Fashion-Mythen: Ist Textilproduktion in Europa immer fair und nachhaltig?

Im Globalen Süden kann nicht fair und nachhaltig produziert werden, im Globalen Norden dafür aber schon. Denn „Made in Europe“ ist einfach besser, oder? Nicht immer. Wir decken vier Fashion-Mythen auf und klären, welche Brands, uns scheinbar allen was vorgemacht haben.

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Unternehmen, die sagen, sie würden ihre Produkte fair und nachhaltig produzieren, tun es auch – denn wieso sollten sie lügen? Wo Made in France draufsteht, ist auch Made in France gemeint! Die meisten von uns haben solche Sätze schon einmal gehört, gelesen oder gar selbst behauptet. Manchmal klingen diese Aussagen aber zu schön, um wahr zu sein. Doch was steckt dahinter? Wir decken vier Fashion-Mythen rund um das Thema Nachhaltigkeit und Fairness auf.

1. Brands, die behaupten, fair und nachhaltig zu produzieren, tun es auch.

Schön wäre es. Leider geraten immer wieder Brands, die sich nach außen fair und nachhaltig geben, unter Beschuss, weil sie es am Ende doch nicht sind beziehungsweise nicht in dem Maß, das sie angeben. Nachhaltigkeit und Fairness wurden in den letzten Jahren zu einem Buzzword und werden nun zahlreich als Marketingstrategie und Verkaufsargument genutzt.

Jüngster Skandal: Der Influencer und Unternehmer Fynn Kliemann hat im April 2020 angefangen, Masken zu verkaufen – und das mit seinem eigenen vermeintlich öko-fairen Label Oderso. Die Produktion der Masken lief in Zusammenarbeit mit Global Tactics, einem Unternehmen mit Sitz in Nordrhein-Westfalen, das sich selbst als „Textilmanufaktur für faire & umweltfreundliche Textilien – made in Europe” bezeichnet.

Durch eine Investigativrecherche des ZDF Magazins Royale mit Jan Böhmermann kam Anfang Mai 2022 aber heraus: Die Masken wurden scheinbar doch nicht, wie angegeben, „fair in Europa” produziert, sondern unter eher fragwürdigen Bedingungen in Bangladesch und Vietnam. Innerhalb weniger Wochen konnten dort Hunderttausende an Masken hergestellt werden. Die Produktion lief scheinbar auf Hochtouren – und das mitten in einer Pandemie. Schutz- und Hygienemaßnahmen in den Fabriken gab es laut NGOs wie Clean Clothes Campaign damals so gut wie keine. Nachdem die Recherche online gegangen ist, verlor der Influencer innerhalb weniger Stunden Tausende an Follower*innen. Der Onlinehändler About You, der die Masken bis dato noch im Sortiment anbot, nahm diese kurzerhand aus dem Shop.

Auch das vermeintlich nachhaltige Label Everlane wurde stark kritisiert, da es keine Hinweise gab auf einen existenzsichernden Lohn oder ein System, um Textilabfälle zu minimieren. Das Label behauptete, nachhaltig und fair zu produzieren, konnte jedoch nur wenige Beweise dafür liefern und verlor so an Glaubwürdigkeit. Business of Fashion berichtet, dass Everlane mittlerweile daran arbeite, mehr Transparenz und Diversität im Team zu schaffen. Nach dem Skandal folgten sowohl viele Neueinstellungen im Vorstand, sowie zahlreiche Updates, künftig nur noch auf recyceltes Polyester und Bio-Baumwolle zurückzugreifen. Auch sei geplant, wissenschaftlich fundierte Emissionsziele zu veröffentlichen, die mit den globalen Zielen zur Begrenzung der globalen Erwärmung in Einklang stehen.

2. Im Globalen Norden zu produzieren, ist fair.

Es herrscht oft die eingängige Meinung, dass Sweatshops nur im Globalen Süden existieren. Sweatshops sind Fabriken, die gegen mindestens zwei Arbeitsgesetze verstoßen, wie etwa unsichere Arbeitsbedingungen, ungerechte Bezahlung, übermäßige Arbeitszeiten oder Kinderarbeit.

Sweatshops gibt es aber auch in Europa und den USA. In Los Angeles zum Beispiel arbeiten rund 50.000 Textilarbeiter*innen – die meisten davon sind Einwanderer*innen. Viele von ihnen sind nicht offiziell dokumentiert, was heißt, dass sie juristisch kein Recht haben, in den USA zu sein oder zu bleiben. Deshalb trauen sie sich oftmals nicht, Gewerkschaften beizutreten oder gegen die Unternehmen vorzugehen, da sie sonst eine Abschiebung riskieren würden. Schätzungen zufolge verdienen viele Textilarbeiter*innen in Los Angeles nur etwa fünf Dollar, bei einem Mindestlohn von 12 Dollar pro Stunde.

Die Situation ist in vielen europäischen Ländern ähnlich. In Serbien zum Beispiel verdienen viele Textilbeschäftigte nur knapp 25 Prozent dessen, was einen existenzsichernden Lohn ausmacht: Das sind umgerechnet 212 Euro, bei einem Existenzlohn von 833 Euro. Ähnliche Verhältnisse sind in Kroatien, Bosnien, Bulgarien und Ungarn zu beobachten. 

Auch in UK erhalten schätzungsweise über 10.000 Textilarbeiter*innen einen Lohn von etwa 3,50 britische Pfund pro Stunde – bei einem nationalen Mindestlohn von 8,72 Pfund. Nur mit derart ausbeuterischen Löhnen schaffen es Unternehmen wie Boohoo, T-Shirts für vier Euro sogar noch mit Profit zu verkaufen. 

In Italien kann man ein anderes Phänomen beobachten. Das Land gilt als einer der größten Lederhersteller in Europa. Mit dem Made in Italy-Etikett werben viele Schuhkonzerne für Luxus und Exklusivität. Doch die italienische Schuhindustrie ist teilweise alles andere als glamourös: In den Fabriken kommt es nicht nur häufig zu Unfällen, Arbeiter*innen entwickeln wegen mangelnden Schutzmaßnahmen und dem direkten Kontakt mit giftigen Chemikalien auch oftmals Allergien, Hautschäden oder gar Tumore. 

3. Im Globalen Süden kann nicht fair produziert werden.

Es herrscht das Bild, dass es im Globalen Süden nur Sweatshops gäbe und deshalb nicht fair produziert werden könne. Manche Leute meinen, dass Fast-Fashion-Jobs, die einzigen Jobs wären, die die Menschen vor Ort bekommen könnten – ganz nach dem Motto besser ausbeuterische Arbeit, als gar keine”. Mittlerweile gibt es jedoch viele Brands und Kooperativen, die im Globalen Süden sowohl fair als auch nachhaltig produzieren. Sie zeigen: Eine andere Welt ist möglich.

Die Brands Emeka Suits und Devï produzieren beispielsweise faire Kleidung aus alten Stoffen in jeweils Kenya und Indien; das Denim-Label Dawn stellt faire Jeans in Vietnam her; Folkdays arbeitet mit Kunsthandwerker*innen in Ländern wie Ghana und Peru zusammen – und das unter fairen Bedingungen. Es ist also eine zutiefst eurozentrische (wenn nicht sogar post-koloniale) Sichtweise, anzunehmen, dass nur im Globalen Norden, gute Arbeitsbedingungen herrschen und andere Länder keine guten Voraussetzungen schaffen können. 

4. Deine Kleidung wird in dem Land produziert, das auf dem Etikett steht.

Made in France = Made in France, stimmt’s? Leider nur in den wenigsten Fällen, denn Lieferketten sind häufig sehr lang, komplex und erstrecken sich über mehrere Länder, wenn nicht sogar Kontinente. Das Etikett listet in der Regel nur das Land, indem die letzten Schritte erledigt wurden, wie zum Beispiel das Zusammennähen einzelner Stoffe. Es sagt jedoch nichts darüber aus, wo und unter welchen Bedingungen die Baumwolle gepflückt wurde, oder wo die Faser zu einem Garn gesponnen beziehungsweise zu einem Stoff gewebt wurde. Auch wissen wir oft nicht, wo die Stoffe gefärbt oder bedruckt wurden, und wo die Reißverschlüsse oder Knöpfe angenäht wurden.

Luxusmarken wie Balenciaga gerieten daher unter Beschuss, da der Großteil ihrer Schuhkollektionen in Südosteuropa hergestellt wird – bis auf die Sohlen, die in Frankreich oder Italien angefertigt werden. Diesen letzten Schritt nutzen die Unternehmen, um das Etikett Made in France oder Made in Italy anzubringen. Es ist also nicht immer ganz einfach, herauszufinden, wo die Kleidung wirklich hergestellt wurde, da es oftmals viele kleine Schritte gibt, die in unterschiedlichen Ländern erfolgen.

Fakt ist, ein Standort sagt nicht zwangsläufig etwas über Arbeitsbedingungen aus und die Aussagen von Marken sollten generell häufiger geprüft werden.⁠ Wichtig bleibt die Transparenz von Marken und das kritische Hinterfragen von Prozessen.

Welche Fakten haben dich besonders überrascht? 

Titelbild: Sergey Vinogradov via Unsplash
Dieser Artikel erschien erstmalig 2021. Aktualisierung: Mai 2022

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Eine Antwort auf „Fashion-Mythen: Ist Textilproduktion in Europa immer fair und nachhaltig?“

Natürlich sind auch Produktionen in Deutschland möglich, doch wer denkt, es geht zu denselben Preisen wie im Ausland, hat sich getäuscht.
Da die Transportkosten im Moment allerdings weiter steigen, werden heimische Produktionen konkurrenzfähiger.
Bei uns kann jeder die Produktion besuchen und bekommt so einen Eindruck, wie die Lohnnäherei bei uns funktioniert.

Allerbeste Grüßen aus Rodgau vom Tailor Service,

G. Vitt