Was ich in 6 Monaten Shopping Ban gelernt habe

6 Monate Shopping Ban. Das würde bedeuten, dass wir bis Herbst 2022 nichts mehr kaufen dürfen. Würdet ihr es schaffen? Unsere Autorin Mia hat es vor etlichen Jahren mal probiert und erzählt, welche Regeln sie sich damals selbst auferlegt hat und was sie aus dem sechsmonatigen Experiment lernte.

Eine Person wird vom Licht, das in Regenbogenfarben spiegelt, geblendet und hält die Hand vors Gesicht

Sechs Monate keine neuen Klamotten! Für viele vielleicht keine große Sache, für mich damals vor neun Jahren als Shopping-Süchtige aber eine große Herausforderung. Das Ergebnis: Ich wurde Schritt für Schritt zur Fair-Fashion- und Nachhaltigkeitsbloggerin und konnte so einige Erkenntnisse herausziehen, die auch für euch hilfreich sein könnten.

Warum eigentlich sechsmonatiger Shopping Ban? Ich stand vor meinem riesigen und prall gefüllten Kleiderschrank und einem immer weiter schrumpfenden Bankkonto. Trotzdem hatte ich „nichts zum Anziehen”. Außerdem befand ich mich immer noch auf der Suche nach meinem eigenen Stil. Ich habe damals einfach alles gekauft, was gerade im Trend war und mir irgendwie gefallen hat. Glücklich gemacht, hat mich diese Shopping-Sucht aber nicht, ganz im Gegenteil. Nach sechs Monaten Abstinenz hat sich mein Konsumverhalten aber um 180 Grad gedreht und ich konnte so sieben Erkenntnisse mitnehmen.

Meine Regeln damals
  • Sechs Monate lang durfte ich keine Kleidung und Accessoires kaufen, auch nicht Secondhand.
  • Unterwäsche hätte ich kaufen dürfen, aber nur wenn es wirklich notwendig gewesen wäre, zum Beispiel wenn etwas Essenzielles kaputtgeht. Das kam aber nicht vor.
  • Kosmetik durfte ich nur kaufen, wenn etwas leer wurde und ich keinen Ersatz zu Hause hatte (zum Beispiel Zahnpasta).
  • Ich durfte meine alte Kleidung während dieser Zeit zwar verkaufen, aber für das Geld keine neue Kleidung kaufen.
  • Ich durfte Kleidung tauschen. Das habe ich aber nicht gemacht und deswegen würde ich diesen Punkt im Nachhinein von der Liste streichen – je strenger, desto besser.

1. Weniger ist Mehr

Ich habe während dieser sechs Monate gelernt, dass wir viel weniger Kleidung brauchen, als wir denken. Für eine relativ lange Zeit, habe ich nichts Neues gekauft, gleichzeitig meinen Kleiderschrank radikal ausgemistet und es trotzdem geschafft, fast jeden Tag ein anderes Outfit anzuziehen. Ich habe unbeachtete Kleidungsstücke wieder neuentdeckt und neue Kombinationen kreiert. Dafür brauchte ich aber einen freien Kopf und je weniger Kleidung ich hatte, desto einfacher fiel es mir, neue Looks zu stylen. Manchmal ist weniger einfach mehr, auch in der Mode.

2. Wir brauchen mehr Geduld

Es klingt banal, aber damals hatte ich noch nicht dieses Mindset, dass ich mir nicht sofort etwas Neues kaufen muss, nur weil ich etwas jetzt „will” oder vermeintlich brauche. Damals sah mein Konsumverhalten noch ganz anders aus und ich habe nicht so gerne gewartet, länger gesucht, getauscht oder über Wochen hinweg in Secondhandläden nach dem perfekten Teil gestöbert. Ich wollte alles sofort und es wurde mir auch einfach und günstig in den Fast-Fashion-Ketten zugänglich gemacht, sodass ich trotz Student*innenbudget regelmäßig meinen Kaufrausch ausleben konnte. Durch den Shopping Ban wurde mir automatisch mehr Zeit in der Kaufentscheidung auferlegt und nach den sechs Monaten habe ich gemerkt, dass ich die meisten Wunschobjekte einfach nicht brauche.

3. Alte Sachen verdienen mehr Liebe

EU-Bürger*innen legen sich im Durchschnitt etwa 15 Kilogramm Textilien pro Jahr zu. Doch laut einer Greenpeace-Umfrage aus dem Jahr 2015 wird ein Anteil von 40 Prozent unseres Kleiderschranks selten bis nie getragen. Mir wurde das tatsächlich erst in diesen sechs Monaten der Challenge so richtig bewusst, wie viel Ware in meiner Garderobe sozusagen umsonst produziert wurde, da ich sie kaum anrührte.

Einige Errungenschaften hatte ich vor dem selbst auferlegten Verbot tatsächlich maximal nur einmal an, obwohl ich beim Kauf dachte, ich würde sie ständig tragen und mit anderen Teilen vielfältig kombinieren. Ich hatte also endlich die Zeit und Möglichkeit, mich wirklich mit dem Inhalt meiner Garderobe zu beschäftigen, anstatt immer nach neuen Schnäppchen Ausschau zu halten.

4. Kreativität wird sehr geschätzt

Als Fashion Bloggerin dachte ich damals, dass ich meinen Leser*innen jeden Tag etwas Neues präsentieren muss und sich wiederholende Looks langweilig seien. Das Feedback meiner Follower*innen während des Shopping Bans war aber tatsächlich super positiv. Sie haben es sehr geschätzt, dass ich vermehrt realistische Outfits gezeigt habe, sowie verschiedene, kreative Kombinationsideen. Generell machen wir uns als Content Creator*innen zu viel Druck, besondere und komplett neue Inhalte zu präsentieren.

Auch in anderen Bereichen der Arbeitswelt streben wir immer nach Neuem, nach dem noch nie Dagewesenem. Wir suchen immer nach „mehr”, wir suchen die Perfektion, den neuen Weltrekord. Doch manchmal sollten wir uns zurückbesinnen und in dem, was wir bereits besitzen oder bereits gut können, die „Erleuchtung” suchen. Das klingt sehr esoterisch und sehr weit hergeholt für diesen Artikel, aber eben solche Ausbrüche aus unserer Routine im Alltag öffnen uns manchmal die Augen.

5. Wir lügen uns oft selbst an

Viele von euch werden vielleicht sagen, dass ihr selbst gar nicht so viel kauft – nur das, was ihr wirklich angeblich braucht und die Statistiken von Greenpeace zum Beispiel nicht auf euch zutreffen. Ganz ehrlich, so habe ich auch gedacht und ich habe mich einfach nur selbst belogen. In immer kürzeren Zeitabständen wirft die Fast-Fashion-Industrie neue Kollektionen auf den Markt, hält die Preise dabei so niedrig, dass wir immer öfter einkaufen gehen und als Schlussfolgerung immer mehr Erfolgserlebnisse durch die Schnäppchenjadgd erfahren – Shoppen als Droge.

6. Nachhaltigkeit im Alltag

Damals war Mode und Nachhaltigkeit noch nicht so ein großes Thema für mich und deshalb war ein besonders großes Learning: Weniger Shopping-Touren sind gut für unsere Umwelt. Die Modeindustrie ist eine der großen Umweltverschmutzer, mit gleichzeitig unzähligen Problemen im Bereich Arbeitssicherheit, faire Löhne und Kinderarbeit, sowie im Bereich Tierschutz.

Nach den sechs Monaten nie wieder etwas zu kaufen, war keine Option für mich, auch weil ich ab sofort nachhaltige Unternehmen unterstützen wollte. Stattdessen lautete meine Devise (auch heute noch): Qualität über Quantität! Nach und nach hat sich dieser Grundsatz auch auf alle anderen Bereiche meines Lebens ausgeweitet und ich beschäftige mich generell mehr und mehr mit dem Thema Nachhaltigkeit!

7. Herausforderungen machen Spaß

Damals habe ich dieses Projekt eigentlich hauptsächlich deshalb gestartet, weil ich eine Challenge in der Modewelt gesucht habe. Ich war gelangweilt von den ständig neuen Trends, die mir kein Glück, sondern eher Stress gebracht haben. Natürlich lässt sich dies auch noch auf andere Herausforderungen und Bereiche ausweiten: Wie wäre es zum Beispiel mal nur mit Handgepäck für drei Wochen zu verreisen? Oder jeden Tag bei der Arbeit das gleiche Outfit zu tragen? Oder mal einen Monat lang nur zehn Teile zu tragen und unterschiedlich zu kombinieren? So ein Projekt, gepaart mit der Reduktion des eigenen Kleiderschranks, bringt eine große Erleichterung im Alltag und mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Hab ich es geschafft?

Es gab tatsächlich einen Moment, in dem ich etwas kaufen „musste”. Für ein Bewerbungsgespräch brauchte ich eine schicke Tasche, da das Unternehmen etwas konservativer war. Im Nachhinein hätte ich mir natürlich auch eine Handtasche leihen oder Secondhand kaufen können, aber damals war ich noch nicht so weit. Stattdessen war mein Mindset noch zu sehr im Grundsatz „Ich muss das einfach kaufen” verankert. Es war aber kein privates Lifestyle-Produkt, sondern wirklich rein für die Arbeit. All in all, bin ich also trotzdem stolz auf mich, wie ich das Kaufverbot als Ex-Shopping-Süchtige durchgezogen habe.

Habt ihr so einen Shopping Ban schon einmal gemacht oder seid ihr bereit dazu?

Titelbild: Jakob Owens via Unsplash

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