Regenerative Fashion: Wie hängt Mode mit Landwirtschaft zusammen?

Immer wieder schmücken sich Labels mit dem Begriff „regenerative Mode“. Doch was steckt hinter dem Konzept? Ist regenerative Mode nur ein neuer Trend, oder hat sie das Potential die Textil- und Bekleidungsindustrie nachhaltig zu verändern?

Regenerative Fashion: Eine Illustration einer Frau, die ein modisches Outfit trägt vor einem Baumwollfeld und einzelnen Baumwollfrüchten

Regenerative Mode scheint eine neue Herangehensweise in der Textil- und Bekleidungsindustrie zu sein und geht weit über Bio-Baumwolle hinaus. Doch verbirgt sich dahinter nur ein neuer, weiterer Trend? Wir erklären euch, wie Mode und Landwirtschaft zusammenhängen und ob regenerative Agrarwirtschaft tatsächlich das Potential hat, die Textil- und Bekleidungsindustrie mit langfristig und nachhaltig zu verändern.

Was ist regenerative Landwirtschaft?

Regenerative Landwirtschaft ahmt die in der Natur natürlich vorhandenen Zyklen nach. Dabei trägt sie zur Steigerung der biologischen Vielfalt bei, bereichert Böden und mildert die globale Erwärmung. Die biodynamische Anbaukultur zielt darauf ab, das gesamte Ökosystem zu rehabilitieren und zu verbessern, indem der Bodengesundheit ein hoher Stellenwert eingeräumt wird. Dabei werden auch das Wassermanagement und die Verwendung von Düngemitteln berücksichtigt. Es ist eine Methode der Landwirtschaft, die die verwendeten Ressourcen verbessert, anstatt sie zu erschöpfen oder gar zu zerstören. 

Es kann hunderte von Jahren dauern einen Zentimeter fruchtbaren Boden wiederherzustellen, aber nur wenige Jahre, um ihn zu zerstören. Schätzungen zufolge, verlieren wir jährlich etwa ein Prozent unseres Mutterbodens durch Erosion, welche größtenteils durch die Landwirtschaft verursacht wird. Die Vereinigten Staaten verlieren beispielsweise zehnmal schneller Boden als er wieder regenerieren kann. China und Indien verlieren sogar 30- bis 40-mal schneller Boden. 

Untersuchungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gehen davon aus, dass Böden mehr als zehn Prozent der vom Menschen verursachten CO2-Emissionen binden könnten. Das geht aber nur, wenn die Böden gesund sind – und bleiben. Intensive landwirtschaftliche Techniken haben die Böden erschöpft, wodurch sie weniger produktiv sind und so weniger effizient CO2 speichern können. Diese Verschlechterung betrifft etwa 33 Prozent der Böden weltweit. Nach Angaben der Vereinten Nationen könnten bis 2050 mehr als 90 Prozent der Böden betroffen sein. 

Was ist der Unterschied zwischen regenerativer Landwirtschaft, Monokultur und Biolandwirtschaft? 

Bei der Monokultur wird jeweils nur eine Pflanzenart auf einem bestimmten Feld angebaut. Dadurch sind Felder zwar einfacher zu verwalten und die Produktivität und Effizienz werden gesteigert, doch der Boden wird degradiert. Die landwirtschaftliche Monokultur stört das natürliche Gleichgewicht der Böden, denn zu viele der gleichen Pflanzenarten in einem Feldgebiet berauben den Boden seiner Nährstoffe. 

Bei der Monokultur wird jeweils nur eine Pflanzenart auf einem bestimmten Feld angebaut. © Fashion Changers

Dies führt wiederum zu einer Verringerung der Arten von Bakterien und Mikroorganismen, die zur Aufrechterhaltung der Fruchtbarkeit des Bodens erforderlich sind. Die großflächige Produktion einer einzelnen Pflanzenart wirkt sich auch negativ auf die Struktur des darunterliegenden Bodens aus. Eine Pflanzenart bedeutet, dass nur ein Wurzeltyp verfügbar ist, um Feuchtigkeit aufzufangen und Bodenerosion zu verhindern. Diese Arbeit erfordert normalerweise mehrere Wurzeltypen. Eine intensive Monokultur sehen wir zum Beispiel beim Anbau von Baumwolle.

Bei der Monokultur werden außerdem Unmengen an Pestiziden, Herbiziden und Insektiziden verwendet, um die Ernte zu schützen. Diese gelangen in die Böden und ins Trinkwasser. Zudem besteht das Risiko, dass Schädlinge Resistenzen gegen die eingesetzten Mittel entwickeln, wodurch immer mehr und stärkere Chemikalien verwendet werden.

Im Gegensatz dazu, setzt die regenerative Landwirtschaft setzt auf gewisse Pflanzen, die Schädlinge abfangen sollen. So wird die eigentliche Ernte auf natürlichem Wege geschützt. Pflanzenvielfalt ist jedoch nicht nur wichtig, um Schädlinge abzufangen, sondern auch um Böden gesund zu halten. Pflanzen setzen über ihre Wurzeln unterschiedliche Kohlenhydrate frei. Mikroben ernähren sich von diesen Kohlenhydraten und geben alle möglichen Nährstoffe an die Pflanze und den Boden zurück. Durch die Erhöhung der Pflanzenvielfalt auf den Feldern werden nährstoffreiche Böden geschaffen, die zu produktiveren Erträgen führen. Deshalb ist es auch wichtig, Pflanzen von Saison zu Saison zu rotieren, damit der Boden gesund bleibt.

Im Gegensatz dazu, geht es bei der Biolandwirtschaft vor allem darum, auf die Verwendung von Chemikalien und anderen synthetischen Stoffen zu verzichten. Die regenerative Landwirtschaft ist also weitaus umfassender.

Wie hängt Mode mit regenerativer Landwirtschaft zusammen?

Etwa ein Drittel der Fasern, aus denen unsere Kleidung hergestellt wird, sind Naturfasern, die auf Feldern angebaut werden. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um Baumwolle, aber auch andere Materialien wie Hanf und Viskose. Auch spielen tierische Fasern eine wichtige Rolle, wie Wolle und Kaschmir. 

Der Baumwollanbau zum Beispiel ist für den Verbrauch von 16 Prozent der Insektizide verantwortlich, während nur zweieinhalb Prozent des weltweiten Ackerlandes genutzt werden. Diese Zahlen zeigen, wie umweltschädlich die Produktion von Naturmaterialien sein kann. 

In den letzten Jahren haben sich deshalb immer mehr Brands mit dem Thema auseinandergesetzt und regenerative Landwirtschaft in ihr Businessmodell eingebaut. So versuchen sie den Anbau von Naturfasern weniger umweltschädlich zu gestalten. Patagonia zum Beispiel startete 2020 eine Kampagne, um das Bewusstsein für die Vorteile der regenerativen Landwirtschaft zu schärfen. The North Face war eines der ersten Labels, das diesen Begriff übernahm. So ging die Marke 2017 eine Partnerschaft mit der gemeinnützigen Organisation Fibershed ein, um Wollmützen aus regenerativer Landwirtschaft herzustellen. 

Mitte März 2020 erläuterte das französische Haus Chanel in seinem Plan für eine nachhaltige Entwicklung, der „Chanel Mission 1,5°“, seine Maßnahmen bezüglich regenerativer Landwirtschaft. Es wolle damit vor allem auch Landwirt:innen unterstützen, die Qualität seiner Produkte fördern und helfen, ein gesundes Lebensmittelsystem aufzubauen. Außerdem hat Timberland sich das Ziel gesetzt bis 2030 nur noch 100 Prozent natürliche Materialien aus der regenerativen Landwirtschaft zu verwenden. Schließlich gewann der irische Designer Richard Malone den Woolmark-Preis 2020 für seine Zusammenarbeit mit Oshadi Studios, bei der sie Land regenerierten, das völlig unfruchtbar geworden war.

Regeneration ist wichtig, denn jährlich verlieren wir etwa ein Prozent gesunden Boden. Bei einer immerzu wachsenden Weltbevölkerung und immer knapper werdendem Ackerland, könnte es sein, dass wir uns in Zukunft zwischen dem Anbau von Lebensmitteln und dem Anbau von Naturmaterialien entscheiden müssen. 

Viele Unternehmen, Designer:innen und Textilwissenschaftler:innen sind sich dieser Tatsache bewusst und forschen nach Alternativen zu konventionellen Naturfasern. Dazu gehören beispielsweise Leder aus Pilzen oder Obstabfall. Außerdem versuchen immer mehr Brands Textilabfall zu verwerten und alte Textilien zu recyceln. Es ist wichtig in regenerative Mode zu investieren. Gleichzeitig brauchen wir jedoch auch Alternativen zu Naturmaterialien. 

Zertifizierung regenerativer Landwirtschaft

Die ROC-Zertifizierung (Regenerative Organic Certified) wurde 2017 von einer Gruppe von Landwirt:innen, Organisationen und Unternehmen ins Leben gerufen – darunter auch beispielsweise Patagonia und Dr. Bronner’s

Zusammen bilden sie die Regenerative Organic Alliance und arbeiten daran, regenerative Landwirtschaft mainstream-fähig zu machen. Im Gegensatz zu anderen Zertifizierungen, die jeweils nur den Fokus auf Bodengesundheit oder Tierwohl setzen, ist das ROC-Siegel weitaus umfassender. Es basiert auf drei Säulen und stellt neben Bodengesundheit und Tierwohl sicher, dass Landwirt:innen und Feldarbeiter:innen fair behandelt werden. Dazu gehören beispielsweise existenzsichernde Löhne und das Recht, Gewerkschaften sowohl beizutreten, als auch zu gründen.

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Ist regenerative Mode nur ein weiterer neuer Trend?

Im Januar 2021 hat der französische Luxuskonzern Kering eine Partnerschaft mit Conservation International gestartet, einer US-amerikanischen gemeinnützigen Umweltorganisation. Ein Fonds in Höhe von fünf Millionen Euro soll so in den nächsten fünf Jahren vielversprechende und innovative Projekte zur regenerativen Landwirtschaft auf der ganzen Welt unterstützen. Der Fonds setzt den Fokus auf Leder, Baumwolle, Wolle und Kaschmir. 

In regenerative Landwirtschaft zu investieren ist gut und wichtig, doch dies allein ist nicht genug. Kering hat beispielsweise einen Jahresumsatz von etwa 13 Milliarden Euro und besitzt Luxusmarken wie Bottega Veneta, Gucci und Saint Laurent. Der Konzern hätte theoretisch die nötigen Ressourcen, sein Businessmodell umzustrukturieren, weniger zu produzieren und so nachhaltiger zu gestalten. Doch stattdessen macht er weiter wie bisher und kompensiert seine Umweltschäden mit Geld, statt das Problem an der Wurzel zu packen.

Sogar Vogue bezeichnet regenerative Landwirtschaft als einen der sieben Nachhaltigkeitstrends für das Jahr 2021. Nachhaltigkeit und Regeneration sollten kein Trend sein, sondern Normalität. Es besteht also das Risiko, dass der Begriff „regenerativ“ zu einem Buzzword wird um das Unternehmen nachhaltiger erscheinen zu lassen, als es ist. 

Was denkt ihr? Ist regenerative Mode nur ein neuer Trend?

Collage © Vreni Jäckle

Quellen: 

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