Queer it up: 6 nachhaltige queer-owned Modelabels

Queere Perspektiven bekamen bisher nur wenig oder oberflächlich Raum in der Nachhaltigkeitsdebatte. Gastautor Max Weiland stellt sechs queer-owned Modelabels vor, die innovativ und nachhaltig sind – und mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zu einem intersektionalen Verständnis von Nachhaltigkeit leisten.

Einmal im Jahr beehren uns Mainstream Labels mit Pride-Kollektionen und zeigen uns ihre Interpretation davon, was queere Mode angeblich sein soll: ein T-Shirt mit Regenbogenflagge und ein Jutebeutel, auf dem Love is Love” steht. Unser Gastautor Max Weiland stellt klar: Hinter dem Begriff queer versteckt sich so viel mehr als Regenbogenkapitalismus und Pinkwashing. Für viele Personen, die sich als queer definieren, spiegelt er eine Sicht auf die Welt und die Rolle wider, die queere Menschen in dieser haben. Neben alternativen Wegen Material zu nutzen, Schnitte zu gestalten und Muster zu kombinieren, füllen queere Perspektiven teilweise Löcher in der Nachhaltigkeitsdebatte, die bislang wenig Beachtung fanden. Wie sich das in der Mode und vor allem auch in der Praxis des Modedesigns widerspiegelt, zeigen uns sechs nachhaltige und queer-owned Modelabels.

© PR, Adrian Weiss

Upcycling und inklusive Designs: Adrian Weiss

König des Upcyclings und ein Meister der inklusiven Mode – das ist das Label Adrian Weiss. Designer Emrah (er/ihm) gestaltet die Unikate, die zum Großteil aus geupcyceltem Material bestehen, eigenhändig in seinem Kreuzberger Atelier. Anfangs nutzte Emrah alle Stoffe, die ihm in die Finger kamen – von der Gardine bis hin zur  Bettwäsche. Mittlerweile findet er seine Materialien auf dem Flohmarkt oder in „Zu Verschenken”-Kisten – manchmal bringen Leute ihm auch Kleider, die sie selbst nicht mehr tragen und denen er ein neues Leben schenkt. Alles, was nicht Second Hand erworben wird, wird auf Märkten oder direkt von kleinen Unternehmen bezogen. 

Ein großes Manko in der Nachhaltigkeitsdebatte ist die Verfügbarkeit von handgemachten und nachhaltigen Produkten für Personen, die aus geringeren Einkommensklassen kommen – ein Problem, das besonders marginalisierte Gruppen betrifft, die durch strukturelle Diskriminierung oft weniger Zugang zu hoch bezahlten Positionen haben. Bei Adrian Weiss werden die Preise diskutiert und besonders für Menschen aus den LGBTQIA+-Communities auch gerne mal angepasst. Die Stücke erinnern an das, was in den Berliner Clubs getragen wird und bestechen mit Schlagwörtern, die in den queeren Communities eine Bedeutung haben. Während die Modebranche lang genug dünne Körper als Ideal gefeiert hat und als Norm für Schnitte etablierte, sind die Designs des Labels so angelegt, dass sie auf große Körper zugeschnitten sind und durch ein paar Stiche für kleine Körper abgeändert  werden können. 

© PR, AMESH, Foto: Tavish Gunaseva

Mode als Werkzeug des Community Buildings: AMESH

Hinter AMESH steckt der in Sri Lanka aufgewachsene und nun in Berlin lebende Designer Amesh Wijesekera (er/they/Amesh). Der Designer nutzt seine Mode, um anderen queeren Personen eine Möglichkeit zu geben, die eigene Identität auszuleben und immer wieder neu zu erfinden. Dass sein Label internationalen Erfolg feiert, sieht Amesh als Privileg, das they nutzen möchte – auch im Hinblick auf die nachhaltige Produktion. Amesh lässt seine Designs in seiner Heimat Sri Lanka produzieren. Die Produktion der handgewebten Textilien benötigt keine Energie: Auch das Weben, Stricken, Fertigen und Bedrucken der Kleidung passiert mit Hilfe von lokalen Handwerker*innen. Damit zeigt sich ein intersektionaler Aspekt, der in der Debatte um Nachhaltigkeit oft nicht bedacht wird: Wie können wir ein Land stabilisieren, das durch westliche Ausbeutung durch Fast Fashion Brands geprägt ist, das aber auch zugleich von der Textil- und Modeindustrie als einen der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes abhängig ist? Die Stabilisierung des Landes durch nachhaltige Nutzung der Ressourcen sowie eine faire Entlohnung der Arbeitenden ist Ameshs Ansatz. Der Designer war 2022 als Halbfinalist für den LVMH-Preis nominiert und präsentierte  Kollektionen auf internationalen Modemessen.

© PR, Duong Ly, Foto: Duong Ly Ba. Hair & Make-up: Phuong Thao Bui, Model: EVE MST

Queere Utopien bei Duong Ly

Die meisten Mainstream Modelabels arbeiten mit einem cis Körper als Norm, trans Personen werden als Ausnahme betrachtet und nicht in Design und Funktionalität der Kleidung bedacht. Designerin Duong Ly Ba (sie/they) dreht den Spieß um und sieht trans Körper, die Diskriminierungserfahrungen und gesellschaftliche Einschränkungen erfahren, als Ausgangspunkt für ihre Designs. Wie sieht Mode aus, wenn der Körper zum Avatar und Mode digitales Gut wird? Duong Lys Designs bestehen aus nachhaltiger Merinowolle. Bei der Produktion wird darauf geachtet, dass so wenig Müll wie möglich entsteht. Dies geschieht zum einen durch die Nutzung von Wolle anstelle von Stoffen, die zurechtgeschnitten werden müssen und zum anderen durch den digitalisierten Entstehungsprozess. Die Designerin nutzt eine innovative Stricksoftware, die mithilfe eines 3D-Simulationsprogramms die ersten Schritte des Entwerfens eines Prototyps digitalisiert und somit ohne die Nutzung von Material auskommt. 

Erst im September 2022 liefen vier genderqueere und trans Models bei der Berliner Fashion Week über den Laufsteg und eröffneten uns einen Blick auf die spektakulären Designs einer post-gender Zukunft. 

Begriffsglossar

cis: Die Abkürzung für cis gender bezeichnet Personen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Cis Personen bilden eine gesellschaftliche Mehrheit und werden daher als Norm angesehen.

genderfrei: Labels, die nicht in Frauen- und Männermode unterteilen.

trans: kurz für transgender. Trans ist ein Überbegriff für alle Personen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugeteilt wurde. Es gibt binäre trans Personen (trans Männer oder trans Frauen), einige Personen verorten sich aber auch auf dem nicht-binären Spektrum.

Sinnlichkeit für jeden Körper: Figure.S

Welche Körper wir als schön und begehrenswert ansehen, bestimmen leider oft gesellschaftliche Normen. Das zeigt sich besonders im Bereich Lingerie und Unterwäsche. Nicht nur stehen die Designs in einer begrenzten Größenauswahl zur Verfügung, sie limitieren auch, welcher Körper was tragen darf. Designerin und Schneiderin Coline Dubois-Gryspeert (sie/ihr) sieht das anders. Ihr Label Figure.S macht Lingerie für jede*n zugänglich. Die Designs werden auf Bestellung handgefertigt und auf die Maße und den Körper der Bestellenden zugeschnitten. Material für ihre Designs findet sie auf Märkten und in kleinen Schneidereien, sodass kein Stück dem anderen gleicht. Ob die bestellende Person sich als männlich, weiblich oder auf dem nicht-binären Spektrum definiert, spielt bei Figure.S keine Rolle – jede*r soll genau das Stück erhalten, indem er*sie sich sinnlich fühlt. 

© PR, Loïc Gros, Foto: Sarah Blais

Zärtliche Männlichkeit und genderüberschreitende Designs: Loïc Gros

Während Mode für weiblich gelesene Körper oft eine große Variation an Mustern, Schnitten und Farben aufweist, finden jene, die Männlichkeit nicht durch Grundfarben und grobe funktionale Stoffe oder breit gefasste Schnitte ausdrücken wollen, in den Regalen der Herrenabteilung kaum Passendes. So erging es auch dem Modedesigner Loïc Gros (er/ihm). Bereits in jungen Jahren begann er sich für Frauenmode zu interessieren. Ihn faszinierte die Eleganz, Sinnlichkeit und Romantik der Kleidung, die männlich gelesenen Körpern oftmals verwehrt bleiben. 2019 gründete der aus Paris stammende Modedesigner sein gleichnamiges Label. Gros’ handgefertigte made-to-measure Stücke bestehen aus hochqualitativen Stoffen wie Seide und natürlicher Baumwolle. So oft es geht, greift der Designer bei Restposten zu. Die Produktion beginnt erst mit der Bestellung, so gibt es keine unverkauften Teile. Die Designs werden auf den*die jeweilige Kund*in zugeschnitten. Loïc Gros wirft die binären Geschlechterregeln, die die Modeindustrie geschaffen hat, über den Haufen und zeigt uns, dass High Fashion Designs für jeden Körper zugänglich sind.

© PR, Remesalt, Foto: Juanma Gerena

Faire Produktion als queere Praxis: Remesalt

Die Mode von Remesalt ist eine romantische Fantasie, die auf einfache Schnitte trifft. Nachhaltigkeit spielt im Gestaltungsprozess eine wichtige Rolle. Labelgründer Francisco Remesal (er/ihm) produziert lokal im Berliner Atelier, in Zusammenarbeit mit Schneider*innen aus Szczecin und Berlin. Als Material werden Ökotextilien wie Biobaumwolle verwendet; vereinzelt bekommen Restposten und Second-Hand-Stücke im Rahmen von Upcycling eine zweite Chance. Remesalts Stücke sind alltagstaugliche Allrounder, die durch ein paar Elemente besonders werden und herausstechen. Auch bei diesem genderfreien Label gilt: Der*die Träger*in entscheidet, welche Designs er*sie tragen möchte.

 

Titelbild: Header: PR, AMESH, Foto: Tavish Gunaseva



Über Max Weiland

Max Weiland (keine Pronomen/er) ist Mitbegründer und Geschäftsleitung der uns* Talentagentur, die sich auf die Repräsentation von LGBTQIA+ Talenten spezialisiert. Er arbeitet zudem als Model, Speaker und Berater*in zum Thema LGBTQIA+. Gemeinsam mit Mitbegründer*in Cora Hamilton (keine Pronomen) setzt sich Max für authentische Sichtbarkeit von LGBTQIA+ Personen sowie faire Arbeitsbedingungen in der Mode- und Werbebranche ein.

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