sogar höhere Flächenertrag im Vergleich zur konventionellen Baumwolle erwirtschaftet werden. Es ist also eher die Frage nach der Philosophie der Landwirt*innen und nicht ob Bio-Baumwolle oder konventionell Baumwolle angepflanzt wird.

Ich frage, ob es möglich wäre, dass der weltweite Bedarf von Baumwolle durch Bio-Baumwolle gedeckt werden könnte und er bejaht diese Frage energisch. Für ihn ist der Bio-Landbau die einzig zukunftsorientierte Lösung, weil es die einzige Methode ist, Böden nachhaltig, langfristig und wirtschaftlich zu nutzen.

4. Der Textilsiegel-Wahnsinn bei Bio-Baumwolle

„Über die Hälfte der GOTS-zertifizierten Textilien haben das Siegel nicht verdient“. Das ist eine Aussage, die ich so erwartet hatte. (Hier hatte ich bereits meine Meinung zu Siegeln erläutert) Ich musste trotzdem echt schlucken. Wie kann das eigentlich sein?

Die Organisation Textile Exchange sammelt Zahlen, zur weltweiten Produktion von beispielsweise Bio-Baumwolle. Die Zahlen erhält sie über Selbstdeklaration von Landwirt*innen und Marken. Wenn man die Zahlen von verkauften Bio-Baumwolltextilien mit der deklarierten Menge an angebauter Bio-Baumwolle vergleicht, decken diese sich nicht. Auf dem Markt existieren mehr Textilien, die als Bio-Baumwolle deklariert wurden, als überhaupt angebaut wurde.

Bio-Baumwolle beim Discounter

Ich frage Herrn Stelzer, wie es sein kann, dass diese Zahlen nicht zusammenpassen und warum eigentlich große Discounter billige  Shirts aus Bio-Baumwolle anbieten können, die sich preislich nicht von konventionellen T-Shirts unterscheiden. Die Antwort ist deutlich: „Das kann keine richtige Bio-Baumwolle sein.“

Eine Mischung aus Korruption, was die Siegeldeklaration angeht, gepaart mit der Tatsache, dass viele Landwirt*innen nicht richtig bezahlt wurden und die Konfektion billig in Auftrag gegeben wurde, ist wohl die Antwort auf meine Frage.

Der Weltmarktpreis von Bio-Baumwolle

Betrachten wir  die Preisgestaltung des Abnahmepreises von Baumwolle genauer. Der Weltmarktpreis von Bio-Baumwolle ist viel zu niedrig und deckt die Kosten des Anbaus nicht. Das liegt daran, dass in reicheren Ländern wie Spanien, Griechenland oder den USA der Anbau subventioniert wird. Der Fehlbetrag zwischen Weltmarktpreis und eigentlichen Kosten des Anbaus wird durch die Subventionen gedeckt. In ärmeren Anbauländern fehlen diese Subventionen. Diese unfaire Basis wird von Rohstoffkäufer*innen ausgenutzt, um den Preis noch mehr zu drücken.

So kann es außerdem passieren, dass Bio-Baumwolle weit unter dem Weltmarktpreis eingekauft wird – durch Ausnutzen der Preissituation. Ein Käufer hat in den Verhandlungen meist mehr Macht als ein einzelner Farmer. Ein anderes Szenario ist, dass beispielsweise asiatische Einkäufer direkt auf die Höfe der Farmer fahren und die Baumwolle direkt vor Ort weit unter dem Weltmarktpreis aufkaufen. Die einzige Chance der Farmer ist hier eine Kooperative, um als gebündelte Kraft dem Preisdumping entgegenzutreten.

Ist Bio drin wo Bio drauf steht?

Ob am Ende wirklich Bio ist, was in die Spinnerei an Bio-Baumwolle geliefert wird, hängt von der Vertrauensbasis der Landwirt*innen mit dem Unternehmen ab. Es ist ein Leichtes, aus konventioneller Baumwolle „Bio“ zu machen, wenn Raum dafür gegeben wird. Je mehr Zwischenhändler*innen und Sub-Unternehmen zwischen Baumwollfeld und Unternehmen stehen, desto mehr Raum gibt es, Siegel und Zertifikate irgendwoher zu beschaffen. Dazu kommt der interkulturelle Unterschied: Vertrauen, Versprechen und Geld haben in verschiedenen Kulturen verschiedene Stellenwerte. Und in Sachen Transparenz ist Vertrauen das größte Kapital, mit dem richtigen Betrag an Geld natürlich.  Damit ist ein langsamer und über Jahre hinweg laufender Vertrauensaufbau zwischen dem*der Baumwoll-Landwirt*in und dem Textilunternehmen gemeint. Es gilt dabei dem*der Landwirt*in aufzuzeigen, dass ein ehrliches und transparentes Verhältnis für beide Seiten langfristig die einzige und beste Lösung ist. Dabei ist eine faire und richtige Bezahlung meist auf interkultureller Ebene Grundstein für dieses Vertrauen.

Und da sind wir auch wieder bei dem, was ich immer predige. Solange wir blind Siegeln vertrauen und unseren Konsum nur in „grün“ transformieren, um unser schlechtes Gewissen zu bereinigen, werden wir damit leben müssen, dass es irgendwo auf der Welt jemanden gibt, der mit diesem blinden Vertrauen Profit machen will. Erst die Wiederkehr zur Wertschätzung für Produkte wird uns das bringen, wonach wir in den Siegeln suchen. Und Wertschätzung bedeutet in diesem Fall: informieren und abwägen, welchem Unternehmen man sein Vertrauen schenkt.

 

Titelbild: Mia Moessinger/ Unsplash

Franzi wünscht sich nichts Geringeres als Weltfrieden. Und Teil der „Generation Textilingenieure“ zu sein, die sich an dem David-gegen-Goliath-Spiel in der Textilindustrie versucht – in Grün natürlich. Dafür studiert sie auf der schwäbischen Alb Textiltechnologie und teilt ihr Expertinnenwissen auf ihrem Blog Un petit sourire slows down sowie im Radio und auf Vorträgen. Knowledge is Power – Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Konsument das Recht auf einen Blick hinter die Kulissen der Textilindustrie hat, um Kaufentscheidungen eigenständig und gewissenhaft treffen zu können. Ich glaube nicht an Perfektionismus, aber daran ,dass wenn ganz viele Menschen ganz viele kleine Schritte gehen, etwas Großes bewirken können.

Schreib einen Kommentar

Ich akzeptiere die Datenschutzhinweise

X