Wie nachhaltig sind Cradle to Cradle Produkte?

Cradle to Cradle ist in aller Munde, aber was heißt das eigentlich? Wie funktioniert das?

Collage: In einer Lupe hält jemand Erde, darüber steht „Cradle to Cradle“

Cradle to Cradle ist in aller Munde, aber was heißt das eigentlich? Wie funktioniert das, was steckt hinter dem Siegel und welche Kritik sollte erwähnt werden?

„Cradle to Cradle ist die Zukunft”

Bei Cradle to Cradle ist es wichtig, dass man sich bewusst macht, ob man vom Siegel oder dem Konzept an sich spricht. Cradle to Cradle ist so komplex und beachtet so viele Details, dass es gar nicht möglich ist, in folgender Bewertung auf alle Aspekte einzugehen.

Das Konzept

Cradle to Cradle als Konzept beschreibt ein Kreislauf-Prinzip, entwickelt durch Braungart und McDonough (vgl. Braungart/ McDonough 2005). Kern des Konzeptes ist es, Verbrauchsgüter in einen biologischen Nährstoffkreislauf und Gebrauchsgüter in einen technischen Kreislauf zu führen. Das heißt, dass sich Verbrauchsgüter durch Umweltverträglichkeit und/oder Kompostierbarkeit auszeichnen, weil sie eben in dem oben genannten biologischen Nährstoffkreislauf geführt werden sollen. Gebrauchsgüter sind Materialien, die als Primärrohstoff langfristig nur noch begrenzt zur Verfügung stehen werden, wie Kunststoffe oder Metalle. Diese sollen dann dem Konzept nach in dem oben genannten technischen Kreislauf verwertet werden. Die Produktionsprozesse, die den Rahmen bilden, sollen „öko-effizient“ sein.

Cradle to Cradle ist aber auch ein kommerzielles Siegel. Es zertifiziert Material, Kreislauffähigkeit, Energiequellen, Wasseraufbereitung und soziale Standards. Je nach Zertifizierungsstufe muss eine bestimmte Anzahl dieser Kriterien erfüllt sein.

Das Siegel

Wie das mit allen Siegeln ist, kosten sie Geld und es braucht eine zusätzliche Stelle im Unternehmen, die sich mit der Koordination der Auditierung auseinandersetzt. Das muss sich ein Unternehmen leisten können. Außerdem läuft man, wie bei anderen Siegeln auch, Gefahr, Konsum „grün zu reden“, anstatt ihn zu hinterfragen. Eine weitere Gefahr sehe ich in der Übertragung der Verantwortung an den Produktionsbetrieb. Natürlich darf man diesen Vorwurf nicht verallgemeinern, aber mit einer Zertifizierung lässt man seinen Betrieb zertifizieren und wenn der Stempel drauf ist, muss man sich nicht weiter als Unternehmen kümmern. Wäre ein Gesetz zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht nicht weit sinnvoller, als ein weiteres kommerzielles Siegel?

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Schwierigkeiten sehe ich in der Umsetzung des Cradle to Cradle Kreislaufes in der Bekleidungsindustrie. Cradle to Cradle Textilien sollen beispielsweise kompostierbar sein, aber das funktioniert natürlich nicht im normalen Bio-Müll, sondern in speziellen Verwertungsanlagen. Wie anwendbar ist das auf die enorm schnelllebige Industrie? Wird der Kunde wirklich zu Laden X zurückgehen, wenn sein Cradle to Cradle T-Shirt abgetragen ist, damit es Laden X dann in deren Verwertungsanlage zurück in den Kreislauf führt? Für mich aktuell ein romantischer, aber eben auch unrealistischer Gedanke. Dieser Kreislauf wäre nur mit einem massiven Rückgang des Konsumniveaus und Stärkung der Wertschätzung für Textilien implementierbar.

Es wird noch komplexer

Drehe ich mein Gedankenkarussell weiter, wird es textiltechnologisch gesehen noch komplexer. Cradle to Cradle setzt voraus, dass das Textil 100 Prozent in einen biologischen Nährstoffkreislauf geführt werden kann. Also wird beispielsweise auf Polyestergarne in den Nähten verzichtet. Ein einfaches Baumwollgarn wird aber kaum so strapazierfähig sein, wie ein Polyestergarn. Jetzt ist die Frage, wie nachhaltig es wirklich ist, ein T-Shirt herzustellen, bei dem das Nähgarn schneller reißt, weil es eben aus Baumwolle anstatt aus Polyester ist. Außerdem kann man noch weitergehen und sich überlegen, mit wie viel Chemie man ein Baumwollgarn behandeln muss, dass es vergleichsweise strapazierfähig ist wie ein Polyestergarn. Ist das prozesstechnologisch sinnvoll? Ist das dann noch im Sinne des Konzeptes?

Um Cradle to Cradle Platin zertifiziert zu werden, muss man zum Beispiel ein biologisch abbaubares Etiketten-Druckverfahren entwickeln. Man hat allerdings wahrscheinlich mehr Schadstoffe auf so einem T-Shirt, wenn man ein paar Mal an dem Auspuff eines PKW vorbeiläuft, als durch etwas Druckertinte. Hier verläuft sich das ursprüngliche Konzept für mich in Nichtigkeiten und Prozessen, die nicht effizient sind.

Ich halte Cradle to Cradle als Konzept für sehr sinnvoll. Und zwar aus dem Grund, dass es das Unternehmen dazu zwingt, sich schon während des Designprozesses Gedanken um die Entsorgung und Kreislauffähigkeit der verwendeten Materialien zu machen und Prozesstechnologien zu überdenken. Es ist wichtig, dass Unternehmen auf regenerative Energiequellen umstellen und ganzheitlich Produktionsprozesse und ihr Ressourcenmanagement neu denken.

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Fazit

Allgemein sollte in meinen Augen ein T-Shirt aber nicht konsumiert werden, weil es kompostierbar ist und ein grünes Siegel hat, sondern weil man es wirklich braucht. Ein T-Shirt sollte lange tragbar sein, und nicht als kompostierbares Wegwerfprodukt gesehen werden. Und da spricht der Ansatz, den Braungart und McDounough vertreten, dagegen: „Inmitten des vielen Geredes über die Verkleinerung des ökologischen Fußabdrucks bieten wir eine Vision. Was wäre, wenn die Menschen Produkte und Systeme entwerfen würden, denen die Fülle an menschlicher Kreativität, Kultur und Produktivität zum Ausdruck käme? Die so intelligent und sicher sind, dass unsere Spezies einen großen ökologischen Fußabdruck hinterlässt, an dem sich alle Lebewesen erfreuen, statt über in zu lamentieren“ (Braungart/McDonough, Cradle to Cradle, Februar 2014, S.33).

Das klingt toll und nach Weltrettung, aber es ist eben nur ein Konzept zur Weltrettung, das vor allem von seiner ganzheitlichen Umsetzung lebt. Ein Konzept für das Strukturen geschaffen werden müssen und Industrien dazu gezwungen sind komplett neu zu denken und agieren, um es irgendwie als “die Zukunft” bezeichnen zu können.

Solltet ihr euch intensiver mit der Cradle to Cradle Thematik befassen wollt, kann ich euch gerne das Buch von McDonough und Braungart „Cradle to Cradle“ empfehlen und eine Studie vom GIZ zum Thema „Kreislaufwirtschaft“ .

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