Fashion-Mythen: Ist die Modebranche die zweitschmutzigste Industrie der Welt?

Ist die Modebranche die zweitschmutzigste Industrie der Welt? Wir decken acht Fashion-Mythen auf und erklären die Fakten dahinter.

Ein gelbes Hemd, eine kurze Jeans-Hose und ein roter Pullover hängen an Kleiderbügeln an einem Baum

Die meisten von uns haben es schon einmal gehört, gelesen oder gar selbst behauptet: Die Modebranche ist die zweitschmutzigste Industrie der Welt, beziehungsweise die zweitschmutzigste Industrie hinter der Ölindustrie. Doch was steckt dahinter? Wir decken acht Fashion-Mythen auf und erklären die Fakten dahinter.

1. Im globalen Norden zu produzieren, ist fair.

Es herrscht oft die eingängige Meinung, dass Sweatshops nur im globalen Süden existieren. Sweatshops sind Fabriken, die gegen zwei oder mehr Arbeitsgesetze verstoßen, wie beispielsweise unsichere Arbeitsbedingungen, ungerechte Bezahlung, übermäßige Arbeitszeiten, oder Kinderarbeit.

Sweatshops gibt es aber auch in den USA und in Europa. In Los Angeles zum Beispiel arbeiten etwa 50.000 Textilarbeiter:innen – die meisten davon sind Einwanderer:innen. Viele von ihnen sind nicht offiziell dokumentiert: Das heißt, dass sie juristisch kein Recht haben, in den USA zu sein oder zu bleiben. Deshalb trauen sie sich oftmals nicht Gewerkschaften beizutreten oder gegen die Unternehmen vorzugehen, da sie sonst riskieren würden, abgeschoben zu werden. Es wird geschätzt, dass viele Textilarbeiter:innen in Los Angeles nur etwa fünf Dollar verdienen, bei einem Mindestlohn von 12 Dollar.

Italien ist einer der größten Lederhersteller in Europa. Mit dem Made in Italy-Etikett werben viele Schuhkonzerne für Luxus und Exklusivität. Doch die italienische Schuhindustrie ist teilweise alles andere als glamourös: In den Fabriken kommt es nicht nur häufig zu Unfällen, Arbeiter:innen entwickeln wegen des Mangels an Schutzmaßnahmen und den direkten Kontakt mit giftigen Chemikalien auch oftmals Allergien, Hautschäden oder gar Tumore. 

In UK erhalten schätzungsweise über 10.000 Textilarbeiter:innen einen Lohn von etwa 3,50 Britische Pfund pro Stunde – bei einem nationalen Mindestlohn von 8,72 Pfund. Nur mit derart ausbeuterischen Löhnen schaffen es Modekonzerne wie Boohoo, T-Shirts für vier Euro sogar noch mit Profit zu verkaufen. 

2. Brands, die behaupten, fair und nachhaltig zu sein, sind es auch.

Schön wäre es. Leider geraten immer wieder Brands unter Beschuss, die sich nach außen fair und nachhaltig geben, es jedoch nicht unbedingt sind. Nachhaltigkeit und Fairness wurden in den letzten Jahren zu einem Buzzword und werden nun zahlreich als Marketingstrategie genutzt.

Das vermeintlich nachhaltige Label Everlane wurde beispielsweise kritisiert, da es keine Hinweise gab auf einen existenzsichernden Lohn oder ein System, das Textilabfälle minimiert. Everlane behauptete nachhaltig und fair zu produzieren, doch wegen mangelnder Transparenz konnte es nur wenige Beweise dafür liefern und verlor so an Glaubwürdigkeit.

Business of Fashion berichtet, dass Everlane mittlerweile daran arbeite, mehr Transparenz und Diversität im Team zu schaffen. Nach dem Skandal folgten sowohl viele Neueinstellungen im Vorstand, sowie zahlreiche Updates, künftig nur noch auf recyceltes Polyester und  Bio-Baumwolle zurückzugreifen. Auch sei geplant, wissenschaftlich fundierte Emissionsziele zu veröffentlichen, die mit den globalen Zielen zur Begrenzung der globalen Erwärmung innerhalb der nächsten sechs Monate in Einklang stehen.

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3. Die Modebranche ist die zweitschmutzigste Industrie der Welt.

Ein Mythos, der seit Jahren herumschwirrt und immer wieder zitiert wird. Doch stimmt es wirklich, dass die Modeindustrie die zweitschmutzigste Industrie der Welt ist? 

In der Textil- und Bekleidungsindustrie spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle: Polyester wird beispielsweise aus Erdöl hergestellt, Naturmaterialien werden auf Feldern in der ganzen Welt angepflanzt. Hinzu kommen die unzähligen Fabriken, Einkaufshäuser und Lagerstätten, die mit Elektrizität versorgt werden müssen. Auch der Transport ist wichtig: Unsere Kleidung legt tausende Kilometer zurück, bevor sie in unserem Kleiderschrank landet. In der Modebranche kommen also viele verschiedene Industrien zusammen, weshalb es nicht immer einfach ist, einzuordnen wie groß die CO2-Emissionen tatsächlich sind. 

Auch ist nicht immer ganz klar, wie die jeweiligen Studien den Begriff „schmutzig” definieren. Was genau meinen wir, wenn wir sagen, die Modebranche sei die zweitschmutzigste Industrie der Welt, beziehungsweise die zweitschmutzigste Industrie nach der Ölindustrie? Wird hier die Belastung der Umwelt mit Schadstoffen gemeint? Oder eher die Tatsache, dass die Industrie irreversibel Ressourcen verbraucht? Vielleicht sogar beides? 

Wenn es beispielsweise um den Verbrauch und die Verschmutzung von Wasser geht, liegt die Modebranche weit vorn. Die Textil- und Bekleidungsindustrie ist für etwa 20 Prozent des weltweiten, industriellen Wasserverbrauchs verantwortlich. Außerdem ist die Produktion unglaublich giftig – von der Verarbeitung der Fasern über das Färben bis hin zum Gerben des Leders. Laut einem Bericht aus dem Jahr 2012 werden schätzungsweise 20 Prozent des weltweiten Abwassers durch Färbe- und Veredelungsprozesse in der Modebranche verursacht. Auf welchem Platz sie damit jedoch liegt ist unklar. 

Zum Vergleich: Auf die Landwirtschaft zum Beispiel entfallen weltweit etwa 70 Prozent der Wasserentnahmen. Auch Wasserverschmutzung spielt hier eine wichtige Rolle. Die landwirtschaftlichen Betriebe leiten große Mengen an Agrochemikalien, organischen Stoffen, Arzneimittelrückständen, Sedimenten und Salzwasser in die Gewässer ab. In der Europäischen Union sind 38 Prozent der Gewässer von landwirtschaftlicher Verschmutzung betroffen. In den Vereinigten Staaten ist Landwirtschaft die Hauptursache der Verschmutzung von Flüssen und Bächen. 

Wenn es um CO2-Emissionen geht, so scheint die Textil- und Bekleidungsindustrie einer neuen Studie zufolge auf Platz drei zu stehen: Sie beteiligt sich mit etwa fünf Prozent an den globalen CO2-Emissionen. Den dritten Platz teilt sich die Branche mit der Kategorie „Schnelllebige Konsumgüter“, die beispielsweise Kosmetika und Zahnbürsten beinhaltet. Größere CO2-Emittenten sind nur die Branchen „Konstruktion“ und Lebensmittel, die sich mit jeweils zehn und 25 Prozent an globalen CO2-Emissionen beteiligen. In der Studie wird auch erklärt, dass ein Großteil der CO2-Emissionen in der Modebranche aus der Verwendung von zwei Ressourcen stammt: Steinkohle zur Energiegewinnung und Erdöl zur Produktion von Polyester

Wir sehen, dass es nicht so einfach ist, einzelne Industrien zu kategorisieren. Denn je nach Kriterien werden sie unterschiedlich eingestuft. So kann es manchmal vorkommen, dass das Bild verfälscht wird. Die Textil- und Modeindustrie ist eine der schmutzigsten Industrien der Welt, doch nicht unbedingt die zweitschmutzigste.

Die Modebranche ist die zweitschmutzigste Industrie der Welt?! Nicht so voreilig… © Emilie Elizabeth

4. Im globalen Süden kann nicht fair produziert werden.

Der vorherige Mythos führt uns zu diesem. Es herrscht das Bild, dass es im globalen Süden nur Sweatshops gäbe und deshalb könne nicht fair produziert werden. Manche Leute meinen, dass Fast-Fashion-Jobs, die einzigen Jobs wären, die die Menschen vor Ort kriegen könnten. Mittlerweile gibt es jedoch viele Brands und Kooperativen, die im globalen Süden fair und nachhaltig produzieren. So zeigen sie: Eine andere Welt ist möglich.

Sydney Nwakanma von Emeka Suits produziert beispielsweise faire Kleidung aus alten Stoffen in Kenya; das Denim-Label Dawn stellt faire Jeans in Vietnam her. Dabei zeigt es auch, dass ein fairer Arbeitsplatz, auch glücklich machen kann. Es ist eine zutiefst eurozentrische Sichtweise, anzunehmen, dass nur im globalen Norden, gute Arbeitsbedingungen herrschen und arme Länder keine guten Voraussetzungen schaffen können. Dass dies nicht stimmt, haben wir mit Punkt 1 bereits gezeigt. 

5. Um nachhaltiger zu sein, sollten wir unsere Fast-Fashion-Garderobe schnell loswerden.

Bitte nicht! Denn die nachhaltigste Kleidung ist die, die wir bereits besitzen. Es wäre also kontraproduktiv, Kleidung, die wir mögen und regelmäßig tragen, wegzugeben, zu verkaufen oder gar zu entsorgen – auch wenn es Fast Fashion ist. Denn je länger wir Kleidung tragen, desto weniger CO2 verbrauchen wir. Schätzungen zufolge reduzieren sich die CO2-Emissionen um rund 24 Prozent, wenn wir die Lebensdauer unseres Kleidungsstückes von einem Jahr auf zwei Jahre verlängern. Trage deine Fast-Fashion-Kleidung also ruhigen Gewissens weiter, und reduziere so Textilabfall.

6. Fast Fashion zu kaufen ist okay, denn ich kann meine Kleidung später spenden.

Manche Leute benutzen diese Ausrede, um ihren Konsum zu rechtfertigen. Ich kann problemlos weitershoppen, denn die Kleidung, die mir nicht mehr gefällt, spende ich einfach? Es ist leider nicht ganz so einfach. Nur etwa zehn Prozent der gespendeten Kleidung wird an Bedürftige weitergegeben oder in Secondhandläden weiterverkauft. Fast die Hälfte der Secondhandkleidung, die wir in Deutschland aussortieren, wird ins Ausland exportiert – oftmals in den globalen Süden. Letzteres ist problematisch, da die Flut an Secondhandkleidung lokale Märkte und Handwerkskunst zerstört und so zahlreiche Arbeitsplätze gefährdet.

7. Wenn wir aufhören Fast Fashion zu kaufen, werden Arbeitsplätze im globalen Süden wegfallen.

Wenn wir alle gleichzeitig aufhören würden Fast Fashion zu kaufen, könnte es in den Produktionsländern tatsächlich zu einer wirtschaftlichen Katastrophe kommen, aber dieses Szenario ist unrealistisch. Es braucht sehr viel Zeit und Geduld, um das Verhalten der Industrie und der Menschen zu verändern.

Bei diesem Mythos geht es vor allem darum, die Qualität der Jobs zu hinterfragen. Welche Art von Arbeitsplätzen würden denn wegfallen? Oftmals werden Textilarbeiter:innen im globalen Süden schlecht bezahlt und erhalten nur selten einen existenzsichernden Lohn. Die Rana-Plaza-Katastrophe zeigte 2013, wie schlecht es um die Arbeitskonditionen steht. Bei dem Unfall kamen mehr als 1.100 Menschen ums Leben, hunderte weitere wurden verletzt. Warum sollten wir ein solches System akzeptieren, statt versuchen es zu ändern? 

Es geht nicht darum, Jobs im globalen Süden abzuziehen und alle Fabriken zu schließen. Es geht vielmehr darum, dass die Menschen unter besseren Bedingungen arbeiten können. Deshalb müssen Unternehmen die entsprechende Verantwortung übernehmen und zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie diese Voraussetzungen nicht bieten können. Arbeitsplätze im globalen Süden sind wichtig und essentiell, damit Wertschöpfung vor Ort entstehen kann. Ausbeutung schafft dies allerdings nicht, sondern hinterlässt die Menschen weiterhin in Armut.

8. Deine Kleidung wird in dem Land produziert, das auf dem Etikett steht.

Made in France = Made in France, stimmt’s? Leider nur in den wenigsten Fällen, denn Lieferketten sind häufig lang und komplex. Das Etikett listet in der Regel nur das Land, indem die letzten Schritte erledigt wurden, wie zum Beispiel das Zusammennähen einzelner Stoffe. Es sagt jedoch nichts darüber aus, wo die Baumwolle gepflückt wurde und unter welchen Bedingungen, oder wo die Faser zu einem Garn gesponnen beziehungsweise zu einem Stoff gewebt wurde. Auch wissen wir oft nicht, wo die Stoffe gefärbt oder bedruckt wurden, und wo die Reißverschlüsse oder die Knöpfe angenäht wurden, beziehungsweise wer sie angenäht hat.

Manche Luxusmarken gerieten zum Beispiel unter Beschuss, da der Großteil ihrer Schuhkollektionen in Osteuropa hergestellt wird – bis auf die Sohlen, die in Frankreich oder Italien angefertigt werden. Diesen letzten Schritt nutzen sie, um das Etikett Made in France oder Made in Italy anzubringen.

Welche Fakten haben dich besonders überrascht? Lass es uns, und andere, gerne in den Kommentaren wissen.

Titelbild © Josephine Knoll

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