Warum „klimaneutral“ nicht unbedingt „nachhaltig“ bedeutet

Immer mehr Unternehmen werben mit Klimaneutralität. Doch was steckt dahinter? Wie werden Unternehmen klimaneutral?

Im Juni 2021 verabschiedete das EU-Parlament das neue Klimagesetz, das die Klimaneutralität für 2050 rechtsverbindlich macht. Es fällt auf, dass immer mehr Unternehmen oder Produkte, das Prädikat „klimaneutral“ tragen. Ein Prädikat, das zunehmend verwirrt.

Wenn uns nur noch ein paar Jahre bleiben, um das 1,5-Grad-Klimaschutzziel zu erreichen, sind klimaneutrale Produkte und Unternehmen vielleicht Teil der Lösung, oder besser noch – die Lösung? Oder ist es nur eine andere Form von Greenwashing?

Was bedeutet Klimaneutralität?

Um die Sinnhaftigkeit besser beurteilen zu können, ist es erstmal wichtig zu wissen, was klimaneutral bedeutet.

Was bedeutet Klimaneutralität?

Die Europäische Union definiert Klimaneutralität als die Herstellung eines Gleichgewichtes zwischen den ausgestoßenen Kohlenstoffemissionen und einer Aufnahme dessen aus der Atmosphäre durch Kohlenstoffsenken.

Als Kohlenstoffsenke wird ein natürliches Reservoir bezeichnet. Diese speichert vorübergehend oder dauerhaft das Treibhausgas Kohlenstoffdioxid. Die bedeutendsten natürlichen Kohlenstoffsenken sind unsere Wälder, Ozeane und Moore.

Bis 2050 wird eine globale Klimaneutralität angestrebt, indem bis zu diesem Zeitpunkt alle Treibhausgasemissionen durch das Schaffen von Senken ausgeglichen werden. Dieses Ziel ist ein von der Wissenschaft ermittelter Richtwert, um die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen zu können, damit viele Orte auf dieser Welt weiterhin bewohnbar bleiben. Das Ziel wurde im Jahr 2015 im Rahmen eines globalen Klimaschutzabkommens – das sogenannte Übereinkommen von Paris – von fast allen Staaten der Welt ausgehandelt und akzeptiert.

Um auf globaler Ebene Klimaneutralität zu erreichen, müssen Länder ihre Emissionen vollständig kompensieren und damit klimaneutral werden. Damit sie klimaneutral werden können, muss insbesondere die nationale Wirtschaft ihre Emissionen kompensieren. Dafür muss jedes Unternehmen klimaneutral werden.

Es gibt verschiedene Zertifizierungen, die ein Unternehmen als klimaneutral anerkennt. Das Prinzip ist wie bereits oben beschrieben: Die Schaffung eines Gleichgewichtes zwischen ausgestoßenen Emissionen und geschaffenen Kohlenstoffsenken.

Wie werden Unternehmen klimaneutral?

Der Zertifizierungsprozess funktioniert bei den meisten Anbietern, wie zum Beispiel beim TÜV Nord oder beim climatepartner, ähnlich. Zuerst wird der aktuelle Ausstoß an Kohlenstoffdioxid (CO2) des Unternehmens berechnet. Als Zweites werden Maßnahmen getroffen, um den CO2-Ausstoß zu verringern. Was nach diesem Schritt nicht eingespart werden konnte, wird im dritten Schritt ausgeglichen. Dieser Ausgleich erfolgt, indem Kohlenstoffsenken geschaffen werden.

Natürliche Kohlenstoffsenken sind zum Beispiel durch Wälder, Moore oder Ozeane. Mit dem Anpflanzen von Bäumen und der Wiederaufforstung eines Waldes können also Kohlenstoffsenken geschaffen werden – ein Unternehmen kann so nicht vermeidbare Emissionen ausgleichen. Als inoffizieller vierter Schritt wird – nach dem Motto: „Tu Gutes und sprich darüber“ – natürlich auch besonders viel Marketing damit betrieben.

Der nächste Schritt: klimapositiv

Erste Unternehmen streben bereits an, klimapositive Produkte zu produzieren oder langfristig als gesamtes Unternehmen klimapositiv zu werden. Das bedeutet, dass die Herstellung ihrer Produkte beziehungsweise das Unternehmenskonzept mehr Ressourcen bindet als in erster Linie ausgestoßen werden. Bisher wurden weder eine allgemeingültige Definition noch ein Zertifizierungsprozess entwickelt.

Klimaneutralität in der Modebranche

Es ist besonders erfreulich zu sehen, dass immer mehr Modelabels versuchen, klimaneutral zu werden – besonders, weil die Bekleidungsindustrie pro Jahr etwa 2,1 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente ausstößt. Das ist die gesamte Menge an ausgestoßenen Treibhausgasemissionen in CO2-Emissionen umgerechnet.

So gleichen Fair Fashion Labels wie Lanius, Bleed, Armedangels oder Vaude inzwischen ihre entstandenen Emissionen in einigen Bereichen aus. Doch nicht nur Fair-Fashion-Marken, sondern auch Luxusmarken wie Gucci und Moncler sind mittlerweile als klimaneutral zertifiziert.

Während der COP26 im November 2021 haben über 100 Unternehmen versprochen, bis 2050 klimaneutral zu werden. Andere versprachen sogar, es bis 2030 zu schaffen.

Warum ist das Ausgleichen von Emissionen nicht unbedingt nachhaltig?

Wenn entstandene Emissionen ausgeglichen werden, kann das erstmal als etwas Positives gewertet werden. Die wichtigere Frage ist jedoch: Warum werden die kompensierten Emissionen in erster Linie verursacht?

Hier steckt, wie so oft, der Teufel im Detail. Im Rahmen der Zertifizierung als klimaneutrales Unternehmen sollen Unternehmen zuerst vermeidbare Emissionen abschaffen. Doch wie ernsthaft wird der Vermeidungsansatz vorangetrieben? Durch den Umstieg von konventioneller Anbauweisen auf biologische werden nicht nur CO2, sondern auch viele andere Treibhausgase eingespart. Warum werden dann nicht biologisch hergestellte Produkte als klimaneutral zertifiziert?

Emissionsausgleich als Ablasshandel

Gerne wird die Kompensation von Emissionen als eine weitere Form des Ablasshandels kritisiert. Durch das Ausgleichen von Emissionen „kaufen“ wir uns also von unseren „ausgestoßenen Sünden“ frei. Ein beliebtes Beispiel hierfür sind Flugreisen.

Auf der einen Seite stellt sich zu Recht die Frage, warum ein Brennstoff aus fossilen Energieträgern das Zertifikat „klimaneutral“  erhält. Der Begriff des Greenwashings passt hier nur zu gut. Auf der anderen Seite können wir es auch gutheißen, dass ein Konzern, der mit fossilen Geldträgern (noch) sein Geld verdient, versucht, dieses in nachhaltigere Bahnen zu lenken. Doch warum erhalten Unternehmen, die mit fossilen Energien ihr Geld verdienen, dasselbe Zertifikat wie nachhaltige Modekonzerne, die wirklich nur die nach aktuellem Kenntnisstand nicht vermeidbaren Emissionen kompensieren?

Was in dieser Betrachtung nicht vergessen werden darf: Mit der Vergabe und regelmäßigen Überprüfung von Zertifikaten wird viel Geld verdient. Dadurch können sich zumeist kleinere Unternehmen oft keine Zertifizierung als beispielsweise klimaneutrales Unternehmen leisten, obwohl sie alle Kriterien erfüllen. Die Debatte ist vielschichtig.

Ernsthafte, klimaneutrale Bestrebungen lassen sich an der Ganzheitlichkeit erkennen

Alle fangen mal klein an. Auch jedes Unternehmen. Darum ist es wichtig, sich anzuschauen, ob eine Firma nur einzelne als klimaneutral zertifizierte Produkte entwickelt hat oder zum Beispiel das komplette Headquarter klimaneutral ist. Wird nur kompensiert oder wird ein ganzheitlich nachhaltiger Ansatz angestrebt? Wird auf Kurzstreckenflüge verzichtet und wird das Headquarter bereits mit Ökostrom betrieben? Das alles macht einen immensen Unterschied.

Inzwischen gehen erste Modeunternehmen einen Schritt weiter: Vaude und Gucci streben an, entlang der gesamten Wertschöpfungskette klimaneutral zu werden. Klimaneutralität entlang der kompletten Wertschöpfungskette ist wichtig, da ein großer Teil der Emissionen im Bekleidungssektor bei der Produktion entsteht und nicht im Headquarter. Im besten Fall werden noch die Emissionen berücksichtigt, die Konsument*innen beim Tragen und Waschen von Kleidung verursachen. Nur dadurch kann das im Pariser Abkommen vereinbarte Ziel der Klimaneutralität erreichen.

Warum die Reduktion von CO2-Ausstoß im Fokus stehen sollte

Der letzte, und für mich wichtigste, Punkt: Ausgleichsmaßnahmen können schiefgehen. Gepflanzte Bäume wachsen eventuell nicht an oder können gar abbrennen. Das Aufforsten von Mooren kann schiefgehen. Die weiterhin gängige und ethisch sehr fragwürdige Praxis der Ausgleichsmaßnahmen in Regionen im globalen Süden, zum Beispiel besonders emissionsarme Öfen oder Biogasanlagen, haben unter Umständen keinen Nutzen für die betroffenen Menschen. Es ist also nicht garantiert, dass die Kompensationsmaßnahmen funktionieren. Deshalb ist es umso wichtiger, die Emissionen überhaupt nicht im ersten Schritt entstehen zu lassen.

Unternehmen können sich nicht grün kompensieren

Kein Produkt und keine Dienstleistung kann ohne den Einsatz von Emissionen produziert werden. Grundsätzlich ist es als Schritt in die richtige Richtung anzuerkennen, wenn ein Unternehmen sich dazu entschließt, die verursachten Emissionen zu kompensieren. Den Unterschied macht hier jedoch, wie ernsthaft ein Unternehmen die Themen des Umwelt- und Klimaschutz nimmt.

Das Siegel als klimaneutrales Unternehmen bedeutet, dass die entstandenen Emissionen durch Kohlenstoffsenken ausbalanciert wurden. Es gibt nicht direkt Auskunft über die Nachhaltigkeitsansätze oder sozialen Standards des Unternehmens. Wenn ein Unternehmen keine weiteren Maßnahmen unternimmt, keine genauen Auskünfte darüber gibt, in welche Ausgleichsprojekte investiert wurde und auch sonst keine weiteren Informationen vorhanden sind, dann klingt es sehr stark nach Greenwashing.

Wenn ein Unternehmen sich jedoch verstärkt für den biologischen und sozialverträglichen Anbau seiner Rohstoffe einsetzt, zum Beispiel Baumwolle, Lebensmittel und Öle oder an einer möglichst nachhaltigen Verpackung arbeitet, ist das ein Zeichen dafür, dass dieses Unternehmen ernsthaften Umwelt- und Klimaschutz betreiben. Eine transparente Kommunikation ist auch hier wichtig. Nur Emissionen, die innerhalb der Möglichkeiten des Unternehmens nicht vermieden werden können, sollten auch ausgeglichen werden. Alles andere ist Greenwashing.

100 Prozent klimaneutral?

Konsument*innen sollten nicht annehmen, dass ein Produkt mit einem nachhaltig aussehenden Siegel auch die beste Wahl für Umwelt und Klimaschutz ist. Auch hier gilt wieder: Transparency is key.

Die Wettbewerbszentrale lehnt Aussagen wie „100 Prozent klimaneutrale Produktion“ generell ab. Im Visier stehen vor allem Unternehmen, die Ausgleichszertfikate kaufen. Hier werde der Eindruck erweckt, dass die Klimaneutralität durch emissionsvermeidende Maßnahmen vollständig erreicht wird. Dabei stelle die beworbene Klimaneutralität „lediglich ein rechnerisches Ergebnis dar, das durch den Kauf von CO2-Ausgleichszertifikaten erreicht wird.“ Die Wettbewerbszentrale kritisiert, dass dabei viele Fragen offen bleiben: Wie hoch ist beispielsweise der Anteil der klimaschützenden Maßnahmen, die das jeweilige Unternehmen und dessen Produkte direkt betreffen? Handelt es sich nur um Ausgleichszertifikate oder geht es um eine tatsächliche Verringerung der eigenen CO2-Bilanz? Mittlerweile wird auch die Justiz tätig und bestätigt damit die Rechtsauffassung der Wettbewerbszentrale.

Echte, klimaneutrale Bemühungen erkennen

Wirken die Informationen und Werbeversprechen auf der Webseite oder in Interviews des Unternehmens nicht konkret oder zu schön um wahr zu sein, ist das meistens ein Indiz besser nach Alternativen zu suchen. Oberflächliche Recherchen wie diese kosten meist nur ein paar Minuten Zeit und können daher auch schnell mal zwischendurch gemacht werden. Viele Informationen finden sich mittlerweile auch auf der Webseite der Wettbewerbszentrale. Der Kauf eines Produkts kann so mit einem besseren Bauchgefühl und informierten Entscheidungen getroffen werden.

 

Titelbild: Brittany Nailon via Unsplash

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