Nachhaltiger Stretch – Ist kreislauffähiges Elastan die Zukunft?

Elastan birgt das Versprechen einer schier unendlichen Dehnbarkeit und Elastizität von Stoffen. Konventionelles Elastan ist jedoch nicht biologisch abbaubar. Gibt es Alternativen?

Elastan birgt das Versprechen einer schier unendlichen Dehnbarkeit und Elastizität der Bekleidung. Die Faser sorgt für mehr Bewegungsfreiheit, Komfort, einen perfekten Fit und Sicherheit im Sport. Konventionelles Elastan, das meist in kleinen Mengen beigemischt wird, ist als synthetische Faser jedoch nicht biologisch abbaubar und bereitet uns bei der Gestaltung kreislauffähiger Produkte ordentliche Kopfschmerzen. Nach der Fashion Changers Konferenz 2021 erreichten mich genau zu diesem Punkt viele Anfragen aus der Community. 

Inwiefern hat sich Elastan in puncto Kreislauffähigkeit entwickelt? Sollten wir gänzlich auf das Material verzichten oder gibt es mittlerweile Möglichkeiten, es durch nachhaltigere Alternativen zu ersetzen? 

Elastan kann sich um 500 Prozent dehnen

Als Erstes vorab: Die Begriffe Elast(h)an, Spandex und Lycra® bezeichnen im Grunde alle dasselbe: eine synthetische Faser, welche für ihre außergewöhnliche Elastizität bekannt und beliebt ist, und dadurch Stretch in unsere Kleidung bringt. Ohne Elastan gäbe es keine Skinny Jeans, keine engen Yogahosen, keine Shapewear oder andere elastische und körpernahe Produkte. 

Elastan wird für Bekleidung immer mit anderen Fasern gemischt wie beispielsweise Polyester und Baumwolle. Schon ein geringer Anteil an Elastan (etwa ein bis fünf Prozent) erhöht die Dehnbarkeit des Stoffes, ohne dass er direkt ausleiert. Denn: Die Faser kann sich im Schnitt um 500 Prozent dehnen und geht danach wieder in ihre ursprüngliche Länge und Form zurück. Dies ist besonders praktisch für Unterwäsche, T-Shirts und Strickbündchen. 

Im Sinne der Langlebigkeit von Bekleidung – ein Fokuspunkt, wenn wir kreislauffähige Mode ganzheitlich betrachten – bringt die Beimischung von Elastan also scheinbar zunächst einen Vorteil. Doch auch wenn die Faser den Rücksprung in ihre ursprüngliche Form viele Male schafft, ist dies nach langem Tragen irgendwann dann doch vorbei. Ich sehe dies öfter an Strumpfhosen und Unterwäsche, wenn ganz feine gummiartige Härchen an der Stoffoberfläche abstehen. Vielleicht habt ihr dies auch schon selbst einmal beobachten können?

Zudem bietet Elastan die Möglichkeit enggeschnitte Kleidung zu tragen, die sich dem Körper anpasst. Das bietet nicht nur mehr Bewegungsfreiheit und Tragekomfort, sondern könnte auch Vorteile für ein positives Körpergefühl und Selbstakzeptanz erlauben. Elastan verzeiht uns, wenn wir Weihnachten mal mehr gegessen haben.

Durch mehr Elastizität im Stoff wird es leichter, bequeme und perfekt sitzende Kleidung für eine größere Anzahl von Körpertypen zu finden –auch außerhalb der normativen Standards. Kleidung wird also universeller, kann somit besser getauscht und insgesamt länger getragen werden. Die aktive Nutzung der Bekleidung könnte so durch unterschiedliche „Reuse-Optionen” (also „Wiederverwendungsoptionen”) verlängert werden – auch dies ist wichtig im Kontext der Kreislauffähigkeit. Was ist nun also das Problem mit Elastan?

Trotz Umweltschäden wird Elastan immer beliebter

Das Ausgangsmaterial für Elastan ist hauptsächlich Polyurethan, ein Kunststoff. Erdölbasiert und nicht erneuerbar trägt die Faser zu den bekannten Gefahren und Auswirkungen auf die Umwelt bei. Doch damit nicht genug: Polyurethan ist besonders in seiner energieaufwändigen Herstellung kritisch zu betrachten. Zudem gelten in den Produktionsstätten sehr strenge Sicherheitsauflagen, da verschiedene chemische Produkte innerhalb des Herstellungsprozesses giftig sind. Weitere dem Elastan zugesetzte Prozesschemikalien und Weichmacher können darüber hinaus gesundheitlich bedenklich sein, andere sind in ihren Auswirkungen noch nicht vollständig erforscht.

Zudem ist konventionelles Elastan nicht biologisch abbaubar: Es kann zwischen 20 und 200 Jahren dauern, bis die Faser irgendwann zerfällt. Denken wir also an Mikrofasern, die beim Tragen und Waschen entstehen und in unserer Umwelt verbleiben, bevor sie über die Nahrungskette wieder zurück zu uns gelangen. Wirklich gesund klingt das alles nicht.

Laut dem Textile Exchange Report 2021 beträgt die weltweite Elastanproduktion derzeit jährlich etwa eine Million Tonnen. Damit machte sie lediglich ein Prozent des Weltfasermarktes im Jahr 2020 aus. In dem Bericht heißt es weiter, dass durch diesen geringen Anteil am Weltmarkt der Fokus innerhalb der Industrie oftmals nicht auf Elastan liegt, obwohl große Herausforderungen – und dadurch auch großes Potenzial zu Verbesserungen – mit der Faser verbunden seien. 

Der Fokus wird sich jedoch bald verschieben müssen, denn die Nachfrage an Elastan steigt weiter stark an. In einem Marktreport der Global Spandex Industry wird bis 2027 ein jährliches Nachfragewachstum von etwa neun Prozent prognostiziert. Zum Vergleich: Das ist dreimal so viel wie der Nachfragezuwachs an Fasern für Bekleidung insgesamt, welche circa zwei bis drei Prozent jährliches Wachstum aufweisen.

Wir produzieren und konsumieren demnach immer mehr Elastan. Doch was machen wir am Ende mit der Bekleidung, wenn die gebrochenen Elastanfasern als kleine gummiartige Härchen abstehen?

Recyceltes Elastan ist nicht automatisch recycelbar

Im Recyclingprozess erzeugt die Beimischung von Elastan ein massives Problem. Im Allgemeinen stellen Fasermischungen Recyclingunternehmen vor große Herausforderungen. Das gilt hauptsächlich, wenn die Materialkreisläufe, das heißt der biologische und der technische Kreislauf, untrennbar miteinander verbunden werden. Dies betrifft zum Beispiel auch Stoffe aus Baumwolle und Polyester. Materialien aus dem biologischen Kreislauf – die Baumwolle in unserem Beispiel – sind biologisch abbaubar und sogar kompostierbar: Sie werden idealerweise wieder zu Erde und Nährstoffen für Pflanzen und Mikroorganismen. 

Im technischen Kreislauf sollen Materialien, wie Metalle oder synthetische Stoffe – Stichwort Polyester –  immer wieder recycelt werden, sodass irgendwann keine „neuen” Rohstoffe mehr gewonnen werden müssen. Am einfachsten ist das Recycling, wenn Produkte sortenrein sind – das heißt bestehend aus einem einzigen Material. Die Beimischung von Elastan in einen Stoff sorgt also für Probleme in beiden Kreisläufen. Oftmals reicht bereits ein Prozent Faseranteil an Elastan aus, damit das Bekleidungsteil von den Recyclingstationen abgelehnt wird. 

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Aktuell gibt es keine industriellen Möglichkeiten Elastan aus Post-Consumer-Bekleidung zu recyceln. Dafür ist der Faseranteil einfach zu klein und daher nicht attraktiv genug für die Recyclingunternehmen. Allerdings gibt es bereits Prozesse, Elastan chemisch aus den Fasergemischen herauszulösen, um somit die anderen Fasern wiederverwerten zu können. Mehr Hintergründe zu den Herausforderungen im Recycling könnt ihr in diesem Fachartikel nachlesen.

Recyceltes Elastan verwendet Pre-Consumer-Abfälle. Das heißt Elastanreste, die noch nicht mit anderen Fasern verwebt, verstrickt oder verwirkt sind und während des Herstellungsprozesses von Stoffen und Garnen entstehen. Dazu werden Abschnitte und Reste aus der Produktion gesammelt und dem Kreislauf erneut zugeführt. Recyceltes Elastan ist zum Beispiel in Produkten von Patagonia zu finden und mittlerweile bei unterschiedlichen Elastanherstellern erhältlich.

Das klingt erst mal nach einer nachhaltigeren Lösung, doch auch hier gibt es Schwierigkeiten. Die Verwendung von recyceltem Elastan mindert einerseits den Druck auf die Neugewinnung der Faser aus Polyurethan. Andererseits löst sie nicht das Problem, dass die Endprodukte selbst später nicht wiederverwertet werden können. Das heißt: Recyceltes Elastan ist nicht wirklich recycelbar.

Bio-Alternativen gibt es schon 

Es gibt verschiedene Ansätze, Stretch und Beweglichkeit nachhaltiger zu gestalten. Recyceltes Elastan trägt sicherlich seinen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit und Kreislauffähigkeit bei, doch es gibt auch andere spannende Alternativen wie biobasiertes und biologisch abbaubares Elastan.

Biobasiert ≠ biologisch abbaubar

Biobasiertes und biologisch abbaubares Elastan sollten auf keinen Fall verwechselt oder gleichgesetzt werden. Biobasiert bedeutet, dass die Rohstoffe zur Herstellung des Plastiks natürlichen und regenerierbaren Ursprungs sind und nicht wie konventionelles Plastik aus Erdöl hergestellt werden.

Es bedeutet aber nicht automatisch, dass das Material dann auch biologisch abbaubar ist, also in Nährstoffe und Erde umgewandelt werden kann. Dazu gab es bereits einen detaillierten Artikel im Fashion Changers Magazin.

Biobasiertes Elastan wird unter anderem von The Lycra Company angeboten. In dieser speziellen Faser werden 70 Prozent des Materials aus Mais gewonnen. Die Helm AG hat erst in diesem Jahr eine Elastanfaser vorgestellt, die sogar zu 95 Prozent aus Mais hergestellt wird. In Schweden wiederum wird daran geforscht, Zucker aus Baumwolle zu gewinnen, welcher dann zu Elastan umgewandelt werden kann. Die Nutzung alternativer Rohstoffe zur Herstellung von Elastan ist sinnvoll, da weniger Erdöl zur Faserproduktion eingesetzt wird. Doch die Alternativen lösen trotzdem nicht das Recyclingproblem.

Biologisch abbaubares Elastan scheint also zunächst die nachhaltigere Alternative zu sein. Es wurde bereits in einigen Produkten auf dem Markt genutzt und bietet die Möglichkeit zertifiziert kreislauffähige oder gar kompostierbare Kleidung im industriellen Maßstab zu fertigen. Dies zeigen bereits Unternehmen wie Wolford, Calida und C&A. Die verwendete Elastanfaser ist Cradle to Cradle® zertifiziert und somit nachweislich gesund und sicher für Mensch und Umwelt. Eine Übersicht zu anderen Herstellern recycelter und biobasierter Elastanfaser von Textile Exchange findet ihr hier.

Können wir komplett auf die Faser verzichten?

Elastizität im Textil kann sowohl durch die eingesetzte Faser selbst, als auch durch die Konstruktion des Stoffes erzielt werden. Dabei bieten einige, clever eingesetzte Stoffbindungen von vornherein mehr Elastizität als andere. 

Rohner Textil zum Beispiel investiert schon länger in die Forschung und Entwicklung von Natural Stretch, welches die inhärente Elastizität von Wolle nutzt. Ein spezieller Herstellungsprozess der Firma Cotton Incorporated verspricht wiederum Baumwollfasern maschinell so zu bearbeiten, dass die Fasern einen „Natural Stretch“ erhalten vergleichbar mit dem Zusatz von Elastan. In Australien wird sogar an Saatgut geforscht: Dieses soll so verändert werden, dass die Baumwollfasern elastischer werden.

Ob diese Lösungen letztlich nachhaltiger sind, sollte vor Verwendung geprüft werden, da sich bei allen Beispielen wieder neue Fragen im Kontext von Kreislauffähigkeit auftun. Allerdings zeigen sie auch, dass überall auf der Welt nach Lösungen gesucht und Bewegung in den Markt gebracht wird.

Nach dem Leitgedanken von „Refuse” (also „Verweigern”) bezieht die Marke Grüne Erde Stellung gegen den Einsatz von Elastan und stellt elastan-freie Kleidung her. Auf der Webseite gibt die Marke Einblicke, warum und wie sie auf Elastan in den Kollektionen verzichtet.

Der Trend hin zu immer mehr Elastan in unserer Bekleidung ist überdenkenswert. Klar, früher war nicht immer alles besser. Doch die Frage, ob Elastan wirklich funktional notwendig ist oder eher aus Trendgründen, Unbedachtheit oder Bequemlichkeit eingesetzt wird, stellt sich trotzdem. Die klassischen Levi’s Original Fit verzichten etwa ganz auf den Einsatz von Stretch. Mit der Dauer des Tragens passt sich die Jeans an den Körper an, was zu Beginn vielleicht unbequem und ungewohnt sein kann. 

Fazit: Es kommt auf die Funktion an

Im Kontext der Kreislauffähigkeit sollten wir zuerst ergründen, welcher Fragestellung wir begegnen wollen. Alle Probleme können sicherlich nicht über Nacht gelöst werden. Für jedes Produkt sollte hinterfragt werden, wo die Funktion von Elastan wirklich benötigt wird – ob erdölbasiert, recycelt, biobasiert oder biologisch abbaubar. 

Wo dient Elastan eher als Trend- und Stilelement, welches durch andere – und vielleicht sogar ästhetisch spannendere – Designlösungen ersetzt werden könnte? Hier zählen Cleverness und Innovation im Design. Wenn die Funktion und der Nutzen den Einsatz von Elastan rechtfertigen, sollten wir prüfen, ob es durch nachhaltigeres Elastan ersetzt werden kann. Wenn auf konventionelles Elastan zurückgegriffen werden muss, sollte dies transparent und ehrlich kommuniziert werden. Kundi*innen benötigen verständliche Pflegehinweise und einfach umsetzbare Lösungen, um auch den Mikrofaserabrieb zu verringern. Somit kann die Langlebigkeit der Bekleidung insgesamt erhöht werden.

Für verschiedene Produkte können also ganz unterschiedliche Lösungen sinnvoll sein und oftmals ist es eine Kombination verschiedener Strategien, die besonders wirksam ist. Insgesamt sollte dennoch von den Unternehmen wie auch von uns Kund*innen das zugrunde liegende Problem der Überproduktion und des Überkonsums hinterfragt werden. 

Wisst ihr, welche Art von Elastan eure Kleidung enthält?

Titelbild: Karina Tess via Unsplash

Über die Autorin

Dieser Beitrag wurde von unserer Gastautorin Sarah Maria Schmidt verfasst. Sie ist Modedesignerin mit Schwerpunkt auf nachhaltiger Gestaltung unter Verwendung von kreislauffähigen und gesunden Materialien. Seit 2008 führte ihr Weg als Designerin von der Haute Couture und Fast Fashion hinzu Nachhaltigkeitsthemen der Transparenz, Kreislauffähigkeit und der Cradle-to-Cradle-Design-Agenda. Mit ihrem freiberuflichen Studio VT&S verbindet sie freie Gestaltung in Zusammenarbeit mit Materialdesigner*innen, Bildungsarbeit und Wissenstransfer an Schulen und Hochschulen mit Beratung und Auftragsarbeiten für Modeunternehmen. Zudem ist sie Beraterin im Fashion Changers Collective.

Fotocredit © Caroline Wimmer

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Quellen

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