Wie nachhaltig ist „klimaneutral“ oder „klimapositiv“?

In letzter Zeit fällt immer häufiger auf: Es gibt mehr und mehr Unternehmen oder Produkte, die das Prädikat „klimaneutral“ tragen.

Aktuell gibt es bereits eine Vielzahl an Siegeln: staatlich anerkannt, von unabhängigen Organisationen überprüft oder von einem Unternehmen selbst ausgedacht. Auf welche Zertifizierungen Kund:innen jetzt wirklich achten sollten, um möglichst nachhaltig einzukaufen, kann schon sehr verwirrend sein. Jetzt also auch noch die beliebte Kennzeichnung „klimaneutral“.

Hier drängen sich zwei Fragen auf.
Wenn uns nur noch ein paar Jahre bleiben, um das 1,5-Grad-Klimaschutzziel zu erreichen, sind dann klimaneutrale Produkte und Unternehmen vielleicht ein großer Teil der Lösung? Oder ist es nur eine andere Form von Greenwashing, um Unternehmen und Produkte besser darzustellen?

Klimaneutralität – wie, was, warum?

Um die Sinnhaftigkeit besser beurteilen zu können, ist es erstmal wichtig zu wissen, was klimaneutral bedeutet.

Die Europäische Union definiert Klimaneutralität als die Herstellung eines Gleichgewichtes zwischen den ausgestoßenen Kohlenstoffemissionen und einer Aufnahme dessen aus der Atmosphäre durch Kohlenstoffsenken. Kohlenstoffsenken speichern vorübergehend oder dauerhaft das Treibhausgas Kohlenstoffdioxid. Die bedeutendsten natürlichen Kohlenstoffsenken sind unsere Wälder, Ozeane und Moore.

Bis 2050 wird eine globale Klimaneutralität angestrebt, indem bis zu diesem Zeitpunkt alle Treibhausgasemissionen durch das Schaffen von Senken ausgeglichen werden. Dieses Ziel ist ein von der Wissenschaft ermittelter Richtwert, um die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen zu können, damit viele Orte auf dieser Welt weiterhin bewohnbar bleiben. Das Ziel wurde im Jahr 2015 im Rahmen eines globalen Klimaschutzabkommens – das sogenannte Übereinkommen von Paris – von fast allen Staaten der Welt ausgehandelt und akzeptiert.

Um auf globaler Ebene Klimaneutralität zu erreichen, müssen die Länder ihre Emissionen vollständig kompensieren und damit klimaneutral werden. Damit die Länder klimaneutral werden können, muss insbesondere die nationale Wirtschaft ihre Emissionen kompensieren. Dafür muss jedes Unternehmen klimaneutral werden.

Es gibt verschiedene Zertifizierungen, die ein Unternehmen als klimaneutral anerkennt. Das Prinzip ist wie bereits oben beschrieben: Die Schaffung eines Gleichgewichtes zwischen ausgestoßenen Emissionen und geschaffenen Kohlenstoffsenken.

Wie werden Unternehmen klimaneutral?

Der Zertifizierungsprozess funktioniert bei vielen Anbietern, zum Beispiel TÜV Nord oder climatepartner, ähnlich. Zuerst wird der aktuelle Ausstoß an Kohlenstoffdioxid (CO2) des Unternehmens berechnet. Als zweites werden Maßnahmen getroffen, um den CO2-Ausstoß zu verringern. Was nach diesem Schritt nicht eingespart werden konnte, wird im dritten Schritt ausgeglichen. Dieser Ausgleich erfolgt, indem Kohlenstoffsenken geschaffen werden. Natürliche Kohlenstoffsenken sind zum Beispiel Wälder, Moore oder die Ozeane. Mit dem Anpflanzen von Bäumen und Wiederaufforstung eines Waldes können also Kohlenstoffsenken geschaffen werden und ein Unternehmen kann nicht vermeidbare Emissionen ausgleichen. Als inoffizieller vierter Schritt wird – nach dem Motto: „Tu Gutes und sprich darüber“ – natürlich auch besonders viel Marketing damit betrieben. So weit, so gut.

Mit dem Anpflanzen von Bäumen oder der Wiederaufforstung eines Waldes können Kohlenstoffsenken geschaffen werden, um nicht vermeidbare Emissionen auszugleichen. Foto (c) Greenforce Staffing via unsplash

Klimaneutralität in der Modebranche

Es ist besonders erfreulich zu sehen, dass immer mehr Modelabels versuchen, absolut klimaneutral zu werden. Besonders in der Bekleidungsindustrie, die im Jahr 2,1 Milliarden Tonnen CO2-äquivalente, also die gesamte Menge an ausgestoßenen Treibhausgasemissionen in CO2-Emissionen umgerechnet, ausgestoßen hat, ist es besonders wichtig, dass Unternehmen mit gutem Beispiel vorangehen.

So gleichen Fair Fashion Labels wie zum Beispiel Lanius, Bleed, Armed Angels oder Vaude inzwischen ihre entstandenen Emissionen in einigen Bereichen aus. Doch nicht nur Fair-Fashion-Marken, sondern auch Luxusmarken wie Gucci und Moncler sind als klimaneutral zertifiziert.

Der nächste Schritt: klimapositiv

Erste Unternehmen streben bereits an, klimapositive Produkte zu produzieren oder langfristig als gesamtes Unternehmen klimapositiv zu werden. Das bedeutet, dass die Herstellung ihrer Produkte bzw. das Unternehmenskonzept mehr Ressourcen bindet als in erster Linie ausgestoßen werden. Eine allgemeingültige Definition und auch ein Zertifizierungsprozess wurden bis zur Veröffentlichung dieses Artikels noch nicht entwickelt.

Warum ist das Ausgleichen von Emissionen, insbesondere von CO2, nicht unbedingt nachhaltig?

Wenn entstandene Emissionen ausgeglichen werden, kann das erstmal als etwas Positives gewertet werden. Die wichtigere Frage ist jedoch: Warum werden die kompensierten Emissionen in erster Linie verursacht?

Hier steckt, wie so oft, der Teufel im Detail. Im Rahmen der Zertifizierung als klimaneutrales Unternehmen, sollen Unternehmen zuerst vermeidbare Emissionen abschaffen. Doch wie ernsthaft wird der Vermeidungsansatz vorangetrieben? Durch den Umstieg von konventioneller auf biologische Anbauweisen werden nicht nur CO2, sondern auch viele andere Treibhausgase eingespart. Warum werden dann nicht biologisch hergestellte Produkte als klimaneutral zertifiziert?

Emissionsausgleich als Ablasshandel

Gerne wird die Kompensation von Emissionen als eine weitere Form des Ablasshandels kritisiert. Durch das Ausgleichen von Emissionen „kaufen“ wir uns also von unseren „ausgestoßenen Sünden“ frei. Ein beliebtes Beispiel hierfür sind Flugreisen.

Auf der einen Seite stellt sich zurecht die Frage, warum ein Brennstoff aus fossilen Energieträgern das Zertifikat „klimaneutral“ überhaupt erhält. Der Begriff des Greenwashings passt hier mehr als gut. Auf der anderen Seite können wir es auch gutheißen, dass ein Konzern, der mit fossilen Geldträgern (noch) sein Geld verdient, versucht, dieses in nachhaltigere Bahnen zu lenken. Doch warum erhalten Unternehmen, die mit fossilen Energien ihr Geld verdienen, dasselbe Zertifikat wie nachhaltige Modekonzerne, die wirklich nur die nach aktuellem Kenntnisstand nicht vermeidbaren Emissionen kompensieren?

Was in dieser Betrachtung nicht vergessen werden darf: Mit der Vergabe und regelmäßigen Überprüfung von Zertifikaten wird viel Geld verdient. Dadurch können sich zumeist kleinere Unternehmen oft keine Zertifizierung als beispielsweise klimaneutrales Unternehmen leisten, obwohl sie alle Kriterien erfüllen. Die Debatte ist vielschichtig.

Ernsthafte, klimaneutrale Bestrebungen lassen sich an der Ganzheitlichkeit erkennen

Alle fangen mal klein an. Auch jedes Unternehmen. Darum ist es wichtig, sich anzuschauen, ob eine Firma nur einzelne als klimaneutral zertifizierte Produkte entwickelt hat oder zum Beispiel das komplette Headquarter klimaneutral ist. Wird nur kompensiert oder wird ein ganzheitlich nachhaltiger Ansatz angestrebt? Wird auf Kurzstreckenflüge verzichtet und wird das Headquarter bereits mit Ökostrom betrieben? Das alles macht einen immensen Unterschied.

Inzwischen gehen erste Modeunternehmen einen Schritt weiter: Vaude und Gucci streben an, entlang der gesamten Wertschöpfungskette klimaneutral zu werden. Klimaneutralität entlang der kompletten Wertschöpfungskette ist wichtig, da ein großer Teil der Emissionen im Bekleidungssektor bei der Produktion entsteht und nicht im Headquarter. Im besten Fall werden noch die Emissionen berücksichtigt, die Konsument:innen beim Tragen und Waschen von Kleidung verursachen. Nur dadurch kann das im Pariser Abkommen vereinbarte Ziel der Klimaneutralität erreichen.

Warum die Reduktion von CO2-Ausstoß im Fokus stehen sollte

Der letzte, und für mich wichtigste, Punkt: Ausgleichsmaßnahmen können schiefgehen. Gepflanzte Bäume wachsen eventuell nicht an oder können gar abbrennen. Das Aufforsten von Mooren kann schiefgehen. Die weiterhin gängige und ethisch sehr fragwürdige Praxis der Ausgleichsmaßnahmen in Regionen im globalen Süden, zum Beispiel besonders emissionsarme Öfen oder Biogasanlagen, haben unter Umständen keinen Nutzen für die betroffenen Menschen. Es ist also nicht garantiert, dass die Kompensationsmaßnahmen funktionieren. Deshalb ist es umso wichtiger, die Emissionen überhaupt nicht im ersten Schritt entstehen zu lassen.

Acht Prozent des weltweiten CO2-Verbrauchs geht auf das Konto der Bekleidungs- und Schuhindustrie.
Acht Prozent des weltweiten CO2-Verbrauchs geht auf das Konto der Bekleidungs- und Schuhindustrie. Das ist mehr als der gesamte Flug- und Schiffsverkehr zusammen.
Foto (c) Veeterzy via unsplash

Unternehmen können sich nicht grün kompensieren

Kein Produkt und keine Dienstleistung kann ohne den Einsatz von Emissionen produziert werden. Grundsätzlich ist es als Schritt in die richtige Richtung anzuerkennen, wenn ein Unternehmen sich dazu entschließt, die verursachten Emissionen zu kompensieren. Den Unterschied macht hier jedoch, wie ernsthaft ein Unternehmen die Themen des Umwelt- und Klimaschutz nimmt.

Das Siegel als klimaneutrales Unternehmen bedeutet, dass die entstandenen Emissionen durch Kohlenstoffsenken ausbalanciert wurden. Es gibt nicht direkt Auskunft über die Nachhaltigkeitsansätze oder sozialen Standards des Unternehmens. Wenn ein Unternehmen keine weiteren Maßnahmen unternimmt, keine genauen Auskünfte darüber gibt, in welche Ausgleichsprojekte investiert wurde und auch sonst keine weiteren Informationen vorhanden sind, dann klingt es sehr stark nach Greenwashing.

Wenn ein Unternehmen sich jedoch verstärkt für den biologischen und sozialverträglichen Anbau seiner Rohstoffe einsetzt, zum Beispiel Baumwolle, Lebensmittel und Öle oder an einer möglichst nachhaltigen Verpackung arbeitet, ist das ein Zeichen dafür, dass dieses Unternehmen ernsthaften Umwelt- und Klimaschutz betreiben. Eine transparente Kommunikation ist auch hier wichtig. Nur Emissionen, die innerhalb der Möglichkeiten des Unternehmens nicht vermieden werden können, sollten auch ausgeglichen werden. Alles andere ist Greenwashing. 

Konsument:innen sollten nicht annehmen, dass ein Produkt mit einem nachhaltig aussehenden Siegel auch die beste Wahl für Umwelt und Klimaschutz ist. Auch hier gilt wieder: Transparency is key.

Echte, klimaneutrale Bemühungen erkennen

Einfach im Internet nach Unternehmen und Name des Siegels oder auch dem Begriff „nachhaltig” suchen. Wirken die Informationen und Werbeversprechen auf der Website oder in Interviews des Unternehmens nicht konkret oder zu schön um wahr zu sein, ist das ein Indiz besser nach einer anderen Möglichkeit oder Alternative zu suchen. Diese oberflächliche Recherche kostet meist nur ein paar Minuten und kann daher auch schnell mal zwischendurch gemacht werden. Der Kauf eines Produkts kann so mit einem besseren Bauchgefühl und informierten Entscheidungen getroffen werden.  

Credits:
Beitragsfoto (c) Noah Buscher via unsplash

Phoebe ist sich nicht zu schade dafür, auch die unbequemen Fragen zu stellen. Auf der Suche nach Antworten, ist sie vom Wirtschaftsstudium in die Welt der Nachhaltigkeit gestolpert. Aktuell kann sie ihren Wissensdurst im Masterstudium der Nachhaltigkeitswissenschaften stillen und teilt Gelerntes, interessante Nachhaltigkeitsfakten und ganz viel faire Outfitinspirationen auf YouTube, ihrem Blog, Social Media und natürlich im echten Leben. Was unsere Kleidung mit dem Klima zu tun hat und wie wir darauf Einfluss nehmen können, darüber wird sie uns im Fashion Changers Magazin mehr erzählen.

Schreib einen Kommentar

* Ich akzeptiere die Datenschutzhinweise

X